Annette Roeder: Rosa Räuberprinzessin | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

Born to be a Princess

Rosa Rangel ist fröhlich, frech und mutig, meist in Latzhosen unterwegs und klettert gerne auf die höchsten Bäume. Aber viel lieber als die Hosen ihrer drei Brüder Robin, Rocco und Rochus aufzutragen, hätte sie gern ein rosa Rüschenkleid und ein Krönchen – wie eine Prinzessin! Doch die kleine Farm ihrer Eltern im Grillenwinkel ist kein Schloss, und rosa sind dort nur die Ferkel im Stall.

Das sind Rosas beste Freunde

Irmela Zopf
Esel Einhorn

Das ist Rosas allerbeste Freundin Irmela Zopf

Irmela ist die Tochter des Bäcker Zopf, hat spatzbraune Haare und duftet nach Zimt und Kupfermünzen. 

Sie ist total klug und man kann sich immer auf sie verlassen.

Das ist Esel Einhorn

Esel kann sprechen und hat viele gute I-A-deen. Manchmal sogar etwas zu gute … Sein Bauch ist rund und weiß und das restliche Fell glänzt in wunderschönem Silbergrau.
Ob die beiden es gemeinsam schaffen, dass aus Rosa doch noch eine echte Prinzessin wird?

 

Auf zur Kirmes!

Wie Esel Einhorn zu Rosa kam

Die Kirmes in Sonnenbühl ist das schönste Fest im ganzen Jahr.
Von überall strömen Besucher über die Felder herbei, um am ersten Septemberwochenende drei Tage lang zu feiern.

In diesem Jahr freuen sich Rosa und ihre Familie ganz besonders auf die Kirmes. Denn Rosas Eltern haben zum ersten Mal einen eigenen Verkaufsstand.

Irmela hat Rosa Freikarten fürs Ponyreiten geschenkt, weil sie immer niesen muss, wenn sie in die Nähe von Pferden kommt.

Nun steht Rosa vor Gottones Ponykarussell. Sie wartet, bis der Besitzer ein kleines Mädchen auf das vorderste Pony gehoben hat. Dann streckt sie ihm die Freikarten entgegen.

»Woher sie sind?«, will Herr Gottone wissen. »Solchene Karte habe ich nur gegeben an sehr wichtige Leute.«

»Damit hat Frau Bürgermeister Wursthorn dem Bäcker Zopf die Zimtschnecken bezahlt, und der hat sie seiner Tochter Irmela gegeben, und die hat sie mir geschenkt«, erklärt Rosa. »Weil sie meine beste Freundin ist.«

Herr Gottone nimmt ihr lächelnd die Karten ab. »Freikarten nicht sind übertragebar. Mir tut leid.« Mit einem Ratsch zerreißt er alle drei Karten gleichzeitig.

»Wenn du mich nicht sofort reiten lässt, dann sag ich allen Leuten hier, dass du gemein zu Kindern bist!«, ruft Rosa wütend.

Die Mutter des kleinen Mädchens wird aufmerksam und kommt heran. »Gibt es ein Problem?«, fragt sie Rosa.

Herr Gottone antwortet, bevor Rosa den Mund aufmachen kann. Also sehr schnell. »No, no, keine Problem, Signora. Die Principessa nur nicht sich kann entschließen, auf welche Pony wolle.« Er funkelt Rosa böse an. »Los, kleine Hexe. Such dir aus einen Pony.«

Rosa klettert auf die Abgrenzung aus Strohballen. Von dort hat sie einen guten Überblick über alle Tiere: fünf unterschiedlich große Ponys und am anderen Ende der Wiese … Die Entscheidung ist diesmal einfacher zu treffen, als ein Bonbon auszupacken.

»Ich nehme natürlich das Einhorn!«, sagt Rosa.

Herr Gottone fasst sich an die Stirn. »Natürlich, der schöne weiße Einhorn.« Er will Rosa auf das weiße Pferdchen helfen, das ganz in der Nähe wartet.

Aber Rosa strampelt sich los. »Das ist ein Islandpony und kein Einhorn.«

»Und wo du siehst einen Einhorn, bitte?«, fragt Herr Gottone.

Rosa deutet auf das Einhorn. »Da!«

Jetzt lacht Herr Gottone laut heraus. Er lacht so laut, dass er sich den Bauch halten muss und mehrere Menschen stehen bleiben und neugierig schauen.

»Das doch ist ein dummer Esel!«, ruft er.

Ohne ihn zu beachten, geht Rosa über die Wiese auf das Einhorn zu.

