Jobien Berkouwer: Summer Girls | Leseprobe read’n’go

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Ein Rennen um Tod und Leben

Die Profilerin Lot van Dijk wird aus Amsterdam in eine verschlafene Gemeinde auf dem Land versetzt. Die männlichen Kollegen nehmen die junge Frau nicht ernst, und abgesehen von ausgebrochenen Pferden gibt es für die Polizei nur selten etwas zu tun. Doch dann wird nach einem Sturm in einer Waldhütte eine Leiche entdeckt. Lot erstellt ein Täterprofil, das eindeutig auf einen Serienkiller hinweist, aber sie wird nur müde belächelt. Bis im Wald ein zweites ermordetes Mädchen gefunden wird. Nun muss Lot den Mörder aufhalten, bevor er sein nächstes Opfer findet …

Wenn du alleine durch den Wald fährst, halte niemals an.

Sie ist nackt. Und sie hat keine Ahnung, weshalb.

Wie ein Samuraischwert peitscht der Zweig an ihrer Wange entlang. Ratsch. Dann ein scharfer Schmerz. Sie achtet nicht darauf. Sie muss rennen, immerzu weiterrennen. Immer wieder bleiben ihre nackten Füße im schlammigen Waldboden stecken. Ihre Wadenmuskeln schmerzen. Zwischen den Zehen spürt sie Blätter, Zweige, Steine, Hartes und Weiches. Rennen, immer weiterrennen, dann wird alles gut.
Sie ist nackt. Und sie hat keine Ahnung, weshalb.
Sie hätte nicht absteigen dürfen, das weiß sie jetzt. Sie hätte niemals vom Fahrrad steigen dürfen.
Rennen, rennen. Immer weiterrennen.
Im Dunkeln sieht sie die Umrisse von Bäumen, die im nebligen Nichts verschwimmen. Vor ihren Augen flackern feurige Blitze auf, wie schlimme Vorboten des Unheils. Der Donner folgt unmittelbar danach.
Sie kann ihn keuchen hören; er ist nicht weit hinter ihr. Keuchen, Schritt, Keuchen, Schritt. Er ist schon ganz nah. Ganz nah.
Durch das Rauschen des Regens hört sie sein Schnaufen, seine Schritte, sein Näherkommen. Reden wäre zwecklos; hier geht es um ihr Leben. Was ihn betrifft, ist ihr Leben bereits zu Ende.
Das hat sie in seinem Blick gelesen, in diesem merkwürdig ruhigen Blick. Er sieht sie bereits tot vor sich. Es spielt keine Rolle, warum, wie oder wann genau. Für ihn ist es beschlossene Sache.
Sie muss sterben. Sie wird sterben.
Der Sturm tanzt um ihren nackten Körper, in engen Bahnen und gnadenlosen Kreisen. Eine unbarmherzige Kälte, die sie so bisher noch nicht kannte, dringt bis tief in ihre Knochen. Sie rennt und fühlt sich dabei wie das Reh aus dem Kinderfilm, den sie sich früher immer mit ihrer Mutter angeschaut hat. Er der Jäger, sie die Beute.
Rennen, immer weiterrennen. Geradeaus, ohne zu zögern.
Eine Baumwurzel bringt sie zu Fall. Hart schlägt sie auf dem Boden auf. Die Lippe durchgebissen, die Zunge voller Schlamm. Das Knie aufgeschlagen. Das kann nicht wahr sein, das kann nicht das Ende sein. Sie darf nicht aufgeben. Schmerzen, überall Schmerzen. Und schwindlig, ihr ist so entsetzlich schwindlig.
