Maja Lunde: Die Schneeschwester | Leseprobe read’n’go

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Bald ist Heiligabend. Für Julian ist das der schönste Tag des Jahres. Lebkuchen und Klementinen, das Knistern und Knacken im Kamin, das flackernde Licht der Kerzen.

Außerdem wird Julian an Heiligabend zehn Jahre alt. Doch dieses Jahr ist alles anders. Juni, Julians große Schwester, ist tot. Ein tiefer Schatten liegt über der Familie. Und Julian hat eigentlich nur ein Gefühl: Weihnachten ist abgesagt.

Bis Julian eines Wintertages Hedvig begegnet. Hedvig hat grüne Augen, redet schneller als der Wind und liebt Weihnachten über alles. Ganz langsam glaubt Julian, dass es doch ein Weihnachten für ihn geben könnte. 

Doch Hedvig hat ein großes Geheimnis.

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SCROLLE, UM WEITERZULESEN

Heute möchte ich euch von Hedvig erzählen.

Davon, wie sie meine beste Freundin wurde, und davon, wie ich sie verlor. Und von meiner Schwester Juni, die schon fort war, aber trotzdem weiter bei mir ist.

Als ich Hedvig zum ersten Mal sah, presste sie ihre Nase gegen das Fenster der Schwimmhalle. Die Nase war also das Erste, was ich von ihr sah. Und unglaublich viele Sommersprossen, von denen diese gesprenkelt war.

Hedvig stand draußen, allein, und schaute herein. Es schneite auf sie herab, und der Schnee legte sich auf ihre Mütze und die roten Haare, die darunter hervorlugten, und auf den dicken Wollmantel, den sie trug, und der übrigens auch rot war, so leuchtend rot wie bei einem Weihnachtsmann.

 

 

 

Damals ging ich häufig schwimmen, fast täglich. Hin und her im Becken. Mehr unter als über Wasser, nur bei jedem zweiten Zug tauchte mein Kopf auf, um ein- und anschließend unter Wasser auszuatmen.

Ich fand, dass so ein schöner Rhythmus entstand.

Auftauchen, einatmen, neuer Schwimmzug, untertauchen, ausatmen, neuer Zug.

Beim Schwimmen musste ich an nichts anderes denken, nur an meine Atmung und die Schwimmzüge und das Wasser. Außerdem war ich im Laufe der Zeit recht schnell geworden. Denn wenn du täglich schwimmst, bleibt es nicht aus, dass du nach und nach immer besser wirst. Ein paar Zehntelsekunden pro Tag.

Plötzlich ging meine Konzentration allerdings verloren. Ich entdeckte nämlich, dass die Bademeister ihre Kabine weihnachtlich geschmückt hatten. Rund um das Fenster zum Schwimmbecken hin hatten sie eine Lichterkette befestigt.

Ja genau, Weihnachten. Bald war Heiligabend. Der schönste Tag des Jahres …

Heiligabend ist ja für viele der schönste Tag des Jahres, aber ich habe dafür noch einen besonders guten Grund, denn an Heiligabend habe ich auch noch Geburtstag.

Deshalb heiße ich übrigens auch Julian, … denn Weihnachten heißt auf Norwegisch jul.

Und so wurde bei uns zu Hause Weihnachten gefeiert:

Meine Mutter und mein Vater schmückten den Weihnachtsbaum immer am Tag vor Heiligabend, nachdem meine Schwestern und ich ins Bett gegangen waren. Und wenn ich dann am Weihnachtsmorgen erwachte, machte ich mir jedes Jahr Sorgen, dass sie vielleicht doch nicht fertig geworden waren.

So leise, wie ich nur konnte, öffnete ich daraufhin meine Zimmertür und schlich über die Bodendielen im oberen Flur bis zu der Treppe, die ins Erdgeschoss hinunterführte. 

