A. J. Finn: The Woman in the Window – Was hat sie wirklich gesehen? | Leseprobe read’n’go

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Was passiert bei den Russells?

Anna Fox lebt allein in ihrem großen Haus in New York. Nach einem traumatischen Erlebnis kann sie das Haus nicht mehr verlassen. Sie verbringt ihre Tage mit Online-Chats und Alkohol – und damit, ihre Nachbarn zu beobachten. Eines Tages ziehen die Russells ins Haus gegenüber. Anna interessiert sich sehr für die Familie und freut sich, als ihre neue Nachbarin sie besucht. Kurze Zeit später beobachtet Anna einen brutalen Vorfall. Sie will helfen – doch sie schafft es wieder nicht, das Haus zu verlassen, und wird ohnmächtig. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, will ihr niemand glauben. Hat sie sich alles nur eingebildet?

»Das Fenster zum Hof« des 21. Jahrhunderts.

A. J. Finn wurde in New York geboren. Nach seinem Studium in Oxford, England, arbeitete er in den USA und England als Lektor und Programmleiter und lebt heute wieder in New York. Er liebt Bücher, Filme und Hunde. Seine erster Thriller »The Woman in the Window« ist inspiriert von klassischen Hitchcock-Filmen und basiert auf seinem eigenen Kampf gegen Depressionen. Der Thriller stürmte weltweit die Bestsellerlisten, wurde in 39 Sprachen übersetzt und wird derzeit verfilmt.

Interview mit A.J. Finn

Wie alles begann.

Anna verfällt in Panik, wenn sie versucht, ihr Haus zu verlassen. Doch auch im eigenen Haus ist sie bald nicht mehr sicher ...

Ich muss wissen, was da drüben los ist.

Gleich kommt ihr Mann nach Hause. Diesmal erwischt er sie.

Es gibt nicht einen Streifen Vorhang, nicht eine einzige Jalousie in Nummer 212 – dem rostroten Stadthaus, in dem früher die frischverheirateten Motts wohnten, bis sie sich vor kurzem wieder entheirateten. Ich habe mit keinem von ihnen beiden je persönlich ein Wort gewechselt, aber gelegentlich checke ich online bei ihnen ein: in seinem LinkedIn-Profil, auf ihrer Facebook-Seite. Ihr virtueller Hochzeitstisch bei Macy’s hat ihre Ehe überdauert: Ich könnte ihnen immer noch Suppenschüsseln kaufen.

Wie gesagt: Nichts verdeckt die Fenster. Ausdruckslos starrt Nummer 212 über die Straße, rötlich und ungeschlacht, und ich starre zurück, beobachte, wie die Herrin des Anwesens ihren Innenarchitekten ins Gästezimmer führt. Was ist bloß mit diesem Haus los? Es ist ein Totenbett der Liebe.

Wow, das ist meine neue Nachbarin.

Sie ist das, was Ed anerkennend als »Vollweib« bezeichnen würde: Volle Lippen und Hüften, ausladender Busen, reife Haut, fröhliches Gesicht, Augen blau wie Gasflammen. Sie trägt indigoblaue Jeans und einen schwarzen Sweater mit U-Ausschnitt. Eine Kette mit einem silbernen Anhänger liegt auf ihrer Brust. Ende dreißig, würde ich tippen. Sie war offenbar selbst noch ein Kind, als sie ihr Kind bekam.

Willkommen, Russells! Ich schaue euch zu.

Gestern wurde die Verkaufsurkunde online gestellt. Meine neuen Nachbarn heißen Alistair und Jane Russell; sie haben dreikommavierfünf Millionen Dollar für ihre bescheidene Herberge bezahlt. Google verrät mir, dass er Partner in einer mittelgroßen Beraterfirma ist und zuvor in Boston stationiert war. Sie lässt sich nicht ausforschen – Jane Russell in eine Suchmaschine einzugeben, ist ein fruchtloses Unterfangen.
Inzwischen ist es vier Tage her, dass ich Jane Russell das letzte Mal gesehen habe. Sie war definitiv anders gebaut als das Original mit den Torpedobrüsten und der Wespentaille, aber das bin ich auch. Ihren Sohn habe ich nur das eine Mal gesehen, gestern früh. Der Ehemann hingegen – breite Schultern, volle Augenbrauen, messerscharfe Nase – ist in seinem Haus ständig sichtbar: beim Eierschlagen in der Küche, beim Lesen im Wohnzimmer, bei einem gelegentlichen Blick in das obere Zimmer, als würde er nach jemandem suchen.

