Clare Empson: Zweimal im Leben | Leseprobe read’n’go

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Alles begann mit ihm ...

Glaubst du an die große Liebe?

»Es ist schließlich unsere Geschichte, deine und meine. Deshalb werde ich sie natürlich dir erzählen.«

Jetzt

Meine Lieblingspflegerin ist bei mir. Sie bürstet mir die Haare immer so behutsam, dass es nicht wehtut. Mein Gesicht tupft sie sachte mit einem warmen Waschlappen ab, schrubbt nicht wie die anderen. Ich könnte reagieren. Doch ich tue es nie.
Die Pflegerin spricht zu mir, während sie meine Oberlippe anhebt und mit kleinen kreisenden Bewegungen meine Zähne putzt. Dann hält sie mir ein Glas Wasser an den Mund und sagt: »Nehmen Sie jetzt einen großen Schluck, Liebes, und spülen Sie damit aus.«
Sie nennt mich immer »Liebes« oder »meine Schöne«, niemals Catherine. Manchmal kann ich mich ein Weilchen auf ihre Worte konzentrieren, bevor meine Träume mich wieder zurückzerren zu dir.
»Später kommt Ihre Familie zu Besuch«, sagt die Pflegerin.
Mein kleines Mädchen wird mit seinen weichen Händchen mein Gesicht streicheln, mein Junge wird stumm neben meinem Stuhl stehen und mich wie immer mit ernsthaftem Blick betrachten. Mein Mann wird zu mir sprechen und mir von seinem Tag erzählen, dabei aber angespannt wirken. Das ist nur allzu verständlich. Es muss ein seltsames Gefühl sein, Tag für Tag auf eine Wand einzureden.
»Hallo, Catherine«, wird mein Mann sagen. Er spricht mich jetzt nur noch mit meinem Namen an.
Liebes. Catherine. Begriffe ohne Bedeutung. Ich bin das, was ich für sie sein soll. Meist sitze ich reglos da, während die Worte um mich herumwirbeln wie goldene Stäubchen im Sonnenlicht.
»Genesung« – dieses Wort wird häufig ausgesprochen. Von Sam, der dabei unterschwellig aggressiv klingt. Von dem Psychiater, der sich dabei so lässig anhört, als wolle er sagen: Kommt doch nicht auf ein paar Tage an. Aber Sam kommt es sehr wohl auf ein paar Tage an. Er will genau wissen, wie lange er noch warten muss: eine Woche, einen Monat, den Rest seines Lebens? Wie lange noch, bevor er seine Frau zurückbekommt?
Und ich treibe, treibe durch die Zeit. Bin wieder jung, neunzehn Jahre alt, an der Schwelle zu zwanzig. Werde geliebt, ganz und gar, mit einer Leidenschaft, die meine Knochen, mein Blut, mein Gehirn durchflutet. Nur das spüre ich: diese intensive Wärme, das Licht, das hell leuchtende Glück. Und es fühlt sich so gut an, darin zu verweilen, solange ich es festhalten kann, solange ich den Moment bewahren kann.
»Ich werde dich nie verlassen«, sage ich, und du hältst mich ganz fest, so schlummern wir ein, ineinander verschlungen, und ich schlafe die ganze Nacht durch. Doch dann wache ich auf, die Welt verschiebt sich, gerät ins Wanken, und alles ist anders.

