Stephen Chbosky: »Der unsichtbare Freund« | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

Die Stimme im Wald ...

 

 

 

Die alleinerziehende Kate muss dringend mit ihrem siebenjährigen Sohn Christopher untertauchen. Das beschauliche Örtchen Mill Grove, Pennsylvania, scheint dafür ideal zu sein. Eine Straße führt hinein, eine hinaus. Ringsum liegt dichter Wald. Doch kurz nach ihrem Umzug beginnt der kleine Christopher eine Stimme zu hören. Und merkwürdige Zeichen zu sehen. Zeichen, die ihn in den Wald locken.

50 JAHRE DAVOR

Der kleine David Olson wusste, dass er in Schwierigkeiten steckte. Sobald Mom und Dad zurückkamen, würde er was erleben können. Seine einzige Hoffnung waren die Kissen, die er unter die Decke gestopft hatte, damit es aussah, als läge er im Bett. So machten es die Leute immer im Fernsehen. Doch das spielte jetzt sowieso keine Rolle mehr. Er hatte sich aus seinem Zimmer geschlichen und war am Efeu hinuntergeklettert. Dabei war er ausgerutscht und mit dem Fuß umgeknickt. Zum Glück nicht so schlimm. Nicht so wie bei einem älteren Bruder, wenn er sich beim Football verletzt hatte. Nein, so schlimm war es nicht.

Der kleine David Olson humpelte die Hays Road bergab. Dunst im Gesicht. Der Nebel waberte vom Hang herab. Er blickte auf zum Mond. Voll und bleich stand er am Himmel. Schon die zweite Nacht hintereinander. Ein blauer Mond. Das hatte ihm sein Bruder erklärt. Wie der Song, zu dem Mom und Dad manchmal getanzt hatten. Als sie noch glücklich gewesen waren. Als sie noch keine Angst um David hatten.

Blue Moon.

I saw you standing alone.

Der kleine David Olson hörte etwas in den Büschen. Kurz dachte er, dass es vielleicht wieder einer von diesen Träumen sein könnte. Aber nein, er wusste, dass es kein Traum war. Er zwang sich, wach zu bleiben. Trotz seiner Kopfschmerzen. Er musste es heute Nacht dorthin schaffen.

»David?«, wisperte eine Stimme. Zischperte. Zischsch.

Hatte da jemand gesprochen? Oder war es bloß in seinem Kopf ?

»Wer ist da?«, fragte David.

Schweigen.

Bestimmt hatte er es sich bloß eingebildet. Das war halb so wild. Wenigstens war es nicht die zischende Lady. Wenigstens träumte er nicht.

Oder doch?

Bleib auf der Straße. Wenn du auf der Straße bleibst, kriegen sie dich nicht.

Der kleine David Olson wandte den Blick von der Straße. Die Nacht war still bis auf das Zirpen einiger Grillen. Leichter Nebel leuchtete auf den Pfad zu den Bäumen. David hatte schreckliche Angst, doch er konnte nicht zurück. Alles hing von ihm ab. Er musste die Sache beenden, sonst würde sich die zischende Lady befreien. Und sein großer Bruder war der Erste, der sterben würde.

Der kleine David Olson verließ die Straße und marschierte los.
Vorbei am Zaun.
Durch das Feld.
Hinein in den Missionswald.

Schon neugierig? Dann kauf dir gleich den kompletten Text! Oder scroll' weiter und lies die Fortsetzung der Leseprobe!

Jetzt
kaufen
24,00 €

»Chbosky kehrt mit einem grusligen Roman zurück, der Stephen King alle Ehre machen würde ... Ein ideales Buch für all jene, die sich zu Tode erschrecken wollen, und das man nur bei hell brennenden Lichtern und verriegelter Tür liest.«

Kirkus Reviews

»Ein packender und zutiefst bewegender Roman.«

John Green

HEUTE

“Mom”, fragte der kleine Junge, “geht’s dir gut?”

Sie setzte ihr bestes Lächeln auf. Trotzdem verriet ihr Gesicht Angst. Wie schon vor acht Stunden, als sie ihn mitten in der Nacht geweckt und ihn aufgefordert hatte, seine Sachen zu packen.

“Mach schnell”, flüsterte sie.

