Phillips: Und wenn sie tanzt | Leseprobe read’n’go

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Es war kein Pseudonym, wie alle anderen eins verwendeten.

Der Junge hielt die Spraydose vollkommen gerade.

… Fixierte sie dicht vor dem geriffelten rostfreien Stahl. Drückte den Sprühkopf und beobachtete, wie der glänzende Strahl aus roter Farbe den Buchstaben I formte.
Er hatte es geschafft. Er hatte eine Bahn erwischt. Eine Wand oder das Rolltor irgendeines doofen Pfandhauses konnte jeder ansprühen, aber nur echte Outlaws, nur die besten Sprayer, konnten einen Wagen der New Yorker U-Bahn taggen. Und er war erst zehn Jahre alt.
Der Weg von der Upper East Side hierher war genauso gefährlich, als würde man sich in dem verdammten Bosnien oder dem Irak oder irgendeinem anderen Krisengebiet durchschlagen. Der Marsch im Dunkeln durch den Central Park. Der Einstieg in die Linie 1 Richtung Norden mit vier Dosen Krylon in seinem Rucksack. Er hatte die Kapuze seines schwarzen Sweatshirts über den Kopf gezogen, um sich für die Betrunkenen und Junkies in der Bahn unsichtbar zu machen, während er bis zur 207th Street gefahren war. Dieses verschissene Inwood, eins der schlimmsten Viertel in Manhattan, wo Mord und Raubüberfälle an der Tagesordnung waren.
Das Anschleichen im Schatten. So war es ihm gelungen, an den Wachleuten vorbei ins Depot zu kommen, wo er sich geduckt durch den nächtlichen Dschungel aus Schienen und Metall geschlängelt hatte, um seinen ersten Zug zu taggen.
Er sprühte ein paar Grashalme in Orange und Dunkelrot auf den unteren Bereich des Wagens. Er fügte coole dämonische Wesen hinzu, die zwischen den Halmen hervorspähten. Und nun, bevor man ihn entdeckte, den Rest seiner Signatur. IHN4.
Es war kein Pseudonym, wie alle anderen eins verwendeten. Er nicht. Dies hier waren seine echten Initialen, und die ersten drei Buchstaben waren dieselben, die sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater hatten. Nur die 4 gehörte ihm allein.
Alle Zeichen in derselben Größe zu malen war was für Amateure, also machte er die 4 extragroß. Letztes Jahr hatte er es nicht besser gewusst, als er sein erstes Gebäude, das Apartmenthaus am Central Park West, in dem er wohnte, getaggt hatte. Das hatte bei der Eigentümerversammlung einen Shitstorm ausgelöst. Niemand hatte ihn verdächtigt.
Fast niemand.
Wenn er nicht bald von hier verschwand, würden sie ihn entdecken. Er verpasste den Buchstaben schwarze Risse, als würden sie zerbröckeln. Hätte er doch nur einen Pinsel und die Zeit, um es richtig zu machen. Aber die hatte er nicht.
Nun musste er nur noch das Foto schießen. Wegen dieser bescheuerten neuen Strategie der Verkehrsbetriebe: Jeder besprühte Zug wurde aus dem Verkehr genommen, bis die Graffitis entfernt waren. Die einzige Möglichkeit, wie ein Sprayer seine Arbeit nachweisen konnte, war mit einem Foto. Ohne Foto existierte das Tag nicht.
Er wühlte in seinem Rucksack nach der Digitalkamera, die er von der Haushälterin zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Dann trat er ein paar Schritte vom Wagen zurück und nahm sein Motiv ins Visier, versuchte möglichst viel davon abzudecken. Das Blitzlicht konnte ihn verraten, aber dieses Risiko musste er eingehen. Ohne das Foto konnte er das Tag nicht für sich in Anspruch nehmen.
»Keine Bewegung!«
Er drückte den Auslöser. Der Blitz flammte im selben Moment auf, als ihn der Wachmann am Arm packte und die Aufnahme ruinierte.