Die Pflegerin kommt wieder herein. Sie hat irgendeinen Akzent, aber ich konnte mich noch nicht lange genug konzentrieren, um herauszuhören, woher sie stammt.
»Sie sind da, Liebes. Ihre Familie. Heute sind Sie ganz in Ihren Träumen versunken, nicht wahr, meine Schöne? Reden Sie ruhig mit ihr, sie kann alles hören.«
Daisy kniet sich neben meinen Stuhl und bettet ihren Kopf auf meinen Schoß. Ich spüre, wie Sam meine Hände ergreift, erst eine, dann die andere, und sie auf Daisys kurze dunkle Locken legt. Und ich merke, dass Joe wie immer rechts neben meinem Stuhl steht. Joe spricht nicht mehr zu mir.
Zu Anfang sagte er noch »Hallo, Mum«, mehr nicht, und in diesen beiden Worten hörte ich seine ohnmächtige Wut. Aber ich kann ihm nicht helfen. Ich kann niemandem helfen.
Sam steht am Fenster und verdeckt mit seinem großen schlanken Körper den Blick auf meinen Baum. Ich möchte, dass Sam beiseitetritt. Zwei Schritte würden schon ausreichen.
»Sprich mit uns, Catherine. Bitte. Zeig uns, dass du es kannst.«
Ich höre die Verzweiflung in seiner Stimme und, ja, auch die Frustration. Sam ist ein lieber und fürsorglicher Mann, jeden Tag kommt er zu mir, obwohl es keinerlei Anzeichen gibt, dass ich zurückkehren werde, obwohl ihm kein Termin genannt wird, an dem ich meinen einsamen Baum zurücklassen, durch die Flure der Klinik gehen und hinaustreten werde in das düstere Parkhaus. Doch ich höre in Sams Stimme auch die Worte, die er nicht ausspricht, den heimlichen Vorwurf von Eigensinn und Selbstsucht.
»Sie könnte also sprechen, wenn sie nur wollte?«, fragt er Greg, den Psychiater mit den New-Balance-Sneakers und dem akkuraten Seitenscheitel.
»So kann man das nicht sagen«, antwortet Greg. »Physisch wäre es möglich, aber Ihre Frau hat die Sprachfähigkeit verloren. Das lässt sich nicht durch bloßen Willen rückgängig machen. Wir müssen herausfinden, warum sie aufgehört hat zu sprechen. Meist ist der Grund eine unbewusste Vermeidungsstrategie. Auf diese Weise wird etwas ausgeblendet, das unerträglich wäre. Catherine ist verstummt, weil sie die Ereignisse von Shute Park an jenem Tag nicht verarbeiten kann. Sie kann sich dem Trauma nicht stellen und unterdrückt stattdessen die Erinnerung daran. Nicht zu sprechen ist ihre Form von Abwehr.«
Greg blendet Sam mit Fachsprache, beschreibt die dissoziative Störung, an der ich offenbar leide, und bezieht sich sogar auf Freud.
»Im neunzehnten Jahrhundert kam diese Störung weitaus häufiger vor, vor allem bei Frauen. Von Hysterie haben Sie bestimmt schon mal gehört?«, sagt Greg so munter und beiläufig wie bei Party-Small Talk. Ich spüre Sams Ablehnung, obwohl ich ihn nicht ansehe. »Dabei kam es des Öfteren zu Anfällen von Stupor oder Amnesie. In Catherines Fall ist es so, dass sie nicht sprechen kann. Für sie fühlt es sich wohl so an, als seien ihre Stimmbänder eingefroren. Wir bezeichnen das als Mutismus.«
Später geht Greg neben mir auf die Knie, ich höre seine Gelenke knacken. Er bringt mich auf eine Idee, die es mir ermöglicht, mehr Zeit mit dir zu verbringen.
»Ich kann mir denken, wo Sie in Gedanken sind«, sagt er, und ich fühle die Intensität seines Blicks, obwohl ich nach draußen auf meinen Baum starre. »Sie stecken immer noch dort fest, nicht wahr? Am Ende. Vielleicht würde es Ihnen helfen, ganz zum Anfang zurückzukehren, um alles zu ordnen. Ich weiß, dass das schwer für Sie ist, Catherine. Aber ich glaube, Sie müssen es tun, um in Ihren Gedanken Ordnung zu schaffen.
Sie könnten sich das Geschehene als Geschichte vorstellen«, sagt er mit leiser, beruhigender Stimme, so wie ich immer zu den Kindern gesprochen habe, wenn sie Albträume hatten. »Denken Sie sich jemanden aus, dem Sie die Geschichte erzählen können.«
Und das fällt mir wirklich leicht.
Es ist schließlich unsere Geschichte, deine und meine. Deshalb werde ich sie natürlich dir erzählen.

»Wollen wir beginnen mit »Es war einmal«, mein Liebster? Soll das unser Anfang sein?«

