Armand Baltazar: Timeless – Retter der verlorenen Zeit | Leseprobe read’n’go

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Scroll' los, bevor die Zeit abläuft...

Die Welt ging unter, doch das war nicht das Ende

Der Weltuntergang war nicht so, wie man es vielleicht erwartet hätte. Er wurde nicht von einem der vielen Dinge verursacht, von denen man heute so viel hört: Kriege, Unruhen, Klimawandel. Nein, es kam von jenseits der Sterne, ein kosmischer Vorfall, den wir nicht hatten voraussehen können, ein Bruch im Raum-Zeit-Kontinuum, der unsere Existenz auseinanderriss. Nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und unsere Zukunft – alles, was der Mensch je war oder sein würde. Was blieb, war eine Leere, in der nur das leise Flüstern einer Welt widerhallte, die es nicht mehr gab.
Doch das war nicht das Ende.

Eine zweite Chance

Aus der großen Stille wurde die Erde wiedergeboren, aber anders, als wir es uns je vorgestellt hatten. Auf den weiten Ebenen tummelten sich Dinosaurier neben Wollmammuts und Millionen von Büffeln. Große Dampfschiffe und alte Segler fuhren in den Häfen zwischen den Beinen gigantischer Roboter hin und her. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren zusammengeworfen worden. Die Kontinente waren neu zusammengefügt, Meere neu gestaltet und Berge neu geformt worden. Dies war die Welt nach der Zeitkollision.

Die etwa hundert Millionen Menschen, die die Katastrophe überlebten, kamen aus allen möglichen Zeitaltern und waren über den ganzen Planeten verstreut. Die Menschen aus der zivilisierten Vergangenheit nannte man die Dampfzeitler, die aus der Zukunft waren die Ältesten und die aus der Zeit dazwischen die Mittelzeitler. Bei dem Versuch der Gestrandeten aus den unterschiedlichsten Epochen, in einer gefährlichen Welt ohne Regeln zu überleben, waren Konflikte unausweichlich. Es dauerte nicht lange, bis die wilde, aber schöne Landschaft zum Kriegsschauplatz wurde.

 

Dies ist die Welt nach der Zeitkollision

In diesem neuen Zeitalter lebt Diego Ribera. Seine Mittelschule in New Chicago besuchen Kinder aus allen Epochen der Geschichte und aus allen Kulturen der Erde. Es ist nicht perfekt, aber dies ist seine Welt, die er liebt.

Es gibt allerdings Aufständische, die sich der Ordnung des neuen Zeitalters nicht unterwerfen wollen. Sie wollen den Zeitbruch um jeden Preis ungeschehen machen…

Diegos Traum vom Fliegen

„Diego! Wir brauchen mehr Licht!“, hallte Santiagos Stimme durch die riesige Werkstatt. Er stand hoch oben auf einem verblichenen blauen Gerüst zwischen den gigantischen Robotern, die an allen Wänden standen. Er trug eine Stirnlampe, schwang einen Schraubschlüssel, der so lang war wie sein Arm, und beugte sich gefährlich weit in das schmierige Getriebe eines riesigen Schultergelenks. Kopf, Arme und Beine des Roboters lagen in verschiedenen Stadien der Fertigstellung auf dem Boden herum.

Diego saß auf einem Stuhl und sah in das große Auge eines Roboters auf dem mittleren Arbeitsplatz. Er betrachtete die geometrischen Muster der Iris, die funktionierte wie eine Kameralinse der Mittelzeit. Diego stellte sich vor, wie sich die Stahlplättchen wie Blütenblätter nacheinander öffneten, wie die winzigen Kolben einer nach dem anderen in Gang kamen und wie sie mit den Dampfprozessoren verbunden waren. Er schien irgendwie zu wissen, wie diese Mechanik funktionierte, und ihren Sinn zu spüren. Er fragte sich, ob sein Vater das Gleiche fühlte.