Gottone wuselt ihr hinterher. »Hör mal, auf den Esel du nicht kannst reiten. Der nur geht, wenn ich komme mit meine speziale Angel.« Er deutet auf eine Holzangel, die im Zaun steckt. Anstelle eines Wurms hängt an ihrem Haken eine dicke Karotte.

Rosa interessiert das nicht. Jetzt ist sie beim Einhorn angelangt. Das dünne Schwänzchen mit der Quaste wedelt freudig. Sein Bauch ist rund und weiß und das restliche Fell glänzt in wunderschönem Silbergrau. Mit nachtschwarzen Augen schaut das Einhorn Rosa an. Auf der Stirn schimmert sein durchscheinendes Horn. Wieso sieht Herr Gottone es nicht? Der Mann muss dümmer als ein ungebackenes Dinkelbrot sein!

»Ich will das Einhorn«, sagt Rosa beharrlich.

»Das ist nicht ein Horn, sondern eine Esel.«

»Wenn es dich zufrieden macht, reite ich eben auf Esel Einhorn.«

Rosa streichelt dem Einhorn sanft über den Hals und flüstert in sein Ohr. »Ich darf doch auf dir reiten?«

»I-A«, sagt das Einhorn.

Also schwingt Rosa ihr Bein über seinen Rücken. Jetzt hat Herr Gottone die Knollennase gestrichen voll. »Bitte. Dann du bleibst eben die drei Runde stehen auf der Stelle.«

Er marschiert schulterzuckend zum Anfang der Reihe, nimmt das erste Pony am Halfter und beginnt, es an der Innenseite der Strohballen entlang im Kreis zu führen. Eines nach dem anderen setzen sich die Tiere hinter ihm in Bewegung. Feixend dreht sich Herr Gottone nach Rosa und ihrem Einhorn um. Doch wenn er denkt, dass die beiden nicht von der Stelle kommen, dann hat er sich getäuscht. Esel Einhorn läuft sofort los. Allerdings in die entgegengesetzte Richtung!

Esel Einhorn

Esel Einhorn wandert mit Rosa kreuz und quer über den Reitplatz. Von seinem Rücken herunter sieht die Welt viel bunter aus. Wie wenn Mama mit ihrem dicken Pinsel alles frisch angestrichen hätte: das putzmittelblaue Monster auf der Geisterbahn, die grünen Blätterkronen der Linden, der maisgelbe Pullunder

des Buben auf dem Shetlandpony. Selbst die Nase von Herrn Gottone strahlt in beinahe freundlichem Mohnblumenrot.

Viel zu schnell läutet Herr Gottone mit einem Glöckchen und verkündet die zweite Runde.

Auch diesmal geht Esel Einhorn seine eigenen Wege. Rosa legt den Kopf in den Nacken, lässt sich auf seinem Rücken schaukeln und lauscht den Klängen der Drehorgel. »Gefällt dir die schöne Musik auch so gut?«, fragt sie Esel Einhorn.

»I-A!« Er macht einen klitzekleinen Sprung. Natürlich so, dass Rosa nicht herunterfällt.

Rosa kichert. »An meinem Geburtstag werde ich dieses Jahr keine Schatzsuche machen, sondern einen Ball veranstalten. Willst du auch kommen?«

»I-A! II-AAA!«, sagt Esel Einhorn und dreht sich im Kreis.

Im Schweinsgalopp kommt Herr Gottone herbeigerannt.

»Basta!« Er packt Esel Einhorn mit einer Hand am Halfter. Mit der anderen zieht er ihn am Ohr.

»I-AAu!«, jammert Esel Einhorn.

»Lass sofort mein Einhorn los«, ruft Rosa. »Du tust ihm ja weh!«

»Das ist immer noch mein Esel«, antwortet Herr Gottone knurrend. »Und ich habe ihn verboten zu bocken!«

»Esel Einhorn bockt nicht, er tanzt!« Rosa funkelt Gottone so wütend an, dass er langsam die Hand von Einhorns Ohr zurückzieht.

Dabei droht er dem Esel Einhorn aber: »Du Mistesel bekommst zur Strafe heute keine Abendessen. Und wenn du noch einmal hüpfest, dann ich werde machen Salami aus deine Popo.«

Er zieht das Glöckchen aus seiner Westentasche und bimmelt.

»Jetzt anfängt die dritte Runde.«

»PFFFFF!« Esel Einhorn schnaubt abfällig und trabt zum anderen Ende der Wiese.

Gottones Glöckchen bimmelt bald zum Ende der dritten Runde.

Rosa wird das Herz so schwer, dass es auf ihren Bauch drückt. Sie steigt ab und umarmt Esel Einhorns Hals. »Schon vorbei. Schade.«

Du, wart mal! Kannst du mir was zum Mampfen bringen, wenn ich nachher im Stallwagen bin? Der alte Geizkragen gibt mir I-A nicht mal eine Haferflocke.

