Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success | Leseprobe read’n’go

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Über das Buch

Karriere gemacht: Seine Hedgefonds spülen ihm Millionen aufs Konto, für ihn zählen nur Status, Ruhm, Prestige und Perfektion. Doch dann kommt der Tag des tiefen Falls: Er begreift, dass sein Sohn niemals in seine Fußstapfen treten wird. Mit nichts als seinen Lieblingsuhren im Gepäck flieht Barry mit einem Greyhound-Bus aus New York. Sein irrwitziger Plan: nach zwanzig Jahren seine College-Liebe Layla in El Paso zu treffen. Ob er mit ihr das echtere Leben von damals wieder aufnehmen kann?
Bestsellerautor Gary Shteyngart nimmt uns in dieser Great American Novel mit auf eine turbulente Reise durch das zutiefst gespaltene Amerika der Vor-Trump-Ära – und erzählt von der Suche eines Mannes nach dem wahren Glück. Großherzig, klug und witzig!

Richard Ford (Schriftsteller)

Am Puls des heutigen Amerika - »man möchte schreien, weil dieser Roman so wahr und so unglaublich lustig ist.«

Barry Cohen, ein Mann, der Anlagen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar verwaltete, taumelte in den Busbahnhof der Port Authority an der Südspitze Manhattans. Er war sichtlich betrunken und blutete. Über seiner linken Augenbraue klaffte ein sauberer Schnitt, der vom Fingernagel des Kindermädchens stammte, und von seiner Frau hatte er einen tränenförmigen Kratzer unterm Auge. Es war drei Uhr zwanzig in der Früh. Er stolperte zu den Polizistinnen und Polizisten, die nachts die Sperren bewachten, durch die Reisende von der Straße zu den Bussteigen geleitet wurden. »Wo sind die Busse?«, fragte er. »Ich will weg hier.«

Wie schnell die Welt sich mit Licht füllte! In seinem neuen Leben, schwor er sich, würde er nie wieder den Tagesanbruch versäumen.

Für die Polizei sah Barry wie der typische New Yorker aus. Ein blutender Mann, zerzaustes, vom Nachtschweiß strähniges Haar, eine Weste von Patagonia über dem Hemd von Vineyard Vines, auf der nur das Wort CITI stand. Er war groß und hatte die Figur eines Schwimmers – breite Schultern verjüngten sich bis hin zu zwei weiblich anmutenden Handgelenken, was zu jeder Zeit eine Bürde war, aber noch nie so sehr wie im Jahr 2016, am Anfang des ersten Trump-Sommers. Er atmete schwer, nachdem er einen Rollkoffer von seiner Wohnung am Madison Square Park bis hierher geschleift hatte, zwanzig Blocks weit. Die Nacht war warm und windig, eine perfekte Ich-will-nicht-sterben-Nacht in Manhattan, und mit jeder überquerten Straßenkreuzung war er sicherer geworden, dass er in Bezug auf seine Ehe das Richtige tat.
»Unten«, sagte einer der Polizisten.
Barry nahm den Koffer in die Hand, doch vom Hochheben wurde ihm übel. Er setzte sich auf eine Stufe. Er würde es durchstehen. Nach dem, was er in diesem Jahr hatte ertragen müssen, konnte er alles durchstehen. Seine Frau liebte ihn nicht. Begehrte ihn nicht. Und obwohl er sie wollte, war er sich nicht sicher, ob er sie liebte. Er dachte an die Fahrt nach Richmond, Virginia, vor langer Zeit, als er Layla besuchte, seine Freundin vom College, und an den Wind in seinen Haaren, als der Bus in den Lincoln Tunnel und dann nach New Jersey sauste. Hatte er wirklich Wind in den Haaren gespürt? Konnte man Busfenster damals noch öffnen? Ja, so musste es gewesen sein.
Er stand auf, drückte sich den Rollkoffer an die Brust und ging die übrigen Stufen hinunter.
Es war nicht gut hier. Gar nicht gut.
In unserem Land konnte man überall hinfahren. Die freie Straße!

Die schiere Ausdehnung des Landes war viel zu groß für solche Sorgen. Barry hatte sich der unfreundlichen Fesseln seines Lebens entledigt. Amerika hatte ihm Zuflucht gewährt.

Sinn und Zweck dieser Reise war doch, dass er seine Probleme draußen in der Welt ganz allein lösen wollte, so wie er als neunzehnjähriger Student in Princeton. Wann war ihm dieser Neunzehnjährige abhandengekommen? Der so bereit gewesen war für Liebe und Herzschmerz, aber nicht für die Art von Herzschmerz, den seine Frau und sein Sohn Shiva ihm bereitete, sondern für einen, der wieder heilt.

Die Sonne ging in apokalyptischem Rosa über dem texanischen Horizont unter, und die Röte des Gestirns sickerte in die dunkler werdenden Wolken.

Über den Autor

Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, geboren und kam im Alter von sieben Jahren in die USA. Er legte 2002 mit »Handbuch für den russischen Debütanten« seinen Erstling vor, ein New-York-Times-Bestseller, der u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction geehrt wurde. Es folgten die vielfach ausgezeichneten Erfolgsromane »Absurdistan« und »Super Sad True Love Story« sowie zuletzt sein autobiografisches Buch »Kleiner Versager«. »Willkommen in Lake Success« ist der vierte Roman des New Yorker Kultautors und wurde mehrfach zu einem der besten Bücher des Jahres 2018 gekürt.

»Und dann kamen Barry neue Ideen.«

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»Gary Shteyngart ist der komischste Autor Amerikas.«

Die Zeit

»Einer der originellsten und anregendsten Autoren seiner Generation.«

The New York Times