In New Chicago hielt jeder Santiago für ein Genie: der hellste Kopf des neuen Zeitalters. Er war ein Baumeister, ein Erfinder, ein Visionär. Manche hatten ihn sogar einen Scharlatan genannt und behauptet, seine Kreationen wären so genial, dass irgendein Trick oder Betrug daran sein müsste, doch diese Leute hatten noch nie gesehen, wie sich Santiago in seine Arbeit vertiefte.

„Hast du mich gehört, Diego?“

„Ja, Dad, tut mir leid!“ Diego glitt von seinem Stuhl.

Plötzlich stand er an einem der großen Werkstattfenster.

Ohne sich bewegt zu haben.

Ich träume, sagte sich Diego, doch diese Erkenntnis war flüchtig. Der Rand seines Blickfelds verschwamm in wässriger Dunkelheit.

Er zog die schweren Vorhänge zurück, sodass die helle Morgensonne in den Raum schien. „Besser?“, fragte er über die Schulter hinweg.

Keine Antwort.

„Dad?“

Die zwei wichtigsten Tage in deinem Leben sind der, an dem du geboren wirst, und der, an dem du erkennst, warum.

Diego drehte sich um und fand sich mitten im Raum wieder … Doch sein Vater war fort. Ebenso wie der Roboter, an dem er gerade gearbeitet hatte. Und alle anderen. Kein Gerüst war mehr zu sehen und die Werkstatt war in alle Richtungen leer.

Bis auf den Tisch, an dem Diego gesessen hatte. Auch das große Auge war fort, doch stattdessen war etwas weit Spannenderes aufgetaucht und glänzte im goldenen Sonnenschein.

Ein Hoverboard.

Es war fast zwei Meter lang und aus Erlenholz, Kevlar und Chrom, mit roten und weißen Streifen verziert. Daneben lagen der Dampfrucksack und die Navigationshandschuhe. Die Hoverboards waren für Diego die beste Erfindung seines Vaters. Er und sein Freund Petey waren damit oft durch die Werkstatt geflogen.

Doch der Anblick dieses Boards bereitete ihm Sorgen: Er hatte diesen Traum schon öfter gehabt. Das Board tauchte immer auf, gleich nachdem sein Vater verschwunden war.

Es lauerte eine Gefahr im Raum, die er nicht ganz greifen konnte.

„Diego.“

„Dad?“ Diego sah ins Dunkel. Doch das klang nicht wie sein Vater. „Wer ist da?“

Seine Unruhe wuchs. Vielleicht war es ein Traum, aber es fühlte sich allzu real an.

In dem dunkeln Raum zwischen zwei Fenstern sah er eine Silhouette, die plötzlich in den Sonnenstrahl trat. Es war nicht sein Vater. Kleiner. Ein Mädchen? Schwer zu sagen. Sie trug eine dicke Schutzbrille und eine Fliegermütze und schien etwa in seinem Alter zu sein.

„Wer bist du?“, fragte Diego.

Das Mädchen rührte sich nicht. Als sie sprach, bewegten sich ihre Lippen nicht, ihre Stimme erklang stattdessen in Diegos Kopf.

Flieg.

Ein Windstoß.

Erschrocken sah er, wie das Mädchen aus dem Fenster sprang.

„Nicht!“, schrie er und rannte hinüber. Er sah auf die belebte Straße zehn Stockwerke tiefer, doch sie lag nicht zerschmettert auf den Gleisen oder trieb mit dem Gesicht nach oben im Kanal, sondern schoss auf ihrem eigenen Hoverboard durch die Luft.

Flieg!

Die Stimme brannte zwischen seinen Schläfen. Er musste sich bewegen. Musste handeln.

Diego schnappte sich das Board vom Tisch und setzte den Dampfrucksack auf. Das Gewicht des kleinen Messingkochers und des Druckkonverters brachten ihn kurz aus dem Gleichgewicht, doch er fing sich schnell wieder und lief zum Fenster. Rasch streifte er die dicken Lederhandschuhe über – sie waren mit Anzeigen übersät und durch dünne Schläuche mit dem Rucksack verbunden – schaltete sie ein und vernahm das vertraute Zischen, als der Boiler in Gang kam.

Dann sprang er in die Luft.