»Hä?« Rosa popelt sich mit den Zeigefingern in den Ohren. Da muss etwas hineingeraten sein. Esel Einhorn hat mit ihr gesprochen. Nicht I-A oder IIh-AAh, wie zuvor. Zwei richtige Sätze hat er von sich gegeben!

Man sagt übrigens nicht Hä, sondern Wie bitte.

»Du kannst reden?«, fragt Rosa.

I-A wieso nicht?

Rosa ist sprachlos. Und das passiert nicht oft. Ihr Gehirn rattert wie Rochus’ erste Erfindung, der Hundekraulautomat.

Esel Einhorn scharrt ungeduldig mit einem Vorderhuf. I-Also pflückst du mir nun Kräuter und Löwenzahn oder nicht?

»Na klar!« Rosa hat sich wieder gefasst. Warum sollte ein Einhorn nicht sprechen? »Du bekommst von mir alles, was du willst«, sagt sie. »Wir sind doch jetzt Freunde!«

Und was Rosa verspricht, das hält sie natürlich auch.

Ein guter Tag geht zu Ende

Beim Abendbrot im Grillenwinkel wollen alle gleichzeitig berichten, was sie auf der Kirmes erlebt haben. Wie im Gänsestall schnattern die Rangels durcheinander.

»Ich habe heute ein Einhorn kennengelernt«, erzählt Rosa.

»Ich habe den Hauptpreis beim Zielschießen gewonnen und ihr nicht!«, schreit Rocco und wedelt mit einer Plastikrose.

Aber Rosa will mehr von Esel Einhorn erzählen. »Der Besitzer ist pieseldumm und behauptet, das Einhorn wäre ein Esel.«

»Die Bratwurstsemmel war übrigens superlecker.« Robin schielt verlegen zu Papa.

Der ist fröhlich wie seit Tagen nicht mehr. »Wenigstens hat Robin dem armen Metzger Stückler etwas abgekauft. Der tut mir richtig leid, weil alle nur noch meine Grillenburger wollten, nachdem die Wursthorns davon gekostet hatten.«

»Herr Gottone gibt Esel Einhorn nichts zu essen, damit er einer Möhrenangel nachläuft. Ich hab alles genau beobachtet. Nach der Arbeit sperrt er ihn ohne Futter in den Stallwagen, aber die Ponys lässt er auf der Weide grasen.Und wenn Esel Einhorn nicht folgt, dann will er Salami aus ihm machen. Ist das nicht gemein?«, fragt Rosa.

Keiner antwortet ihr.

Da klopft sie mit der Gabel an ihr Wasserglas. »He! Wir dürfen nicht zulassen, dass Esel Einhorn hungert oder eine Salami wird!«

»Hau das Glas bitte nicht kaputt, Schätzlein. Du kannst dein Einhörnchen gerne mit Nüssen aus der Speisekammer füttern«, sagt Mama.

Dann wechselt sie wieder das Thema. »Das Gesicht von Frau Wursthorn, als sie in die erste Grille gebissen hat, hättet ihr sehen sollen!« Sie versucht Frau Wursthorns Gesicht nachzumachen: Erst zieht sie eine Zitronengrimasse, dann würgt sie, als müsse sie eine Seegurke im Ganzen schlucken, und dann grinst sie plötzlich wie die Katze aus Alice im Wunderland. Selbst Rosa muss da lachen.

Papa greift nach dem Sparkäfer, den er von Rangels Grillenbude mitgebracht hat. Er tut, als wäre er so schwer, dass er ihn kaum hochheben kann. »Wenn wir morgen und übermorgen wieder so viel Geld einnehmen, können wir uns tatsächlich den

Dachdecker leisten!«, verkündet er.

Nur Rochus ist nicht richtig zufrieden. »Ich habe ganz vorne in der Zaubervorstellung gesessen. Trotzdem hab ich es nicht geschafft, in den Kasten zu schauen, in dem die Jungfrau zersägt wird. Wenn ich nur wüsste, wie der Trick funktioniert!«

Rosa seufzt. So ist das meistens bei Rangels. Nur wer am lautesten schreit, wird gehört. Aber was soll’s. Sie wird sich eben alleine um ihren Esel Einhorn kümmern.

Esel Einhorn hat eine I-A-dee

Wenn du sehr glücklich bist, ist die Zeit kein langer Faden mehr, sondern wird zu einem buntflauschigen Wollknäuel. Der Anfang ist dann meistens da, wo auch das Ende liegt. Für Rosa verfliegen die drei Tage auf der Kirmes mit Esel Einhorn schneller, als sie braucht, um einen Purzelbaum zu schlagen.