Der kleine Junge folgte ihrer Anweisung und warf all seine Habseligkeiten in einen Schlafsack. Als er auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer schlich, kam er an Jerry vorbei, der auf dem Sofa schnarchte. Jerry rieb sich mit den tätowierten Fingern über die Augen. Kurz war es, als würde er gleich aufwachen. Doch dann schlief er weiter. Und während er so bewusstlos dalag, stiegen sie ins Auto. Im Handschuhfach das Geld, von dem Jerry nichts wusste. Alles andere hatte er sich unter den Nagel gerissen. In der nächtlichen Stille fuhren sie davon. Während der ersten Stunde schaute seine Mom öfter in den Rückspiegel als auf die Straße.

“Mom, meinst du, er findet uns?”, fragte der kleine Junge.

“Nein.” Sie zündete sich die nächste Zigarette an.

Der kleine Junge blickte zu seiner Mutter hinüber. Und im Licht des Morgens fiel ihm zum ersten Mal auf, dass das Rote an ihrer Wange keine Schminke war. Da kam dieses Gefühl über ihn, und er sagte es zu sich selbst:

Du darfst sie nicht enttäuschen.

Das war sein Versprechen. Er schaute seine Mutter an und dachte: Ich werde dich beschützen. Nicht so wie damals, als er noch ganz klein und hilflos gewesen war. Jetzt war er größer. Und auch seine Arme würden nicht immer flach und mager bleiben. Er nahm sich vor, Liegestütze zu machen. Er wollte größer für sie werden und sie beschützen. Für seinen Dad.

Du darfst sie nicht enttäuschen.

Du musst deine Mutter beschützen.

Du bist der Mann im Haus.

Er sah aus dem Fenster, und sein Blick fiel auf ein altes Plakat. Auf dem verwitterten Bild, das eine Art Tasse zeigte, stand: “Du hast einen Freund in Pennsylvania.” Vielleicht hatte seine Mutter ja recht. Vielleicht war diesmal wirklich alles anders. Es war der dritte Bundesstaat in zwei Jahren. Vielleicht würde es diesmal klappen. So oder so, er durfte sie nie im Stich lassen.

Christopher war siebeneinhalb Jahre alt.

Plötzlich schob sich ein Schatten über die Seite. Christopher blickte auf. Und sah, wie es dahinzog und das Licht verdeckte.

Das Wolkengesicht.

So groß wie der Himmel.

Christopher klappte das Buch zu. Die Vögel schwiegen. Und die Luft wurde kalt. Zu kalt für September. Er schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete. Doch der Wachmann war noch immer verschwunden. Also wandte sich Christopher wieder dem Wolkengesicht zu.

“Hallo? Kannst du mich hören?”, fragte er.

In der Ferne grollte es leise. Ein Donnerschlag.

Christopher wusste, dass das Zufall sein konnte. Auch wenn er ein schlechter Schüler war, ein kompletter Idiot war er nicht.

“Wenn du mich hören kannst, blinzle mit dem linken Auge.”

Langsam blinzelte die Wolke mit dem linken Auge.

Christopher wurde ganz still. Angst stieg in ihm auf. Das ging nicht mit rechten Dingen zu. Das war nicht normal. Dafür umso erstaunlicher. Oben schwebte ein Flugzeug dahin und verschob das Wolkengesicht, bis es lächelte wie die Grinsekatze.

“Kannst du es regnen lassen, wenn ich dich darum bitte?”

Bevor er das letzte Wort ausgesprochen hatte, fing es an, wie aus Kübeln auf den Parkplatz zu schütten.

“Und es auch wieder aufhören lassen?”

Der Regen endete so plötzlich, wie er eingesetzt hatte. Christopher lächelte. Das machte Spaß! Anscheinend verstand das Wolkengesicht, dass er es lustig fand, denn es fing wieder an zu regnen. Und stopp. Und Regen. Und wieder stopp. Christopher lachte wie Bad Cat.

“Aufhören. Du machst mir die Schulkleider ganz nass!”

Kein Regen mehr. Auf einmal bemerkte Christopher, dass die Wolke von ihm wegtrieb. Und ihn wieder allein ließ.

“Warte!”, rief Christopher. “Komm zurück!”

Die Wolke driftete den Hang hinauf. Christopher wusste, dass es verboten war, doch er konnte nicht anders. Er lief der Wolke nach.

“Warte! Wohin ziehst du denn?”