 

Nur ein Traum...

Diego riss die Augen auf, vor denen noch das Bild der zerfallenden Stadt stand.

Blinzelnd betrachtete er das gewölbte, mit Nieten gepunktete Metall über sich – die Innenseite seines Bettes.

Er atmete tief durch. Es war nur ein Traum gewesen … ein Albtraum. Er stützte sich auf den Ellbogen, wobei er aufpassen musste, sich nicht den Kopf in dem alten Propangastank anzuschlagen, den sein Vater so umgebaut hatte, dass er aussah wie ein altes U-Boot der Mittelzeit. Diego hatte es zum achten Geburtstag bekommen. Mittlerweile reichten seine Füße bis zum äußersten Ende, wenn er schlief.

Er sah sich in seinem Zimmer um und stellte fest, dass alles wie immer war. Die Zeit lief nicht rückwärts, durch das Fenster fiel helles Tageslicht, es war Zeit aufzustehen.

Dennoch legte er sich noch einen Augenblick wieder hin und verschränkte die Arme. Immer noch hatte er die Bilder der Explosion vor Augen. Er wusste, dass es nur ein Traum war, aber trotzdem … Da war dieses Hoverboard gewesen. Etwas, was er sich mehr wünschte als alles andere.

Sein Blick blieb an dem Poster über seinem Bett hängen.

 

Sein Vater Santiago hatte einige Zeitungsartikel aus der Zeit nach der Katastrophe aufbewahrt. Der größte – und interessanteste – hatte die Überschrift: ZEITKOLLISION! In der Zeit kurz danach, als der Chronos-Krieg begann, hatten die Menschen so wenig gewusst. Die Dampfzeitler hatten mit den Kulturen der anderen Zeiten um die Weltherrschaft gekämpft und eine Weile lang waren die Menschen gefährlicher gewesen als die Dinosaurier.

Diego ging auf den Balkon vor seinem Zimmer, wo ihm eine kühle, salzige Brise ins Gesicht wehte. Es roch nach Seegras und Dieseltreibstoff. Er fasste nach dem Geländer und betrachtete die Stadt, denn er wollte sich vergewissern, dass sie so wie immer aussah. Eine letzte Versicherung, dass sein Traum eben wirklich nur ein Traum gewesen war.

Tatsächlich lag New Chicago leuchtend in der Morgensonne vor ihm und sah so stabil und permanent aus, wie eine Stadt, die aus drei verschiedenen Epochen bestand, es nur konnte.

 

In der Ferne hinter den Gebäuden sah er die großen Köpfe und Schultern der riesigen Roboter, die im Morgennebel am Hafen arbeiteten. Wenn die Frachtschiffe versorgt waren, würden diese Roboter durch die Kanäle ziehen und ihre Techniker würden die Stadt nach Mängeln oder Schäden durch das Salzwasser absuchen. Früher waren die Kanäle einmal die Straßen der Stadt gewesen, aber die lagen alle unter der Oberfläche des Vastlantic, eines Ur-Meeres, das jetzt ein Drittel von Nordamerika bedeckte.

In den Straßen wimmelte es von Leuten, kleinen und großen Robotern und Fahrzeugen der unterschiedlichsten Baujahre. Das war das Einzigartige an New Chicago. In den meisten Teilen der Welt waren die Zeitalter über weite geografische Flächen gleich und reihten sich glatt aneinander wie Kuchenstücke. Doch hier waren sie eher wie die Splitter eines gesprungenen Spiegels, manche lang und schmal, andere kurz und trapezförmig und sie lagen kreuz und quer durcheinander. Dadurch war das Leben hier bunter und chaotischer als an anderen Orten, und manchmal auch gefährlicher, aber Diego fand diese Version von Chicago viel interessanter als die auf dem Poster an seiner Wand.

Erfahre hier mehr über die Held*innen und die Welt nach der Zeitkollision!

Woher kommt die Idee?
Lerne die Helden kennen!

Woher kam die geniale Idee der Zeitkollision für »Timeless«, Armand Baltazar?