Ich habe das Haus seit fast einem Jahr nicht mehr verlassen.

Ich muss raus. Ich muss es schaffen!

Ich wende die Sanduhr auf meinem Schreibtisch und beobachte, wie die kleine Sandpyramide zu pulsieren scheint, während die Körnchen die Oberfläche kräuseln. So viel Zeit. Fast ein Jahr. Ich habe das Haus seit fast einem Jahr nicht mehr verlassen.

Na ja, beinahe. Fünfmal in acht Wochen habe ich es nach draußen geschafft, nach hinten, in den Garten. Meine »Geheimwaffe«, wie Dr. Fielding es nennt, ist dabei mein Regenschirm – eigentlich Eds Regenschirm, ein Klappergestell. Dr. Fielding, auch er ein Klappergestell, steht dabei jedes Mal wie eine Vogelscheuche im Garten, während ich die Tür aufstoße, den Schirm abwehrbereit vorgestreckt. Ein Druck auf die Feder, und der Schirm erblüht; ich starre eisern in seine Eingeweide, auf die Rippen und die Haut. Ein dunkles Schottenmuster, vier schwarze Quadrate auf jedem Feld des Baldachins, vier weiße Linien als Kett- und Schussfäden. Vier Quadrate, vier Linien. Viermal schwarz, viermal weiß. Einatmen und bis vier zählen. Ausatmen und bis vier zählen. Vier. Die magische Zahl.

Der Regenschirm ragt mir voran wie ein Säbel, wie ein Schutzschild.

Und dann trete ich ins Freie.

Erneut zerfetzt ein Schrei die Luft.

Ich weiß, dass etwas passiert ist. Wirklich?

»Hallo?«

Ethan. Zittrig, leise. Ich suche die Hausseite ab, kann ihn aber nicht sehen.

»Hier ist Anna. Von nebenan.«

Ein Schniefen. »Hi.«

»Was ist denn los bei euch? Ich habe jemanden schreien gehört.«

»Ach. Nein … nein.« Er hustet. »Hier ist alles okay.«

»Ich habe jemanden schreien gehört. War das deine Mom?«

»Hier ist alles okay«, wiederholt er. »Er hatte bloß einen Wutanfall.«

»Braucht ihr Hilfe?«

Eine Pause. »Nein.«

Zwei kurze Töne stottern in mein Ohr. Er hat aufgelegt.

Wer weiß schon, was sich in einer Familie abspielt?

Sind es nur die Medikamente?

Nein. Schlepp dich ins Schlafzimmer. Ins Bad.

Unter der prasselnden Dusche überschwemmen die letzten Tage mein Hirn, sie füllen sämtliche Risse, quellen in den Windungen nach oben: Ethan, der weinend auf meinem Sofa sitzt; Dr. Fielding und seine Starkstrom-Brille; Bina, die ihr Bein gegen mein Rückgrat stemmt; dieser liebevoll chaotische Abend, als Jane zu Besuch war. Eds Stimme in meinem Ohr. David mit dem Messer. Alistair – ein guter Mann, ein guter Vater. Diese Schreie.

Ich quetsche einen Klecks Shampoo in meine Hand, schmiere es gedankenverloren in meine Haare. Die Flut umspült meine Füße.

