Maria Nikolai: Die Schokoladenvilla | Leseprobe read’n’go

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Das Schicksal zweier Frauen. Das Erbe einer Familie. Die Geschichte einer Leidenschaft.

Stuttgart, 1903: Als Tochter eines Schokoladenfabrikanten führt Judith Rothmann ein privilegiertes Leben im Degerlocher Villenviertel. Doch die perfekte Fassade täuscht. Judiths Leidenschaft gehört der Herstellung von Schokolade, jede freie Minute verbringt sie in der Fabrik und entwickelt Ideen für neue Leckereien. Unbedingt möchte sie einmal das Unternehmen leiten. Doch ihr Vater hat andere Pläne und fädelt eine vorteilhafte Heirat für sie ein – noch dazu mit einem Mann, den sie niemals lieben könnte. Da kreuzt ihr Weg den des charismatischen Victor Rheinberger, der sich in Stuttgart eine neue Existenz aufbauen will …

Die Familie Rothmann heißt Sie willkommen

 

 

Das Glöckchen der Eingangstür gab sein vertrautes, helles Bimmeln von sich, als Judith Rothmann das Ladengeschäft der Zuckerwarenfabrikation ihres Vaters betrat. Sorgfältig schloss sie die Tür hinter sich, und sofort stieg ihr der unverwechselbare Duft von Schokolade und Zuckerwerk in die Nase. Unzählige feine Köstlichkeiten präsentierten sich auf der blank polierten Verkaufstheke und in den weiß lackierten Vitrinen entlang der Wände.Wo man auch hinsah, standen Schalen und Etageren, gläserne Bonbonnieren und kunstvoll gestaltete Dosen mit verführerischem Inhalt. Schokoladeumhülltes Konfekt aus getrockneten Früchten oder Marzipan fand sich neben schokoladeüberzogenen Zuckerstäbchen, verschiedenste Sorten Tafelschokolade neben allerlei Arten von Bonbons. Eine exklusive Auswahl Rothmann’scher Leckereien wartete, sorgsam auf heller Spitze in hübsch bemalten Holzkästchen arrangiert, auf die gebotene Aufmerksamkeit. Heimlich steckte sie sich ein Stückchen ihres Lieblingskonfekts in den Mund und genoss die herbe Süße der zart schmelzenden, dunklen Schokolade mit Beerenfüllung. Kommenden Sommer sollten wir Gefrorenes verkaufen, dachte sie und beschloss, ihren Vater darauf anzusprechen. Sie hatte kürzlich ein gebrauchtes Rezeptbuch von Agnes Marshall erstanden und fasziniert von der darin beschriebenen Eismaschine gelesen, mit deren Hilfe Milch, Rahm, Zucker und Aromen zu einer kühlen Creme verarbeitet wurden. Die zahlreichen Zubereitungsideen der Engländerin hatte sie in ihrer Fantasie längst weiterentwickelt und sah die Firma Wilhelm Rothmann bereits als ersten Hersteller von Quitten-, Ananas-, Vanille- und vor allem Schokoladeneis in Stuttgart. Vielleicht würde ihr Vater gar zum Hoflieferanten bestellt?

 

Wo man auch hinsah, standen kunstvoll gestaltete Dosen und Schachteln mit verführerischem Inhalt.

Schicksalhafte Verkündung

Durch eine Verbindungstür gelangte Judith in ein geräumiges Treppenhaus, welches das Ladengeschäft mit der Fabrik verband. Hier begann das pulsierende Innenleben des Unternehmens, ein Zauberreich aus Kakao, Zucker und Gewürzen, das Judith liebte, seit sie als Kind zum ersten Mal mit fasziniertem Staunen die Schokoladenfabrik betreten hatte. Zugleich spürte sie ein ungewohntes Unbehagen in der Magengegend.

Bereits beim Frühstück hatte ihr Vater anklingen lassen, am Abend etwas Wichtiges mit ihr besprechen zu müssen, und Judith fragte sich seither, worum es sich wohl handeln könnte. Die mahnende Stimme in ihrem Inneren ignorierend, stieg sie entschlossen die Stufen in den oberen Stock des Verkaufsgebäudes hinauf, wo sich die Büroräume des Unternehmens und das Arbeitszimmer ihres Vaters befanden. Sie klopfte an die mit buntem Glas filigran verzierte Tür und trat ein. Wilhelm Rothmann stand am Fenster und sah hinaus auf die Straße. Als er Judith bemerkte, drehte er sich abrupt um und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück.