Als mein Sohn etwa 3 Jahre alt war schrieb und malte ich für ihn das Bilderbuch »Diego und die Dampf-Piraten«. Einige Jahre später bat mich mein mittlerweile 10-jähriger Sohn, die Geschichte zu überarbeiten und weiterzuentwickeln. Er schlug vor, dass daraus eine Geschichte mit einem jugendlichen Helden werden sollte, wie etwa Luke Skywalker, Harry Potter oder der junge Jim Hawkins aus »Die Schatzinsel«. Ich fragte ihn, was den darin vorkommen sollte und er antwortete: »… eine Begegnung mit einem Dinosaurier, der Bau eines Roboters, das Fliegen von Kampfflugzeugen im 2. Weltkrieg, das Treffen mit einem Samuraikrieger, ein Luftschiff fliegen, Nazis bekämpfen wie Indiana Jones und echten römischen  Legionären begegnen und mit einer Rakete ins Weltall fliegen …« – und noch einiges mehr.

Zuerst dachte ich, wow, sowas geht echt nicht, und sagte ihm das. Er strahlte mich nur an und antwortete: »Ist doch egal … kannst du das nicht einfach passieren lassen?« Damit hatte ich meine Herausforderung. Ich krempelte die Ärmel auf und begann zu grübeln. Was mein Sohn wollte, war, alle interessanten Sachen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten zusammenzubringen mit dem, was da in der Zukunft noch kommen mag – und alle gleichzeitig erleben zu können. Das wäre nur möglich, wenn man die Zeit selbst aufbrechen und simultan neu zusammenfügen könnte … eine Kollision der Zeiten war DIE Antwort.

Alles in allem hat das Schreiben und Illustrieren des Buches 10 Jahre gedauert. Ausgehend von einem einzigen Bild, das ich 2008 gemalt hatte und das meinen Sohn und den roten Riesenroboter Redford zeigte.

Diego Ribera

Ist ein Kind der neuen Ära. An seinem 13. Geburtstag erfährt er, dass er wie sein Vater über eine besondere Gabe verfügt: Er kann Maschinen verstehen und sogar mit ihnen kommunizieren. Als sein Vater entführt wird, zögert Diego nicht und begibt sich auf eine gefährliche Rettungsmission.

 

⇓ Scrolle weiter, um Lucy kennenzulernen ⇓

Lucy Emerson

Tochter des berühmten Dampfzeitler-Ingenieurs George Emerson. Sie wird von ihren Eltern im Stil des Viktorianischen Zeitalters erzogen. In ihr schlummert jedoch eine rebellische und abenteuerlustige Seele.

 

⇓ Scrolle weiter, um Petey kennenzulernen ⇓

Petey Kowalski

Diegos bester Freund. Manchmal ist er ein wenig tollpatschig, aber eine treue Seele mit einem guten Herzen und einem noch besseren Gedächtnis. Er ist mehr als bereit, für seine Freunde einzustehen und über sich hinauszuwachsen.

 

⇓ Scrolle weiter, um Paige kennenzulernen ⇓

Paige Jordan

Lucys beste Freundin. Sie lebt in der berüchtigten South Side von New Chicago und musste schon früh lernen, dass sie für ihre Träume kämpfen muss. Ist sehr tough und  scheut keine Konfrontation.

 

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Mit dem U-Boot zur Schule

Petey und Diego sprangen in die kleine orange-weiße BMW-Isetta von 1960, die Diego zusammen mit seinem Vater zu einer Art U-Boot umfunktioniert hatte, ein ideales Hafengefährt. Diego schaltete den Hauptkessel ein, woraufhin der kleine Wagen zum Leben erwachte. Diego stieg ein und zog an den Steuerhebeln, sodass sie durch das Dock ins grüne Wasser rollten.

In den verstopften Kanälen hupte es überall, als Diego zwischen den langsamen Schaufelraddampfern und schnelleren Boiler-Taxis herumkurvte und den stampfenden Beinen der Roboter auswich. Für größere Schiffe war das kleine Fahrzeug kaum sichtbar, da es nur wenig über der Wasseroberfläche aufragte.