Ihr Kopf verlangt hämmernd nach Aufmerksamkeit. Klebriges Blut kitzelt sie am Ohr. Sie rappelt sich wieder auf, findet Halt an einem umgestürzten Baum, zieht sich hoch und rennt weiter.
Er hat mehrere Meter aufgeholt. Er ist jetzt dicht hinter ihr.
Nicht daran denken. Einfach rennen. Und schreien, soll sie schreien?
Sie schreit. Brüllt. Kreischt. Bis sie keine Luft mehr bekommt.
Besser nur immer weiterrennen, einfach nur rennen. Ihre Füße graben eine schlammige Spur in den Boden, der er mühelos folgt, als wäre ihr der Tod auf den Fersen.
Sie ignoriert die Stiche auf ihrer Haut, die Muskelkrämpfe. Den Schlamm in den Nasenlöchern, den Sand in den Augen.
Rennen, bis sie dabei hinfällt – noch mal.
Seine Fingerspitzen streifen ihre Schulter. Er greift zu, aber er verfehlt sie. Ganz knapp. Ihre Schenkel und Waden müssen noch härter arbeiten. Rennen, springen, weiter, schnell. Nur nicht aufgeben, dieser Wald muss doch irgendwann zu Ende sein? Der Pfad, sie muss den Pfad erreichen, hin zu Menschen, zum Licht, zu jemandem, der sie rettet.
Sie schreit noch mal – was soll sie auch sonst tun?
Wieder diese Finger, schon etwas fester. Auch er wird schneller.
Warum nur? Warum gerade sie?
Sie kann ihn nicht fragen.
Die blutigen Schrammen auf ihrer Haut tun so weh. Die feuchte Erde brennt wie Feuer in ihren Wunden. Sie knickt um und taumelt zur Seite. Jetzt ist es vorbei, jetzt ist alles vorbei.
Als er nach ihr greift, sieht sie den Waldpfad vor sich. Sie hat es beinahe geschafft, wirklich beinahe, aber da packt er sie bereits.
Mit beiden Händen drückt er ihr die Kehle zu. Sie knurrt wie ein Tier, kreischt, wirft sich auf den Rücken und tritt mit den Füßen wild nach seinem Gesicht. Sein Kopf wird ein Stück nach hinten geworfen; er schreit auf, muss sie loslassen und verliert das Gleichgewicht.
Sie ist frei! Sie kriecht und kraxelt weiter, weg von ihm, weg von hier. Sie hört ihn ganz seltsam jaulen, als er nach ihren Füßen greift. Knapp daneben. Er steht auf, sie auch; auf wackeligen Beinen, aber sie steht. Sie spürt keine Schmerzen; das Adrenalin rast durch ihren Körper. Rennen, weiterrennen. Auf dem schmalen Waldpfad geht es jetzt etwas leichter. Radfahrer haben ihn gebahnt. Die liegen jetzt sicher daheim im Bett. In einem Haus mit Mauern und einer Tür mit Schloss. Sie ist nackt, und hier ist niemand.
Niemand, der ihr zu Hilfe kommen könnte.
Er verfolgt sie, ist schon wieder so dicht hinter ihr. Jeder Atemzug brennt in der Kehle, ihr Körper kann nicht mehr. Das Waldmonster wird ihr die Haut vom Leib ziehen. Ihr laufen Tränen übers Gesicht und tropfen ihr vom Kinn. Sie wankt. Ihre Knöchel geben nach. Das Ende des Waldes ist schon zu sehen, aber sie ist so müde. Sie ist am Ende.
Sie kann nicht mehr.

Nach dem Sturm hüllt sich der Wald in düsteres Schweigen.

Schlimmer als befürchtet.