Du

Vor fünfzehn Jahren

Wollen wir beginnen mit »Es war einmal«, mein Liebster? Soll das unser Anfang sein? Es war einmal eine junge Frau, die nichts ahnte von Liebe, Lust oder dem wundersamen Freiheitsgefühl, das du ihr schenken würdest. Sie traf an ihrem Studienort ein, mit ihrem nagelneuen Samsonite-Koffer und ihrer geblümten Bettwäsche, ein geliebtes, gehätscheltes Einzelkind, das seine ersten achtzehn Jahre in einer behüteten Welt verbracht hatte. An der Uni schloss sie Freundschaften und lernte auch ihren künftigen Ehemann kennen. Alles ergab sich mühelos: eine Kommilitonin, die auch englische Literatur studierte und sofort zur besten Freundin wurde; Mitarbeit an der Studenten-zeitung; Noten, die so gut waren, dass Prüfungen wegfielen. Sechs Wochen nach Beginn des zweiten Semesters, als das Laub der Bäume goldgelb und purpurrot zu leuchten begann, kam ein junger Mann ins Seminar gestürmt und brachte die Welt ins Wanken. Dieser junge Mann warst du.
Wir waren zu fünft oder zu sechst an diesem Tag, saßen in abgewetzten alten Sesseln und lauschten Professor Hardman, der gerade Miltons Darstellung von Satan als Kriegsheld erläuterte. Die Stimme des Professors war flach und monoton, seine Haut leichenbleich, und er sprach mit geschlossenen Augen, eine Hand auf der linken Brustseite, als erwarte er jeden Augenblick einen Herzinfarkt.
Die Tür flog auf, und du kamst hereingestürzt, in knittrigen Kleidern vom Vortag, mit wirren Haaren, doch all das konnte deiner Schönheit nichts anhaben. Alle außer mir kannten deinen Namen.
»Ah, Mr. Wilkes. Wie schön, dass Sie uns beehren. Setzen Sie sich doch zu Miss Elliot.« Der Professor deutete auf den leeren Sessel neben mir. »Und dann können Sie uns auch gleich vorlesen.«
Deine Stimme war dunkel und faszinierend, und du hast mit dieser umwerfenden Selbstsicherheit vorgelesen. Bei der Schilderung von Satan schloss Professor Hardman erneut die Augen, und erst nach fünf Minuten hob er die Hand und sagte: »Wundervoll gelesen, vielen Dank. Nun, was erfahren wir aus diesen ersten Versen über Satan?«
Ich glaube, alle wünschten sich, du würdest vage Plattitüden stammeln, wie die anderen Studierenden sie unter Druck hervorgebracht hätten. Doch stattdessen sagtest du, Miltons Darstellung des Satans als Held könne dich nicht überzeugen. Dann hast du auf die Schwächen in Buch vier und fünf von Paradise Lost hingewiesen, worauf klar war, dass du im Gegensatz zu uns anderen das gesamte Werk gelesen hattest. Dann trat Stille ein, und ich ahnte, dass dich jetzt alle hassten: wegen deines Aussehens, deines Selbstvertrauens, deines angeblichen Reichtums und nun auch noch für diese Demonstration von Souveränität und Intelligenz. Ich dagegen spürte schon damals, ganz am Anfang, einen Anflug von Bewunderung.
Als wir nach der Stunde auf die Straße traten, sahen wir, wie eine Streifenpolizistin gerade einen Strafzettel für den hellblauen Austin-Healey schrieb, von dem bekannt war, dass er dir gehörte.
»Ach Mist«, hast du gesagt und mich beim Arm genommen. »Kannst du einen Moment warten, während ich das kläre? Bitte? Ich möchte dich etwas fragen.«
Der Blick aus deinen hellen jadegrünen Augen ging mir durch Mark und Bein.
Ich konnte nicht hören, worüber ihr spracht. Aber als du zu mir zurückkamst, zerriss die Polizistin lächelnd den Strafzettel.
»Nächstes Mal bin ich nicht so gnädig!«, rief sie dir nach. Du hobst dankend die Hand, ohne den Blick von mir zu wenden.
»Kriegst du immer, was du willst?«, fragte ich.
»Ich versuch’s jedenfalls. Du darfst gespannt sein.«
»Tut mir leid, ich hab keine Zeit.«
Ich wollte mich abwenden, wurde aber wieder am Arm genommen.
»Was ist los? Weshalb bist so … abweisend?« Du sahst so erstaunt aus, dass ich grinsen musste. Es kam wohl nicht oft vor, dass Frauen dich zurückwiesen.
»Hab Termine und muss lernen. Das Übliche.«
»Ach, komm schon, du hast doch bestimmt zwei Stunden Zeit für ’ne Mittagspause, oder nicht?«
»Es ist einfach so, dass ich gerade eine neue Beziehung angefangen habe.«
Ich kam mir ziemlich blöd vor, als ich das sagte, und lief rot an, was dich zum Lachen brachte.
»Weiß ja nicht, was du dir vorgestellt hast, aber ich dachte wirklich nur an Lunch. Fisch und vielleicht ein Glas Wein. Da ist doch nichts dabei.«
Hin- und hergerissen stand ich da. Ich wollte mitgehen, wusste aber, dass ich es lieber lassen sollte. Ich dachte an Sam, wollte aber mit dir zusammen sein. Mit dir, meiner Zukunft. Aber das konnte ich damals natürlich noch nicht wissen.
»Heute nicht«, sagte ich dann, als weise ich einen Staubsaugervertreter an der Haustür ab.
Du hast gespürt, was in mir vorging, das sah ich an deinem Lächeln.
»Dann probieren wir’s morgen noch mal«, war deine Antwort.

