Melanie Raabe: Der Schatten | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scrolle los!

„Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten.“

Gerade ist die junge Journalistin Norah von Berlin nach Wien gezogen, um ihr altes Leben endgültig hinter sich zu lassen, als ihr eine alte Bettlerin auf der Straße diese Worte förmlich entgegenspuckt. Norah ist verstört. Ausgerechnet in der Nacht des 11. Februar ist vor vielen Jahren Schreckliches geschehen. Trotzdem tut sie die Frau als verwirrt, als Irre ab. Doch dann tritt  Arthur Grimm in ihr Leben. Norah kommt ein schlimmer Verdacht: Hat sie tatsächlich einen Grund, Grimm zu töten? Was ist damals, in der schlimmsten Nacht ihres Lebens, wirklich passiert?

Kann Norah für Gerechtigkeit sorgen, ohne selbst zur Mörderin zu werden?

Schon neugierig geworden? Kauf hier das Buch!

Jetzt
kaufen
16,00 €

Du willst noch mehr?

SCROLLE, UM WEITERZULESEN

I’m a fountain of blood
In the shape of a girl

Björk – Bachelorette

Sie würde einfach verschwinden. Das Eis würde krachend nachgeben unter ihren Füßen, sie würde mit Wucht hinabgerissen werden, kein verzweifeltes Strampeln und Plantschen, um an der Oberfläche zu bleiben, kein Kampf, nur hinab, hinab, hinab in die Dunkelheit, die Stille.

Dass es einen solchen Ort gab. Ein kleiner See mitten im Wald, umstanden von Bäumen, deren Äste unter der Last des Neuschnees herabhingen wie in Trauer. Die Taubheit in den Fingerkuppen, der klirrende Schmerz in ihren Zehen. Sie schwenkte die Taschenlampe hin und her. Niemand außer ihr war hier. Sie waren nicht gekommen. Und doch waren da Spuren. Hatte sie die beiden verpasst? War sie zu spät? Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Nein.

Die Sterne waren so hell hier draußen, so fern von der Stadt. Das Geräusch gefrierender Blätter. Eine gleißende, nächtliche Welt. Kurz vergaß sie, warum sie mitten in der Nacht an diesen Ort gekommen war. Den Verrat, die Wut, die Schmerzen – alles. Sie machte einen Schritt auf das Eis. Hielt inne, horchte. Es knackte. Ein schlafendes Lebewesen, das im Traum schwache Laute von sich gab.

Sie hörte genauer hin, richtete den Blick zum Himmel, schloss die Augen. Die Stille klang nach Gesang. Ein Choral. Seltsam, dachte sie. Wind kam auf, scharf wie eine Klinge, und trug den Geruch von Neuschnee herbei. Sie zog den Kopf ein, die Schultern hoch. Der milchige Glanz der Sterne. Das Gefühl, dass sie nicht hier sein sollte. Dann sah sie es.

Ein Gegenstand, auf dem Eis. Sie zögerte, bückte sich, um das, was dort im Schnee lag, besser erkennen zu können. Streckte die Hand aus. Blinzelte, als ihr Gehirn begriffen hatte, was ihre Augen da sahen. Zog die Hand zurück. Ein toter Vogel, dunkel gegen den weißen Schnee, noch nicht gefroren. Sie richtete sich auf – sie glaubte an Zeichen –, wandte sich jäh um. Ihr Atem ging plötzlich sehr laut. Niemand. Da war niemand. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse. Nichts, niemand, nur sie und die Nacht selbst.

Noch einmal blickte sie hinauf zu den Sternen, dann fasste sie ihren Entschluss.

Sie würde es tun.

Sie würde sie zerstören. Sie alle. Aber vor allen Dingen sie. Norah.

Norah liebte Abschiede. Momente des Übergangs. Die Minuten auf der Schwelle zwischen Nacht und Tag, Winter und Frühjahr. Geburten, Hochzeiten, Silvesternächte. Ein neues Leben, eine zweite Chance. Wiedergeburten. Das Alte ausradieren, einen neuen Stift in die Hand nehmen.

Warum weinst du dann?

Die undurchdringliche Schwärze der Wälder. Der Himmel grün und blau geschlagen von der Nacht. Die Straße vor ihr endlos. Norah blickte der Dunkelheit entgegen, mit weit offenen Augen. Ihr altes Leben verschwand im Rückspiegel. Wurde kleiner und kleiner. Unwirklich fast. Ihre Arbeit. Der Mann. Ihr Zuhause. Der Hund.

Die Katastrophe.

Das Treppenhaus roch nach feuchtem Teppich und Filterkaffee, als sie wenig später die Wohnung verließ und abschloss. Gerade wollte sie die Stufen nach unten nehmen, da hörte sie etwas, ganz leise. Sie wandte sich um. Erst, als sie den Blick nach oben wandte, sah sie die kleine schwarze Katze, die unschlüssig auf der Treppe zwischen dem zweiten und dritten Stock des Mietshauses stand und Norah schüchtern ansah. »Hallo«, sagte Norah. »Wo kommst du denn her?«

Instinktiv ging sie in die Hocke und streckte die Hand aus. Das Kätzchen starrte sie an. Schließlich setzte es sich in Bewegung, zögerlich erst, dann immer mutiger. Vorsichtig streichelte Norah ihm das Köpfchen.

