Stefan Rensch: Willow in Deutschland | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Los geht's!

Ich heiße Willow. Und ich bin außerirdisch. Klug, schön, gewissenhaft und wagemutig. Der Körper, in dem ich stecke, ist Tarnung.

Meine Spezies besucht die Erde zum ersten Mal. Denn die Menschheit steht kurz davor, intelligent zu werden.

Um sie artgerecht erforschen zu können, weiß ich nur das Allernotwendigste über diese merkwürdig aussehenden Tiere. Meine Untersuchungen fangen also bei null an.

Das erste Land, das ich besuche, heißt Deutschland. Dies sind meine Aufzeichnungen.

Schockierend, ich weiß.

Woche 1

1. Januar

Oh mein Gott. Wie sehe ich denn aus? Das Schaufenster spiegelt mich in voller Größe wider. Musste das sein? Ich dachte Durchschnitt. Ich drehe mich im Kreis, betrachte mich von allen Seiten und komme trotz wohlwollender Empathie nur zu einem Ergebnis: Mängelexemplar. Als ich die Straße hinaufblicke, bin ich beruhigt. Es hätte schlimmer kommen können.

Vier Grad Celsius bedeuten für diesen Körper offensichtlich das Todesurteil, denn ich erfriere. Warum ich nur einen Bademantel mit Schäfchen darauf trage, ist mir ein Rätsel. Zudem wird mir schwindelig, ich drohe umzufallen, halte mich an einer Laterne fest, bis mir glücklicherweise einfällt, dass dieser Organismus Sauerstoff benötigt, dass ich atmen muss. Meine Güte.

Die Fortbewegung zu Fuß ergibt auch keinen Sinn. Die Geschwindigkeit dürfte knapp über Stillstand liegen. Ich gehe ums Eck und sehe das weiße Mehrfamilienhaus. Ein Jahr lang wird die Wohnung im zweiten Stock meine Basis sein.

Ein Jahr ist für mich nur ein Wimpernschlag. Ich hoffe, er geht schnell vorbei.

 

2. Januar

Habe mit Bravour die erste Prüfung bestanden: Schlaf. Körper und Geist sind schon nach wenigen Stunden erschöpft und müssen neu aufgeladen werden. Sie fallen dann in eine Art Trance und sind völlig nutzlos. Zudem träumte ich von fliegenden rosa Elefanten. Warum? Keine Ahnung, ich habe länger darüber nachgedacht, konnte aber zu keiner logischen Erklärung gelangen. Das kommt davon, dass meine Intelligenz im Dienste der Forschung der menschlichen angepasst wurde. Ein schwieriges Unterfangen, da sie nach unseren Maßstäben nahezu nicht messbar ist.

Ich gehe instinktiv ins Bad, reinige den Körper mit fließendem Wasser und putze mir die Zähne. Als mein Blick auf die Toilette fällt, überkommen mich Zweifel. Ich ahne, was passieren wird, darüber berichten werde ich aber nicht. Nur so viel: Ich werde nie wieder eine Toilette besuchen, nie wieder!

 

3. Januar

Es ist irritierend, in einer Wohnung zu sein. Sechzig Quadratmeter, auf zwei Zimmer, Küche, Diele, Bad verteilt, haben meiner Meinung nach nichts mit dem Begriff Freiheit gemein. Zudem scheinen Menschen Angst vor anderen Menschen zu haben, denn die Wohnungstür lässt sich nur mit einem Schlüssel öffnen. Mein Lieblingsort ist die Küche, mein Lieblingsgegenstand der Kühlschrank. Instinktiv. Mein Körper sendet immerzu Signale, ihn zu öffnen und von den wundersamen Köstlichkeiten, die dort lagern, zu kosten.

 

4. Januar

Als Erstes möchte ich die Nachbarn etwas besser kennenlernen. Ich klingle gegenüber. Die Tür geht auf und eine junge Frau mit verfilzten blonden Haaren und einem T-Shirt, auf dem Wum und Wendelin steht, starrt mich an.

Ich sage: »Hallo.«

Die junge Frau antwortet: »Und?« – »Ich wollte nur mal Hallo sagen.« – »Gut.«

Die Tür geht wieder zu. Als Nächstes möchte ich die Busfahrer etwas besser kennenlernen.