»Judith!« Er klang unwirsch. »Was willst du hier?«

»Ich möchte einen Vorschlag machen«, setzte Judith an.

»Ich habe jetzt keine Zeit«, erwiderte er.

Aber sie ließ sich nicht abwimmeln. »Sie sind doch immer auf der Suche nach neuen Verkaufsartikeln. Ich habe mir überlegt, ob es nicht gut wäre, im Sommer Gefrorenes anzubieten.«

Er lachte spöttisch. »Über den Sommer wirst du anderes zu tun haben, als dich um die Herstellung von Gefrorenem zu kümmern.«

Judith horchte auf. »Wie darf ich Sie verstehen, Herr Vater?«

»Da gibt es nichts zu verstehen.« Er trommelte mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte. »Du weißt wohl selbst am besten, was ein Vater von seiner erwachsenen Tochter erwarten kann. Deshalb wirst du bald damit beschäftigt sein, deine Aussteuer zu vervollständigen.« Einen Augenblick lang herrschte angespannte Stille im Raum, und Judith versuchte, das Gesagte zu begreifen. Schließlich fand sie stammelnd ihre Sprache wieder.

»Heißt das, ich soll …«

»Du wirst heiraten.« Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

»Aber wen denn?«, fragte Judith entsetzt. Sie konnte kaum glauben, was ihr gerade verkündet worden war, auch wenn sie seit geraumer Zeit eine leise Ahnung gehabt hatte. »Es gibt doch niemanden, oder?«

»Noch nicht, aber das wird nicht mehr lange dauern«, entgegnete ihr Vater. »Ich werde dich rechtzeitig in Kenntnis setzen. Du solltest mir ein bisschen vertrauen.«

War es denn zu viel verlangt, mit der Ehe zu warten, bis sie sich selbst für jemanden entschied? Einen Mann, den sie mochte.

Der kleine, ruhige Raum neben der Dekorationsabteilung war Judiths ganz persönliche Zuflucht. Hier fand sie wenigstens ein bisschen Abstand zu den Geschehnissen der vergangenen Tage.

Um sich abzulenken, probierte sie neue Schokoladenkreationen aus. Eine Beschäftigung, die sie liebte. Wenn ihr nur die Entwicklung einer einzigartigen Schokoladennascherei gelänge, vielleicht hatte ihr Vater ja ein Einsehen und würde seiner begabten Tochter anspruchsvollere Aufgaben übertragen?

Sie betrachtete die Zutaten, die sie sich zurechtgelegt hatte: gehackte, geröstete Mandeln, getrocknete Johannisbeeren, weichen Butterkaramell aus der Karamellküche, einige Vanilleschoten. Auf dem mit Holz befeuerten Herd hielt sie einen Topf mit flüssiger Schokolade warm, die ihren wunderbaren Duft im Raum verbreitete. Mit geübter Hand kratzte sie die Vanilleschoten aus, mischte das Mark mit Mandeln und Beeren, knetete alles unter die Karamellmasse und formte kleine Kugeln daraus. Nachdem alles abgekühlt war, zog sie eine Kugel nach der anderen auf kleine Holzspießchen auf und tauchte sie in den Topf.

Sie steckte gerade das letzte glänzende Schokoladenköpfchen auf eine doppelt gelegte Pappe zum Trocknen, als es plötzlich klopfte. Victor Rheinberger stand in der Tür, eine Schachtel in der Hand.

»Grüß Gott, Fräulein Rothmann, ich habe die neuen Formen dabei, die Sie in der Gießerei haben herstellen lassen.«

»Das ist ja wunderbar«, freute sich Judith.

»Die Arbeiter haben diesen Auftrag besonders schnell ausgeführt«, sagte er lächelnd.