»Katinka?«, hörte Norah plötzlich eine Stimme von oben, aus dem Stockwerk über ihr. Die Katze hob den Kopf, offenbar unsicher, ob sie dem Ruf folgen oder sich lieber noch eine Weile von ihrer neuen Eroberung streicheln lassen sollte.

Schließlich entschied sie sich für Letzteres und strich Norah, die sich wieder erhoben hatte, kokett um die Beine. »Hallo«, rief Norah ins Treppenhaus hinein. »Falls Sie Ihre Katze suchen, die ist hier.« Ein Lachen ertönte, dann waren da Schritte, und zwei Sekunden später eine Stimme, die sagte: »Na, Katinka? Belästigst du wieder die Nachbarn?« Und dann: »Sorry. Irgendwie ist sie mir ausgebüchst. Ich bin übrigens Theresa. Dritter Stock.«

Einen Augenblick war Norah wie gelähmt. Diese beinahe mandelförmigen blauen Augen mit den blonden Wimpern, der kleine, wie von einem Pinselstrich geschwungene Mund, die Sommersprossen … »Geht’s Ihnen nicht gut?«, fragte die junge Frau, doch Norah hörte sie kaum. Diese Ähnlichkeit … »Alles klar mit Ihnen?«, fragte die Frau erneut.

Endlich schaffte Norah es, sich ein Lächeln abzuringen. »Ich schlafe wohl noch«, meinte sie. »Entschuldigen Sie bitte.« Sie schüttelte die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. »Norah«, fügte sie hinzu. »Zweiter Stock.« »Cool«, sagte die Frau. »Freut mich.« Sie warf einen Blick über die Schulter. »Ich gehe jetzt wohl mal besser und fange den kleinen Teufel ein.« Bedächtig nahm Norah die Stufen ins Erdgeschoss hinunter. Geht’s Ihnen nicht gut?, hatte die Frau gefragt.

Wie gut konnte es einem gehen, wenn man gerade einen Geist gesehen hatte?

Vor dem H&M saß ein unscheinbares Mädchen. Höchstens Anfang zwanzig, kastanienbraunes Haar unter der schwarzen Wollmütze, Army-Parka, abgekaute Fingernägel, ein Schild vor sich. Ich habe Hunger. Daneben ihr Schäferhund. Ein Stück weiter: ein bebrillter Mann um die sechzig mit feinen Gesichtszügen. Dann war da noch der vermutlich psychotische Typ mit den blonden Dreadlocks, der die meiste Zeit über introvertiert vor sich hin murmelte und die Passanten anschnorrte, bisweilen aber ausfallend wurde und vorbeigehende Frauen mit erstaunlicher Phantasie und Ausdauer vulgär beschimpfte.

Und dann war da noch sie. Eine ältere Frau mit eindrucksvollen Falten und klaren, hellblauen Augen. Mit der Art von Gesicht, mit dem Fotojournalisten Preise gewannen, wenn sie es irgendwo in einem entlegenen Bergdorf entdeckten.

Sie war so hochgewachsen, dass Norah zu ihr aufschauen musste. Instinktiv griff sie in ihre Handtasche und nach ihrem Portemonnaie, um der Frau ein paar Euro zu geben.

»Du bringst den Tod«, sagte die Frau.

Ihre Stimme klang ruhig und rau. Stirnrunzelnd blickte Norah sie an. »Was haben Sie gerade zu mir gesagt?« Die Frau schien Norah gar nicht gehört zu haben.

»Blumen welken«, sagte sie. »Uhren bleiben stehen. Die Vögel fallen tot vom Himmel.« Ihr ernster Blick ruhte weiter auf Norah. Die Haare der Frau waren dunkler, ihre Augen heller, die Falten tiefer, als Norah es aus der Ferne wahrgenommen hatte. Da waren rötliche Sprenkel im hellen Türkis ihrer Iris, wie die winzigen Partikel von Blut, die sich bisweilen im Dotter eines Hühnereis fanden.

Erst jetzt wurde Norah klar, dass sie es mit einer psychisch Kranken zu tun hatte.

»Am 11. Februar wirst du am Prater einen Mann namens Arthur Grimm töten«, fuhr die Frau fort.

»Mit gutem Grund. Und aus freien Stücken.«

Melanie Raabe

Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren. Nach dem Studium arbeitete sie tagsüber als Journalistin – und schrieb nachts heimlich Bücher. 2015 erschien DIE FALLE, 2016 folgte DIE WAHRHEIT. Melanie Raabes Romane werden in über 20 Ländern veröffentlicht. DIE FALLE war international eines der heiß umkämpftesten Bücher der letzten Jahre, TriStar Pictures sicherte sich die Filmrechte. Melanie Raabe lebt und schreibt in Köln.

Foto von © Christian Faustus

Der neue Thriller von SPIEGEL-Bestsellerautorin Melanie Raabe

JETZT KAUFEN
16,00€

»Diese Frau ist eine Sensation«

Elmar Krekeler, Die Welt