Robert Galbraith: Weißer Tod | Leseprobe read’n’go

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„Willst du mich wirklich zurückhaben?“

Herzlichen Glückwunsch!

Robin drehte sich um und sah, wie Strike auf den Ausgang zusteuerte und die Tür aufzog. Dann war er verschwunden.
„Lass mich los …“
„Was?“
Sie befreite sich aus Matthews Griff und raffte ein weiteres Mal ihr Kleid zusammen, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Halb ging, halb rannte sie von der Tanzfläche. Matthew blieb allein mitten im Saal zurück, während Robin sich ihren Weg durch die verblüfften Zuschauer bahnte – zu der Tür, die soeben hinter Strike ins Schloss gefallen war.
„Cormoran!“
Er war bereits die halbe Treppe hinunter, als er seinen Namen hörte und sich noch mal umdrehte. Die langen Locken unter der Krone aus Yorkshire-Rosen gefielen ihm ausnehmend gut.
„Glückwunsch.“
Sie lief ein paar weitere Stufen nach unten und versuchte mehrmals, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken.
„Willst du mich wirklich zurückhaben?“
Er zwang sich zu einem Lächeln. „Glaubst du ernsthaft, Shanker und ich sind nur zum Spaß stundenlang in einem höchstwahrscheinlich gestohlenen Wagen hierhergefahren? Natürlich will ich dich zurück.“
Sie lachte, während ihr gleichzeitig Tränen in die Augen stiegen. „Shanker ist auch da? Du hättest ihn reinbitten sollen!“
„Shanker? Auf deiner Hochzeit? Er hätte die Taschen sämtlicher Gäste geleert und dann wahrscheinlich noch die Kasse an der Rezeption ausgeräumt.“
Sie lachte wieder. Diesmal kullerten ihr die Tränen über die Wangen. „Wo wollt ihr denn übernachten?“
„Ich schlaf im Auto, während Shanker mich wieder nach Hause fährt. Dafür wird er mir ein Vermögen abknöpfen“, sagte er. „Aber egal“, fügte er eilig hinzu, bevor sie etwas erwidern konnte. „Wenn du zurückkommst, war es das mehr als wert.“
„Diesmal will ich einen Vertrag“, sagte Robin mit strenger Stimme, was so gar nicht zu dem warmen Ausdruck in ihren Augen passte. „Einen richtigen Arbeitsvertrag.“
„Abgemacht.“
„Also gut. Wir sehen uns dann …“
Ja, wann? Jetzt ging es erst mal für zwei Wochen auf Hochzeitsreise.
„Gib mir einfach Bescheid“, sagte Strike.
Er drehte sich um und ging weiter die Treppe hinunter.
„Cormoran!“
„Was?“
Sie kam auf ihn zu, bis sie eine Treppenstufe über ihm auf Augenhöhe zu ihm stand.
„Du musst mir alles erzählen – wie du ihn geschnappt hast und so weiter. Alles.“
Er lächelte. „Mach ich, keine Sorge. Aber ohne dich hätte ich das niemals geschafft.“
Es war unmöglich zu sagen, wer die Initiative ergriff oder ob sie sich gleichzeitig einander näherten, doch ehe sie sichs versahen, lagen sie sich fest in den Armen. Robins Kinn ruhte auf Strikes Schulter, und er drückte das Gesicht in ihr Haar. Er roch nach Schweiß, Bier und Desinfektionsmittel, sie nach Rosen und dezent nach dem Parfüm, das er so sehr vermisst hatte, seit sie nicht mehr ins Büro gekommen war. Sie fühlte sich unvertraut und gleichzeitig vertraut an, als hätte er sie vor langer Zeit schon mal in den Armen gehalten, als hätte er sich nach dieser Umarmung seit Jahren gesehnt, ohne es auch nur zu ahnen. Durch die geschlossene Tür war die Band zu hören.
So plötzlich, wie sie sich in die Arme gefallen waren, ließen sie einander wieder los. Tränen strömten Robin übers Gesicht. Einen wahnwitzigen Augenblick lang überlegte Strike, einfach zu sagen: „Komm mit“, doch manche Worte konnte man nicht mehr zurücknehmen oder vergessen machen, und diese gehörten, wie er sehr wohl wusste, dazu.