Sie sah ihn an und empfand eine angenehme Mischung aus Vertrautheit und angeregter Anspannung, wie eigentlich immer, wenn sie in seiner Nähe war. Seltsam, dass ihr diese Tatsache ausgerechnet heute so deutlich bewusst wurde.

»Kommen Sie doch herein!«, bat Judith. »Am besten, Sie stellen die Kiste hier auf den Tisch.«

»Hier riecht es sehr lecker«, meinte er schnuppernd, während er an den Tisch trat.

»Das sind Karamellkugeln in einem Mantel aus Schokolade«, erklärte sie. »Möchten Sie eine versuchen?«

»Sehr gerne, wenn ich darf?« Er zwinkerte ihr zu.

Judith reichte ihm eine ihrer Naschereien. Als er ihr das Holzstäbchen abnahm und sich ihre Finger dabei leicht berührten, spürte Judith ein wohliges Prickeln.

Sein aufmerksamer Blick ruhte auf ihr, als er in die Schokolade biss. Wieder fiel ihr seine ungewöhnliche Augenfarbe auf, dieses irisierende Blaugrün. Es hatte sie schon bei ihrer ersten Begegnung fasziniert. Plötzlich empfand sie eine unterschwellige Zärtlichkeit für diesen Mann, den sie doch kaum kannte. Ganz sicher, redete Judith sich schnell ein, spielte ihre Seele angesichts der Geschehnisse der letzten Tage verrückt.

»Das ist köstlich!«, erklärte Victor, als er die Kugel vernascht hatte. »Richtig lecker, Fräulein Rothmann. Meinen Respekt!«

Auf Judiths Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus. »Oh, danke! Es freut mich, dass Sie die Rezeptur mögen.«

»Mögen ist gar kein Ausdruck«, antwortete Victor, und Judith hatte das Gefühl, dass diese Bemerkung weit mehr umfasste als nur das Lob für ihre Schokoladenkreation …

 

Maria Nikolai im Interview

Maria Nikolai im Interview

Stuttgart und Schokolade: wieso ist das eine unwiderstehliche Kombination?

So zurückhaltend die Schwaben auch sein mögen, dem Genuss sind sie sehr zugeneigt … Und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann machen sie es bekanntlich richtig – so ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass aus kleinen Konditoreien irgendwann erfolgreiche Schokoladenfirmen hervorgingen, die ihre leckeren Spezialitäten im Kaiserreich und darüber hinaus vertrieben. Sechs große Schokoladenfirmen hatten hier um die Wende zum 20. Jahrhundert ihren Sitz! 

 

Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Bücher gehören zu mir wie der Kakao zur Schokolade. Schon als Kind habe ich mir Geschichten ausgedacht und aufgeschrieben, immer wieder gab es sogar Ansätze für einen Roman. Aber erst sehr viel später hat mich der Fund eines alten Tagebuchs dazu angeregt, daraus eine Erzählung zu entwickeln. Es fand sich ein Verlag und so schrieb ich weiter. Irgendwann wechselte ich vom Sachbuch zum historischen Roman – und nun befinde ich mich mitten in einer Familiensaga. Ein herrliches Gefühl! 

 

Was fasziniert dich an der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts besonders?

Diese Zeit ist wirklich beeindruckend. Der technische Fortschritt veränderte die Gesellschaft enorm, alte Strukturen brachen auf und es ergaben sich neue Chancen, vor allem für die Frauen. Sie entwanden sich dem Korsett, in das sie die letzten Jahrhunderte gesteckt worden waren, traten für ihre persönliche Freiheit, ihre Rechte, ihre Selbstbestimmung ein – auch in der Liebe und der Leidenschaft. Ein enormer Aufbruch und ein wertvolles Gut, das niemals mehr in Frage gestellt werden darf. 

 

Wieviel Schokolade isst du so am Tag?

(lacht) Nicht so viel, wie ich gern essen würde, aber immer wieder gönne ich mir natürlich ein Stück. Wenn man täglich an einem Roman schreibt, in dem die Schokolade in allen Variationen vorkommt, ist das nicht zu vermeiden. Und das ist gut so. Denn ein wenig verführerischer Genuss gehört zum Leben einfach dazu. 

 

Ein Roman wie ein Becher heiße Schokolade!

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