 

5. Januar

Habe mich den ganzen Tag mit einem Kasten beschäftigt, der »Fernseher« heißt. Bin völlig verwirrt. Menschen sollen drei Stunden täglich vor diesem Kasten sitzen. Die Gründe dafür sind mir ein Rätsel. Werde meine Studien diesbezüglich ausweiten müssen.

 

6. Januar

Habe heute Mathilde Molenbach aus der Ersten kennengelernt. Mathilde Molenbach ist 81 Jahre alt. Ich hätte sie auf 120 geschätzt. Ich darf Mathilde Molenbach MM nennen. Sie habe dieselben Initialen wie eine gewisse Marilyn Monroe und auch ansonsten, sagt sie, seien die Parallelen erschreckend. Wir plauderten über das Wetter. Ich weiß nicht, warum.

7. Januar

Der Kühlschrank füllt sich merkwürdigerweise nicht von alleine wieder auf. Zum Glück gibt es Supermärkte. Ich entscheide mich für Edeka, die Lebensmittel lieben. Sie müssen Brüder und Schwestern im Geiste sein! Am Eingang erwarten mich Boskop, Braeburn und Granny Smith, Melonen, die Tonnen wiegen, Paprika in Grün, Gelb und Rot, Zucchini, Gurken, Tomaten, Salate und Nüsse aller Art. Im Innern geht die wunderbare Schau weiter, eine große Auswahl an Broten und Kuchen, eine Süßwarenabteilung voller Lakritze, Gummibärchen und Schokolade, Konserven, die mexikanische, japanische und italienische Zutaten preisen. Begeistert fülle ich den Einkaufswagen mit all den zauberhaften Köstlichkeiten.

Ich bin in ausgelassener, ich möchte fast sagen euphorischer Stimmung, bis ich die Regale mit den Nudeln passiere und wie vom Blitz getroffen erstarre: Leichenteile. So weit das Auge reicht. Eine ganze Auslage voller Beine, Rippen, Hüften, sogar Innereien wie Lebern und Herzen werden feilgeboten. Es riecht nach Tod, nach Verwesung, nach Spülmittel. Für die Angehörigen muss es ein Schock sein, ihre Liebsten dort lagern zu sehen.

Doch niemand sonst scheint sich an diesem Massenexitus zu stören, ganz im Gegenteil, freundlich aussehende Menschen legen die Leichenteile in ihre Einkaufswagen. Ich habe keine Ahnung, was sie damit anstellen werden, zu Hause, in ihren vier Wänden, ich möchte es auch gar nicht wissen, meine Fantasie aber spielt mir Bilder zu, die ich auf dem schnellsten Wege zu vergessen trachte.

Woche 2

8. Januar

Ich stehe auf dem Marktplatz, als der Regen einsetzt. Wie schön. Mein erster Regen! Tropfen platschen auf den Bordstein, vereinzelt landen sie auf meinem Kopf oder meinem Körper, es werden mehr, immer mehr, und lauter wird es, ein plitschplatschendes Konzert, die Luft reinigt sich, die Menschen um mich herum holen Schirme hervor oder suchen einen Unterschlupf, ich aber begrüße dieses grandiose Naturereignis mit offenen Armen und bleibe wie angewurzelt stehen.

Eine Stunde lang vergesse ich Zeit und Raum, bis ich klitschnass bin, friere und das sonnige Gemüt umwölkt wird. Das nächste Mal sage ich nur kurz Hallo.

 

9. Januar

Zum ersten Mal Schokolade probiert. Liebe!

 

10. Januar

Habe heute wieder die junge Frau von gegenüber im Treppenhaus getroffen. Diesmal trug sie ein T-Shirt mit der Aufschrift Dalli Dalli.

Die Wiedersehensfreude war groß, und so begrüßte ich sie mit gebührendem Enthusiasmus: »Was für ein Zufall! Was für eine Freude! Hosianna!« Das Wort Hosianna habe ich gestern zum ersten Mal gehört, in diesem Fernseher, es wird wohl benutzt, wenn ein Mensch auf einem Esel in eine Stadt reitet, gilt als Zeichen großer Begeisterung. Seine Wirkung hat es jedenfalls nicht verfehlt. Sogar ohne Palmwedel!

