Benedikt Gollhardt: Westwall | Leseprobe read’n’go

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Du glaubst an das Gute. Du kämpfst gegen das Böse. Doch was tust du, wenn die Grenzen verschwimmen?

Scheinbar zufällig lernt Polizeischülerin Julia den attraktiven Nick kennen. Nach einer gemeinsamen Nacht entdeckt sie, dass er ihr einen falschen Namen genannt hat und ein riesiges Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken trägt. Als Julia unter Schock ihrem schwerkranken Vater davon erzählt, gerät dieser in Panik und beschwört sie, eine Weile unterzutauchen. Doch Julia will die Wahrheit wissen: Was hat Nick mit ihr vor? Und warum hat ihr Vater so große Angst um sie? Julia beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und folgt einer Spur, die sie in die menschenleeren Wälder der Eifel zum Westwall führt. Und in die dunkle Vergangenheit ihrer Eltern …

Zwei Schüsse zerrissen die Stille des pechschwarzen Waldes.

Die alte Angst

Die alte Angst. Sie konnte sie wieder spüren. Julia blieb stehen, ihr Atem ging in schnellen Stößen. Durch die Baumkronen der mächtigen Buchen drangen nur wenige Sonnenstrahlen, am Boden lagen morsche Stämme zwischen üppigen Farnen, es roch nach Erde und Laub. Der Wald schien verwunschen, als wäre er noch nie von einem Menschenfuß betreten worden. Doch Julia wusste, dass es anders war. Sie waren hier gewesen, viele von ihnen, und sie hatten eine mächtige, düstere Spur hinterlassen: Hunderte hüfthohe Pyramiden aus verwittertem Beton ragten aus dem Waldboden wie Rückenstacheln eines riesigen Drachen, der eingegraben unter der Erde schlief. Die bemoosten Buckel standen in mehreren Reihen und schlugen eine unheimliche Schneise quer durch den Wald, eine trotzige Grenze aus einer dunklen Vergangenheit, ein machtvolles Bollwerk, das sogar Panzern standhalten konnte.
Von weit her schallten Hundegebell und triumphierende Rufe durch den Wald. Julia erschauerte: Sie haben ihn.
Auf einmal wusste sie, woher sie die Angst kannte. Es war die Angst ihres Vaters. Wolfgang hatte immer versucht, sie vor ihr zu verbergen, damals, in ihrem Bauwagen am See. Er hatte versucht, sie wegzulachen und wegzulügen, er war mit seiner Tochter geflohen, das ahnte sie jetzt, um es für immer von ihr fernzuhalten – das Böse. Sie hatte es schon als Kind gespürt, aber es war nicht mehr gewesen als ein dunkler Schatten, den ein böser Traum auf das Leben eines kleinen Mädchens warf und der mit den ersten Sonnenstrahlen wieder verblasste.
Inzwischen wusste Julia, dass es in der Welt war. Und jetzt war es ganz nah, hier, in diesem Wald. Es hatte über eine lange Zeit geschlafen, war von einer weichen Moosschicht überwuchert worden wie die Reihen der alten Betonbuckel zwischen den riesigen Buchen. Es war erwacht, es wuchs wieder, und es wurde stärker. Und Julia spürte: Das Böse hatte sie im Visier.
Plötzlich drang ein heller Schrei durch das Rauschen der Baumkronen. Julia schaute sich um. Die Äste der umgeknickten Stämme schienen ihre knorrigen Finger nach ihr auszustrecken; überall um sie herum, im dunklen Unterholz und im Laub, wisperte, knackte und raschelte es, als wolle der Wald sie jeden Moment packen und mit seinen schartigen Betonzähnen zermalmen.
Julia löste sich aus der Angststarre und rannte los, zwischen den bemoosten Drachenzacken hindurch, hinab in eine Senke, tiefer in den Wald, über ausladende Wurzeln und kleine Bäche, dem Gebell entgegen. Sie war nicht weit gelaufen, als sie auf einen riesigen grauen Quader aus grobem Beton stieß, der aus dem Waldboden zu wachsen schien. An den Seiten öffneten sich Schießscharten und eine trichterförmige Geschützöffnung, eine rostige Tür versank halb im Laub. Julia stand vor einem alten, verwitterten Bunker. Vorsichtig kletterte sie auf das flache Dach, legte sich an die hintere Kante und schaute hinunter auf eine kleine Lichtung.
Dort unten standen fünf Jugendliche im Alter von zwölf bis neunzehn Jahren, drei Jungen und zwei Mädchen. Sie hatten sich im Halbkreis um einen zitternden Teenager mit kupferroten Haaren aufgebaut, der sich ängstlich an einen um¬gestürzten Baum drängte. Er ist so blass wie ein Toter, dachte Julia bang.
Die Jugendlichen trugen abgetragene Hosen und Kapuzenjacken in Olivgrün, Grau und Schwarz. Ihre Füße steckten in Springerstiefeln oder alten Wanderschuhen. Der Größte der Meute war der Anführer, ein schütterer Schnurrbart verdeckte nur spärlich die Narbe seiner Hasenscharte, seine eng beieinanderliegenden Augen musterten unruhig das Opfer.

