Krystal Sutherland: Unsere verlorenen Herzen | Leseprobe read’n’go

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Kann es mehr als eine große Liebe geben?

Der 17-jährige Henry war noch nie verliebt. Kein Herzklopfen, keine Schlaflosigkeit, keine großen Gefühle. Bis seine neue Mitschülerin Grace vor ihm steht: in schlabbrige Jungsklamotten gehüllt, mit einem kaputten Bein und einer kaputten Seele. Ihre Zerbrechlichkeit macht sie in Henrys Augen nur noch schöner. Aber Grace lässt Henry kaum an sich heran – bis sie ihn eines Tages völlig unvermittelt küsst. Henry wagt es, zu hoffen. Doch irgendein ungreifbares Geheimnis scheint zwischen ihnen zu stehen …

Die ersten Wochen

Während der ersten Wochen fragte ich mich in diesen langen, verschwimmenden Nachmittagen, ob sie ihren Körper genauso überdeutlich wahrnahm wie ich. Jedes Mal, wenn wir uns vorstreckten und zufällig Haut an Haut streiften, bei jedem Lachanfall, wenn einer von uns die Stirn in der Schulter des anderen vergrub. An manchen Tagen suchte Grace diesen spontanen Körperkontakt. An anderen Tagen benahm sie sich wie eine Marionette, und jede ihrer kontrollierten Bewegungen war darauf ausgerichtet, dass wir uns nur ja nicht berührten, dass wir nur ja nicht zu nah beieinandersaßen.

Normalerweise konnte ich andere Menschen ziemlich gut einschätzen, aber Grace Town war eine Anomalie, ein schwarzer Fleck auf meinem Radar. Ich war echt kein Fan von Twilight, aber mittlerweile verstand ich, wieso Edward sich zu so einer Langweilerin hingezogen fühlte (nicht dass Grace langweilig gewesen wäre – sie war klug und witzig und ihr Humor war schwarz wie Batman). Aber ich verstand endlich das Interesse des Glitzer-Boys an Bella. Je weniger ich Grace einschätzen konnte – je weniger ich sie verstand –, desto faszinierter war ich von ihr, und desto drängender wurde der Wunsch, endlich herausfinden, was in dem dunklen, verwinkelten Labyrinth ihres scharfen Verstands vor sich ging.

An manchen Tagen waren wir wie alte Freunde. An manchen Tagen steckte sie ihre Ohrstöpsel ein und sagte außer einem Abschiedsgruß kein Wort zu Lola und mir. An manchen Tagen tauchte sie gar nicht erst auf. Ich nahm es hin, wie es kam, und wurde dabei immer tiefer in den Tornado namens Grace hineingesogen.

An den Guten Grace-Tagen, den Tagen, an denen sie sich auf uns einließ, bekam ich Folgendes heraus:

Grace Town war früher einmal Läuferin gewesen (einfach nur zum Spaß!). Genauer gesagt vor dem Unfall.

Grace Town trank keinen Kaffee.

Grace Town verbrachte ihre Freizeit damit, Wikipedia-Artikel über Serienkiller und Flugzeugabstürze zu lesen.

Grace Towns Geburtstag war am Wochenende nach Thanksgiving.

Grace Town mochte Breaking Bad und Star Wars und Game of Thrones, nicht jedoch Star Trek oder Doctor Who (was fast das vorzeitige Aus bedeutet hätte – aber nur fast).

Es gibt Dinge, die sind es wert, dass man für sie kämpft.

Wir waren wunderschön

Eines Nachmittags in der ersten Oktoberwoche nahm sich Lola großzügig meines Anliegens an und verkündete, dass sie Grace und mich als Models brauchte, um sich Anregungen für ihre Cartoons im Kunst-Kurs zu holen. Zu dritt gingen wir in der Dämmerung auf das menschenleere Fußballfeld. Lola hatte die Kamera um den Hals und machte eine Reihe von Aufnahmen, auf denen wir immer ausgelassener herumalberten. Sie waren nicht ganz so bewegt, wie Lola sie gern gehabt hätte – die Dirty-Dancing-Pose war für Grace mit ihrem verletzten Bein einfach nicht drin –, aber am Ende landeten wir von Lachanfällen geschüttelt im Gras.