Und die Pillen – Gott, die Pillen. »Das sind hochwirksame Psychotropika, Anna«, warnte Dr. Fielding mich ganz zu Anfang, damals, als ich in einem Nebel von Schmerzmitteln lebte. »Gehen Sie verantwortungsvoll damit um.«

Ich presse die Handflächen gegen die Wand, halte meinen Kopf unter den Duschkopf, wobei mein Gesicht von einer dunklen Grotte aus Haaren umrahmt wird. Etwas geschieht mit mir, geschieht durch mich, etwas Gefährliches, Neues. Es hat Wurzeln in mir geschlagen, ein giftiger Baum; er wächst, breitet sich aus, umschlingt meinen Leib, meine Lunge, mein Herz. »Die Pillen«, sage ich leise und sanft unter dem Tosen, so als würde ich unter Wasser sprechen.

Meine Hand zeichnet Hieroglyphen auf die Tür aus Glas. Ich blicke auf und lese sie. Immer und immer wieder, überall habe ich Jane Russells Namen geschrieben.

»Sind Sie ein Vampir?«

Die Straße ist zu breit. Ich werde es niemals schaffen.

Wieder erscheint Jane im Sucher – diesmal bewegt sie sich langsam, eigentümlich. Stolpernd. Ein dunkler roter Fleck erblüht oben an ihrer Bluse; ich kann zusehen, wie er sich über ihren Bauch ausbreitet. Ihre Hände scharren an ihrer Brust. Etwas Schlankes, Silberfarbenes hat sich dort festgesetzt wie das Heft eines Messers.

Es ist das Heft eines Messers.

Jetzt spritzt das Blut hoch an ihre Kehle, überspült sie rot. Ihr Mund ist erschlafft; ihre Braue leicht geknittert, so als wäre sie verwirrt. Schlaff umgreift eine Hand das Heft. Die andere ist ausgestreckt, zielt mit dem Finger zum Fenster.

Sie zeigt direkt auf mich.

Ich lasse die Kamera los und spüre, wie sie an mir herunterpurzelt, wie sich die Schlaufe in meinen Fingern zuzieht.

Janes Arm knickt gegen die Fensterscheibe. Ihre Augen sind weit aufgerissen, flehen mich an. Ihr Mund formt Worte, die ich nicht hören kann, die ich nicht einmal ablesen kann. Und dann, während die Zeit fast zum Stillstand kommt, presst sie die Hand ans Fenster, kippt zur Seite und schmiert dabei einen fetten blutigen Streifen über die Scheibe.

Ich stehe wie angewurzelt da.

Ich kann mich nicht vom Fleck rühren.

Jane ist auf der anderen Seite des Parks und fährt gerade mit ihrer Hand durch ihr eigenes Blut.

Ich drücke die Tür zum Hausgang auf.

Dahinter erwartet mich ein dichtes Dunkel, durch das ich zur Haustür wate. Ich lasse den Riegel zurückschnappen und drücke gleichzeitig auf die Schirmfeder, ich spüre den Luftzug, als der Schirm in der Schwärze erblüht; die Spitzen der Speichen schlagen gegen die Wand, kratzen darüber wie winzige Krallen.

Ein. Zwei.

Ich lege die Hand auf den Knauf.

Drei.

Ich drehe.

Vier.

Ich stehe immer noch da, spüre das kalte Messing.

Ich kann mich nicht rühren.

Ich spüre, wie das Draußen ins Haus zu dringen versucht – hat Lizzie das nicht so ausgedrückt? Es drückt immer stärker gegen die Tür, prügelt gegen das Holz; ich höre es aus dampfenden Nüstern schnauben, höre es mit den Zähnen mahlen. Es wird mich zertrampeln; es wird mich zerfetzen; es wird mich verschlingen.
Ich drücke den Kopf an die Tür, atme aus. Ein. Zwei. Drei. Vier.

Die Straße ist ein Canyon, tief und breit. Völlig ungeschützt. Ich werde es niemals schaffen.

Sie ist nur ein paar Schritte entfernt. Jenseits des Parks.

Jenseits des Parks.

Was, wenn du einen Mord beobachtest und niemand dir glaubt?

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»The Woman in the Window ist eins dieser seltenen Bücher, die man nicht mehr weglegen kann.«

Stephen King

»The Woman in the Window ist der fesselndste Thriller, den ich seit Gone Girl gelesen habe. A. J. Finn ist ein kühner Debütautor – meisterhaft.«

Tess Gerritsen