Sein Vater holte ihn auf der Polizeiwache ab. Er war ein hohes Tier in der Stadt, und vor den Bullen tat er furchtbar nett, auf eine »Können wir das nicht unter vier Augen bereden«-Art.
Aber als sie die Wache verließen und den bröckelnden Parkplatz überquerten, schleuderte sein Dad ihn mit voller Wucht gegen die Seite seines neuen Porsche 911.
»Du beschissener Loser!« Er drehte ihm den Arm auf den Rücken und schlug ihn hart ins Gesicht. Erst rechts. Dann links. Mit der Faust.
Im Wagen glitzerten die Diamanten an den Ohrläppchen seiner Mutter, als sie sich abwandte und in die entgegengesetzte Richtung blickte.
Sein Vater stieß ihn auf den engen Rücksitz. Aber als Ian sich mit dem Ärmel seines Sweatshirts das Blut von der Nase wischte, war alles, woran er denken konnte, dass er kein Foto hatte. An die Gewaltausbrüche seines Vaters war er gewöhnt. Er würde es überleben, wie immer. Aber das Foto …
Das Foto hätte ihn zu einem Gott gemacht.

Sie schickte ihre ganzen Emotionen in ihre Füße.

Tess tanzte im Regen.

Sie tanzte in einem alten Tanktop und im Slip, ihre Füße steckten in traurigen, ehemals silbern glänzenden Ballerinas. Sie stampfte mit den Füßen auf den glitschigen, moosbedeckten Steinplatten unter dem tropfenden Nussbaum, der die Berghütte so viele Jahre geschützt hatte. Heute tanzte sie zu Hip-Hop, gestern zu Reggae, vorgestern … vielleicht zu Grunge, vielleicht auch nicht, Hauptsache, die Musik war laut, laut genug, um eine Komplizin ihrer Wut zu sein, um die Trauer zu heiligen, die nie, niemals weggehen würde. Die Art von Lautstärke, die in Milwaukee nicht möglich war, aber hier auf dem Runaway Mountain, wo Rehe und Waschbären ihre nächsten Nachbarn waren, konnte sie ihren Sound so laut aufdrehen, wie sie es brauchte.
Der kalte, feuchte Februarwind in East Tennessee trug den Geruch von modrigen Blättern und Stinktier mit sich. Es war nicht das richtige Wetter, um sich nur in Unterwäsche draußen aufzuhalten, aber im Gegensatz zu einem toten Ehemann waren Nässe und Kälte etwas, gegen das Tess vorgehen konnte.

Mit der linken Fußspitze blieb sie an einer gebrochenen Steinplatte hängen, und ihr Schuh wurde ins Gestrüpp geschleudert. Ein Schuh an, ein Schuh aus. Sie schickte ihre ganzen Emotionen in ihre Füße. Ein spitzer Stein bohrte sich in ihre Ferse, aber wenn sie aufhörte, würde ihre Wut sie von innen verbrennen. Sie zwang ihre Hüften in den Schwung, warf den Kopf hin und her, sodass ihre nassen, zotteligen Haare flogen. Schneller und schneller. Hör nicht auf. Hör bloß nicht auf. Sobald du aufhörst …
»Sind Sie taub

Sie erstarrte, als ein Mann über die wackelige Holzbrücke stürmte, unter der der Poorhouse Creek dahinplätscherte. Ein Bergmensch mit struppigem dunklem Haar, einer markanten Nase und einem kantigen Kiefer. Ein Bär von einem Mann – groß wie ein Bergahorn und unempfindlich gegen den Regen –, der ein rot-schwarz kariertes Flanellhemd über einer robusten Arbeitsjeans und Stiefel voller Farbspritzer trug. Sie hatte von diesen Bergmenschen gelesen: Einsiedler, die sich mit einem Rudel scharfer Hunde und einem Arsenal an Feuerwaffen in der Wildnis verkrochen. Sie lebten monatelang – jahrelang – ohne menschlichen Kontakt, bis sie ihre Herkunft vergaßen.
Tess stand da, bewegungsunfähig, in ihrer ollen Unterhose und dem nassen weißen Baumwollhemd, das über ihren Brüsten spannte. Ohne BH, wütend, selbst halb verwildert und sehr alleine.
Er kam durch den Regen auf sie zugestapft, während die klapprige Holzbrücke hinter ihm schwankte. »Ich habe mir diesen Krach gestern Nachmittag gefallen lassen und gestern Abend und dann mitten in der Nacht um zwei Uhr, aber jetzt habe ich die Schnauze voll!«
Sie musterte ihn, verschaffte sich einen ersten kurzen Eindruck. Trotzig gewelltes, widerspenstiges, zu langes Haar, das sich an seinem Hals feucht lockte. Seine Holzfällerkleidung war zerknittert, die rissigen Lederstiefel waren mit einem Dutzend verschiedener Farben besudelt. Sein Bart war nicht lang genug für einen verrückten Einsiedler, aber er machte trotzdem einen verrückten Eindruck.
Sie würde sich nicht entschuldigen. Sie hatte sich zu Hause in Milwaukee genug entschuldigt für die Belastung, die ihre Trauer für ihre Freunde und Arbeitskollegen darstellte, doch hier würde sie es nicht tun. Sie hatte sich für den Runaway Mountain entschieden, nicht nur wegen seines Namens, sondern auch wegen seiner Abgeschiedenheit – ein Ort, wo sie so unhöflich, so untröstlich, so wütend auf das Universum sein konnte, wie sie wollte. »Hören Sie auf, mich anzuschreien!«