Kommt jetzt, nach über zwanzig Jahren, die Vergangenheit zurück?

Nick

Julia hatte ihn schon an der Haltestelle bemerkt. Er hatte ebenfalls den 127er-Bus genommen und war mit ihr in die Linie 5 umgestiegen, wo er sich einen Sitzplatz drei Reihen vor ihr gesucht hatte. Er war vielleicht Mitte zwanzig, hatte einen drahtigen Körper, wache Augen und kurze, widerspenstige, helle Haare. Sein langärmeliges Ringelshirt wirkte schlabbrig, seine Stoffschuhe waren ausgelatscht, seine hochgekrempelte Jeans hatte auf dem rechten Oberschenkel einen Fleck, vermutlich Ketchup oder rote Marmelade.
Eigentlich hätte sich Julia gar nicht für den Fremden interessiert, wäre ihr Blick nicht an seiner linken Hand hängen geblieben. Ihr fehlte der kleine Finger, aus dem Handteller ragte nur ein knubbeliger Stumpf hervor, was eher drollig als eklig aussah. Julia hatte solch eine Verletzung schon in der Bauwagensiedlung gesehen.
Nachdenklich betrachtete Julia nun den jungen Mann mit den neuneinhalb Fingern in der spiegelnden Fensterscheibe. Wie war es wohl passiert?
Als die Straßenbahn in den Untergrund ratterte, holte der Fremde sein winziges Handy heraus und schrieb eine SMS auf den Nummerntasten. Noch ein Außenseiter, dachte Julia und musste innerlich schmunzeln. Sie wandte vorsichtig den Kopf von der Scheibe zum echten Gegenüber. Der junge Mann lächelte ihr zu, unverbindlich, nicht aufdringlich. Julia zuckte ertappt zusammen, erwiderte flüchtig sein Lächeln und wandte sich ab.
Die Straßenbahn hielt, die Türen öffneten sich zischend. Eine ältere Frau mit lackierten Fingernägeln und einem Golden Retriever setzte sich dem Fremden gegenüber. Der Hund begann sofort, an ihm herumzuschnuppern. Der Fremde rückte zur Seite, bemerkte Julias Blick und schnitt eine angeekelte Grimasse. Julia musste grinsen.
»Guten Abend, Fahrscheinkontrolle.«
Sie drehte sich um. Neben ihr stand eine füllige Frau in unauffälliger Straßenkleidung, das schwarze Kontrollgerät in der Hand. Julia setzte ein freundliches Gesicht auf. »Ich hab meine Monatskarte vergessen.«
»Dann bitte den Ausweis. Wenn Sie Ihr Ticket innerhalb von vierzehn Tagen im Kundencenter vorzeigen, bezahlen Sie ein reduziertes Entgelt von sieben Euro«, leierte die Kontrolleurin herunter.
Julia holte einen Zwanzig-Euro-Schein aus ihrer Hosentasche.
»Kann ich das gleich hier bezahlen?«
»Sie müssen sich ausweisen.«
Julia stöhnte. »Sorry, aber ich hab echt keine Zeit, extra noch mal in die Stadt zu fahren. Können wir das nicht auch so regeln?«
Sie hielt der Kontrolleurin den Schein hin.
»Mit sechzig Euro«, sagte die Frau unbeirrt.
Julias Laune sank im Sturzflug. »Ich würd Ihnen die scheiß sechzig Euro sogar zahlen, ich hab sie aber nicht dabei.«
»Wir nehmen auch EC-Karten.«
Julia verdrehte die Augen. Die Bahn hielt, die Türen sprangen laut polternd auseinander. Im Hintergrund stand der Fremde auf, warf ihr einen Blick zu und trat mit voller Kraft auf den Schwanz des Golden Retrievers. Der Hund fuhr laut jaulend herum und schnappte um sich, die Besitzerin schrie erschrocken auf, das Handy rutschte ihr aus der Hand. Die Kontrolleurin rief aufgeregt ihre Kollegen herbei. Der Fremde nutzte den Tumult, sprang über den bellenden Hund hinweg in den Gang, packte Julia und ihren Rollkoffer und zog beide durch die sich schließende Tür nach draußen.
»Hey!«, rief Julia dem vorauseilenden Fremden hinterher und blieb schwer atmend in einer dunklen Garageneinfahrt stehen. »Warte!«
Er kam zurück, stellte den Rollkoffer vor sie hin und reichte ihr schwer atmend die Hand. »Hi … ich bin Nick.«
»Julia«, keuchte sie und drückte seine Hand. Sie wusste nicht, ob sie sauer oder dankbar sein sollte. Aber ihre Müdigkeit war wie weggeblasen.

Um sie herum war nichts als undurchdringliche, einsame Dunkelheit.