An der Tür der Hütte befindet sich ein Schloss. Mit zusammengekniffenen
Augen spähen die Polizisten durch den Spalt nach drinnen, genau wie vorher der Soldat. Es sieht nicht gut aus. Jaap macht einen Schritt zurück, schaut Lot fragend an. Die nickt zustimmend.
Mit einem kräftigen Hieb tritt er die Holztür ein. Das Schloss springt auf. Dann hört sie das Summen der Insekten, die immer als Erste zur Stelle sind. Vorsichtig schauen sie nach drinnen.
Ziehen die Taschenlampe aus dem Waffengurt und leuchten in die Hütte hinein.
»Polizei, ist da jemand?«, ruft Jaap.
»Polizei, ist da jemand?«, wiederholt Lot.
Keine Antwort.
Jaap schaut sie an; der Gestank bestätigt ihre Befürchtungen.
Eine Hand auf der Waffe, in der anderen die Taschenlampe, betritt Lot die Salzhütte, direkt hinter Jaap. Es dauert einen Augenblick, bevor alles zu ihr durchdringt, und selbst dann noch kann sie nicht wirklich erfassen, was sie da vor sich hat.
Die Lichtstrahlen, die das Dach durchlässt, beleuchten eine Szene, wie sie Lot noch nie in ihrem Leben gesehen hat. In der Mitte des Raumes ein nackter Körper an einem Haken. Ganz kurz verspürt sie die Neigung, am Hals den Puls zu fühlen, aber dann begreift sie, dass das keinen Sinn mehr hat. Um den Körper schweben Insekten in allen Größen und Formen.
Das Summen.
Der Gestank.
Der penetrante Geruch ist nicht auszuhalten. Er macht einem das Atmen beinahe unmöglich.
Ihr Blick fällt auf eine Säge, die neben der Leiche auf dem Boden liegt. Daneben eine Art Vorhang, eine Art Gaze.
Ihr schießen sofort die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Ihre Sinne sind hellwach. Ab jetzt wird sich ihre gesamte Energie auf diese Fragen konzentrieren: Wer hat dieses arme Mädchen ermordet? Wer ist sie?
Wer ist der Täter? Nomen Nescio, denkt Lot, Name unbekannt.
Nomen Nescio. Ich kenne seinen Namen noch nicht. Nein, noch kenne ich dich nicht. Sie schaut kurz hoch, in das leblose Gesicht des Mädchens. »Ich komme schon dahinter«, flüstert sie so leise, dass nicht einmal Jaap es hört. »Ich werde schon herausbekommen, wer das getan hat.«

Sie dürfen sie nicht finden!

Die Dunkelheit ist sein einziger Freund.

