Claire Douglas: STILL ALIVE – Sie weiß, wo sie dich findet | Leseprobe read’n’go

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Dein Geheimnis darf nie ans Licht kommen. Denn es kann dich alles kosten ...

Als Libby einen Flyer für einen Haustausch im Briefkasten findet, hält sie das für einen absoluten Glücksfall. Sie und ihr Mann Jamie brauchen dringend eine Auszeit. Nur zu gern lässt das Paar seine kleine Wohnung in Bath zurück, um nach Cornwall zu fahren. Überwältigt von der hochmodernen Villa, die einsam über der Steilküste thront, lässt Libbys Anspannung der letzten Wochen langsam nach. Doch die anfängliche Idylle hält nicht lange an. Immer wieder geschehen seltsame Dinge, die Libby zusehends beunruhigen. Sind sie wirklich allein in der riesigen Villa? Und warum benimmt sich Jamie auf einmal so eigenartig? Hat er etwas zu verbergen?

Brigitte

»Die englische Autorin legt einige völlig unerwartete Wendungen hin.«

Als wir uns die nächste schmale Landstraße hinabschlängeln, die zu beiden Seiten von dichten, mit weißen Blüten gesprenkelten Hecken gesäumt wird, schreit Jamie auf: »Das muss es sein!« Seine Begeisterung bringt den leichten südwestenglischen Akzent zum Vorschein. Er deutet über die T-Kreuzung vor uns. Ich folge seinem Finger mit dem Blick und … Er irrt sich doch bestimmt, oder? Das Haus ist riesig, größer noch als das seiner Mutter.
»Das kann nicht sein«, erwidere ich, als Jamie in die Einfahrt biegt. Der Kies knirscht unter den Reifen, als uns die näselnde Stimme des Navigationsgerätes darüber informiert, dass wir unser Ziel erreicht haben.
Das Auto kommt zum Stehen, und Jamie macht den Motor aus. Wir sitzen in ehrfürchtiger Stille da und lassen das frei stehende, rechteckige Gebäude auf uns wirken, das auf einer Seite von einem runden Erkerturm geziert wird; es ist aus traditionellem rauchgrauem Stein und Glas erbaut. Eine Kletterpflanze rankt sich bis zur halben Höhe an den Mauern empor, sodass es so aussieht, als hätte das Haus einen Bart. Bäume und Büsche in unterschiedlichen Grünschattierungen rahmen es ein, als würden sie es in ihre Arme schließen. Hinter dem Anwesen erstreckt sich ein funkelndes blaues Band am Horizont, das Meer. Die einzigen Geräusche sind das fröhliche Zwitschern der Vögel und das entfernte Rauschen der See. Ich kann das Salz in der lauen Brise riechen, durchzogen von einer leichten Spur Pferdedung.
»Es ist ziemlich abgeschieden«, bemerke ich etwas überwältigt. Ich bin auf dem Land aufgewachsen – ein kleines zweistöckiges Reihenhaus in einer recht überschaubaren Sozialsiedlung in North Yorkshire –, aber den Großteil der vergangenen neun Jahre habe ich in der Stadt verbracht. Ich bin es gewohnt, Nachbarn zu haben. Von Menschen umgeben zu sein, gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, und ich fühle mich weniger ängstlich.
»Es ist unglaublich!«, sagt Jamie strahlend. »Ich kann gar nicht fassen, dass wir hier wohnen werden. Gute Entscheidung, Libs!« Jamie steigt aus dem Wagen und eilt um die Motorhaube, um mir die Tür zu öffnen. »Wirklich sehr galant«, kichere ich, zucke jedoch vor Schmerz zusammen, als ich aufstehe.
Jamie runzelt die Stirn. »Alles okay, Libs?«
»Ich kann es nur kaum erwarten, diesen verfluchten Gips endlich loszuwerden, das ist alles. Das Ding macht alles so furchtbar kompliziert.«
»Nicht mehr lange, meine kleine Heldin.«
Ich stoße ihn mit dem gesunden Arm in die Seite. »Hör auf, dich über mich lustig zu machen.«
Er drückt mir einen Kuss auf die Stirn. »Ich mache mich nicht lustig, du bist eine Heldin«, raunt er. »Vergiss das nicht.« Ich folge ihm zaghaft, wobei ich innerlich jeden Moment damit rechne, dass der wütende Besitzer aus dem Haus stürmt, um uns von seinem Anwesen zu verjagen. Als Jamie mein Zögern bemerkt, winkt er mich zu der Eingangstür aus anthrazitfarbenem Aluminium, die so sauber und auf Hochglanz poliert ist wie der Rest des Hauses. Philip Heywood hat mir am Telefon gesagt, dass es erst kürzlich komplett renoviert worden ist.
Jamies Augen leuchten auf, als er von dem Stück Papier in seinen Händen aufblickt. »Es ist das richtige Haus. Schau …«, verkündet er, wie um sich selbst noch einmal zu vergewissern. Er tippt mit dem Finger auf das Papier und zeigt dann auf die Schieferplatte neben der Tür, in deren Oberfläche The Hideaway eingraviert ist. »Passender Name für die Hütte. Es gibt im Umkreis von einer halben Meile kein anderes Haus.«
Einen Moment lang verspüre ich ein schlechtes Gewissen, dass wir unsere schäbige Dreizimmerwohnung in Bath, samt Hundehaaren und Tierfuttermief, gegen solch ein herrschaftliches Domizil eingetauscht haben.