Schon ist Sonntag, schon ist Sonntagnachmittag. Das schönste Fest von Sonnenbühl geht seinem Ende zu. Rosa hat jede mögliche Minute bei ihrem Freund Esel Einhorn verbracht, ihn gestreichelt und gefüttert. Jetzt sitzt sie am Rand des Reitplatzes auf einem Strohballen und lässt den Kopf hängen.

Du guckst I-A wie ein Pony beim Friseur. Esel Einhorns Stimme klingt sanft. Was ist denn heute los mit dir?

Rosas Augen füllen sich mit Tränen. »In einer Stunde ist alles vorbei. Morgen früh wird Rangels Grillenbude abgebaut und die anderen Stände und Fahrgeschäfte und sogar das Bierzelt!«

I-A und? Du magst doch gar kein Bier.

»Du gehst dann auch weg!«

I-Aber Einhorn und Prinzessin gehören für immer zusammen.

»Find ich doch auch! Nur wie soll das gehen?«

Da schlägt Esel Einhorn etwas Ungeheuerliches vor.

Ich hab eine ganz gute I-A-dee. Du nimmst mich mit zu dir!

Rosa schaut verdutzt zu ihm auf. »Ich soll dich dem Gottone wegKLAUEN?«

I-Wo, klauen darf man nicht! Du machst nur ein bisschen das Tor vom Stallwagen auf. Nachlaufen tu ich dir von I-Alleine.

Einhorns I-A-dee gefällt Rosa. Aber sie hat auch Bedenken.

»Wenn Gottone sieht, dass du weg bist, wird er dich suchen.«

Dummilein. Du musst natürlich kommen, wenn es dunkel ist.

Esel Einhorn schubbert seine Wange an Rosas Schulter. Bitte, I-A?

Mit den Handrücken wischt sich Rosa die Tränen aus den Augen. Wer kann schon die Bitte eines Einhorns abschlagen?

Doch von daheim abzuhauen, im Dunkeln durch den Wald ins Dorf zu schleichen und dort heimlich einen Stall zu öffnen … Das ist ein großes Vorhaben für ein kleines Mädchen – selbst wenn das kleine Mädchen eine wilde Rosa ist!

Rosa überlegt. Zu zweit wäre alles einfacher. Könnte ihr nicht jemand helfen? Mama und Papa scheiden aus. Die machen sich nicht an fremden Stalltüren zu schaffen, auch wenn es den Tieren dahinter nicht sehr gut geht. Die würden eher dafür sorgen,

dass Esel Einhorn in ein Tierheim kommt. Doch damit wäre Rosa und Einhorn nicht geholfen. Rosa überlegt, ob vielleicht einer ihrer Brüder sie unterstützen würde. Am ehesten Robin, aber der darf nichts mehr anstellen, weil Polizist Wachauer ihn schon öfter bei dummen Streichen erwischt hat. Rosa beißt auf ihrer Unterlippe herum, so fest denkt sie jetzt nach. Plötzlich löst sich der Knoten in ihrem Hirn. »Einhorn, ich hab auch eine Idee!«

I-A nämlich? Einhorn stellt die Ohren auf.

»Wozu haben wir eine beste Freundin? Irmela wird uns helfen! Ich lauf schnell rüber zu Zopfs Zimtschneck-Eck und erzähle ihr alles.«

»Hollerkuchen und Kaiserschmarrn. Du bist komplett verrückt«, flüstert Irmela, als Rosa ihr die Sache erklärt hat. Und dann fallen Irmela ein paar sehr dringende Gründe ein, die gegen den Plan sprechen. Im dunklen Wald kann man sich verirren.

Elternbelügen ist nicht fein. Und Einhornentführung vermutlich sogar gesetzlich verboten!

»Na und?« Mehr hat Rosa nicht dazu zu sagen. Sie wiederholt: »Na UND?«

»Na gut!«, sagt Irmela seufzend. »Ich geb Päbbelchen gleich Bescheid, dass ich heute bei euch übernachte. Meine Schlafsachen können wir unterwegs abholen.« Auf Irmela kann man sich eben verlassen!

Salami

Natürlich darf Irmela bei Rosa übernachten!

Mama und Papa sind so froh über den Erfolg von Rangels Grillenbude, dass sie an nichts anderes mehr denken können.So wundern sie sich gar nicht über den schwer gefüllten, großen Rucksack, in dem Irmela die Schlafsachen für eine Nacht transportiert. Auch nicht darüber, dass sich Rosa Mamas Sonnenbrille ausleihen möchte. Sie wundern sich zum Glück ebenfalls nicht darüber, dass die beiden

Mädchen heute, ohne zu maulen, gleich nach dem Abendbrot ins Bett gehen. Und als Rosa und Irmela nicht viel später an der angelehnten Wohnzimmertür vorbeischleichen und Herr August wild loskläfft, wundern sie sich nicht einmal darüber.