„Ich hab gesehen, wie ein Kind umgebracht wurde“, sagte der Fremde. „Erwürgt.“

Billy

Strike schätzte den Mann in der Mitte des Raums auf etwa Mitte zwanzig. Strähnig dunkles Haar hing um sein dünnes, dreckverschmiertes Gesicht, das von zwei glühenden Augen in tiefen Höhlen dominiert wurde. Sein T-Shirt, der Kapuzenpulli und die Jeans waren verschlissen und schmutzig, die Sohle eines Turnschuhs löste sich vom Leder. Dem Detektiv stieg der Geruch eines ungewaschenen Tiers in die Nase.
Der Fremde war ganz offenkundig geisteskrank. Etwa alle zehn Sekunden berührte er wie bei einem unbeherrschbaren Tic erst seine Nasenspitze, die vom vielen Antippen schon ganz rot war, dann klopfte er sich mit einem leisen, hohlen Geräusch gegen den Brustkorb. Anschließend ließ er die Hand wieder fallen, sodass sie an seiner Seite hinabbaumelte, nur um sie gleich darauf wieder zur Nasenspitze zu führen. Es war, als hätte er vergessen, wie man sich bekreuzigte, oder das Ritual aus Geschwindigkeitsgründen stark vereinfacht. Nase, Brustkorb, Hand an der Seite; allein das Zuschauen machte einen nervös – umso mehr, als er sich der Handlung kaum bewusst zu sein schien. Es handelte sich um eine jener kranken, trostlosen Gestalten, denen man in der Hauptstadt tagtäglich begegnete und die man nach Möglichkeit ignorierte. So wie den Obdachlosen in der U-Bahn, dem niemand in die Augen sehen wollte; die zeternde, keifende Frau, bei deren Anblick die Leute die Straßenseite wechselten; gebrochene Existenzen – zu alltäglich, als dass man viele Gedanken auf sie verschwendete.
„Sind Sie das?“, fragte der Mann mit dem lodernden Blick, während er sich erneut an Nase und Brust tippte. „Sind Sie Strike? Der Detektiv?“
Mit der Hand, die nicht unablässig Nase und Brust berührte, zerrte er an seinem Hosenschlitz. Denise wimmerte vor Angst; würde er sich gleich unvermittelt entblößen? Es lag durchaus im Bereich des Möglichen.
„Ja, ich bin Strike“, sagte der Detektiv und stellte sich zwischen den Besucher und seine Aushilfe. „Alles klar, Denise?“
„Ja“, flüsterte sie immer noch mit dem Rücken zur Wand.
„Ich hab gesehen, wie ein Kind umgebracht wurde“, sagte der Fremde. „Erwürgt.“
„Okay“, sagte Strike nüchtern. „Gehen wir nach nebenan.“ Mit einer einladenden Geste bat er den Mann in sein Büro.
„Wie heißen Sie?“, fragte Strike und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.
„Billy.“
Seine Hand berührte drei Mal schnell hintereinander Nase und Brust. Als er sie nach dem dritten Mal sinken ließ, packte er sie mit der freien Hand und hielt sie fest.
„Also, Billy. Sie haben gesehen, wie jemand ein Kind erwürgt hat?“
„Die Polizei, schnell!“, plärrte Denise nebenan.
„Was hat sie gesagt?“, keuchte Billy. Als er sich nervös zum Vorzimmer umdrehte, traten die tief in den Höhlen liegenden Augen hervor. Er hielt weiter die Hand umklammert, um den Tic zu unterdrücken.
„Ach, gar nichts“, sagte Strike beiläufig. „Sie arbeitet an einem anderen Fall. Erzählen Sie mir von dem Kind.“
Bedächtig griff Strike nach Stift und Papier, als wäre Billy ein scheuer Vogel, den er nach Möglichkeit nicht aufschrecken wollte.
„Er hat es erwürgt, oben beim Pferd.“
„Und wann war das?“, fragte Strike.
„Ist ewig her … Ich war noch ein Kind. Es war ein kleines Mädchen, aber danach hieß es, es wär ein Junge gewesen. Jimmy war auch dabei, und er hat gesagt, es wär überhaupt nichts passiert, aber ich hab’s gesehen. Ich hab gesehen, wie er’s getan hat. Erwürgt. Ich hab’s gesehen.“

„Die Frage ist doch: Ist er geisteskrank und hat deshalb gesehen, wie ein Kind erwürgt wurde? Oder ist er geisteskrank und hat gesehen, dass ein Kind erwürgt wurde?“