Hat man mich gesehen, als ich meinen Mann tötete?

Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, in den Urlaub zu fahren, wenn da nicht dieses Flugblatt gewesen wäre, das man vor ein paar Tagen bei uns einwarf.

WOHNUNG ZUM TAUSCH GESUCHT, EILIG!

Meine Frau Tara und ich sind verzweifelt auf der Suche nach einer Unterkunft für ein bis zwei Wochen. Die Lage Ihrer Wohnung wäre ideal, da wir etwas in Krankenhausnähe benötigen, um so schnell wie möglich bei unserer geliebten Tochter sein zu können, die sich demnächst einer lebensrettenden Herzoperation unterzieht. Wir bieten Ihnen für die Dauer unseres Aufenthalts unser wunderschönes, kürzlich erst renoviertes Haus in Cornwall mit Seeblick an. Falls Sie glauben, uns helfen zu können, melden Sie sich bitte bei Philip Heywood.

Seine Handynummer war am unteren Rand der Seite notiert.
Ich verwarf es zunächst, da ich es eilig hatte, zur Arbeit zu kommen. Nach dem Brand und der anschließenden Fehlgeburt war ich zwei Wochen lang krankgeschrieben gewesen. Meine Chefin, Schulrektorin Felicity Ryder, hatte darauf bestanden, dass ich mir eine bezahlte Auszeit bis nach den Ferien nahm, doch ich hatte am letzten Tag noch einmal in der Schule vorbeischauen wollen, um meine Klasse zu besuchen und allen schöne Osterfeiertage zu wünschen. Die Kinder waren mir ans Herz gewachsen. Ich fühlte mich verantwortlich für ihre Ausbildung und fürchtete, dass die Vertretungslehrerin, die auf die Schnelle eingesprungen war, die Bedürfnisse meiner Schützlinge nicht so verstehen könnte wie ich. Außerdem vermisste ich die Schule selbst: die Wände meines Klassenzimmers, die mit den farbenfrohen Kunstwerken der Kinder dekoriert waren, das Gemeinschaftsgefühl im Lehrerzimmer, die Freudenschreie auf dem Pausenhof und die Gespräche mit Cara, meiner Lieblingskollegin, ja, selbst den Geruch von Desinfektionsmittel im Korridor. Also stopfte ich das Flugblatt auf dem Weg nach draußen in meine Handtasche und verschwendete die nächsten Stunden keinen Gedanken mehr daran.
Ich war zutiefst bestürzt, als ich die Folgen des Feuers sah. Die Aula war zwar renoviert und ein neuer Boden verlegt worden, aber der Brandgeruch hing immer noch in der Luft, als würde er durch die frische Farbe und das neue Parkett hindurchsickern. Der Zutritt zum Speisesaal, dem mutmaßlichen Brandherd, war immer noch verboten. Als ich meine Nase gegen die Glastür presste, konnte ich das schwarze Loch im Boden sehen, wo sich die Herde und Backöfen befunden hatten. Es war ein deprimierender Anblick. Den Kindern war gesagt worden, dass sie etwas zu essen mitbringen sollten, bis die Küche wieder in Betrieb genommen werden konnte, und so saßen sie nun, über Hummus, Biogemüse und Fruchtsaftpäckchen gebeugt, in ihren Klassenzimmern und aßen dort zu Mittag.
Erst als die Eltern nach Unterrichtsschluss erschienen, um ihre Kinder abzuholen – und sich dabei sowohl nach Celeste erkundigten als auch mir zu meinem Mut gratulierten –, kam mir die Idee. Mrs. Hunting, Theos Mutter, berührte mitfühlend meinen Gips und meinte, ich hätte mir einen Urlaub verdient. »Sie haben so eine schwere Zeit hinter sich, Miss Elliot«, sagte sie mit diesem Tonfall, den Leute verwenden, wenn ein nahestehendes Familienmitglied verstorben ist. »Die Sache hätte wirklich schlimm enden können. Celeste hätte in dem Feuer umkommen können, wenn Sie nicht gewesen wären. Man mag es sich gar nicht ausmalen.« Ich wusste, dass sie dabei auch an ihr eigenes Kind dachte. Ich berührte unwillkürlich meinen Bauch und musste an das Kind denken, das ich verloren hatte.

Mein eigenes Leben war ein Scherbenhaufen. Doch sie, sie hatte alles.