Im ersten Moment musste ich anschließend nur ganz still dastehen und blinzeln, denn vor lauter Weihnachtsschmuck war von unserem Wohnzimmer kaum noch etwas zu sehen, und alles in ihm war so hübsch und warm und schön und golden, dass es mir den Atem verschlug.

Aber dann kamen Mutter und Vater, und beide umarmten mich und sagten, Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Weihnachtsjunge, und Komm, jetzt frühstücken wir erst einmal zusammen und trinken Kakao. Und an dem gedeckten Frühstückstisch, der voller Essen stand, saßen meine Schwestern und lächelten mich an. Wir wünschten uns alle drei ein frohes Fest: die kleine Augusta, die im August auf die Welt kam, ich Julian, der Mittlere von uns, geboren an Heiligabend, und Juni, die Älteste, nicht schwer zu erraten, wann sie geboren wurde.

Ja, Juni, meine Schwester.

Bei jedem Weihnachtsfest war sie Heiligabend dabei gewesen, aber in diesem Jahr würde ihr Platz am Tisch leer bleiben. Denn Juni war tot. Ganz und gar und vollkommen tot. Tot und auf dem Friedhof begraben.

Und deshalb war es vielleicht nicht so seltsam, dass ich mich an jenem Nachmittag, als ich in der Schwimmhalle hin und her kraulte, fragte, wie Weihnachten wohl werden würde.

JULIAN UND HEDVIG

Als ich später aus der Schwimmhalle hinaustrat, stand das Mädchen noch immer im Schnee. Nicht am Fenster, sondern vor dem Eingang. Ihr roter Mantel leuchtete im Licht der Straßenlaterne, und auf ihrer Mütze glitzerte Schnee. Sie hüpfte ein wenig vom einen Bein auf das andere, wahrscheinlich, um sich warm zu halten. Dann entdeckte sie mich und lächelte daraufhin erneut so breit, nahm Anlauf und schlidderte im Schnee auf mich zu.

»Da bist du ja endlich!«, rief sie.

»Äh, ja«, sagte ich verwirrt.

»Ich heiße Hedvig«, sagte das Mädchen. »Nein, warte, ich muss mich richtig vorstellen, mit meinem ganzen und vollständigen Namen. Er lautet Hedvig … und jetzt würde ich mir wünschen, ich könnte sagen, Hedvig Victoria Johanna Rosendal Ekelund oder etwas in der Art … aber das wäre gelogen. Und lügen soll man ja bekanntlich nicht, erst recht nicht, wenn man jemandem zum ersten Mal begegnet.«

Sie legte eine Pause ein, um zu atmen, was sicher klug war, denn sie redete so schnell, dass die Worte nur so aus ihr heraussprudelten, und wenn sie jetzt nicht geatmet hätte, wäre sie vermutlich in Ohnmacht gefallen. Dann streckte sie die Hand aus und sagte:

»Ich heiße Hedvig Hansen – leider. Hedvig Hansen. Du denkst vielleicht, dass das doch schlicht und nett ist, jedenfalls behaupten das manche, wie praktisch, Hansen zu heißen, sagen sie. Aber das liegt mit Sicherheit nur daran, dass sie selbst einen viel spannenderen Namen haben und sich im Grunde keine Gedanken darüber machen, wie langweilig und öde es ist, einfach nur Hansen zu heißen. Nicht einmal einen zweiten Vornamen habe ich bekommen, kein kleines, feines Anna oder Ylva, nicht einmal etwas so Langweiliges wie Gerda haben sie zwischen Hedvig und Hansen eingefügt.

Weißt du, ich werde es meinen Eltern immer verübeln, dass sie nicht in der Lage waren, ein bisschen fantasievoller zu sein, als sie mir einen Namen gaben.«

»Oh«, stammelte ich. »Nun … ja.«

Mehr brachte ich nicht heraus. Nie zuvor hatte ich jemanden getroffen, der so viel und so schnell redete, und es war beim besten Willen nicht ganz einfach herauszufinden, was man auf all das entgegnen sollte. Dann sah ich jedoch auf einmal ihre Hand, die sie mir immer noch hinhielt, und ich beeilte mich, sie zu schütteln.