Mama schaut gar nicht nach dem Grund, sondern sagt nur: »Sei still, du Erbsenkopf! Da ist doch nichts. Mit deinem Gebellweckst du noch die Kinder.« Als Rosa das hört, muss sie vor Erleichterung ein bisschen kichern.

Dann aber wird sie ernst und setzt sich zur Tarnung die Sonnenbrille auf. So machen es die Geheimagenten im Fernsehen auch. Die beiden Einhorn-Retterinnen verlassen den Grillenwinkel und tauchen in den Wald ein wie in nachtschwarzes Wasser. Das hat sich Rosa nicht so gruselig vorgestellt! Dabei kennt sie den Fußpfad nach Sonnenbühl doch so gut wie die Bauchtasche ihrer Latzhose. Am Tag. Doch jetzt sehen die Bäume aus wie Geister, die im schwachen Licht der Taschenlampe mit dürren Fingern nach Rosa grapschen.

Ein weißer Schatten flattert zwischen den schwarzen Stämmen.

»Aaah! Ein Gespenst!«, schreit Rosa und klammert sich an Irmela.

»Quark!«, sagt Irmela. »Gespenster gibt es nicht. Das war ein Kauz.«

»Aber es ist so dunkel!«, jammert Rosa. »Ich kann kaum was sehen!«

»Setz die Sonnenbrille ab«, schlägt Irmela vor. Die Sonnenbrille hat Rosa ganz vergessen. Sie schiebt die Brille in die Haare. Wenigstens kann sie jetzt in der Nähe wieder etwas erkennen.

Nun öffnet Irmela den schweren Rucksack. Rosa hat sich schon die ganze Zeit gefragt, was Irmela wohl darin mitschleppt.

Irmela holt ein Brötchen heraus und reicht es Rosa. Das ist aber komisch! Wie kann sie denn jetzt nur an Essen denken?

»Danke, ich hab keinen Hunger.« Rosa will Irmela das Gebäck zurückgeben. Sie würde wirklich nichts runterbringen. Zudem ist das Brötchen steinhart.

»Die Semmeln sind doch nicht zum Essen gedacht«, erklärt

Irmela geduldig. »Du musst sie in Stücke brechen und ab und zu eins fallen lassen. Schau, so.«

Rosa runzelt die Stirn. Sie versteht überhaupt nicht, was Irmela von ihr will.

Irmela verdreht die Augen. »Hänsel und Gretel! Die Spur aus Brotkrumen! Sag bloß, du hast noch nie davon gehört?«

Da geht Rosa ein Licht auf. Ihre Freundin will den Weg markieren, damit sie sicher zurückfinden, falls sie sich im dunklen Wald verirren sollten. Irmela ist so schlau!

Endlich wird der Pfad breiter und schwaches Licht schimmert zwischen den Stämmen hindurch. Die Festwiese von Sonnenbühl! Gleich hinter dem Wald liegen die Weide und der Wohnbereich der Schausteller. Rosa wirft das letzte Semmelstück auf den Kies und deutet auf einen mit Pferdchen bemalten Anhänger. »Da ist der Stallwagen. Dort sperrt Gottone Esel Einhorn ein«, erklärt sie Irmela. »Die Ponys dürfen nachts auf der Weide grasen.« Tarnbrille wieder aufgesetzt und los!

Die beiden Mädchen versichern sich, dass kein Mensch zu sehen ist. Dann huschen sie zum Stallwagen. Über die Rampe geht es nach oben. Rosa schnuppert schon den vertrauten Geruch von Esel Einhorns Fell.

Die Scharniere quietschen, als Rosa die Tür öffnet. »Esel Einhorn!«, ruft sie ihren Freund leise. Es raschelt im Stroh. »Einhorn, kommst du?«

Doch es ist nicht Esel Einhorn. Eine Maus flitzt über Rosas Fuß nach draußen. Dann ist es still. Absolut still.

Rosa leuchtet mit der Taschenlampe in den Anhänger. Sie setzt ihre Agenten-Sonnenbrille ab. Doch auch ohne Brille kann sie nichts sehen. Denn der Anhänger ist leer. Rosa lässt vor Schreck die Taschenlampe fallen. Das kann nur eines bedeuten:

Gottone hat Salami aus Esel Einhorn gemacht!

Einhorn-Retterinnen

Hapschüüh!

