Claus Mikosch: Señor Gonzalez und der Garten des Lebens | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

Señor Gonzalez ist ein wunderbarer und inspirierender Lebens-Lehrer!

Niklas, Anfang 30, gerade arbeitslos geworden und irgendwie entwurzelt, beschließt eine Auszeit in Andalusien. Dort begegnet er Señor Gonzalez, einem alten Gärtner, der seit Jahrzehnten Gemüse auf natürliche Weise anbaut, »immer mit der Natur als Freund und Gehilfe«. Zuerst besucht Niklas den alten Mann hin und wieder, dann hilft er ihm täglich einige Stunden bei der Gartenarbeit. Dabei lernt Niklas nicht nur etwas über den Anbau von Lauch und Tomaten, sondern vor allem etwas über Gelassenheit, Achtsamkeit und Genügsamkeit.

Señor Gonzalez, sein Wissen und seine Weisheit öffnen Niklas die Augen und helfen ihm, sein Leben neu auszurichten …

 

Señor Gonzalez

 

»Hier draußen fühle ich mich frei«, sagte der alte Bauer mit sanfter Stimme. »Hier kann ich mich ungehindert bewegen, ohne Zwang und ohne Widerstand, kann mich einfach von Moment zu Moment im Rhythmus der Natur treiben lassen. Mit den Füßen auf der Erde, umgeben von herrlichen Pflanzen und frischer Luft zum Atmen.« Er hielt einen Augenblick inne. »Vielleicht ist es das einzige Gefühl, das mit der Liebe mithalten kann. Das Gefühl von Freiheit und gleichzeitiger Verbundenheit mit allem.«

Jetzt lesen

Señor Gonzalez und der Garten des Lebens

Ankunft in Andalusien
Zuflucht im Gemüsegarten

Ankunft in Andalusien

Eine Woche später stieg Niklas bei Sonnenschein und angenehmen zwanzig Grad in Málaga aus dem Flugzeug. Oben auf der Treppe hielt er einen Moment inne und atmete tief ein. Es lag ein herrlicher Geruch in der Luft, eine Mischung aus Meer, Zitronen und Gelassenheit. Auch ein Blinder hätte in diesem Moment gewusst, dass er im Süden angekommen ist.
Während er zum Terminal ging, fiel sein Blick auf einen großen Schriftzug, hoch oben auf dem Dach: Aeropuerto Pablo Ruiz Picasso. Er dachte an die Namen einiger anderer Flughäfen, auf denen er im Laufe der Jahre gelandet war. In Frankreich gibt es den Aéroport Lyon Saint Exupéry und in Österreich den Salzburg Airport W.A. Mozart. Große Komponisten, Schriftsteller und Maler – und in Deutschland? Ein paar Politiker, sonst nichts. Irgendwie passte es perfekt zu seiner Gefühlslage: In Köln war er von Konrad Adenauer verabschiedet worden und in Málaga begrüßte ihn nun Pablo Picasso.
Der erste Schritt war getan, und er fühlte sich gut an.
Niklas holte sein Gepäck, durchquerte die Ankunftshalle und kaufte sich ein Busticket nach Estepona, einem kleinen Küstenort auf halber Strecke zwischen Málaga und Gibraltar. Die Frau am Schalter druckte das Ticket aus und reichte ihm in aller Ruhe sein Wechselgeld, Münze für Münze unter einer Trennscheibe hindurch. Dann guckte sie ihn mit großen Augen an und sagte mit schroffer, fast schon vorwurfsvoller Stimme: »Schnell, der Bus fährt gleich ab!« Leicht irritiert stopfte er Geld und Ticket in die Hosentasche und rannte mit seinem großen Koffer über den Vorplatz. Als er am Bus ankam, ging genau vor seiner Nase die Tür zu. Er seufzte und ließ die Schultern sacken. Dann öffnete sich die Tür aber plötzlich wieder und ein dicker Spanier mit rundem Kopf und öligen Haaren nickte ihn freundlich herein.
Er verstaute seinen Koffer und setzte sich auf einen hinteren Fensterplatz. Der Bus fuhr los, Niklas machte es sich auf dem durchgesessenen Sitz bequem, schaute nach draußen und begann, die letzten Tage noch einmal Revue passieren zu lassen.
Nach dem anfänglichen Schock der Kündigung war er schnell in der neuen Realität aufgewacht. Zu Beginn war es ihm schwer gefallen, die Enttäuschung loszulassen. Die Arbeit bei der Bank war zwar alles andere als ein Traumjob gewesen, aber trotzdem ist es nicht sehr aufbauend, wenn man gesagt bekommt, dass man nicht mehr gebraucht wird. Ob er wollte oder nicht, es kratzte an seinem Selbstbewusstsein und hatte ihm einige schlaflose Nächte bereitet. Auch das Mitleid seiner Freunde hatte nicht wirklich geholfen. Doch dann hatte Niklas immer öfter an den nasskalten Moment auf der Kreuzung denken müssen. Er allein und niemand sonst musste entscheiden, wohin sein Weg ging. Für jemanden, der bei Karrierefragen immer dem Rat von anderen gefolgt war, war das eine komplett neue Erfahrung. Links oder rechts? Angst oder Mut?
Letzten Endes hatte er sich weder gegen die Angst noch für den Mut entschieden. Die Sorge, möglicherweise eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, war immer noch da, und besonders mutig war Niklas ja auch noch nie gewesen. Nein, seine Entscheidung hatte mit einer tiefen Unzufriedenheit zu tun, die lange in seinem Inneren herangewachsen war. Er war es einfach satt, immer alles so zu machen, wie es sich ›gehörte‹. Und größer als die Angst, einen Schritt ins Unbekannte zu machen, war die Angst, irgendwann verbittert dazusitzen, alt und grau, und tief im Herzen die Reue zu spüren, sein ganzes Leben nur geradeaus gelebt zu haben. Schule, Uni, Arbeit und der Tod – das konnte doch nicht alles sein.
Seine Seele schrie nach Veränderung! Und da der Bankjob nun ohnehin futsch war, es mit der Liebe gerade auch nicht rosig aussah und das graue Wetter damit drohte, ihn in eine schwere Depression zu stürzen, war es der perfekte Moment gewesen, um abzuhauen. Seine Eltern hatten versucht, ihn umzustimmen, und auch seine Freunde hatten nur wenig Verständnis gezeigt. Doch dieses Mal war seine innere Stimme stärker gewesen als die Meinung der anderen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