»Julian heiße ich«, sagte ich. »Julian Wilhelmsen.«

»Guten Tag, Julian«, sagte Hedvig. »Du ahnst ja gar nicht, wie ungeheuer, herzzerreißend froh ich bin, dich getroffen zu haben.«

»Äh, nein«, sagte ich.

»Wollen wir gehen?«, fragte Hedvig.

 

 

 

»Ich muss nach Hause«, sagte ich.

»Musst du wirklich?«, fragte Hedvig.

»Ich muss Hausaufgaben machen«, antwortete ich.

»Es ist doch Freitag«, wandte Hedvig ein.

»Zusatzaufgaben«, sagte ich. »Eine Menge … äh … Wochenendhausaufgaben. Das hat sich unser Lehrer neu einfallen lassen.«

»Aber ich hatte gedacht, wir könnten Freunde werden«, erwiderte Hedvig.

»Freunde?«

»Das hört sich jetzt wahrscheinlich ziemlich seltsam an«, sagte Hedvig, »aber ich glaube, wir würden es beide ganz fürchterlich bereuen, wenn wir keine Freunde werden. Wir würden uns für den Rest unseres Lebens wünschen, es ungeschehen machen zu können, wenn wir uns jetzt nicht gegenseitig verzeihen.«

»Äh«, sagte ich. »Für den Rest unseres Lebens ungeschehen machen?«

Dieses Mädchen war wirklich der merkwürdigste Mensch, dem ich je begegnet war.

»Und deshalb finde ich, statt dass wir uns verabschieden, solltest du mich lieber nach Hause begleiten«, sagte sie.

»In Ordnung«, sagte ich.

Plötzlich lächelte Hedvig wieder. Sie hatte ein wirklich gigantisches Lächeln, und es war praktisch unmöglich, es nicht zu erwidern.

»Wir könnten uns einen Kakao machen«, meinte Hedvig.

»Kakao«, sagte ich.

Es kam mir fast ein bisschen verdächtig vor, dass sie Kakao vorschlug, denn der ist nun einmal, wie ihr euch vielleicht erinnert, so etwas wie meine Leib- und Magenspeise.

 

 

»Sei bitte so freundlich und nimm Platz, mein werter Gast. Du ahnst ja gar nicht, wie froh ich bin, dich getroffen zu haben.«

Und als wir so in der Küche saßen und heiße Schokolade mit Sahne tranken und große und weiße Bärte bekamen wie alte Männer, dachte ich, dass sie nicht die Einzige war, die sich freute, weil wir uns begegnet waren. Außerdem war ich nicht nur froh, sondern hatte irgendwie das Gefühl, dass unsere Begegnung wichtig war …

Aber dass Hedvig tatsächlich mein Leben verändern sollte, ahnte ich da noch nicht.

 

 

Die Weihnachtsgeschichte von Bestsellerautorin Maja Lunde

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Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman “Die Geschichte der Bienen” stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und war der meistverkaufte Roman des Jahres 2017. Im Frühjahr 2018 erschien mit “Die Geschichte des Wassers” der zweite Teil ihres literarischen Klima-Quartetts, das sich mit den Folgen menschlichen Handelns für die Natur beschäftigt.

Lisa Aisato, 1981 geboren, ist eine gefeierte norwegische Illustratorin, Autorin, Künstlerin. Sie wurde nominiert für den Astrid Lindgren Memorial Award, den H.C. Andersen Award, den Brageprisen, den norwegischen Kritikerpreis und den Preis der Buchblogger. 2016 erhielt sie den Sørlandet Literaturpreis. Aisato lebt mit ihrer Familie auf einer südnorwegischen Insel, wo sie eine eigene Galerie betreibt.