I-A!«, trötet eine bekannte Stimme durch die Nachtluft. Der Ruf kommt von der Weide. Einen Wimpernschlag später drückt Rosa ihr Gesicht fest in das Fell von Esel Einhorns Hals. Die neugierigen Ponys sind mit an den Drahtzaun gekommen.

»Du bist gar keine Salami!«, sagt Rosa erleichtert. »Warum hat Gottone dich denn heute draußen gelassen?«

Weil morgen kein Reitbetrieb ist, deswegen natürlich. Da lässt er seine Möhren-I-Angel stecken und mich fressen.

Rosa versteht. Sie winkt Irmela heran, die etwas abseits stehen geblieben ist. »Darf ich vorstellen: meine … nein, UNSERE beste Freundin Irmela Zopf.«

Irmela nähert sich vorsichtig. Tiere, die größer sind als Herr August, sind ihr nicht ganz geheuer.

Aber an Esel Einhorn wird sie sich gewöhnen müssen. Rosa will nachhelfen.

»Einhorn beißt dich schon nicht!« Sie schiebt Irmela zu ihm hin.

Esel Einhorn schubbert mit seiner weichen Schnauze an Irmelas Wange. Du bist I-A eine zum Pferdestehlen, das riech ich gleich!

»Hihi, du kitzelst mich!« Irmela reibt sich kichernd die Nase.

Rosa ist fast ein bisschen eifersüchtig. Pferde stehlen kann sie auch. Also los! Sie löst die Drahtschlaufe des Gatters vom Pfosten.

Plötzlich hört sie Stimmen. Auch Irmela reißt erschreckt die Augen auf. »Da kommt wer«, flüstert Rosa und lässt die Schlaufe fallen. »Weg hier!«

Sie wieseln schnell wie Silberfischchen zurück zum Stallwagen und kriechen darunter. Die Stimmen werden lauter. Ein Mann und eine Frau zanken miteinander. Dazu laufen zwei Paar Füße heran. Ausgerechnet vor dem Stallwagen bleiben sie stehen. Rosa sieht schicke Sandalen mit stöckeligem Absatz und einen glitzerbesetzten langen Rocksaum aus pfingstrosenroter Seide und ein Paar Männerschuhe.

»Ich mag nicht immer zersägt werden. Lass mich doch mal schweben, Antek!«, sagt die Frau. »Da käme ich viel besser zur Geltung!«

Das ist doch die Jungfrau von der Zauberschau!

Ungeduldig antwortet Zauberer Antek: »Es bleibt beim Sägen, Anastasia, Punkt.«

»Tut mir leid!«, wispert Irmela neben Rosas Ohr. Rosa findet es auch schade, dass das wunderschöne Kleid immer aufs Neue zersägt werden muss.

Aber Irmela meint etwas anderes.

»Diese verdammten Pferdehaare«, flüstert sie verzweifelt.

Dann niest sie wie ein hundert Jahre alter Rhinozeros-Opa. Nicht einmal die Hand hält sie sich vor. »HAAAAPSCHJÜIH!« Rosa fliegt beinahe das Ohr davon. Und gleich noch einmal: »HAAAAAAAAPSCHJÜÜIHH!!!«

Der Zauberer und die zersägte Jungfrau

Zauberer Antek beugt sich unter den Wagen und leuchtet Rosa und Irmela mit der Lampe seines Handys an. »Ich glaub, mein Schwein pfeift Schweizer Tango. Zwei kleine Mädchen!«

Neben ihm taucht das Gesicht von Anastasia auf.

»Schönen guten Abend, Herr und Frau Zauberer!«, begrüßt Rosa ihre Entdecker. Mama sagt nämlich, man solle es immer erst mit Höflichkeit versuchen. Irmela dagegen wischt sich die Nase an ihrem Ärmel ab und zieht den Rotz hoch. Rosa rempelt sie in die Seite. »Tschuldigung«, nuschelt Irmela.

»Wollt ihr nicht da unten rauskommen? Dann muss ich mich nicht so bücken«, bittet sie Zauberer Antek freundlich.

Notgedrungen kriechen Rosa und Irmela unter dem Stallwagen heraus. Irmela muss wieder niesen. HAAAPPSCHÜÜIH!

»Toni, gib der Kleinen mal ein Taschentuch«, fordert Anastasia Zauberer Antek auf. Der reicht Anastasia das Handy und zieht sein weißes Einstecktuch aus der Fracktasche. Doch was ist das? Am weißen hängt ein gelbes, hängt ein grünes, hängt ein blaues, hängt ein violettes Stoffstück … Die Taschentuchkette will gar kein Ende nehmen.

»Welche Farbe hättest du denn gerne?«, fragt Zauberer Antek.

Irmela nimmt gleich das erste und schnäuzt sich geräuschvoll hinein.