Der Wagen fährt über einen holprigen Teppich aus Moos und Ästen. Im Hintergrund erklingt leise Musik. Immer dasselbe Lied, New World in the Morning. Er summt mit, denn das beruhigt ihn, und es ist wichtig, dass er jetzt ruhig ist. Er will sie nicht beschädigen, und er ist manchmal so ungeschickt.
Das Mädchen. »Hmmm, hmmm.« Er schüttelt zufrieden den Kopf. Sie ist schön geblieben, bildschön. Ja, sie ist zweifellos seine Schönste. Sie ist beinahe so perfekt wie in seiner Fantasie.
»Hmmm.«
Beinahe.
Die Scheinwerfer hat er ausgeschaltet, denn er darf nicht gesehen werden, von niemandem. Es wäre schrecklich, wenn er gesehen und erkannt würde. Dann wäre alles vorbei. Und nicht nur das. Das Leben auf dieser Erde wäre für immer zu Ende.
Er spürt, wie eine überwältigende Angst von ihm Besitz ergreifen will, aber es gelingt ihm, sie zu unterdrücken, indem er weiter vor sich hin summt.
Der Sturm hat hier ordentlich gewütet. Man kommt nur schwer vorwärts, noch schwerer als zuvor. Unsicher holpert er über Berge von Ästen und manövriert seinen Kleinbus über die Hindernisse, welche die Natur ihm in den Weg geworfen
hat.
Um ihn herum ist es still. Die beruhigende Dunkelheit ist schon seit der frühen Kindheit sein bester Freund. Der schwarze Schleier, unter dem er sich verstecken kann und wo es keine Verurteilung gibt, wo Worte nichts bedeuten.
»Hmmm …«
Die Nacht ist seine treue Gefährtin, egal ob sie sich warm oder kalt gibt, er kann sich auf sie verlassen. Eine Melodie, die immer vertraut klingt und die er nachsummt, leise, aber mit hellen Tönen.
Von einem Augenblick auf den anderen hält er im Summen inne. Nimmt den Fuß vom Gaspedal und stellt den Motor ab.
Die Musik auch.
Nichts.
Alles still.
Er macht sich klein und kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Er spürt, wie es ihn überfällt, das Blinzeln. Unkontrolliert und ganz oft, als ob ihm eine Motte ins Auge geflogen wäre. Er ballt die Fäuste und hat Mühe mit dem Luftholen.
Wie durch einen platten Strohhalm zieht er den Sauerstoff in die Lungen, Zug um Zug, bis sie wieder gefüllt sind. Es wird immer mühsamer, immer schwieriger.
Er blinzelt immer noch wild mit den Augen. Aber zwischendurch sieht er es trotzdem. Da steht ein Auto auf dem Waldweg, und jemand hat ein rot-weißes Absperrband zwischen die Bäume gespannt.
Sofort lässt er den Motor wieder an. Er muss weg hier, ganz schnell. Zusammen mit seinem Mädchen. Aus Versehen gibt er ein bisschen zu viel Gas, und das Auto brummt wie ein Bär.
Weg hier, ganz schnell, wegfahren.
Er tritt noch einmal voll aufs Gas und schießt davon, weiter in den Wald hinein, den er wie seine eigene Westentasche kennt. Erst als er an dem Ort angelangt ist, wo er hinwollte, bringt er den Wagen zum Stehen, genau unter einem niedrig hängenden Ast. Er steigt aus, deckt das Auto mit den Blättern des Astes zu und geht zu Fuß zu seinem anderen Mädchen zurück. Leise gehen, nicht so schwer atmen.
Es ist jetzt sehr wichtig, dass er keine Geräusche macht. Es darf nicht sein, es kann nicht sein. Gleich haben sie ihn. Er ist nicht dumm, er weiß sehr gut, dass dieses Band von der Polizei ist.
Von denen will er nicht verfolgt werden. Plötzlich halten seine Füße im Laufen inne, kurz nachdem seine Augen das Unheil registriert haben. Ein großer, böser Baum ist auf das Dach seiner Hütte gefallen. Fest, fester und noch fester presst er seine Hände gegeneinander. Sein schönes Mädchen. »Hmmm.« Seine schöne
Freundin ist da drinnen.
In der Ferne bewegen sich kleine Puppen hin und her. Die Polizei? Die Leute mit dem rot-weißen Absperrband. Die sind da wirklich, die gehen wirklich auf das Häuschen zu. Sie nähern sich der Tür, sie sind jetzt ganz dicht davor. Er presst seine Hände noch ein bisschen fester zusammen – sein schönes Mädchen.
»Hmmm, hmmm.«
Seine schöne Freundin.
Das Atmen fällt ihm jetzt noch schwerer. Er keucht inzwischen, bekommt gar keinen Sauerstoff mehr. Ringt nach Luft.
Trotzdem versucht er, ganz leise zu summen, denn das ist das Einzige, was hilft. Aber da kommt nichts mehr, kein Ton, nichts.
Und dann passiert es. Sie brechen die Tür auf. Sie betreten sein Reich. Sie werden sie finden. Jetzt ist sie verloren. Jetzt hat er sie verloren.

Sie denkt an all die schönen Träume.

Sein Atem, so nah.