»Du bist nicht mehr bei mir, aber dennoch immer da.«

Briefe

Vor vier Monaten: Catherine

Unser erster Sommer auf dem Land war heiß und trocken. Der Himmel war gnadenlos blau und die Erde so durstig, dass man ihr Leiden förmlich spürte. Sam sagt, wir hätten die perfekte Zeit gewählt. So könnten wir in den langen Sommerferien die Berge, Strände und Wälder unserer neuen Wohngegend erkunden.
»Wir haben uns und die Kinder und jetzt auch noch dieses wundervolle halb verfallene Haus. Das ist doch toll«, sagt er, als ich mir Sorgen mache, wir könnten das alles nicht stemmen. »Im September trete ich meine neue Stelle an, und bis dahin können wir auf dein Geld zurückgreifen.«
Mein Geld – eine Entschädigung, weil ich vor vierzehn Jahren meine Mutter durch Brustkrebs verloren habe und meinen Vater an eine neue Frau in New York. Wie wir lebt er das Dolce Vita, in seinem Fall allerdings mit Sushi, Kunstgalerien und einer Gattin, die Seidendessous trägt.
Nur sechs Wochen nachdem Sam seine sichere Stelle als Grundschullehrer gekündigt hatte, verließen wir London, und die Umzugslaster hielten vor dem alten Hexenhaus in Somerset.
»Ich finde es zauberhaft«, hatte ich gesagt, als ich das kleine Haus zum ersten Mal sah. Violette Glyzinien rankten sich um das rostige Gartentor, und vor dem Haus blühte eine Fülle roter, rosafarbener und weißer Rosen.
Mit seinen ungleichen Dächern – eines strohgedeckt, zwei mit Ziegeln –, den verschieden großen Fenstern, der Tür mit der abblätternden Farbe und dem wild rankenden Efeu erinnerte mich das Haus an eine Kinderzeichnung. Wir machten sofort ein Angebot, und als der Gutachter schrieb, die Wände seien feucht, und das Haus sei schlecht isoliert, kauften wir es trotzdem.
»Wir fahren nach Frome, Farbe kaufen«, sagt Sam jetzt, küsst mich und scheucht die Kinder Richtung Auto. »Ich bring aus der Bäckerei den Kuchen mit, den du so magst.«
Ich weiß natürlich, was er bezweckt. Er will mir Zeit und Raum geben, damit ich herumtrödeln und in Ruhe darum trauern kann, dass wir jetzt nicht mehr in London leben, meiner Heimatstadt seit vierunddreißig Jahren, dem Ort, an dem meine Mutter lebte und starb, was mir noch immer zu schaffen macht.
Sobald die Tür hinter meiner Familie zufällt, eile ich nach oben ins Schlafzimmer, öffne den Kleiderschrank und hole einen Schuhkarton heraus, der ganz hinten unter einem Kleiderstapel versteckt ist. Der Karton enthält Briefe, Fotos und Zeitungsausschnitte und ist mein Geheimarchiv über dich. Heute nehme ich ein liniertes DIN-A4-Blatt heraus, beschrieben mit blauem Kuli in deiner unverkennbaren Handschrift. Diesen Brief kenne ich auswendig. Ich weiß, wo Kommas und Gedankenstriche sitzen, an welcher Stelle ein Punkt fehlt und wo deine T zwei Striche haben. Das alles habe ich mir genau eingeprägt.

Du kommst nicht mehr zu mir zurück, oder? Eine Weile habe ich mir noch eingeredet, du würdest wiederkommen. Aber nun sind schon mehr Wochen vergangen, als wir überhaupt zusammen waren, und alles erscheint mir fast wie ein Traum. Gibt es dich wirklich? Ich suche dich auf der Straße, in Pubs, in der Bibliothek, in dem kleinen portugiesischen Café, in dem wir Vanilletörtchen aßen und die alte Dame dich Audrey Hepburn nannte (sie hatte recht, wegen deiner Augen). Nirgendwo sehe ich dich, spüre dich aber noch immer. Wie dein Haar über mein Gesicht weht, wie deine Hand sich in meine fügt. Nachts wache ich auf und höre dich leise neben mir atmen. Du bist nicht mehr bei mir, aber dennoch immer da.