„Du schuldest mir was“, sagte Lola am nächsten Morgen und drückte mir an meinem Spind im Vorbeigehen ein Foto an die Brust. Es zeigte einen unverstellten Augenblick, eingefangen in Schwarz und Weiß. Ich hatte die Augen geschlossen, den Kopf geneigt, und ein leichtes Lächeln umspielte meine Lippen. Grace hatte ihren Arm um meinen Hals geschlungen und blickte direkt in die Kamera. Ihre Nase kräuselte sich, so sehr musste sie lachen. Ich hatte sie noch nie herzlich lächeln sehen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie dazu überhaupt fähig war.

Rasch steckte ich das Foto in mein Biologie-Buch. Wenn Grace es in die Hände bekäme, würde sie es sofort konfiszieren. Aber als ich am Nachmittag den Redaktionsraum betrat, war irgendetwas anders als sonst. Ich brauchte ein paar Minuten, um herauszufinden, was es war. Ein kleines Rechteck klebte an der Glasscheibe vor Grace’ Schreibtisch. Es war ein Foto. Ich stand von meinem Stuhl auf und ging hinüber, um es mir genauer anzusehen. Es zeigte ein blondes Mädchen und einen dunkelhaarigen Jungen in Grautönen. Das Mädchen gab dem breit grinsenden Jungen einen Kuss auf die Wange und ihre Hand umfasste leicht sein Kinn. Sie sahen uns nicht im Geringsten ähnlich. Da waren kein schlaksiger, linkischer Typ und kein ungepflegtes Tomboy-Mädchen mit Gehstock. Lola hatte uns beide so eingefangen, wie ich uns noch nie zuvor gesehen hatte.

Wir waren Figuren aus einem Film.
Wir sprühten vor Leben.
Wir waren einfach wunderschön.

Warum nicht?

„Hattest du schon mal eine feste Freundin, Henry?“, wollte sie wissen.

Die Frage brachte mein Herz auf Hochtouren. „Ähm, nein, nicht richtig.“

„Warum nicht?“

„Ich … ähm … Shit, ich bin nicht so gut darin, anderen Sachen anzuvertrauen.“

„Das hab ich schon bemerkt. Warum ist das so? Ich dachte, du kannst gut schreiben?“
„Genau. Ich kann schreiben. Ich könnte nach Hause gehen und einen Essay verfassen, warum ich noch nie eine Freundin hatte, und es würde ein richtig guter Text werden. Aber ich bin eine Niete, wenn ich etwas nicht zu Papier bringen, sondern spontan erzählen soll.“

„Heißt das, du machst immer erst einen Entwurf? Filterst alles?“

„So wie du das sagst, klingt es ziemlich deprimierend. Aber ja, ich schätze, so ist es.“

„Das ist Quatsch. Du verlierst das Raue und Ursprüngliche, das Wahre über dich selbst, wenn du alles zuerst kritisch durchleuchtest.“

„Kann sein. Jedenfalls, wenn es dir auf das Raue und Ursprüngliche ankommt. Mir fällt es schwer, das rüberzubringen, was ich sagen will, wenn ich es nicht aufschreibe.“

„Warum versuchst du es nicht einfach mal?“

„Wie denn?“
„Sag mir die Rohfassung, warum du noch nie eine Freundin hattest. Spuck es einfach aus.“

„Weil … es gibt so viele Gründe. Weil ich siebzehn bin. Weil es mir nichts ausmacht, allein zu sein. Es gefällt mir sogar. Ich bin umgeben von Teenagern, die sich ständig auf dramatische Beziehungen einlassen, die schlecht für sie sind, nur um dann doch wieder Schluss zu machen. Für so was habe ich nichts übrig. Ich will das, was meine Eltern haben: eine außergewöhnliche Liebe.“

„Dir ist aber schon klar, dass du vieles verpasst, was toll sein könnte? Manchmal muss man sich erst auf was einlassen, um zu erkennen, dass es außergewöhnlich ist.“

„Tja, stimmt wohl … ich meine, kann sein.“

„Hauptsache, es ist dir bewusst. Das war übrigens ziemlich gut für eine Rohfassung. Du kannst deine Antwort aber gern überarbeiten und sie mir in Textform einreichen, wenn du das für nötig hältst.“

„Ich geb dir Bescheid. Vielleicht schicke ich dir in ein paar Tagen einen Essay.“

„Okay, Henry Page. Ich habe dir drei Fragen gestellt. Die magische Zahl. Jetzt darfst du mich was fragen.“