Kein Laut, nur Regen wie aus Kübeln. Allerdings berührte er Christopher irgendwie gar nicht. Er war geschützt im Auge des Sturms. Auch wenn seine Turnschuhe auf der nassen Straße durchweicht wurden, sein roter Hoodie blieb trocken.

“Bitte geh nicht weg!”, schrie er aus vollem Hals.

Das Wolkengesicht trieb immer weiter. Die Straße entlang, zum Baseballplatz. Der Regen prasselte auf die lehmig zerklumpte Erde. Staub formte sich zu Tränen. Jetzt zum Highway, auf dem Autos hupten und über die nasse Fahrbahn schlitterten. In ein anderes Viertel mit Straßen und Häusern, die er nicht kannte. Hays Road. Casa. Monterey Drive.

Das Wolkengesicht zog über einen Zaun und ein Feld mit Gras. Schließlich hielt Christopher vor einem großen Metallschild am Zaun, auf das eine Straßenlampe schien. Mühsam versuchte er, die Worte zu buchstabieren. Endlich konnte er entziffern, was da stand …

BAUUNTERNEHMEN COLLINS

PROJEKT MISSIONSWALD

BETRETEN VERBOTEN

“Ich kann dir nicht weiter nach, sonst krieg ich Ärger!”, rief Christopher.

Nach kurzem Zögern driftete das Wolkengesicht weiter. Weg von der Straße. Hinter den Zaun.

Christopher war ratlos. Vorsichtig spähte er nach allen Richtungen. Keine Menschenseele. Er wusste, dass es falsch war. Verboten. Trotzdem kletterte Christopher unter dem Bauzaun durch. Blieb mit seinem roten Hoodie hängen. Nachdem er sich befreit hatte, stand er auf dem Feld. Überall nasses Gras, Schlamm und Pfützen. Ehrfürchtig schaute er hinauf zum Himmel.

Die Wolke war RIESIG.
Das Lächeln hatte ZÄHNE.
Ein glückliches LÄCHELN.
Christopher folgte dem Wolkengesicht.
Hinein in den Missionswald.

Der Junge

Vor Christopher breitete sich eine Lichtung aus.

Sie lag mitten im Wald. Ein vollkommener, mit Gras bewachsener Kreis. Keine Bäume mehr. Sogar den Himmel konnte er sehen. Doch irgendetwas war verkehrt. Er hatte den Wald doch erst vor wenigen Minuten betreten, und da war es noch Tag gewesen. Jetzt dagegen war es Nacht. Der Himmel war schwarz. Und es gab viel mehr Sternschnuppen als sonst. Fast wie bei einem Feuerwerk. Der Mond war so groß, dass er die ganze Lichtung erleuchtete. Ein blauer Mond.

“Hallo?”, rief Christopher mit lauter Stimme.

Es blieb still. Kein Weinen. Kein Wind. Keine Stimme. Christopher ließ den Blick über die Lichtung wandern. Nirgends etwas Auffälliges außer die Spuren zum …

Baum.

Er stand mitten in der Lichtung. Krumm wie die Hand eines alten Mannes. Eine Hand, die sich aus der Erde in die Höhe reckte, als wollte sie einen Vogel vom Himmel pflücken. Christopher konnte nicht anders, er folgte den Spuren. Er steuerte auf den Baum zu und berührte ihn. Es fühlte sich nicht an wie Rinde. Oder Holz.

Es fühlte sich an wie Haut.

Christopher machte einen Satz nach hinten. Plötzlich traf es ihn wie ein Schlag. Die unheimliche Ahnung, dass hier etwas nicht stimmte. Nichts stimmte hier. Er hätte nicht hierherkommen dürfen! Schnell wandte er sich nach dem Pfad um. Er musste fort von hier. Bestimmt machte sich seine Mom schon Sorgen. Da war der Pfad. Mit den Spuren des kleinen Kindes. Bloß dass sie sich auf einmal verändert hatten.

Neben ihnen waren jetzt die Abdrücke von Händen.

Als wäre das kleine Kind auf allen vieren gekrabbelt.

Knack!

Christopher fuhr herum. Da war jemand auf einen Zweig getreten. Er konnte hören, wie überall Geschöpfe erwachten. Um die ganze Lichtung herum. Christopher zögerte keine Sekunde länger, er rannte los. Auf dem Pfad, der hinausführte. Er erreichte den Rand der Lichtung und die ersten Bäume. Doch kaum hatte er wieder Wald um sich, blieb er wie angewurzelt stehen.