»Wie soll ich mich denn sonst verständlich machen?« Er schnappte sich ihren Bluetooth-Lautsprecher, der auf einem trockenen Platz unter den splittrigen Trümmern eines Picknicktisches stand.
»Stellen Sie das wieder hin!«
Er drückte mit einem stumpfen Finger seiner großen Pranke auf den Power-Knopf, und die Musik verstummte. »Wie wäre es mit ein bisschen Höflichkeit?«
»Höflichkeit?« Sie fand Gefallen daran, ein Ventil zu haben für die Ungerechtigkeit, die ihr im Leben widerfahren war. »So nennen Sie das, wenn Sie wie ein Wilder hier angestürmt kommen?«
»Hätten Sie etwas Respekt vor all dem hier …« Er machte eine schroffe Geste zu den Bäumen und dem Bach, und seine harten Gesichtszüge wirkten wie grob geschnitzt, als wären sie mit einer Kettensäge herausgearbeitet worden. »Hätten Sie etwas Respekt, hätte ich nicht hier angestürmt zu kommen brauchen!«
Und dann sah sie es. Der Moment, in dem er ihre Kleidung wahrnahm – beziehungsweise ihre Nicht-Kleidung. Augen in der Farbe von Schiefer streiften sie abschätzig. Aber was störte ihn? Ihre nassen, verhedderten Haare? Ihr Körper, der schwerer war, als er sein sollte, weil sie sich bis zum Ersticken vollstopfte? Ihre Beine? Ihre schäbige Unterwäsche? Oder vielleicht nur ihre Unverfrorenheit, auf seinem Planeten Platz für sich zu beanspruchen?
Wen wollte sie auf den Arm nehmen? Mit ihren Brüsten, die sich unter dem nassen Trägerhemd abzeichneten, sah sie wahrscheinlich aus wie das groteske Klischee einer betrunkenen Studentin im Partyurlaub in Cancún. Ihr Kopf schwamm im Hochrausch ihrer Wut. »Sie hätten nur höflich zu fragen brauchen.«
Sein Blick durchbohrte sie, seine Stimme klang wie ein leises, tiefes Knurren. »Ja, klar, das hätte sicher funktioniert.«
Sie war eindeutig im Unrecht, aber das war ihr egal. »Wer sind Sie?«
»Jemand, der gern ein wenig Ruhe und Frieden hätte. Zwei Begriffe, die Ihnen offenbar fremd sind.«
Niemand hatte sie zurechtgewiesen, seit ihr Mann gestorben war. Stattdessen taten alle so, als stünden sie noch immer im Verabschiedungsraum mit seiner überladenen Einrichtung und dem ekelerregenden Geruch von Stargazer-Lilien. Eine Zielscheibe für ihre Wut zu haben war auf widerliche Art berauschend. »Sind Sie immer so unverschämt?«, schnauzte sie den Fremden an. »Denn falls ja …«

 

Weil sie auf einer Karte den Namen Runaway Mountain entdeckt hatte.

Während Tess den Kaffee zubereitete, ...