Eine Einladung

Das stumm geschaltete Telefon in ihrer Handtasche vibrierte. Robin angelte es hervor und warf einen Blick aufs Display. Es war Strike. Er hatte schon mal angerufen, aber da war sie noch in der Villiers Trust Clinic gewesen.
„Hi“, sagte sie. „Sorry, ich hab den Anruf von vorhin gar nicht mitbekommen.“
„Kein Problem. Wie lief der Umzug?“
„Prima“, sagte sie.
„Ich wollte nur Bescheid geben, dass ich einen neuen Mitarbeiter angeheuert habe, einen gewissen Sam Barclay.“
„Toll“, sagte Robin und betrachtete eine schillernde Fliege auf einer riesigen hellrosa Rosenblüte. „Was hat er denn für Referenzen?“
„Er war bei der Army“, sagte Strike.
„Militärpolizei?“
„Äh … nicht direkt.“
Als Strike daraufhin Barclays Geschichte zum Besten gab, musste Robin unwillkürlich grinsen. „Du hast einen Hasch rauchenden Maler und Innenausstatter eingestellt?“
„Dampfend. Haschisch dampfend“, korrigierte Strike, und Robin war sich sicher, dass er ebenfalls grinste. „Er ist nämlich auf dem Gesundheitstrip. Sie haben gerade ein Kind bekommen.“
„Tja, klingt … interessant.“
Sie wartete, doch Strike war verstummt.
„Dann bis Samstagabend“, sagte sie schließlich.
Robin hatte sich verpflichtet gefühlt, Strike zu ihrer Einweihungsparty einzuladen. Alles andere hätte seltsam ausgesehen, immerhin hatte sie Andy Hutchins, ihren besten und zuverlässigsten Mitarbeiter, ebenfalls gebeten zu kommen. Zu ihrer Überraschung hatte Strike die Einladung angenommen.
„Ja, bis dann.“
„Kommt Lorelei auch?“, fragte Robin und bemühte sich um einen beiläufigen Tonfall – mit fragwürdigem Erfolg.
„Ja, sie kommt auch. Die Einladung galt doch für …“
„Natürlich, für euch beide. Also gut, bis dann …“
„Moment noch“, sagte Strike. „Heute ist etwas Seltsames passiert …“
Aufmerksam und ohne ihn zu unterbrechen, lauschte Robin Strikes lebhafter Schilderung von Billys kurzem Besuch. Dabei war von kühler Distanziertheit nichts mehr zu spüren. Er klang genau wie der Strike von vor einem Jahr.
„Er war definitiv geisteskrank“, erklärte er. „Wahrscheinlich psychotisch.“
„Ja, aber …“
„Ich weiß. Die Frage ist doch: Ist er geisteskrank und hat deshalb gesehen, wie ein Kind erwürgt wurde? Oder ist er geisteskrank und hat gesehen, dass ein Kind erwürgt wurde?“
Darauf wussten beide keine Antwort. Für eine Weile dachten sie schweigend über Billys Geschichte nach – wohl wissend, dass der andere genau das Gleiche tat. Dieser kurze kameradschaftliche Augenblick der Kontemplation wurde jäh durch einen Cockerspaniel beendet, der sich unbemerkt durch die Rosenbüsche angepirscht hatte und nun seine kalte Nase ohne Vorwarnung gegen Robins nacktes Knie drückte. Sie kreischte auf.
„Was zum Teufel …“
„Nichts, nur ein Hund …“
„Wo steckst du überhaupt?“
„Auf einem Friedhof.“
„Was? Warum?“
„Ich erkunde mein neues Viertel. Tja, ich geh dann mal“, sagte sie und stand auf. „Muss noch ein paar Möbel aufbauen.“
„Na dann“, sagte Strike wieder so schroff wie zuvor. „Bis Samstag!“
„Bitte entschuldigen Sie“, sagte die betagte Besitzerin des Cockerspaniels. „Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor Hunden.“
„Ganz und gar nicht“, sagte Robin mit einem Lächeln und streichelte den weichen, goldblonden Kopf des Hundes. „Er hat mich nur ein bisschen erschreckt.“
Als sie auf dem Rückweg an den beiden Steinschädeln vorüberkam, musste Robin erneut an Billy denken. Strike hatte ihn so lebendig beschrieben, dass es ihr vorkam, als hätte sie ihn persönlich getroffen.
Sie war derart in Gedanken versunken, dass sie erstmals in dieser Woche am White Swan vorbeiging, ohne zu dem steinernen Schwan aufzublicken, der hoch über der Straße am Dachgiebel des Pubs thronte und Robin Mal ums Mal an ihren katastrophalen Hochzeitstag erinnerte.

Endlich geht es weiter mit der Geschichte um das Ermittlerduo Cormoran Strike und Robin Ellacott!

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»Herausragend. Der Ton des Romans ist tragikomisch, doch darunter schwelt ein Kommentar zu der Art und Weise, wie männliche Gewalt in unserer Gesellschaft toleriert wird. [...] Ein grandioses Stück Kriminalliteratur mit echtem moralischen Anspruch.«

The Sunday Times

»Man liebt die Geschichte, und man liebt es, Zeit mit den Figuren zu verbringen, und man bewundert die Autorin für ihre Stimme, ihre Beobachtungsgabe und ihren Einfallsreichtum.«

The New York Times