Der Zauberer will leider noch mehr wissen. »Darf ich fragen, warum ihr zwei hier mitten in der Nacht unter Gottones Stallwagen hockt?«

»Lieber nicht. Wir wollten nämlich gerade gehen.« Rosa hakt Irmela unter. Von der Weide herüber hört sie das besorgte Schnauben von Esel Einhorn.

Aber Anastasia lässt sich nicht so leicht abwimmeln. »Momentchen. So einfach könnt ihr nicht verschwinden. Also?« Sie verschränkt die Arme vor der Glitzerbrust.

Rosa versucht Zeit zu gewinnen. »Übrigens ein wunderschönes Kleid, das du da anhast, Frau Zauberfrau. So eines hätte ich auch sehr gerne.«

Anastasia lacht geschmeichelt. Doch dann bohrt sie weiter nach. »Ihr zwei seid ausgebüxt, weil ihr die Ponys streicheln wolltet, stimmt’s? Wo wohnt ihr? Der Toni und ich fahren euch nach Hause.«

»Bloß nicht!«, ruft Rosa entsetzt. Wie soll Esel Einhorn den Weg zum Grillenwinkel finden, wenn er ihr und Irmela nicht hinterherlaufen kann?

»Wir dürfen nicht bei Fremden ins Auto steigen«, weist auch Irmela das Angebot zurück.

»Genau! Wenn wir das tun, reißt meine Mama mir den Kopf ab«, bestätigt Rosa. »Da kann ich gleich in Ihrer Zauberschau auftreten!«

Zauberer Antek stimmt ihnen zu. »Die beiden Mädels haben recht. Sie kennen uns nicht und können sich nicht sicher sein, dass wir ihnen helfen wollen.«

Na endlich. Manchmal haben Elternregeln also doch einen Sinn. Rosa will sich gerade zum zweiten Mal verabschieden, da fügt Zauberer Antek hinzu: »Und darum bringen wir euch jetzt zur Polizei!«

Rettung in Lederhosen

Dieser Dorfpolizist ist bestimmt noch in der Nähe«, sagt Anastasia, während sie die Mädchen vor sich herschiebt. Rosa ist völlig verzweifelt. Wenn sie gleich von Polizist Wachauer nach Hause gebracht werden, ist jede Möglichkeit vertan, Esel Einhorn zu befreien. In so einem hoffnungslosen Fall bleibt nur noch eines: Beten.

»Lieber Gott und Allah und Butter«, ruft sie leise alle Götter an, von denen sie jemals gehört hat. »Schickt mir Hilfe! Am besten wäre ein Wirbelwind, der Esel Einhorn, Irmela und mich zum Grillenwinkel trägt!«

Nichts passiert. Hat Rosa vielleicht einen Gott vergessen? Natürlich! Mut, Mamas Lieblingsgöttin aus dem alten Ägypten! Mut, die Göttin mit dem Geierhut. Das ist bestimmt die wichtigste von allen!

»Mut! Du, schickst du uns den Wirbelwind? Ich opfere dir dann auch das Kostbarste, was ich habe, mein Skateboard.« Das stimmt nicht ganz. Das Kostbarste, was Rosa hat, ist immer noch ihr Prinzessinnen-Shirt mit den Diamanten. Und danach kommt die Ballonlampe. Aber das Skateboard ist auch toll.

Mut scheint mit dem Skateboard einverstanden zu sein. Sie erhört tatsächlich Rosas Gebet. Zwischen zwei Wohnwagen kommt unvermittelt die Rettung herbei. Allerdings kein Wirbelwind. Die Rettung, die Mut schickt, trägt ausgebeulte Lederhosen, Turnschuhe in Größe 49 und schwankt ein kleines bisschen.

»Rochus?«, fragt Rosa.

»Rosa!«, sagt Rochus.

»Ihr kennt euch?« Anastasia ist überrascht.

»Natürlich, das ist meine kleine Schwester« sagt Rochus, und Rosa sagt gleichzeitig: »Natürlich, das ist mein großer Bruder.«

»Kennst du den jungen Mann auch?«, fragt Anastasia Irmela.

»Natürlich, das ist Rochus Rangel«, bestätigt die.

»Diese beiden jungen Damen haben wir unter Gottones Stallwagen gefunden«, berichtet Zauberer Antek. »Wir wollten sie gerade zum Wachtmeister bringen.«

So eine Petze!