„Was soll ich dich denn fragen?“

„Wenn du erst fragen musst, was du mich fragen sollst, hast du den Zweck des Spiels nicht kapiert. Frag einfach, was du wissen willst.“

„Was ist mit deinem Bein passiert?“

Grace drehte den Kopf und sah mich an. Wir waren nur eine Handbreit voneinander entfernt. Ich spürte die Wärme ihres Atems auf meinen Lippen. „Was für eine langweilige Frage.“

„Warum?“

„Weil die Antwort nichts über mich als Person aussagt. Ich habe tiefschürfende Fragen über deine Lieblingsfarbe, dein Lieblingslied und dein Single-Dasein gestellt, und dir fällt nichts Besseres ein, als etwas zu fragen, das so offensichtlich ist, dass es jeder sehen kann.“

„Ich kann dich auch etwas anderes fragen, wenn du willst.“

Grace blickte zu den Sternen hinauf. „Vor etwa drei Monaten hatte ich einen Autounfall. Einen schweren. Das Fahrzeug hat sich siebenmal überschlagen. Danach war ich einen Monat im Krankenhaus, wo mein Bein mit Schrauben und Hauttransplantationen wieder zusammengeflickt wurde. Eine Woche lang war ich fast ununterbrochen bewusstlos, eine Woche lang wollte ich sterben, damit der Schmerz aufhört. Dann ging es mir langsam wieder besser. Ich lernte wieder zu gehen. Ich habe ein paar hässliche Narben zurückbehalten. Nein, du kannst sie nicht sehen. War es das, was du wissen wolltest?“

Da wurde mir klar, dass Grace Town ein zersplittertes Stück Glas war, an dem ich mich immer wieder schneiden würde.

Sei kein Idiot

Ich stand da und sah ihr nach. Ihr Handylicht wurde schwächer und schwächer, bis Grace schließlich von der Finsternis verschluckt wurde und nichts von ihr zurückblieb, nicht mal ein Geräusch. Ich stand allein in der Dunkelheit.

Meine Gefühle ballten sich in meinen Eingeweiden zu einem Knoten zusammen. Sonst wusste ich immer genau, wie ich meine Emotionen zu deuten hatte. Glücklich, traurig, wütend, beschämt – sie waren nicht schwer zu katalogisieren und etikettieren. Aber das hier war was Neues. Ein Geflecht aus Gedanken, das sich in alle Richtungen verzweigte und bei dem keine der vielen Verästelungen sonderlich viel Sinn ergab. Das Gefühl war riesig, groß wie die Galaxie, so gewaltig und vielschichtig, dass sich mein armes kleines Gehirn keinen Reim darauf machen konnte. Es war so, wie wenn man erfährt, dass die Milchstraße aus 400 Milliarden Sternen besteht und denkt: O Shit, das ist ganz schön groß. Dein mickriges Menschenhirn wird diese gigantischen Dimensionen nie richtig begreifen können, weil wir für etwas so Großes einfach nicht gemacht sind. So ähnlich war es jetzt auch.

Normalerweise merkte ich es, wenn Mädchen mich mochten. Zumindest erkannte ich, ob sie mit mir flirteten. Aber Grace Town flirtete nicht. Grace Town mochte mich nicht. Und falls doch, dann zeigte sie es nicht auf die Art, wie ich es gewohnt war.

Und ich merkte es auch, wenn ich ein Mädchen mochte. Bei Abigail Turner (aus dem Kindergarten) und Sophi Zhou (aus der Grundschule) hatte mich der Liebeswahn gepackt und ich war regelrecht von ihnen besessen gewesen. Bei Grace war dieses Gefühl nicht da. Ich hätte nicht mal sagen können, ob ich sie überhaupt attraktiv fand. Ich verspürte kein brennendes Verlangen nach ihr. Ich sehnte mich nicht danach, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und sie zu küssen. Ich fühlte mich nur … zu ihr hingezogen. Es war, als übte sie Gravitationskräfte auf mich aus. Ich wollte um sie kreisen und ihr auf meiner Umlaufbahn nah sein, so wie die Erde im Orbit der Sonne.

„Sei kein Idiot, Henry“, sagte ich mir.

„Du darfst diesem Mädchen nicht verfallen, sonst bringt sie dich noch zu Fall.“

Zu Hause angekommen, öffnete ich die Notiz-App meines Handys und schrieb:

 

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