Während um sie herum der Verkehr wuselte, nahm Petey einen alten Walkman-Kassettenspieler aus dem Handschuhfach und steckte das Kabel der einfachen Lautsprecher im Rückraum ein.

„Welche davon magst du denn?“, fragte er und blätterte die Plastikhüllen der Kassetten durch. Er ging ganz vorsichtig damit um. Zu Hause war er es gewohnt, Musik von empfindlichen Wachszylindern abzuspielen.

„Die da“, erklärte Diego und zeigte auf eine.

„The Replacements“, las Petey. „Welchen Song?“

„‚Can’t hardly wait‘“, antwortete Diego. „Sollte schon eingestellt sein.“

Petey legte das Band ein und die Lautsprecher plärrten los.

„Dein Vater hört aber laute Musik!“, schrie Petey.

„Das ist ja das Beste daran!“

Lucy & Paige

Hinter den öffentlichen Docks an ihrer Schule tauchte Diego wieder auf. Das ehemalige Naturkundemuseum ragte über die umliegenden Straßen auf. Da so viele andere Bauten zerstört waren und es immer noch unbekannte seismische Aktivitäten geben konnte, hatte man das Museum zur ersten Grund- und Oberschule der Stadt umfunktioniert.

„Gerade noch rechtzeitig!“, rief Petey, sprang aus der Isetta und machte sie mit einem Tau fest. „Wir sollten Geld dafür nehmen, die Kids stilvoll zur Schule zu bringen. Diego und Peteys Unterwassertaxidienst.“ Er deutete auf eine Ansammlung von Schülern vor dem Tor. „Zieh dir das mal rein!“

Diego folgte Petey zu den Zuschauern, die zwei Mädchen beobachteten, die mit ihren Skateboards auf der Treppe fuhren und über das Geländer rutschten. Es waren Schüler aus allen Zeiten und Kulturen, Dampfzeitler, Mittelzeitler und hier und da sogar ein paar Älteste.

Er zog Petey am Arm mit und schlich hinter seiner Klasse entlang, damit Mr Nelson sie nicht sah.

Paige sah sie kommen und flüsterte Lucy etwas zu, woraufhin die beiden Mädchen zu kichern anfingen. Diego wäre am liebsten gestorben. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Er zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen, bis sie direkt neben den Mädchen standen, die jetzt beflissen an Sue interessiert taten, als würden Diego und Petey überhaupt nicht existieren.

„Hi“, sagte Diego und schob die Hände in die Taschen.

„Was willst du, Nordseitler?“, fragte Paige.

Diego sah Lucy an, die ihn neugierig betrachtete.

„Ich bin Diego“, sagte er. „Und das ist Petey. Wir wollten nur … äh, dich an unserer Schule willkommen heißen und …“

Lucy grinste amüsiert. „Ihr seid also das offizielle Mittelzeitler-Willkommenskomitee?“

 

 

Der größte Tyrannosaurus Rex, der je in der Wildnis gesehen wurde

Die vier gingen durch den Flur und gelangten in eine große Rotunde. Dort war es heller und durch die verglaste Kuppel drang die Morgensonne in den Raum ein. Mitten im Saal stand ein riesiger T-Rex.

„Sagt Wendell guten Tag“, forderte Diego sie auf.

„Wow“, entfuhr es Paige. „Das nenne ich mal einen Fleischfresser!“

„Der größte Tyrannosaurus Rex, der je in der Wildnis gesehen worden ist“, verkündete Petey.

„Majestätisch“, fand Lucy, blieb aber ein paar Schritte vor der Kordel stehen, die das Ausstellungsstück umgab.

Paige jedoch sprang darüber hinweg und ging um eines der dicken Beine des Dinosauriers herum. Sie stellte sich unter die Brust des Tieres und ließ die Hand über seine Haut gleiten.

Santiago Ribera vs. George Emerson

 

„He, Mann!“, rief sie überrascht. „Hat das Ding etwa Federn?“

Vorsichtig ließ sie die Finger über die weichen, schuppenartigen Federn an den Beinen des Tieres gleiten. Das Muster setzte sich bis zu seiner Kehle fort.