Sie sah mich zwar ein wenig merkwürdig an, sie sagte auch nichts, dafür aber kommunizierte sie nonverbal, ein Anfang, ein Fortschritt, ein Hoffnungsschimmer auf dem steinigen Weg, die besten  Nachbarn der Welt zu werden, wenngleich ich unbedingt mal nachschlagen muss, welche Bedeutung ein ausgestreckter Mittelfinger hat.

Liebe? Frieden? Schokolade?

 

11. Januar

Ich gehe nach unten in den Kiosk. Hamid steht hinter dem Tresen und begrüßt mich überschwänglich. Ich begrüße ihn genauso überschwänglich zurück. Es ist zwar erst das zweite Mal, dass ich den Kiosk betrete, aber ich werde das wundersame Gefühl nicht los, dass wir bereits beste Freunde sind.

Hamid ist der CEO des Kiosks, so jedenfalls hat er sich mir vorgestellt, und bisher ist mir noch niemand begegnet, der eine positivere Ausstrahlung hat. Hamid ist zudem ein Alleswisser, er weiß über jeden im Viertel Bescheid und hat auf jede Frage eine passende Antwort. Ich halte ihn für einen Gelehrten. Ich bestelle eine Tüte Gemischtes mit extra vielen sauren Gurken, als mein Blick auf die Auslage mit den Zeitschriften fällt.

Ich frage Hamid, welche er mir empfehlen würde, wenn ich Frauen, dieses andere Geschlecht, näher kennenlernen möchte. Er beglückwünscht mich zu meiner Wahl, einen besseren Experten hätte ich nicht finden können, sagt er. Dann bekommt sein fröhliches Gesicht ernsthafte Züge, er spricht von einem heiklen Thema, einer Lebensaufgabe, einem Studium, das hohe Ansprüche stelle und bei dem Anfänger schon bei der Wahl der einschlägigen Literatur schmerzhafte Fehler begingen.

Er legt seinen rechten Arm um meine Schulter, wir betrachten gemeinsam die Auslage, in aller Stille und voller Konzentration, bis Hamid plötzlich loslegt und mir ein umfangreiches Paket zusammenstellt: Joy, Laura, Lisa, Maxi, Petra, Tina, Donna, Madame, Glamour und Das Goldene Blatt. Ich bin gespannt.

 

12. Januar

Habe die spannende Lektüre beendet und bin unsicher, ob es unbedingt notwendig ist, Frauen näher kennenzulernen. Etwas Gutes hat es aber auch, ich bin nun ein Experte für europäische Königshäuser, kenne mich sehr gut im Bereich Feuchtigkeitscremes aus und weiß, dass Cellulite und Diäten zu den wichtigsten Themen überhaupt gehören.

 

13. Januar

Packte die Gelegenheit beim Schopf, um beim Bäcker etwas Feldforschung zu betreiben. Fragte die Dame vor mir, welche Feuchtigkeitscreme sie benutze und was sie gegen ihre Cellulite zu tun gedenke. Sie hat sich einfach umgedreht und mich ignoriert. Wahrscheinlich eine Ausländerin, die der heimischen Sprache noch nicht mächtig ist.

 

14. Januar

Bin unsicher, ob die Bewohner dieses Hauses tatsächlich den Durchschnitt repräsentieren. Die eiserne Jungfrau in der Dritten ist nur eine der zahlreichen Irritationen. Sie ist Mitte 50, hat lange, lockige schwarz-graue Haare, einen wild wuchernden Vollbart, einen Bierbauch und hört auf den Namen Klaus.

Sie trägt immer nur T-Shirts mit dem Schriftzug Iron Maiden, darunter ein totenköpfiges Monster, das eine Sense oder einen Hammer in seiner blutverschmierten Hand hält.

Woche 3

15. Januar

Das erste Mal Pizza probiert. Liebe!

Und das Beste: Sie liefern die Pizza nach Hause!