Sie wagt nicht zu atmen. Sie hört ihr eigenes Herzklopfen. Er ist jetzt ganz dicht bei ihr, so dicht, dass sie seinen Atem hören kann.
Kleine Äste knacken. Sie macht sich ganz klein und schaut nach unten, wartet auf das, was kommen wird. Sie sieht, wie ein Regentropfen in eine Pfütze fällt. Hört den Wind und dann wieder seinen Atem. So nah. So unheimlich nah.
Wild schaut sie um sich. Zur Pfütze und dann wieder nach rechts, zur Pfütze und dann wieder nach links. Wo ist er? Wo läuft er entlang? Sie kann sich nicht orientieren, es ist überall so dunkel. Sieht er sie? Er sagt nichts, aber seine Schritte klingen bedrohlich.
Sie riecht den frischen Sommerregen, die Baumrinde und noch etwas anderes. Den wehmütigen Geruch von Lavendel.
Sie spürt den Schlamm zwischen den Zehen, kalt und nass.
Plötzlich kein Knacken mehr. Er ist stehen geblieben. Sie rollt sich noch mehr in sich zusammen, kneift die Augen zu, als würde das etwas helfen. Wenn sie nichts sieht, sieht er auch nichts. Sie presst die Lippen aufeinander. Ballt die Fäuste. Ein Knacken, ein ganz leises Knacken. So schrecklich nah bei ihr.
Sie will schreien, schluckt den Schrei aber herunter. Sie will wegrennen, krampft sich aber zusammen. Dann erklingt ein Schnaufen, ein Atemholen. Er nimmt ihre Witterung auf.
Sie muss hinschauen. Öffnet das rechte Auge ein bisschen, nur ganz kurz. Seine Beine, ganz nah, wirklich direkt vor ihrem Gesicht. Sie schaut seitlich auf seine Beine. Er steht einfach nur da, ganz still. Keine Ahnung, ob er sie gesehen hat. Oder ob er sie nur quält und sie wie ein geschwächtes Tier auf den letzten
Schlag warten lässt.
Er steht einfach so da.
Ganz still.
Sie schließt das eine Auge wieder; besser, sie schaut nicht mehr hin. In ihrem Inneren schreit es. Es schreit, dass ihre letzte Stunde geschlagen hat. Sie denkt an den Ast, den sie einfach auf dem Radweg hätte liegen lassen sollen. Einfach drumherum fahren.
Dann denkt sie plötzlich an ihre Mutter, an das Wochenende, das sie zusammen verbringen wollten. Sie denkt an eine Schokoladentorte, warum gerade jetzt? Sie denkt an ihren Ex. Ach, mit dem hat sie so viel Zeit verschwendet. Dann denkt sie an ihre Träume. An all die schönen Träume.

Auf diesen Fall hat sie so lange gewartet.

Wir werden dich kriegen!

Während ihrer Ausbildung in Amsterdam hat Lot genug gesehen und erlebt, aber etwas so Grausiges wie das hier kennt sie nur aus ihrem Training bei Magnus in Schweden. Flüchtig schießen ihr Fotos von Leichen, die sie sich während dieser Zeit ansehen musste, durch den Kopf. Lässt sich eines da von mit dem Fall hier vergleichen? Sie denkt an die spannenden Tage zurück, an denen sie morgens die Akte eines Cold Case auf ihrem Schreibtisch vorfand und damit von Magnus ins kalte Wasser geworfen wurde. »Schau dir die Sache nur gut an«, sagte er dann zu ihr. »Ich bin gespannt auf deine Schlussfolgerungen.« So tauchte sie tief in den Fall eines Mädchens namens Eva ein. Man hatte sie nackt am Wegrand liegen lassen, sorgfältig in eine Decke eingerollt.

Lot ruft sich ins Gedächtnis, dass so komplexe Fälle in den Niederlanden kaum vorkommen, und in dieser Region schon gar nicht. Langsam, aber sicher steigt ein leises Schamgefühl in ihr auf. Wenn sie nur an das Theater zurückdenkt, das sie zuerst gemacht hat, als sie dahinterkam, dass sie hierher versetzt wurde. In diese Region, wo man ihrer Überzeugung nach nichts anderes tat, als ausgebrochene Pferde einzufangen, und wo die Hälfte ihrer Kollegen mittags nach Hause ging, um eine liebevoll von der Ehefrau zubereitete warme Mahlzeit zu essen. Und jetzt sieht sie, wie sich ihre Kollegen hochkonzentriert und perfekt aufeinander abgestimmt an die Arbeit machen, obwohl die Situation für sie alle ungewohnt ist. Jeder weiß, was er zu tun hat, das Team ist sehr gut eingespielt. Lot schämt sich dafür, dass sie nicht dazugehören wollte. Sie sollte Stolz empfinden, ein Teil dieses Teams zu sein. Während Lot die Fingerknöchel knacken lässt, spürt sie, wie ein Kribbeln ihren Bauch durchläuft. Zusammen können sie es schaffen.