Der Pfad war verschwunden.

Suchend schaute er sich um. Der Himmel wurde jetzt dunkler, weil sich Wolken über die Sterne schoben. Und der Mond schimmerte durch das Wolkengesicht wie das gesunde Auge eines Piraten.

“Hilf mir!”, rief Christopher dem Wolkengesicht zu.

Der Wind wurde stärker, und die Wolke breitete sich über den Mond wie eine Decke. Christopher konnte nichts mehr sehen. O Gott, bitte, lieber Gott. Christopher sank auf die Knie und fing an, sich durch die Kiefernnadeln zu graben. Verzweifelt. Auf der Suche nach dem Pfad darunter. Die Nadeln klebten an seinen Händen.

Auf einmal hörte er wieder das kleine Kind.

Nur dass es nicht weinte.

Es kicherte.

Schließlich fand Christopher den Pfad mit den Händen und folgte ihm auf allen vieren. Bloß weg hier! Schneller! Das war sein einziger Gedanke. Schneller!

Das Kichern folgte ihm.

Christopher sprang wieder auf und rannte, was das Zeug hielt. So schnell, dass er vom Pfad abkam. Immer weiter lief er durch die Dunkelheit. Durch die Bäume. Seine Beine knickten ein, als er in den Bach stolperte. Vorbei am Ziegensteig. Er stürzte und schlug sich das Knie auf. Doch das war ihm egal. Er rannte weiter. In vollem Sprint. Dann sah er vorn ein Licht. Das war es. Er wusste es. Die Straßenlaterne. Irgendwie hatte er zurück zur Straße gefunden.

Das Kichern war jetzt direkt hinter ihm.

Christopher raste Richtung Straße. Auf das Licht zu. Über ihm die Äste des letzten Baums. Dann stoppte er, als er merkte, dass es gar nicht die Straße war.

Er war wieder auf der Lichtung.

Das Licht kam nicht von der Straßenlaterne.

Es kam vom Mond.

Sechs
Tage
lang
blieb
Christopher
verschwunden.

Die junge Frau

Mary Katherine musste sich ein Frühwarnsystem ausdenken. Damit sie merkte, ob ihre Handlungen so sündhaft waren, dass Gott sie in die Hölle verbannen würde. Wochenlang konnte sie nicht darüber nachdenken. Dann, als sie bei einer ihrer ersten Autofahrten an einem Hirsch neben der Straße vorbeikam, fiel es ihr ein.

Einen Hirsch überfahren.

“Lieber Gott”, bat sie, “lass mich einen Hirsch überfahren, wenn ich in die Hölle muss.”

So verrückt dieses Abkommen klang, es nahm ihr sofort die Angst. Sie schwor, nie jemandem davon zu erzählen. Ihrer Mutter nicht. Mrs. Radcliffe nicht. Father Tom nicht. Nicht einmal ihrem Freund Doug. Diese Abmachung ging nur sie und ihren Schöpfer etwas an.

“Lieber Gott, wenn ich einen Hirsch überfahre, zeigt mir das, dass Du mich aufgegeben hast, weil ich so furchtbar gegen Dich gesündigt habe. Dann habe ich Zeit, es wiedergutzumachen. Ich bereue, dass mir Dougs Berührung auf dem Pullover Spaß gemacht hat (die Brust hat er nicht berührt!). Es tut mir wahnsinnig leid.”

23:57

Immer wieder sprach sie diese Worte. So oft, dass sie zum Hintergrundrauschen wurden. Wie die Baseballspiele, die ihr Dad beim Bauen seiner Modellschiffe im Radio laufen ließ, oder der Staubsauger ihrer Mutter, der die Teppiche sauber hielt. Jedes Mal, wenn sie am Straßenrand einen Hirsch sah, bremste sie ab und betete, dass er sich nicht von der Stelle rührte.

23:58

Sie verließ den Highway und bog auf die McLaughlin Run Road. Der Mond war matt und dunkel. Sie hielt die Augen weit offen. Hier gab es viele Hirsche. Vor allem seit Mr. Collins angefangen hatte, für seine neue Wohnsiedlung einen Teil des Missionswaldes abzuholzen. Sie musste wirklich besonders vorsichtig sein.