„Das wird Wendells große Überraschung für die Welt werden“, erklärte Diego. „Sie ist eine Spezies von T-Rex, die man noch nie gesehen hat.“

„Sie?“, wunderte sich Lucy. „Aber … sie heißt doch Wendell.“

„Sie wurde nach Wendy Dykstra benannt“, klärte Petey sie auf, „die Wildhüterin, die das tote Tier vor der Mauer gefunden hat. Sie hat erkannt, wie wichtig dieses Sammlungsstück war, deshalb hat sie schnell einen Laderoboter Klasse Vier kurzgeschlossen, um sie über die Mauer zu bringen, bevor sie die Plünderer fanden.“

„Aber Wendell ist doch ein Jungenname“, wandte Paige ein.

„Das Museum hat dem Dinosaurier einen Jungennamen gegeben, weil das Skelett oben Sue heißt, deshalb haben sie aus Wendy Wendell gemacht.“

„Das ist also die Belohnung für ihre Heldentat?“, wollte Lucy wissen.

„Es wird eine Tafel geben, auf der das erklärt wird“, berichtete Diego. „Dann wird jeder wissen, wer sie war und was sie getan hat.“

„Eine Gedenktafel?“, frage Lucy. „Na, die Zeitkollision scheint ja nicht alles geändert zu haben. Es ist immer noch eine Männerwelt.“

„Das siehst du ganz richtig“, bestätigte Paige.

„Ehrlich gesagt hatte Diegos Mutter auch Anteil an der Sache“, warf Petey ein.

„Ja“, ergänzte Diego, „sie hat Wendell auf einem Übungsflug entdeckt. Ihr war zwar nicht ganz klar, was sie da gesehen hatte, aber sie gab Wendy die Koordinaten durch.“

„Deine Mutter ist Pilotin?“, fragte Lucy und wandte sich von Wendell ab. „Ist sie eine Aufklärungsfliegerin oder Buschpilotin oder so?“

„Sie fliegt Rettungseinsätze für die Luftwaffe, aber früher war sie Kampfpilotin. Sie hat das Aeternum bekämpft, während ihrer Überfälle auf New Chicago.“

„Eine berühmte Kampfpilotin“, fügte Petey hinzu.

„Du …“ Lucy blieb der Mund offen stehen. „Du sprichst doch nicht von Siobhan Quinlan, oder? Doch nicht die berühmte Kampfpilotin, die Heldin von Dusable Harbor?“

Unwillkürlich musste Diego breit grinsen. „Sie heißt jetzt Quinlan-Ribera, aber ja, das ist sie.“

„Das ist …“ Lucy schüttelte den Kopf. „Deine Mutter ist meine Heldin. Eine Frau, die in der viktorianischen Welt weit über ihre Stellung hinausging. Aber Moment … hast du Ribera gesagt? So wie Santiago Ribera?“ Plötzlich sah sie Diego misstrauisch an. „Du willst mich wohl auf den Arm nehmen, oder?“

„Nein“, erklärte Diego. „Das sind meine Eltern. Wieso interessiert dich das?“

Immer noch sah Lucy ihn schräg an. „Du … du behauptest also, der Sohn von meiner Heldin Siobhan Quinlan zu sein, und dass dein Vater Santiago Ribera ist … der angeblich so geniale Ingenieur, dessen eigener Dampfkonverter wohl nicht ganz ausreicht und daher durch den besseren Goliath-Dampfkonverter von meinem Vater ersetzt werden muss … willst du etwa behaupten, dass das nur ein Zufall ist?“

„Was weißt du denn von meinem Vater?“, wunderte sich Diego.