 

Zuflucht im Gemüsegarten

Gegen Mittag trudelte er im Garten des alten Bauern ein. Die Sonne schien, blauer Himmel, 24 Grad. Niklas war seit fast drei Wochen in Andalusien und hatte noch keine einzige Wolke gesehen – in Deutschland gab es so ein konstant gutes Wetter noch nicht einmal im Sommer. Wirklich fair war das nicht.
Er schaute sich um, konnte Señor Gonzalez anfangs jedoch nicht ausfindig machen. Schließlich entdeckte er ihn in der Nähe des Feigenbaums, kniend in einem großen Kartoffelbeet.
»Wunderbar, da kommt mir jemand helfen«, wurde er mit einem Augenzwinkern begrüßt.
»Gerne. Was steht heute auf dem Programm?«
»Unkraut jäten!«, gab Señor Gonzalez euphorisch von sich.
»Genau das, wovon ich schon immer geträumt habe.«
Niklas grinste kurz. Dann kniete er sich ebenfalls hin und begann, alles, was nicht zu den Kartoffelpflanzen gehörte, aus dem Boden zu rupfen und in den Korb zu werfen, der zwischen den beiden stand.
»Eigentlich ist Unkraut der falsche Name«, sagte Señor Gonzalez nach einer Weile. »Als wäre es völlig nutzlos, dabei ist das gar nicht so. Beikraut wäre ein viel besserer Name.«
»Wofür benutzt du das Beikraut denn?«
»Es kommt auf den Komposthaufen.« Er zeigte auf zwei große, aus Holzpaletten gebaute Container, die etwas abseits an der Hecke zum Nachbargrundstück standen. »Dort wird es zu fruchtbarer Erde, die ich später als Dünger benutzen kann. So verwandelt sich etwas, das unbrauchbar scheint, in etwas Brauchbares.«
Señor Gonzalez nahm den Korb und rutschte zwei Meter weiter nach links. Niklas folgte ihm. Während sieihrer Arbeit nachgingen, lauschten sie dem fröhlichen Gezwitscher einiger Vögel, die in der Nähe umherflogen.
»Und du hast keinen Garten, wo du wohnst?«, fragte der alte Bauer.
»Nein. Ich lebe in einer großen Stadt, in einer Wohnung im dritten Stock. Da gibt es keine Gärten.«
»Oh.«
»Nur ganz viel Beton«, ergänzte Niklas. »Keine Erde.«
Señor Gonzalez schwieg. Man sah ihm an, dass er sich ein Leben fernab von der Natur nicht vorstellen konnte.
»Hast du auch keinen Balkon?«, wollte er wissen.
»Doch, einen kleinen Balkon hab ich.«
»Dann könntest du doch dort etwas anpflanzen.«
Niklas zögerte einen Moment. Die Vorstellung, im dritten Stock Tomaten und Zwiebeln anzubauen, erschien ihm seltsam. Allerdings hatte er auch noch nie richtig darüber nachgedacht.
»Klar, warum nicht«, antwortete er, auch, um Señor Gonzalez nicht zu enttäuschen.
»Also wenn du irgendwann mal einen Gemüsegarten anlegst, selbst auf einem kleinen Balkon, dann ist der Komposthaufen der erste Schritt.«
»Der Komposthaufen?«
Niklas blickte ihn verwundert an.
»Ja, der Komposthaufen. Wo tust du sonst die ganzen Gartenabfälle hin?«
Der alte Mann riss einen großen Brennnesselstängel raus und richtete sich für einen Moment auf.
»Außerdem gibt dir der Komposthaufen eben den Dünger, den die Pflanzen zum Wachsen brauchen.«
»Dünger könnte ich aber auch kaufen«, wandte Niklas ein.
Señor Gonzalez hob verdutzt den Kopf.
»Aber wieso willst du für etwas Geld ausgeben, was die Natur dir umsonst gibt?«
Nun war es Niklas, der sprachlos ins Nichts starrte. Er war es gewohnt, für alles mit hart verdienter Währung zu bezahlen. Selbst die Bestattung seiner Oma im Jahr zuvor hatte ein kleines Vermögen gekostet. Umsonst war in seiner Welt noch nicht einmal der Tod.
»Und dein selbstgemachter Dünger ist genauso gut wie gekaufter?«
Señor Gonzalez warf ihm einen ernsten Blick zu. Dann stand er auf und verschwand in Richtung Schuppen. Zwei Minuten später war er zurück und hielt Niklas eine Handvoll schwarzer Erde unter die Nase.
»Riecht das nicht wundervoll?«
Niklas machte eine misstrauische Bewegung nach hinten.
»Und schau dir die Farbe an, und die Konsistenz!«, sagte der alte Bauer voller Stolz, während er die Erde durch seine Finger rieseln ließ. »Direkt vom Komposthaufen. Frisch und lebendig!«
Señor Gonzalez strahlte übers ganze Gesicht.
»Vermischt mit dem Mist vom Esel ist das der beste natürliche Dünger, den es gibt.«
Dass jemand sich so für einen Haufen Erde begeistern konnte. Erde, die zum großen Teil aus Abfall bestand.
»Benutzt du nur natürlichen Dünger auf deinem Land?«, wollte er wissen, während sich beide wieder dem Unkraut im Kartoffelbeet widmeten.
»Ja, und ich benutze auch keine Pestizide oder Herbizide. Nur das, was die Natur mir gibt. Und meine zwei Hände.«