Nur der junge, nach Schweiß riechende Lieferant tat mir ein wenig leid in seiner pinkfarbenen Uniform, die seinen pompösen Bauch nur notdürftig bekleidete.

 

16. Januar

Ich weiß, dass der menschliche Körper sterben kann. Ich hörte von Schmerzen. Und nun bin ich voller Bewunderung für diese Spezies. Es ist mir ein Rätsel, wie man so etwas ertragen kann.

Welche Stärke, welche Größe muss diesen merkwürdigen Geschöpfen innewohnen? Wie glühende Lavabrocken trafen mich die pochenden Schläge, als ich mir den rechten Arm an einer Laterne stieß. Eine Stelle in der Größe eines Hosenknopfes wurde blau, es war nur eine Frage der Zeit, bis das Blaue sich ausbreiten und der Arm abfallen würde.

Zu gerne nur hätte ich diesen Todeskampf abgekürzt, aber nein, ich muss ja warten, bis er komplett kaputt ist, dieser Körper, bevor ich ihn wieder erneuern kann. Erfahrungen sammeln, heißt es, die guten und die schlechten, leicht gesagt, wenn es einen selbst nicht trifft.

Doch das Jammern ist meiner nicht würdig, ich bin hier, um eine Aufgabe zu erfüllen, also schleppte ich mich nach oben, legte mich ins Bett und wartete auf den Tod.

 

17. Januar

Der Tod scheint ein geduldiger Vetter zu sein. Der Arm schmerzt noch immer. Mittlerweile in Gelb.

Es gibt jedoch ein probates Mittel, das Leid zu lindern: Trostpizza! Rucola! Ananas! Doppelt Käse!

 

18. Januar

Ein Wunder! Der Arm ist wieder tipptopp. Die Regenerationskräfte dieser biologischen Hülle sind doch besser, als ich dachte.

 

19. Januar

Wen treffe ich heute bei Rewe? Klaus, die eiserne Jungfrau.

Wir haben nett über Dulcinella geplauscht, die Tomatensorte, wir sind beide große Fans. Und dann hat Klaus mich zu sich eingeladen, auf ein Bierchen, wie er vorschlug. Ich wusste erst gar nicht, was ich sagen sollte.

Meine erste Einladung! Morgen schon! Was zieh ich an?

 

20. Januar

Habe mich ganz klassisch für ein weißes Hemd, den ockergelben Anzug und die braune Krawatte entschieden.

Der Strauß Blumen (Tulpen in den Farben Rot, Weiß und Gelb) ist von Super 2000 und kostete 2,99. Als Klaus die Tür aufmacht und ich die Blumen überreiche, ist er für einen kurzen Moment irritiert. Er hat wohl geglaubt, dass ich mich mit den Gepflogenheiten als Gast nicht auskenne, doch da hat er sich geirrt!

Er bittet mich rein, die Schuhe soll ich anbehalten. Als wir das Wohnzimmer betreten, ist mein erster Impuls Flucht. Es ist zwar alles sauber, kein Staubkorn, nirgends, aber die Einrichtung ist, wie soll ich sagen, ungewöhnlich. Viel Schwarz, Streitäxte, Wikingerhelme, Totenköpfe und gerahmte Bilder von Monstern und blutenden Menschen. Könnte einer dieser Massenmörder sein, von denen ich in der Gala gelesen habe.

Andererseits ist Klaus ein aufmerksamer Gastgeber, der Käseigel und Salzgebäck kredenzt und mir eine Flasche Bier in die Hand drückt. Schon von gehört, aber noch nicht probiert. Ich öffne sie mit einem Plopp, nehme einen kleinen Schluck und pruste den goldenen Saft über den Tisch. Ist mir unendlich peinlich. Klaus murmelt, es muss wohl schlecht gewesen sein, ich nicke eifrig, er gibt mir eine neue Flasche, gleiches Prozedere.

Klaus schaut mich merkwürdig an, dann geht er in die Küche, holt einen Lappen, wischt über den Tisch und schüttet mir ein Glas Johannisbeerschorle ein. Himmlisch! Und dann passierte etwas, das mein Leben auf dieser Erde verändern sollte, auf eine Weise, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte.