… plauderte Bianca über die Biografie einer Geliebten von Picasso, die sie gerade gelesen hatte, und über die thailändische Küche, die sie jetzt schon vermisste. Tess erfuhr, dass Bianca mit ihrem Mann in Manhattan lebte, wo sie als Visual Merchandiser in der Modebranche arbeitete. »Ich gestalte Schaufenster und Pop-up-Stores«, erklärte sie. »Das macht viel mehr Spaß als das Modeln früher, ist aber nicht so lukrativ.«
»Modeln?« Tess wandte sich vom Herd ab und starrte sie an, während endlich der Groschen fiel. »Darum kommst du mir so bekannt vor. Du bist Bianca Jensen! Wir wollten damals alle so sein wie du.« Sie hatte Biancas Namen zunächst nicht mit ihrer Studentenzeit in Verbindung gebracht, als deren Gesicht das Cover sämtlicher Modezeitschriften geziert hatte.
»Ich war eine Weile ganz gut im Geschäft«, sagte Bianca bescheiden.
»Mehr als nur gut. Du warst allgegenwärtig.« Während Tess zwei Tassen Kaffee eingoss und an den Tisch brachte, musste sie daran denken, wie sehr diese Titelseiten sie damals hadern ließen mit ihrer üppigen Oberweite, ihren widerspenstigen Haaren und ihrer olivfarbenen Haut.
Bianca nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und stieß einen langen, genüsslichen Seufzer aus. »Absolut köstlich. So wie Ian immer tut, könnte man denken, es wäre Heroin.«
Es war sicher nicht das erste Mal, dass Tess als Hebamme mit einer fast nackten Frau am Küchentisch saß, aber im Gegensatz zu Bianca hatten die anderen Frauen in den Wehen gelegen. Bianca griff mit ihrer freien Hand um ihren Bauch, auf die beschützende, selbstzufriedene Art von Schwangeren. »Wie lange lebst du schon in Tempest?«
»Genau vierundzwanzig Tage.« Ausweichende Antworten machten die Leute neugierig, und es war besser, ein paar Informationen preiszugeben, damit es nicht so aussah, als hätte sie etwas zu verbergen. Denn sobald die Leute erfuhren, dass sie eine Witwe war, würde sich alles ändern. »Ich hatte Milwaukee satt.«
»Aber warum hier?«
Weil sie auf einer Karte den Namen Runaway Mountain entdeckt hatte. »Ich war rastlos.«
Unwahr. Trav war der Rastlose. In den elf Jahren, die sie verheiratet gewesen waren, hatten sie in Kalifornien, Colorado und Arizona gelebt, bevor sie nach Milwaukee zurückgingen, wo sie aufgewachsen waren. Trav wollte wieder umziehen, als er unvermittelt krank geworden war. Sie strich mit dem Daumen über den Griff an ihrer Tasse. »Und du? Wie bist du hier in den Bergen gelandet?«
»Das war nicht meine Entscheidung. Es können nicht mehr als achthundert Menschen sein, die hier in diesem gottverlassenen Nest leben.«
Neunhundertachtundsechzig, laut dem Ortsschild.
»Das alles ist Ians Schuld«, fuhr Bianca fort. »In der Stadt gingen ihm die vielen Leute auf die Nerven – die Kunsthändler, die Presse, die Möchtegernkünstler –, darum hat er beschlossen, dass wir in die Provinz umziehen.«
»Kunsthändler? Presse?«
»Der Mann, der dich vorhin angebrüllt hat, ist Ian Hamilton North der Vierte. Der Street-Art-Künstler.«
Selbst wenn Tess keine Schwäche für Kunstmuseen gehabt hätte, sein Name wäre ihr auch so ein Begriff gewesen. Ian Hamilton North IV. war einer der berühmtesten Street-Art-Künstler der Welt, gleich nach dem mysteriösen Banksy. Wenn sie sich recht erinnerte, war er außerdem das schwarze Schaf der blaublütigen Familiendynastie North. Obwohl sie nicht viel über Graffitikunst – oder Wandschmierereien, wie Trav es genannt hatte – wusste, hatte sie Norths Arbeiten immer faszinierend gefunden.
»Gib mir eine Dose Farbspray, und ich kriege das auch hin«, hatte Trav gesagt. Aber die Kritiker teilten seine Meinung nicht.
Tess erinnerte sich, was sie über North gelesen hatte. Er hatte sich schon in jungen Jahren mit Tags an New Yorker Häuserecken und Stencils an Bushaltestellen und auf Verteilerkästen einen Namen gemacht. Danach hatte er angefangen, größere Graffitis zu gestalten, die auf Häuserfassaden in der ganzen Welt auftauchten – zuerst illegale Pieces und schließlich beauftragte Murals. Inzwischen wurden seine Graffitis und Gemälde in ausverkauften Ausstellungen in Galerien und Museen gezeigt, wie die eine, die sie gesehen hatte, und jedes seiner Werke trug die Signatur, die er sich als Junge zugelegt hatte: IHN4, Ian Hamilton North IV.