23:59

Ihr Herz raste, und ihr Bauch spannte sich an. Noch zwei Minuten bis nach Hause. Wenn sie nicht schneller fuhr als erlaubt, kam sie zu spät. Doch wenn sie zu schnell fuhr, sprang ihr vielleicht ein Hirsch ins Auto. Die einzige andere Möglichkeit war, das letzte Stoppschild vorn an der Hügelkuppe zu missachten. Wenn sich dort irgendwelche Hirsche herumtrieben, war das schon aus fünfzig Metern Entfernung zu erkennen. Und der Wald lag weit weg von der Straße. Also war es kein großes Risiko, das Stoppschild zu überfahren.

Mitternacht

Sie musste sich entscheiden. Entweder sie missachtete das Stoppschild und kam rechtzeitig heim, oder sie hielt sich an die Vorschriften und wurde für ihre Verspätung bestraft.

“Lieber Gott, sag mir, was ich tun soll”, bat sie mit demütig ernster Stimme.

Sofort packte sie ein Gefühl.

Sie drosselte das Tempo.

Und legte im nächsten Moment eine Vollbremsung hin.

Hätte sie das nicht getan, hätte sie den kleinen Jungen gleich hinter der Kuppe übersehen, der gerade aus dem Wald stolperte. Schlammverschmiert und unterernährt. Das Gesicht des Kleinen, nach dem überall im Ort mit Vermisstenplakaten gesucht wurde. Wenn sie das Stoppschild missachtet hätte, hätte sie ihn viel zu spät bemerkt.

Und ihn garantiert mit ihrem Auto überrollt.

Die Freunde

Christopher öffnete die Werkzeugkiste und reichte Matt eine kleine Schaufel. Endlich gruben sie nach dem Schatz. Seite an Seite.

“Mit wem hast du vorhin geredet?”, fragte Matt.

“Mit mir selbst. Und jetzt beeil dich. Du willst doch nicht, dass dir jemand den Schatz wegschnappt, oder?”

In der nächsten halben Stunde gruben sie. Sie sprachen kaum. Doch das störte ihn nicht. Das Einzige, was ihn störte, war eine nagende Frage. Die Frage, von der er aufgewacht war.

Was war das für ein Geräusch?

Es lag ihm auf der Zunge. Bevor er es einordnen konnte, hörte er von hinten Special Eds Stimme.

“Was treibt ihr denn da?”

Matt und Christopher drehten sich um und bemerkten Special Ed und Mike, die näher kamen und sich den Schlaf aus den Augen rieben. Ihr Atem erzeugte Dampfwolken.

“Wir graben nach einem Schatz”, antwortete Matt.

“Können wir mithelfen?”, fragte Mike.

“Klar.”

Nach einem Frühstück aus gefrorenen Oreos und der letzten Milch machten sich Special Ed und Christopher wieder hackend an die Suche nach einem Schatz. 

Kein Schatz tauchte auf.
Doch um 7:06 Uhr stießen sie auf ein Kinderskelett.

Die alte Frau

Mrs. Collins’ Mutter saß im Aufenthaltsraum des Altenheims. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie dort hingekommen war. Und wer sie war. Wer ihre Tochter war. Oder ihr reicher Schwiegersohn. Sie dachte kurz daran, dass die Frau in den Nachrichten ihr von einem toten Kind erzählt hatte und dass nähere Einzelheiten noch nicht bekannt waren. Dann kam ein lauter Kerl namens Ambrose ins Zimmer und erklärte ihr, dass es nicht ihr Kind war. Er sagte, dass ihre Tochter putzmunter war und sich darauf freute, später am Nachmittag noch ein paar Teenager zu schikanieren. Und jetzt Klappe. Er wollte die Nachrichten hören.

Mrs. Collins’ Mutter mochte Ambrose nicht. Es war ihr egal, dass er fast blind war. Vulgär blieb vulgär. Sie wandte sich wieder dem Fernseher zu und versuchte, sich an etwas anderes zu erinnern. Etwas Wichtiges. Doch sie kam nicht drauf. Und genau als nach dem Ende der Nachrichten das Footballspiel anfing, fiel es ihr wieder ein.

Sie mussten alle bald sterben.
Ja, das war es.
Sie mussten alle sterben.
Der Tod kommt. Der Tod ist hier.
Wir sterben am Weihnachtstag.