Er zog an einer hartnäckigen Wurzel.
»Schon immer mache ich das so. Allerdings bin ich hier im Ort mittlerweile der Einzige, der noch so arbeitet. Schau dir nur meine Nachbarn an, die besprühen alle Bäume und Pflanzen mit Gift.«
Mit ausgestrecktem Arm zeigte er zuerst auf die beiden Fincas auf der anderen Seite des Weges, dann auf die direkten Nachbargrundstücke.
»Früher haben alle mit der Natur zusammengearbeitet. Heute ist es normal, gegen die Natur zu arbeiten, als wäre sie ein Feind.«
Seine Stimme klang traurig.
»Was meinst du, warum sich das geändert hat?«, fragte Niklas.
»Weil die meisten Leute faul sind. Sie wollen alles so einfach wie möglich haben, und so schnell wie möglich. Und klar, es ist bequemer, das Unkraut mit Gift zu vernichten, anstatt es selbst raus zu reißen. Es ist auch weniger Arbeit, künstlichen Dünger zu kaufen, als sich um den eigenen Kompost zu kümmern. Das Problem ist jedoch …«
Sorgenfalten breiteten sich auf seinem Gesicht aus.
»Das Problem ist, dass sie nicht merken, dass sie alles zerstören. Den Boden, die Pflanzen und letzten Endes alles, was lebt. Auch die Menschen, denn die Menschen sind ein Teil von alldem. Wenn die Natur kaputt geht, geht auch der Mensch kaputt.«

Weiter ohne Leseprobe

»Wir stürzen, damit wir lernen aufzustehen.«
(Claus Mikosch)

Der Autor Claus Mikosch

 

Claus Mikosch wurde Mitte der siebziger Jahre in Mönchengladbach geboren. Nach dem Abitur reiste er eine Weile um die Welt, studierte Homöopathie in England und arbeitete anschließend viele Jahre als DJ und Fotograf. Heute pendelt er als Schriftsteller und Filmemacher zwischen Deutschland und Spanien.

Jetzt
kaufen
14,00 €