Andere Leute erholten sich von Schicksalsschlägen. Warum schaffte sie das nicht?

Street-Art-Künstler hatten naturgemäß wenig Respekt vor Gesetz und Ordnung, ...

… darum war es nicht verwunderlich, dass es speziell diesem hier, wie brillant er auch sein mochte, an Selbstlosigkeit mangelte. Der Beweis dafür war die Tatsache, dass er seine schwangere Frau zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin von ihrem Zuhause ans Ende der Welt verschleppt hatte.
»Ich habe die Ausstellung im MoMA gesehen.« Sie und Trav hatten, kurz bevor er krank geworden war, New York besucht. Damals war sie von den explosiven Bildern an den Wänden des Museums begeistert gewesen, aber nun, da sie den Künstler persönlich kennengelernt hatte, war ihre Begeisterung abgekühlt.
»Ich bin seine Muse.« Bianca berührte ihr Schlüsselbein. »Ich treibe ihn in den Wahnsinn, aber er braucht mich. Vor zwei Jahren haben wir uns getrennt. Er war fast drei Monate lang wie gelähmt. Konnte nicht mehr malen.« Sie lächelte und gab sich keine Mühe, ihre Genugtuung zu verbergen.
Tess war sich nicht sicher, wie ein derart ätherisches Wesen wie Bianca jemanden zu einem so wuchtigen Gesamtwerk inspirieren konnte. In der Ausstellung, die sie gesehen hatte, hatten sich die videospielähnlichen Figuren aus Norths Frühwerk in groteske fantastische Wesen verwandelt, die er in Alltagssituationen unterbrachte: am Frühstückstisch mit der Familie, im Garten beim Grillen, in einer Bürokabine. Auch war die Schrift in seinen Bildern immer komplexer geworden, bis die Buchstaben sich schließlich in abstrakten Formen verloren.
Biancas Lächeln nahm einen verträumten Ausdruck an, während sie die Hände auf ihren Bauch legte. »Ich werde jetzt von einem Arzt in Knoxville betreut, und zwei Wochen vor dem Geburtstermin ziehen wir in ein Hotel in der Nähe des Krankenhauses. Ich kann es kaum erwarten, dass es vorbei ist.«
Allerdings sah sie nicht so aus, als könnte sie es kaum erwarten. Vielmehr machte sie den Eindruck, als würde sie jeden Moment ihrer Schwangerschaft in vollen Zügen genießen. Ein Schmerz zerrte an Tess’ Herz. Du hättest mir ein Kind hinterlassen können, Trav. Wenigstens das hättest du tun können.
»Ich habe mir schon so lange ein Baby gewünscht, aber Ian …« Bianca stützte die Hände auf den Tisch und stemmte sich von ihrem Stuhl hoch. »Ich sollte besser zurückgehen, bevor er kommt und nach mir sucht. Er ist überfürsorglich.« Sie ging zum Sessel und zog ihr Kleid und ihre Sandalen wieder an. »Das Modeln hat mich in eine Nudistin verwandelt. Ich hoffe, ich habe dich nicht erschreckt.« Sie kämpfte mit den Schuhen. »Ich hätte die Sandalen nicht ausziehen sollen. Nun werde ich sie nie wieder über meine Füße bekommen.«