Erwachen

Ein Knacken weckte sie. Julia blinzelte. Blaues Licht füllte das Zelt, von überall her erklang Vogelgesang. Es war kühl. Julia atmete tief durch, zog die Decke übers Kinn und schloss erleichtert die Augen.
Wieder ein Knacken. Julia riss die Augen auf und lauschte. Sie dachte an die Wildschweine, die früher um den Bauwagen gestreunt waren, um den Garten zu plündern. Warum also nicht auch hier im Wald? Jetzt hörte sie ein lautes Rascheln. Dicht hinter dem Zelt. Die Haare auf Julias Armen richteten sich auf. Ganz langsam drehte sie sich um. Vor dem Zelteingang sah sie einen Schatten. Beine! Julia schluckte den Schrei hinunter, der in ihrer Kehle aufstieg, und spürte, wie sich all ihre Muskeln anspannten. Der Schatten bewegte sich nicht. Julia tastete vorsichtig nach dem Messer im Rucksack und griff nach dem Reißverschluss. Mit einem Ruck zog sie ihn herunter – und stieß einen gellenden Schrei aus.
Ein Gesicht. Ganz nah. Kalkweiß, blutrote Lippen, aufgerissene Augen, feuerrote Haare. Die Lippen verzogen sich und erwiderten ihren Schrei.
Julia fiel zurück ins Zelt, draußen kugelte jemand rückwärts ins Laub.
Sie rappelte sich hoch und hielt das Messer ausgestreckt vor sich. Im selben Augenblick sprang ein Junge von der Seite vor den Zelteingang. Er hatte ein kindliches, rundes Gesicht, und er zielte mit einer riesigen Armbrust auf sie. »Keine Bewegung!«
Julia atmete keuchend, ihr Herz raste, das Messer zitterte in ihrer Hand. »Nimm das Ding weg!«
Im Hintergrund rappelte sich der rothaarige Junge aus dem Laub auf, der älter war und schlaksig.
Julia war plötzlich wieder Polizistin und schrie: »Waffe runter!«
»Mach schon«, sagte der Rothaarige und drückte die Armbrust zur Seite. Seine Stimme war sanfter als die seines Begleiters. Plötzlich stutzte Julia. Dem Schlaks fehlte an der linken Hand ein Teil des kleinen Fingers. Er kam ihr merkwürdig bekannt vor, aber sie wusste nicht, wo sie ihn schon mal gesehen hatte.
»Ich komm raus«, sagte sie, steckte ihr Messer hinten in den Hosenbund und krabbelte langsam aus dem Zelt. Die Jungen machten Platz und musterten sie misstrauisch. Die metallene Armbrust wirkte riesig in der Hand des Kleinen. Der Rothaarige verbarg seine verletzte Hand. Beide hatten strubbelige Haare und wirkten ärmlich in ihren abgetragenen Klamotten.
»Ihr habt mich ganz schön erschreckt«, sagte Julia und streckte dem Kleinen freundlich die Hand entgegen. »Ich heiße Julia.«
Er nahm sie zögernd. »Ben.«
»Hallo. Und du?«
»Ich bin Jonas.«
Jonas. Seine dunklen Augen waren wach und scheu. Plötzlich wusste sie, wieso er ihr bekannt vorkam. Auf Nicks Foto hatte er noch jünger ausgesehen, dachte sie, weniger schmal und weniger traurig.
»Und was macht ihr hier?«
Die beiden wechselten einen nervösen Blick. »Wir … sind …«, begann Ben stockend. »Im Ferienlager«, ergänzte Jonas.
»Jetzt schon?«, Julia deutete auf die Armbrust, sie hatte ein Zielfernrohr und einen schussbereiten Pfeil im Lauf. »Seid ihr nicht ein bisschen zu jung für so was?«
Ben senkte den Blick.
»Und du?«, fragte Jonas schnell. »Was machst du hier?«
»Ich?« Julia setzte ein Lächeln auf. »Ich suche ein altes Haus. Das soll hier im Wald sein. Habt ihr davon gehört?«
Die beiden Jungen tauschten einen Blick. Jonas beugte sich zu Ben und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Kleine nickte.
»Wir bringen dich hin«, sagte Jonas.
Julia hob die Augenbrauen. »Ihr kennt das Haus? Cool!«
Die Jungen blickten sich stumm an.
»Dann pack ich mal zusammen«, sagte Julia. Sie kroch ins Zelt und rollte ihre Isomatte zusammen. Es war so weit. Sie hatte ihre Mutter gefunden.

Bernhard Aichner (Schriftsteller)

»Dramatisch und hochaktuell! Ein absolut mitreißendes Thrillerdebüt!«

Der Autor

Benedikt Gollhardt, Jahrgang 1966, ist Drehbuchautor. Bekannt wurde er unter anderem durch preisgekrönte Serien wie »Türkisch für Anfänger« und »Danni Lowinski«. Mit seinem Thrillerdebüt »Westwall« greift Benedikt Gollhardt das aktuelle Gefühl unserer Zeit auf, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse zunehmend zu verschwimmen scheinen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Köln.

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