Klaus legt eine Schallplatte auf, von einer Band namens Judas Priest, Screaming for Vengeance. Klassiker, sagt er. Mit dem Erklingen der ersten Takte bin ich für immer verloren! Was für ein Schlagzeug! Was für eine Gitarre! Was für ein Gesang! Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen zu so etwas fähig sind!

 

21. Januar

MM bei Hamid getroffen. Sie hatte interessante Neuigkeiten zu berichten.

Zu ihrer Inkontinenz gesellt sich neuerdings auch eine Osteoporose, eine Trübung der Augenlinsen und eine Angina Pectoris. Danach wieder über das Wetter geplaudert.

Woche 4

22. Januar

Karla. So heißt meine Nachbarin von gegenüber. Karla. Was für ein schöner Name.

Klaus hat mir von ihr erzählt. Sie ist 25 Jahre alt, studiert Kunst an der Akademie in Düsseldorf und soll, wie er es nennt, »kompliziert« sein.

Ich bin sicher, dass wir beste Freunde werden!

 

23. Januar

Heute passierte Merkwürdiges. Da weile ich tagträumend am Stehtisch bei Fritten Franz und genehmige mir frittierte Kartoffelstäbchen auf weiß-roter Soße, als eine Frau sich, keine zehn Meter von mir entfernt, an einer Laterne festhält.

Für einen geübten Denker war es ein Leichtes, zu kombinieren, dass Sonnenstrahlen offenbar ihr Todesurteil bedeuten, denn sie war komplett in ein schwarzes Gewand gehüllt, das alles bedeckte, ihren Körper, ihr Gesicht, alles. Sogar ihre Augen waren durch einen winzigen Gitterschlitz nur schemenhaft zu erkennen.

Auch andere Passanten starrten sie an, doch anstatt ihr zu helfen, machten sie einen Bogen um sie, einen großen. Wo nur war die viel beschworene Zivilcourage? Hier jedenfalls nicht, keine Helden weit und breit.

Und so ließ ich mein Mittagsgericht für einen kurzen Moment unbeobachtet hinter mir, ging auf die arme Frau zu und fragte sie, ob ihre Krankheit ansteckend sei. Sie aber schien zu schwach, um zu antworten, und senkte nur leicht den Kopf.

Armes Geschöpf, dachte ich, armes Geschöpf, mein Herz klopfte, mein Gemüt erweichte, dies also war das berühmte Mitgefühl, von dem alle immer sprachen, ein starkes Gefühl, zweifelsohne, also umarmte ich sie, streichelte ihren Rücken und wünschte ihr gute Besserung.

 

24. Januar

Mitgefühl, so habe ich lernen dürfen, wird nicht allerorten toleriert.

Anders ist es nicht zu erklären, warum eine Gruppe junger Männer – offensichtlich fremdländischer Herkunft – für einen Tumult sorgte und nur durch die zufällig anwesenden Gesetzeshüter in ihren lustigen Uniformen daran gehindert werden konnte, mich körperlich zu züchtigen.

Werde künftig vorsichtiger mit dem Umarmen sein.

 

25. Januar

Die gesammelten Werke von Immanuel Kant gelesen. Geht so.

 

26. Januar

MM vor der Parfümerie Becker getroffen.

Habe erfahren, dass sie Witwe ist. Ihr Mann ist vor zwanzig Jahren bei einer Gasexplosion in ihrem Einfamilienhaus in Berghausen ums Leben gekommen, während sie gerade bei der Wassergymnastik war.

Das einzige Andenken, das ihr geblieben ist, ist sein Gebiss. Sie trägt es immer bei sich. Obgleich es trotz der Korrektur nicht ganz passt.

Als sie es aus ihrem Mund holte und fragte, ob ich es mal anfassen wolle, hätte ich am liebsten eine Kunststoffallergie vorgetäuscht, zumal ich Reste einer Erbsensuppe zu erkennen meinte, doch ihr trauriger Blick ließ mir keine Wahl. Feucht war es.

 

27. Januar

Den ganzen Tag über die Frage nachgedacht, warum Karotten nicht Äpfel heißen.

Woche 5

28. Januar

Es ist mir ein Rätsel, warum die Tiere dieses Planeten zwei Geschlechter haben.