Und der Täter, der sich angemaßt hat, ein nacktes Mädchen an einem Haken aufzuhängen, soll bloß aufpassen. Sie werden ihn kriegen. Darauf kann er sich verlassen.

Welche Geschichte erzählen die Spuren?

Es wird noch mehr Opfer geben, wenn wir nicht schnell genug sind …

Das Übersichtsfoto, das immer noch an die Wand projiziert wird, lenkt Lot von allen praktischen Überlegungen ab. Wenn sie als Profilerin etwas ganz sicher weiß, dann dass sie es hier mit einem sehr organisierten Tätertypus zu tun haben, der sich nur schwer fangen lassen wird.
»Das ist nicht die Erste«, murmelt sie vor sich hin.
Als niemand darauf reagiert, entscheidet sich Lot, etwas lauter zu sprechen. Sie räuspert sich. »Das hier«, sagt sie, »ist wahrscheinlich nicht sein erstes Opfer.«
Silvester van Schoonbeek wirft einen interessierten Blick in ihre Richtung.
Leo fragt: »Sollen wir vielleicht erst mal das hier zu Ende bringen? Dann befassen wir uns gleich mit deiner Analyse.«
»Warum nicht?«, erkundigt sich der Staatsanwalt. »Was veranlasst Sie zu der Annahme, dass es sich nicht um das erste Opfer handelt?«
»Alles wirkt so gut organisiert«, erklärt Lot sofort. »Die Vorbereitung und die Tatsache, dass er das Opfer verborgen halten konnte. Hier geht es nicht um eine impulsive Tat. Hier hat jemand sehr lange und gründlich nachgedacht.«
Lot sieht, dass Leo den Blick auf den Staatsanwalt gerichtet hat. »Ja«, stimmt er ihr zu, »damit hast du wahrscheinlich recht, denke ich.«
»Deswegen gehe ich davon aus, dass er nicht so einfach zu fassen sein wird«, fügt Lot hinzu. »Denn auch was das betrifft, hat er wahrscheinlich gut nachgedacht.«
»Bis ihm ein Baum auf die Hütte gefallen ist«, kommentiert Jaap mit einem Augenzwinkern.
»Ganz genau«, stimmt Lot ihm zu. »Das hat ihn sicher ziemlich erschüttert.« Damit richtet sie den Blick wieder auf Leo. »Wurde auf der Leiche oder am Tatort Sperma gefunden?«
Er zuckt mit den Schultern. »Das können wir noch nicht sagen. Wie du weißt, warten wir noch auf den Bericht des Pathologen.«
Sie nickt. »Es gibt da noch einige Fragen, die ich gern auf die Liste setzen würde.«
»Und die wären?«
Lot schaut kurz auf das Blatt Papier, das sie vor sich liegen hat. »Was für eine Sorte Nagellack wurde verwendet, und wo wurde er gekauft?«, fängt sie an. »Was steht im Tagebuch? Was sagen uns die Zeichnungen? Haben wir brauchbare Spuren auf dem Weg zur Hütte finden können, oder hat der Sturm alle zerstört? Wurden in der Grenzregion oder in Deutschland Mädchen als vermisst gemeldet? Gibt es vielleicht einen Wildhüter oder Jäger, der das Gebiet gut kennt und der uns etwas mehr über die Hütte erzählen kann und darüber, wer sich oft in dieser Umgebung aufhält?«
»Ja, ja …«, wird sie von Leo unterbrochen. »Sehr wichtige Fragen, Kompliment. Aber wie du siehst, entsteht dadurch mehr Arbeit, als wir übernehmen können. So relevant sie auch immer sein mögen, einige dieser Fragen werden warten müssen …«
»Es wird noch mehr Opfer geben«, fällt ihm Lot wieder ins Wort, »wenn wir nicht schnell genug sind. Vielleicht gibt es sogar schon weitere Opfer. Ich befürchte, dass wir es hier mit einem Serienmörder zu tun haben.«

Jobien Berkouwer über »Summer Girls«

Jobien Berkouwer arbeitete fünfzehn Jahre in verschiedenen Abteilungen der niederländischen Polizei, unter anderem als Hauptkommissarin. Heute ist sie als Profilerin tätig und berät außerdem Firmen und Privatpersonen im Umgang mit Stalkern, Erpressung und Drohungen.