„Dein Vater ist der Grund, warum wir überhaupt hier sind“, erklärte Lucy. „Sein unzureichender Dampfkonverter ist der Grund, weshalb ich für ein halbes Jahr in New Chicago feststecke. Damit mein Vater eure Stadt retten kann.“

„Moment mal, dann ist dein Vater also dieser Emerson-Typ, von dem mein Dad geredet hat?“

„Er ist kein Typ, sondern George Emerson, der beste Dampfingenieur der Welt und wenn du es genau wissen willst, wird er demnächst von der Königin selbst zum Ritter geschlagen werden.“

„Oh ja, der“, spottete Diego. „Seine altmodische Dampftechnik benutzen wir doch nur aus Mitleid.“

 

Eine dramatische Wendung

Diegos und Lucys Väter – Santiago Ribera und George Emerson – sind verschwunden und damit steht alles auf dem Spiel.

Auf der Flucht

„Wozu hast du uns hierher gebracht, Ribera?“, wollte Paige wissen.

„Ja, D, was ist los?“, erkundigte sich auch Petey.

„Achtung!“, schrie Paige, stürzte sich auf Diego, bevor der auch nur zucken konnte, und warf ihn zu Boden. Über ihnen pfiff etwas durch die Luft und Diego hörte es splittern. Als er hochblickte, sah er Einschusslöcher in der Wand hinter ihnen.

Jetzt hörten sie auch Motorengeräusche, die sich näherten und den Ruf: „Vorsicht! Wir brauchen diesen Zeit-Mischling lebendig!“

Diego sprang auf und schrie: „Lauft!“

Rasch packte er seinen Rucksack und das Hoverboard. Petey nahm das andere Board und sie sprinteten den Anleger entlang, dicht gefolgt von Daphne. Diego hörte, wie hinter ihnen der Motor aufheulte, und riskierte einen Blick über die Schulter. Das feindliche Schiff tauchte aus der Dunkelheit auf.

„So viel zu einem sauberen Abgang!“, rief Petey.

„Wohin laufen wir?“, rief Luy über das Poltern ihrer Schritte hinweg.

„Da lang!“, befahl Diego und schwenkte nach rechts. Er war hier schon viele Male mit Santiago gewesen. Der Hangar, zu dem er eigentlich wollte, lag in der anderen Richtung, aber vielleicht konnten sie ihre Verfolger abschütteln. Während sie liefen, bemerkte Diego, dass es überall am Anleger merkwürdig still war.

Hinter dem Hangar bog er erneut scharf ab, sodass sie an einigen anderen Gebäuden vorbei zurück liefen und schließlich vor Hangar 9 stehen blieben. Dort schob er die Tür auf.

„Hier entlang!“

Als die anderen hindurch gingen, warf er einen Blick in die Dunkelheit hinter ihnen, um zu sehen, ob sich dort etwas bewegte … doch es blieb alles still.

Diego schlüpfte hinter seinen Freunden in den Hangar, wo sich ihm ein vertrauter Anblick bot: Redford und Seahorse, die im Dunkeln nebeneinander standen. Zwischen ihnen waren ein paar Frachtcontainer aufgestapelt.

„Den roten habe ich gebaut“, erklärte Diego und zeigte auf Redford. Lucy sah ihn beeindruckt an. „Echt?“

„Ja, ich …“

Plötzlich ertönten Schüsse ein paar Hangars weiter. Diego sah sich um. Hier gab es nur wenige Verstecke.

Hinter ihnen hörten sie Stimmen.

„Sie kommen näher!“, warnte Petey.

„Folgt mir!“, rief Diego.

Ihm fiel nur ein einziges Versteck ein.

 

 

Diego rannte auf das Gerüst neben Redford zu, nahm Daphne auf den Arm und kletterte hinauf. An der Wartungsluke blieb er stehen und machte die Tür auf.

„Hier können wir uns verstecken“, erklärte er und schob die anderen hinein.

Die schweren Stiefelschritte kamen näher. Diego reckte den Hals und erkannte eine Bande von acht Leuten. Die Männer verteilten sich. Diego sah sich nach einer Möglichkeit um, seine Freunde wieder zur Tür zu führen, aber die Männer überwachten den Raum komplett.

Sie durchsuchten den Raum im Halbdunkel, stießen mit den Gewehren gegen Kisten und öffneten Containertüren. Als etwas unten gegen das Gerüst stieß, unterdrückte Lucy einen leisen Aufschrei.