Ich habe einen Penis, ich habe ihn mir länger angeschaut und finde ihn eigentlich nicht so schön. Frauen haben eine Vagina, und ich weiß nach wie vor so gut wie gar nichts über sie.

Doch ich habe Glück. Als ich bei Hamids Büdchen eine Tüte Gemischtes erwerbe (Die neuen Gummischlangen mit Apfelgeschmack sind fantastisch!), fällt mir aus dem Augenwinkel ein Flyer an der Pinnwand auf. Ich schaue ihn mir genauer an und bin entzückt.

Flora, eine Berliner Fachreferentin für feministische Angelegenheiten, ist auf Tour und bietet am kommenden Wochenende Seminare zur weiblichen Selbsterkundung an. Die Wahl fällt leicht. Ich gehe zum Vulva Watching Workshop! Was für eine wunderbare Möglichkeit, das andere Geschlecht endlich etwas näher kennenzulernen.

 

29. Januar

Grüne Smoothie-Rezepte ausprobiert. Fürchterlich. Ansonsten: Vorbereitung auf den Workshop.

 

30. Januar

Ich bin ein wenig nervös. Morgen schon werde ich die Vulva kennenlernen.

 

31. Januar

Der Workshop findet in der Yoga-Lounge von Mareike & Mareike statt. Als ich ankomme, stehen vor dem Laden schon zwanzig Frauen im Kreis und unterhalten sich angeregt.

Manche tragen T-Shirts mit der Aufschrift: Die Zukunft ist weiblich. Andere: Vulva rocks. Fantastisch. Männer sind komischerweise keine dabei.

»Hallo«, begrüße ich die illustre Runde, ernte aber nur Schweigen und merkwürdige Blicke. Ich erkenne Flora, die Seminarleiterin, vom Flyer wieder und frage der Form halber nach: »Bin ich hier richtig beim Vulva Watching Workshop

Flora starrt mich an und sagt: »Scherz, oder?« – »Aber nein«, antworte ich, »mein Interesse ist von ernsthafter Natur, ich möchte alles über diese geheimnisvolle Vulva erfahren!«

Meine Neugier indes entfacht nicht den erwarteten Jubelsturm, dabei weiß ich noch aus Paula und Tina, dass Männern mangelndes Interesse an Frauenthemen vorgeworfen wird. – »Was bist du denn für ein Kanarienvogel?«, fragt Flora.

Ich verstehe die Frage nicht so ganz, da Kanarienvögel völlig anders aussehen als ich, und frage: »Wie bitte?« – »Jetzt mach mal ganz schnell einen Abgang, Freundchen!«

Dumm. Wie dumm von mir. Die Schuppen fallen in Scharen von meinen Augen. Natürlich, denke ich, natürlich, Flora glaubt, ich möchte mich umsonst in das Seminar hineinschmuggeln. Ich habe mittlerweile gelernt, dass Schnorrer in dieser Stadt wenig Ansehen genießen.

»Ich bin angemeldet!«, triumphiere ich. Flora stemmt ihre Hände in die Hüften und fragt: »Hast du eine Vulva?« – »Nein«, antworte ich, »dafür aber einen Penis!«

Scheint die Stimmung auch nicht zu verbessern. »Vorschlag zur Güte«, sagt die strenge Seminarleiterin, »du gehst jetzt einfach weiter deines Weges und wir verzichten großzügigerweise auf das Teeren und Federn. Such dir doch ein Seminar aus, das besser zu dir passt.«

Hm, denke ich, ziehe den Flyer aus meiner Hosentasche, schaue ihn mir noch mal genau an und sage schließlich: »Gut, dann nehme ich ‚Wir spritzen zurück – das Squirting-Seminar‘

© Random House/Katja Früh

Stefan Rensch wurde 1979 Landesmeister im Ringen in der Klasse bis 25 Kilogramm. Freistil.
Danach keine nennenswerten Erfolge mehr. Als Biograf eines Außerirdischen nun aber wieder auf dem Treppchen.

Sind wir nicht alle
ein bisschen Willow?

Jetzt
kaufen
16,00 €