Die Mutter

Natürlich empfand Kate wie andere Eltern Stolz. Seit seiner fehlerlosen Matheprobe hatte sie sich darüber gefreut, wie glücklich er war. Christopher war nie besonders gut im Sport gewesen. Auch in der Schule nicht. Und das quälte ihn. Trotzdem war ihr völlig klar, dass ihr Sohn ein feiner Kerl war. Wenn es Goldmedaillen für guten Charakter gegeben hätte (und warum war das eigentlich nicht so?), dann hätte Christopher alle vier Jahre auf dem Podium die Nationalhymne gesungen. Und er war noch immer der kleine Junge, den sie seit seiner Geburt liebte.

Doch er hatte sich verändert.

Nein, er war nicht besessen oder ein Doppelgänger. Sie kannte ihn. Sie wusste, das war ihr Sohn. Doch wie oft hatte sie erlebt, dass sich Christopher mit einfachen Lesebüchern abmühte? Wie lang hatte sie mit ihm Matheaufgaben gepaukt? Wie viele Jahre hatte er geweint, weil er nicht verstand, warum ihm die Buchstaben immer durcheinandergerieten. Er kam sich vor wie ein Versager. Wie ein Idiot. Und dann, fast über Nacht, schaffte er die Wende. Nur dass es nicht über Nacht passiert war.

Sondern in sechs Tagen.

Zunächst war ihr nichts aufgefallen, weil die Ereignisse sie einfach mitgerissen hatten. Sie war so glücklich, dass er wohlbehalten zurückgekommen war. So stolz auf seine plötzlichen Erfolge in der Schule. Das Lesen. Die Matheprobe ohne Fehler. Dann kam der Lotteriegewinn. Das eigene Haus. Die neuen Kleider. Das Regal mit den Entenmotiven füllte sich mit Büchern, die Christopher mit einem Mal zu verschlingen schien. Doch tief in ihrem Herzen nagte etwas an ihr.

Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann stimmt was nicht.

Der unsichtbare Freund

Du darfst nie ohne mich hierherkommen. Und vor allem nicht nachts.

Der Junge

Etwas beobachtete ihn.

Kaum hatte Christopher die Tür zum Baumhaus geschlossen, da spürte er es. Ein großes Auge. Erstickend wie eine Decke. Lauernd schweifte es umher. Auf der Suche.

Auf der Jagd.

Der Junge

Christopher wusste, dass es ein schreckliches Risiko war. Er sollte nicht allein hierher kommen. Das hatte er dem netten Mann versprochen. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Der nette Mann war irgendwo gefangen. Oder vielleicht schon tot. Christopher musste es herausfinden. Er wollte Beweise. Einen Anhaltspunkt. Irgendetwas. Doch er hatte keine Ahnung, was ihn hinter dieser Tür erwartete.

Christopher spähte durchs Fenster und sah die tief stehende Sonne am Himmel. Bis zum Einbruch der Dunkelheit blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Es hieß jetzt oder nie. Er legte ein Ohr an die Tür. Zuerst schien alles normal. Dann hörte er ein leises Geräusch.

kRatz. kRatz. kRatz.

Da war etwas unter dem Baum.

kRatz. kRatz. kRatz.

Christopher wandte sich wieder zum Fenster. Hirsche trotteten über die Lichtung und hinterließen Spuren im Winterschnee. Sie steuerten auf den Baum zu und scharrten mit ihren Hufen.

kRatz. kRatz. kRatz.

“Vergiss nicht, Christopher”, hatte ihm der nette Mann eingeschärft, “die Hirsche arbeiten für sie.”

Die Mutter

Sie hielt ihren Sohn, der keine Kraft mehr hatte, sich gegen die Tablette zu sträuben. Das war ihre Chance.

Gib ihm das Medikament, Kate.

Christophers Mutter drückte ihren Jungen an sich, der krampfhaft schluchzte und vor Schlafmangel zitterte. Erinnerungen an ihre Jahre als Mutter durchströmten sie. Jedes zur kühlen Seite gedrehte Kissen. Jeder Grillkäsetoast, den sie zubereitet hatte, wie er ihn liebte.

Gib ihm das Medikament, Kate. Sei keine schlechte Mutter!

Zögernd lauschte Christophers Mutter der Stimme nach.

Du bist eine schlechte Mutter, Kate. Gib ihm endlich das Medikament!

Da begriff sie auf einmal, dass das nicht ihre Stimme war.