Ihre Wassereinlagerungen waren nicht alarmierend, aber schienen Beschwerden zu verursachen. »Versuch, mehr Wasser zu trinken«, sagte Tess. »Das erscheint zwar zunächst widersprüchlich, aber es wird deinem Körper helfen, weniger Flüssigkeit einzulagern. Und leg, so oft du kannst, die Beine hoch.«
»Das klingt, als würdest du aus Erfahrung sprechen. Wie viele Kinder hast du?«
»Keins. Ich habe früher auf einer Entbindungsstation gearbeitet.« Nur ein Teil der Wahrheit. Sie war eine staatlich geprüfte Hebamme und Krankenschwester, deren Freude daran, Babys auf die Welt zu helfen, aus ihr herausgesaugt worden war, zusammen mit allem anderen.
»Das ist ja großartig!«, rief Bianca. »Ich habe gehört, wie schwierig es ist, hier auf dem Land eine gute medizinische Versorgung zu bekommen.«
»Ich … nehme mir gerade eine Auszeit.« Wenn sie sich das Geld aus dem Verkauf ihrer Wohnung sorgfältig einteilte, würde sie noch ein paar weitere Monate über die Runden kommen, bevor sie sich zusammenreißen und eine Arbeit suchen musste.
»Schau doch morgen mal bei uns vorbei«, sagte Bianca. »Ian wird auf Wandertour sein oder sich in seinem Atelier vergraben – er hat gerade eine Schaffenskrise –, und ich kann dir das Haus zeigen. Ich sehne mich nach Gesellschaft, die mich nicht anknurrt.«
Und Tess konnte Gesellschaft gebrauchen, die nichts von Travs Tod wusste, die sie nicht als die gebrochene Frau betrachtete, die sie war.
Nachdem Bianca gegangen war, trug Tess die Kaffeetassen zu der Spüle mit ihrem altmodischen, eingebauten Abtropfbrett, der abgesplitterten Emailleschicht und den Rostflecken, die sich jedem Schrubben widersetzten. Als sie sich die Hände abtrocknete, nahm sie ihre eingerissene Nagelhaut und die abgebrochenen Fingernägel wahr. Im Gegensatz zu Bianca würde sie nie jemandes Muse sein, außer der Künstler hatte eine Schwäche für ungepflegte, mandeläugige Brünette mit einer wilden Lockenmähne und zwanzig Pfund Übergewicht.
Trav hatte immer gesagt, dass ihre blauen, leicht ins Violette driftenden Augen, ihr dunkler Teint und die fast schwarzen Haare ihr ein urtümliches und exotisches Aussehen verliehen, als stammte sie aus einem seiner heißgeliebten italienischen Filme aus den Sechzigern. Sie hatte ihn öfter daran erinnert, dass sie die dunklen Haare von irgendeiner griechischen Vorfahrin geerbt hatte, die nie wie Sophia Loren in einem engen Kleid durch die Straßen von Neapel stolziert war, verfolgt von Marcello Mastroianni, aber das hatte ihn nicht davon abgehalten, sie mit erfundenen italienischen Wörtern aufzuziehen.
Tess war früher selbst humorvoll gewesen. Sogar die nervöseste Schwangere hatte sie zum Lachen bringen können. Nun wusste sie nicht mehr, wie es sich anfühlte zu lachen.
Sie schlenderte zum Panoramafenster und überlegte, wie sie den restlichen Tag ausfüllen sollte. Eine serpentinenförmige Schotterpiste wand sich von der Ortschaft in die Berge hoch, schlängelte sich an ihrer Hütte vorbei, dann am Schulhaus und endete an den Ruinen einer alten Pfingstkirche. Auf dem klapprigen Tisch neben Tess lag ein Exemplar von Interviews mit Sterbenden von Elisabeth Kübler-Ross. Während Tess darauf starrte, überkam sie ein glühender Zorn. Sie schnappte sich das Buch und schleuderte es durch den Raum. Scheiß auf dich, Liz, und auf deine fünf Phasen der Trauer! Wie wäre es mit einhundertfünf Phasen? Eintausendfünf?
Andererseits hatte Elisabeth Kübler-Ross Travis Hartsong niemals kennengelernt mit seinen verstrubbelten kastanienbraunen Haaren und seinen lachenden Augen, seinen schönen Händen und seinem unendlichen Optimismus. Elisabeth Kübler-Ross hatte nie mit ihm im Bett Pizza gegessen oder wurde von ihm mit einer Chewbacca-Maske durchs Haus gejagt. Und nun wohnte Tess in einer heruntergekommenen Hütte auf einem treffend benannten Berg am Arsch der Welt. Aber statt in ihrem Leben den Reset-Knopf zu drücken, spürte sie nur Wut, Verzweiflung und Scham wegen ihrer Schwäche. Es waren fast zwei Jahre vergangen. Andere Leute erholten sich von Schicksalsschlägen. Warum schaffte sie das nicht?

Zwei verletzte Seelen, eine kleine Stadt, die zum Zufluchtsort wird, und eine Liebe, die ganz unerwartet alles ändern könnte ...

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»Keine kann Geschichten so lebendig werden lassen, so verführerisch erzählen wie Susan Elizabeth Phillips.«

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