Als wir wieder beim Hideaway ankommen, dämmert es bereits. Von der Straße aus sehe ich, dass die Sicherheitsbeleuchtung im Garten hinter dem Haus angegangen ist; die Lampen tauchen den Rasen in ein bleiches Licht und werfen dunkle Schatten über Bäume und Büsche, sodass sie aussehen wie schwarz angemalt.
Warum sind die Lichter an?
Jamie steuert das Auto in die Einfahrt, und sofort geht auch die Sicherheitsbeleuchtung vor dem Haus an. Er macht den Motor aus und wendet sich zu mir.
»Alles klar bei dir?«, fragt er, als er sieht, dass ich keine Anstalten mache auszusteigen.
»Im Garten sind die Lichter an. Ich habe sie von der Straße aus gesehen …«
Er runzelt die Stirn. Schon frage ich mich, ob er mich gleich wieder kritisieren und mir erzählen wird, dass ich überängstlich sei. Aber das tut er nicht. »Wahrscheinlich eine Katze oder so«, sagt er stattdessen und öffnet die Wagentür. Ziggy springt heraus und rennt übermütig aufs Haus zu, wobei die Kiesel unter seinen Pfoten nur so fliegen.
Ich folge ihm und bemühe mich, das bange Gefühl tief in meinem Inneren zu ignorieren. Ich ziehe den Mantel fester um mich, da der Wind ungebärdig am Stoff zerrt, und blicke mich um. Ich mustere die Büsche und Bäume, die das Anwesen umgeben, die hohen Mauern. War jemand im Garten? Ich gehe zum Tor, dem einzigen Zugang hinter dem Haus, und streiche mit den Fingern über das raue Holz, als sei ich ein Forensiker. Da ist kein Schloss am Tor. Jedermann hätte sich mit Leichtigkeit Zugang verschaffen können. Oder ist derjenige einfach vom Strand hochgekommen? Plötzlich wird mir speiübel, und ich kann nicht so recht ausmachen, ob die lange Autofahrt oder die Sorgen der Grund sind.
»Wonach suchst du?«, fragt Jamie neben mir.
Ich zucke die Achseln. »Keine Ahnung. Beweise, nehme ich an …«
»Beweise?« Er prustet los. »Bist du jetzt Miss Marple oder so? Es gab hier keinen Mordfall, Libs.« Er klingt so unbekümmert, dass ich allmählich selbst glaube, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Er nimmt meine Hand und drückt sie aufmunternd. »Komm, lass uns eine Runde durch den Garten machen, dann kannst du dich mit eigenen Augen vergewissern. Mum hat übrigens auch eine Sicherheitsbeleuchtung im Garten, die ständig angeht, und meist ist es wegen einer der Nachbarskatzen.« Er spricht wieder mit dieser gekünstelt heiteren Stimme, als wäre ich eine tattrige alte Dame oder ein Kleinkind, das etwas Zuspruch benötigt. Er führt mich hinters Haus, das mittlerweile in vollkommene Dunkelheit getaucht ist, und die Lichter gehen erst wieder an, als wir die Terrassentüren erreichen. Er zieht den Schlüssel aus seiner Hosentasche, schiebt die Tür auf und tritt in die Küche. Ich bleibe, wo ich bin. Von meinem Standort aus kann ich das Meer sehen, das grau und wütend tobt, während es das letzte Licht des Tages verschlingt. Im Zwielicht sieht alles ein wenig düster und trostlos aus. Ich lasse meinen Blick über den Garten schweifen, über die Rattanmöbel und die Terrasse. Nichts wirkt ungewöhnlich oder fehl am Platz. Trotzdem wünsche ich mir nicht zum ersten Mal, das nächste Haus wäre nicht so weit weg.
Ich sehe den Dampf in der kalten Luft, als Jamie uns mit dem Heißwasserhahn eine Tasse Tee aufbrüht. Er scheint sich hier daheim zu fühlen und wirkt vollkommen entspannt in der hochmodernen Küche der Heywoods. Ziggy klebt förmlich an seiner Seite und stupst mit der Pfote gegen sein Bein, weil er auch etwas zu trinken haben möchte.
Ich atme tief ein. Alles ist so, wie es sein sollte. Das Licht wurde durch eine streunende Katze ausgelöst, nicht durch einen Eindringling. Nicht mehr und nicht weniger. Hör auf, den Teufel an die Wand zu malen, Libby.

Noch nie in meinem Leben hatte ich jemanden so sehr gehasst wie in jenem Moment.

Über die Autorin

Claire Douglas arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin, bevor sich ihr Kindheitstraum, Schriftstellerin zu werden, erfüllte. Ihr packender Thriller »Missing« war in England und Deutschland ein riesiger Erfolg und machte sie zur Bestsellerautorin. »Still Alive« ist ihr zweiter Thriller. Claire Douglas lebt mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern in Bath, England.

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