»Vielen Dank für Ihre Hilfe, aber das ist nicht nötig.« Rochus stellt sich zwischen Irmela und Rosa und legt ihnen die Arme um die Schultern. »Ich hab die Mädchen ja jetzt gefunden und bring sie direkt nach Hause.«

Als ob er wirklich auf der Suche nach den Mädchen gewesen wäre. Das kann Rochus Sieglindes siebtem Ferkel erzählen. Er hat sich bestimmt heimlich davongeschlichen, um seine Freunde im Bierzelt zu treffen!, denkt Rosa. Aber natürlich sagt sie es nicht laut.

Anastasia und Antek scheinen Rochus zu glauben. »Prima. Dann können wir uns ja weiter über meine Schwebenummer unterhalten«, sagt Anastasia und lächelt  Zauberer Antek süß an.

Dem fallen die gezwirbelten Bartspitzen nach unten. »Beim großen Goldin, jetzt geht das wieder los. Wollen wir’s nicht einfach beim Zersägen lassen, Annimausi?«

Rosa spürt, wie Rochus neben ihr aufmerkt. »Ich hätte da noch eine winzig kleine Frage zu Ihrem Sägetrick.« Er versucht cool zu klingen. »Wie funktioniert der eigentlich?«

»Mit einem starken Willen kann man alles erreichen«, antwortet Anastasia schnippisch. Die Steinchen auf ihrem Kleid funkeln dabei wie Sternschnuppen. Man sieht ihr wirklich nicht an, dass sie jeden Tag in zwei Hälften zerteilt wird.

»Und alles andere ist Berufsgeheimnis. Einen schönen guten Abend.« Zauberer Antek macht eine kleine Verbeugung und lüftet den Zylinder. Eine weiße Taube flattert unter der Krempe hervor und verschwindet im Nachthimmel.

 

Rosa bekommt Besuch

Gar nicht viel später liegen die beiden Mädchen wieder in ihren Betten. Rochus hat sie mit seinem Fahrrad zurück zum Grillenwinkel transportiert. Irmela auf dem Gepäckträger, Rosa auf der Lenkstange. Während der wackeligen Fahrt konnte Rosa mit Rochus aushandeln, dass keiner den anderen bei den Eltern verrät.

Da muss sie sich also keine Sorgen machen. Trotzdem rollen jetzt die Tränen lauwarm in Rosas Öhrchen. Die Esel-Einhorn-Rettungsaktion ist gescheitert! Über all ihrem Unglück und Irmelas leisem Schnarchen schläft Rosa ein.

»II-AA!«, schreit Esel Einhorn.

Rosa blinzelt. Die pinkfarbene Ballonlampe schwebt leuchtend über ihr wie die aufgehende Morgensonne.

Esel Einhorn plärrt lauter: »I-AA! ROOO-SAAA

Rosa zupft an ihrem Ohrläppchen. Ist das etwa kein Traum?

Esel Einhorns Stimme klingt so … echt!

Mit einem Satz springt Rosa aus ihrem Bett und reißt die Fensterflügel auf. Im Hof steht Esel Einhorn und schaut zu ihr hinauf.

Er wedelt fröhlich mit dem Schwänzchen.

Na, hast du auch gut aufgepasst? Was möchte Rosa unbedingt werden?

1
Zauberin
2
Bäuerin
3
Prinzessin
4
Bäckerin

Na, hast du auch gut aufgepasst? Was möchte Rosa unbedingt werden?

Toll! Du hast super aufgepasst und die richtige Antwort gewusst.
Im Buch kannst du noch mehr über die Abenteuer von Rosa und ihrem Esel Einhorn erfahren ...
Was für eine tolle I-A-dee!

Na, hast du auch gut aufgepasst? Was möchte Rosa unbedingt werden?

Das ist leider falsch!
Im Buch kannst du nochmal nachlesen und mehr über die Abenteuer von Rosa und ihrem Esel Einhorn erfahren ...
Was für eine tolle I-A-dee!

Nochmal

Weiter

Hier kommt die wilde Rosa!

Jetzt  kaufen!   ☀️☀️☀️☀️

»Süß, fröhlich-frech und total liebenswert! Die aufgeweckte Rosa muss man einfach gernhaben.«

buecherweltcorniholmes

Annette Roeder, geboren 1968 in München, ist Autorin, Illustratorin, Architektin und Esel-Liebhaberin. Seit dem Jahr 2000 schreibt sie Bilder- und Kinderbücher, aber auch Romane für Erwachsene. Mit ihren drei Kindern lebt sie am Stadtrand von München.

Katrin Engelking, 1970 in Bückeburg geboren, studierte an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg Illustration und arbeitet seit 1994 als freie Künstlerin. Sie gehört heute zu den wichtigsten und beliebtesten Illustratorinnen und hat mit ihren Bildern voller Witz und Zauber schon viele Kindergeschichten zum Leben erweckt, darunter auch die Neuausgabe der “Pippi Langstrumpf”-Bände.