„Habt ihr etwas?“, rief Thompson seinem Team zu. „Dieser Ribera-Junge muss hier irgendwo sein!“

„Was ist mit dem Rest?“, fragte Barnaby.

„Wenn ihr könnt, nehmt das englische Mädchen mit“, antwortete Thompson. „Die anderen bringt ihr um.“

Diego erstarrte. Paige ballte die Fäuste und hielt den Atem an, während Petey an die Decke starrte, als ob er betete. Diego sah, wie Thompson auf Redford zuging und das Gerüst hinaufkletterte.

Diego atmete tief durch, nahm die Pistole aus dem Gürtel und entsicherte sie. Das ungläubige Staunen seiner Freunde tat er mit einem Kopfnicken ab und tastete in der Kammer umher, auf der Suche nach etwas, mit dem er die Tür blockieren konnte. Ächzend versuchte Petey, ihm auszuweichen, verlor aber das Gleichgewicht. Sein Knie stieß gegen Diegos Waffe, die polternd vom Regal fiel.

„Nein!“ Diego hechtete danach, doch sie schlitterte knapp an seinen Fingern vorbei und fiel durch einen der breiten Lüftungsschlitze im Boden der Kammer.

Einen Augenblick blieb es ganz still … dann schepperte die Pistole unten auf den nächsten Absatz und das Geräusch hallte wie eine Explosion durch den ganzen Hangar.

„Hierher!“

Schritte eilten zur Wartungsluke.

„Haltet die Tür zu!“, rief Diego.

Sie versuchten mit aller Kraft, die Tür zuzuziehen, als Thompson sich dagegen warf. Die Mädchen schrien auf.

„Los, ihr Gören!“, rief Thompson und zerrte am Türgriff. „Barnaby! Hier oben!“

Diego hörte lautes Poltern und das Gerüst schwankte, als sich Barnaby ihnen näherte. Mit aller Kraft hielten sie die Tür zu, doch das würde nicht ausreichen. Hilflos sah sich Diego im dunklen Raum um.

Einen Augenblick lang öffnete sich die Tür einen Spalt breit und Diego sah, wie Barnaby die Muskeln spielen ließ und Thompson half.

„Das schaffen wir nie!“, knirschte Petey angestrengt.

„Wartet!“, verlangte Diego und ließ los. „Haltet ihr weiter zu.“

„Was machst du denn, du Idiot?“, rief Paige, weil die Tür erneut ein Stück aufschwang.

„Nur eine Sekunde …“ Diego legte die Hand an die Wand und schloss die Augen. Er blendete das Geschrei und Geschepper und das panische Keuchen seiner Freunde aus und konzentrierte sich nur auf den Container, auf das Metall an der Stelle, wo der Wartungskasten an Redford angeschweißt war, auf die Flächen zwischen den Wänden … konzentrierte sich … In seinem Kopf blitzten Bilder auf und das Auge des Schöpfers zeigte ihm ein Paneel hinter sich in der Ecke des Raumes, und den Mechanismus darin. Er drehte sich um und riss das Paneel auf, hinter dem er einen Stromkasten und Koppler sah.

„Was auch immer du vor hast, beeil dich!“, schrie Petey.

Dieses Mal schwang die Tür weiter auf, bevor sie wieder zuknallte.

„Es nützt euch gar nichts, euch zu wehren!“, schrie Barnaby von draußen.

Diegos Finger flogen über die Schaltkreise und entschieden sich schließlich für zwei Drähte. Er verband sie miteinander und ein heftiger Stromstoß durchfuhr die Wände und seinen Körper, sodass er durch den Raum geschleudert wurde. Er knallte gegen die Wand, stieß sich den Kopf am Metall und brach zusammen.

Vor seinen Augen tanzten kleine Lichtpunkte. Um sich herum hörte er Stimmen.

„Was ist passiert?“

„Wir bewegen uns!“

Außerdem hörte er das Knirschen von Kolben und Boilern, die ansprangen …

Doch das alles schien sich zu entfernen, als ob er in der Dunkelheit versinken würde.

Dann herrschte Stille.

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