Diesen ersten Brief – es gibt fünf – mag ich am liebsten. Wenn ich ihn lese, kann ich mir vorstellen, dass wir noch immer diese junge Frau und dieser junge Mann sind, die an einem strahlenden Tag wie diesem in einem leeren Café in Bristol sitzen.

»Diese Zeichnung eröffnete mir einen neuen Blick auf dich und schwächte meinen Widerstand.«

Verabredung

Vor fünfzehn Jahren

Du hast mir Nachrichten hinterlassen, an meinem Arbeitsplatz in der Bibliothek. Wenn ich mir ein Buch holen ging, fand ich danach in meiner Kabine einen Zettel, auf dem in deiner markanten Handschrift stand: Lunch?
Es war mir ein Rätsel, wie du rausgefunden hattest, wo ich am liebsten arbeitete: weit weg von den Quatschtanten im zweiten Stock und dem Durchgangsverkehr an den Klos. Und ich fragte mich, ob du dann wohl irgendwo mit verschränkten Armen und diesem leicht ironischen Lächeln zusahst, wie ich den Zettel auseinanderfaltete. Keine Ahnung, wie ich dich hätte finden sollen, selbst wenn ich die Einladung hätte annehmen wollen – was ich unter keinen Umständen wollte, redete ich mir ein. Ich musste schließlich an Sam denken. Und diese dekadenten exzessiven Freunde von dir waren mir unheimlich, von denen wollte ich mich fernhalten. Dennoch bekam ich jedes Mal Herzklopfen, wenn ich die Zettel las. Ist es heute so weit? stand auf einem, auf einem anderen: Magst du Austern?
Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber ich brauchte morgens länger fürs Anziehen, probierte ewig herum, war sorgfältiger mit Make-up und Haaren.
Das nächste Milton-Seminar fand statt, aber der Sessel neben mir blieb leer, und die Stunde mit der schwächlichen Stimme des Profs und der zähen Interpretation von Buch vier zog sich endlos in die Länge. Als ich zur Bibliothek ging, war ich völlig aufgelöst. Reiß dich zusammen, sagte ich mir, du hast doch einen Freund. Na ja, beinahe jedenfalls. Sam und ich hatten uns Zeit gelassen. Zu Anfang waren wir nur befreundet, aber es lag etwas anderes in der Luft. Sein Lächeln, die Blicke aus den dunklen Augen, die auf mir ruhten, wenn er glaubte, ich würde es nicht merken. Dann zu Anfang des zweiten Semesters ein Mondscheinspaziergang am Hafen, bei dem wir zum ersten Mal Händchen hielten, und vor wenigen Tagen der erste Kuss. In meinem ersten Semester an der Uni gab es für mich nur diesen großen fußballverrückten Sternendeuter-Wissenschaftler, bis du in mein Seminar geplatzt bist und meine Welt auf den Kopf gestellt hast.
Die nächste Nachricht tauchte fast wie von Zauberhand auf, während ich mit gesenktem Kopf über meinen Büchern brütete. Offenbar war ich so konzentriert, dass ich nichts bemerkte. Erst nach einer Weile fiel mir auf, dass an der Tischkante ein Stück Papier lag. Es sah anders aus als die bisherigen Nachrichten, und als ich es auseinanderfaltete, blickte ich auf eine Bleistiftzeichnung, die so detailreich und atmosphärisch war, dass mir der Atem stockte. Ein Restaurant mit Holzwänden, einer Skihütte ähnlich, karierte Tischdecken. In Einmachgläsern Blumen, so präzise gezeichnet, dass sie als Gerbera erkennbar waren und ich förmlich kirschrote oder orange Blütenblätter vor mir sah. Auf einem Tisch standen eine Flasche Wein und zwei gefüllte Gläser, daneben das Wort: Unsere? Allein dieses verbotene Wörtchen ließ mir das Blut zu Kopf steigen. Unter der Zeichnung stand: Ich bin um 13.00 vor der Bibliothek. Das blaue Schriftbild war mir inzwischen schon vertraut: die Schwünge am L, das bauchige B, doch jetzt wurde mir bewusst, dass es sich um eine Künstlerhandschrift handelte. Diese Zeichnung eröffnete mir einen neuen Blick auf dich und schwächte meinen Widerstand.
Ich warf einen Blick auf die große weiße Wanduhr. Zehn vor eins. Die Welt schien mir voller Verheißungen, während ich abwechselnd auf den vorrückenden Zeiger und auf die kunstvolle Zeichnung blickte.
Um Punkt eins packte ich meine Bücher zusammen und verließ die Bibliothek.

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