Sie klang natürlich nach ihr. War fast perfekt. Der Ton war richtig. Sie konnte manchmal hart mit sich ins Gericht gehen. Sie führte einen inneren Monolog, der im Lauf der Jahre die eine oder andere schonungslose Wahrheit zutage gefördert hatte.

Aber …

Kate Reese war keine schlechte Mutter. Nein, sie war eine hervorragende Mutter. Wenn sie sich in ihrem Leben durch etwas hervorgetan hatte, dann durch ihr Handeln als Christophers Mutter. Und irgendwer lieferte hier eine perfekte Nachahmung ihrer inneren Stimme ab, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Jemand, der wollte, dass ihr Sohn einschlief. Jemand, der es auf ihren Sohn abgesehen hatte.

“Wer ist das?”, fragte Christophers Mutter laut. “Wer ist da?”

Im Zimmer blieb es still. Doch sie spürte ein Kriechen.

“Glaubst du mir jetzt, Mom?”, flüsterte Christopher.

Christophers Mutter fixierte das Fläschchen in ihrer Hand. Mit einer einzigen Bewegung kippte sie den gesamten Inhalt in die Spüle.

“Ja, Schatz. Pack deine Sachen. Wir hauen ab von hier.”

Die junge Frau

Als sie hundertsechzig Stundenkilometer erreichte, spürte Mary Katherine, wie die Welt um sie herum still wurde. Sie hatte keine Ahnung, warum sie es tat. Es fühlte sich an, als würde jemand anders aufs Gas drücken. Nach dem Telefon greifen. Und wutentbrannt eine Antwort an die Person tippen, die sie schikanierte.

WER IST DAS, VERDAMMT?!

Sie legte das Telefon weg.

Der Tacho zeigte zweihundert Stundenkilometer.

Die Mutter

Christophers Mutter startete den Wagen und schob sich von der Tankstelle hinauf zur Straße. An der Fort Couch Road hatte der Wind einen Baum umgestürzt, daher wendete sie und fuhr nach Westen. Vorbei an der Highschool. Von dort aus gab es eine Abkürzung zum Highway. Von dort konnte sie in weniger als einer Stunde in West Virginia sein.

“Trink dein Cola.”

“Hab ich schon.”

“Ich weiß, dass du müde bist, Schatz. Bleib bitte trotzdem noch wach.”

“Ich muss mich hinten hinlegen und schlafen.”

“In einer Stunde sind wir in West Virginia. Dann kannst du ein paar Tage durchschlafen.”

“Die zischende Lady lässt mich bestimmt nicht weg, Mom.”

“Schnall dich wieder an!”

“Keine Sorge. Der nette Mann hat gesagt, er findet mich. Ich bin nicht allein.”

Er hatte keine Kraft mehr, um auf die Rückbank zu klettern. Die Augen fielen ihm zu.

Verzweifelt schüttelte sie ihren Sohn. “NEIN! WACH AUF! WACH AUF!”

Sie packte die große Flasche und goss ihm Wasser über den Kopf, bis er die Augen aufriss. Sie reichte ihm noch eine Dose Cola.

Sein Arm war so schwach, dass er sie nicht halten konnte. “Mom …”

“Was ist, Schatz?”

“Sie wird ausweichen, damit sie nicht mit dem Hirsch zusammenstößt.”

“Was?”

“Sei nicht böse auf sie. Das muss alles so kommen.” Er berührte sie an der Hand und drehte sich ruhig zum Fenster.

Genau in diesem Moment sprang der Hirsch vor Mary Katherines Auto. Mary Katherine riss das Steuer herum, und Christophers Mutter sah, wie die zwei Scheinwerfer direkt auf ihren Sohn im Beifahrersitz zuschossen.

Christophers Mutter starrte in die Scheinwerfer. Sie spürte das Kitzeln, das seine Berührung auf ihrer Hand hinterlassen hatte, und die Zeit stand still.

 

Hochspannend gelesen von David Nathan.
Das Hörbuch zu “Der unsichtbare Freund” erscheint ab dem 11. November 2019.

Stephen King meets Stranger Things!

Jetzt
kaufen
24,00 €

»Chbosky kehrt mit einem grusligen Roman zurück, der Stephen King alle Ehre machen würde ... Ein ideales Buch für all jene, die sich zu Tode erschrecken wollen, und das man nur bei hell brennenden Lichtern und verriegelter Tür liest.«

Kirkus Reviews

»Ein packender und zutiefst bewegender Roman.«

John Green