 

Wann kam Ihnen die Idee, ein Buch zu schreiben? Und war angesichts Ihres beruflichen Hintergrunds von Anfang an klar, dass es ein Thriller sein würde?

Die Idee für SUMMER GIRLS hatte ich bereits vor vielen Jahren, als ich die staatliche Polizeiakademie besuchte. Und ja, mir war sofort klar, dass es ein Thriller sein würde. Ich war schon immer interessiert daran, kriminelles Verhalten verstehen zu wollen und habe früh unzählige Fachbücher von FBI-Agenten über Serienkiller und Straftäter-Profiling gelesen. In den Siebzigerjahren haben die beiden FBI-Agenten Robert Ressler und John Douglas begonnen, Gewalttäter zu interviewen. Für die damalige Zeit war das geradezu revolutionär und ließ vollkommen neue Rückschlüsse auf ihre Gedankenwelt und Motive zu. Die zentrale Frage war darin immer: Aus welchem Grund begeht ein Mensch ein so schreckliches Verbrechen – und was können wir daraus lernen, um in Zukunft weitere Opfer zu verhindern? Nachdem ich all diese Bücher gelesen hatte, konnte ich es kaum erwarten, die Theorie selbst in die Praxis umzusetzen, als ich meine Arbeit als Polizistin begann. Nach vielen Jahren des Lernens, voll harter Arbeit und Weiterbildung war ich schließlich Hauptkommissarin und Profilerin. Und dann war endlich auch die Zeit reif, SUMMER GIRLS zu schreiben. 2015 traf ich meinen Verleger, Joost van den Ossenblok, und entschied, meine ursprüngliche Idee nun umzusetzen. Ohne meine Ausbildung und meine langjährige Erfahrung bei der Polizei hätte ich das Buch nicht schreiben können.

Wie viele Elemente in SUMMER GIRLS stammen aus Ihrem eigenen Erfahrungsschatz? Hatten Sie schon mit einem ähnlichen Fall zu tun?

Der Mörder in SUMMER GIRLS und seine Verbrechen sind reine Fiktion. Die Hauptfigur, Lot van Dijk, basiert jedoch auf vielen meiner eigenen Erfahrungen als Hauptkommissarin. Mir wurde schon oft gesagt, dass gerade diese Kombination aus Fakt und Fiktion mein Buch für viele Leser so interessant macht. Glücklicherweise hatte ich es in der Realität nie mit einer ähnlichen Mordserie zu tun – aber nichtsdestotrotz gab es einige, die genauso beängstigend waren.

Möchten Sie zum Schluss noch ein Grußwort an Ihre deutschen Leser richten?

Ich fühle mich geehrt, dass der Penguin Verlag 2018 meine SUMMER GIRLS auf Deutsch veröffentlichen wird. Ich habe versucht, meinen Lesern einen einzigartigen Einblick in die Welt des Profilings zu geben, der auf meinen eigenen Erfahrungen beruht – und ich hoffe, sie werden SUMMER GIRLS mögen! Vielleicht kann ich einige meiner deutschen Leser ja sogar irgendwann persönlich kennenlernen. Bis dahin viel Spaß mit SUMMER GIRLS – und lassen Sie es mich ruhig wissen, falls Sie eine Idee für einen Fall haben, den Lot in einem der folgenden Bände bearbeiten soll. Vielleicht kann ich sie ja einbauen!

Traust du dich in den dunklen Wald?

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