Marissa Meyer: Renegades | Leseprobe read’n’go

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Am Anfang waren wir alle Schurken.

Durch die Jahrhunderte wurden Wunderkinder vom Rest der Welt gefürchtet. Gejagt. Gefoltert. Gehasst und unterdrückt. Man hielt uns für Hexen und Dämonen, für Freaks und Missgeburten. Wir wurden gesteinigt, aufgeknüpft und auf Scheiterhaufen verbrannt, während die Menschen mit kaltem Blick zusahen, voller Stolz, die Welt von einem weiteren Übel befreien zu können.

Ihre Angst war berechtigt. Jahrhundertelang. Ace Anarcho änderte alles. Er brachte die mächtigsten Wunderkinder zusammen, die er finden konnte, und gemeinsam lehnten sie sich auf. Zuerst nahm er sich die Infrastruktur vor. Regierungsgebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht, Banken und Aktienbörsen in Schutthaufen verwandelt. Brücken fielen haltlos vom Himmel. Ganze Autobahnen verwandelten sich in steiniges Brachland. Als das Militär die Luftwaffe schickte, holte er die Kampfjets vom Himmel wie lästige Fliegen. Als sie Panzer schickten, zerquetschte er sie wie leere Getränkedosen.

Und dann knöpfte er sich die Menschen vor, die ihn im Stich gelassen hatten. Ihn und alle anderen. Regierungen ganzer Länder verschwanden. Justizsysteme wurden außer Kraft gesetzt. All die geschniegelten Bürokraten, die sich Macht und Einfluss erkauft hatten … ausnahmslos tot, innerhalb weniger Wochen.

Es interessierte die Anarchisten nicht, wie es weitergehen sollte, wenn die Welt erst einmal in Trümmern lag. Ihnen ging es allein um die Veränderung, und die führten sie herbei. Schon bald krochen aus den Schuttbergen der Gesellschaft diverse Verbrecherbanden hervor, die nach einem eigenen Stück vom großen Kuchen der Macht gierten, und es dauerte nicht lange, bis sich Ace Anarchos Einfluss auf den gesamten Globus ausdehnte. Zum ersten Mal in der Geschichte schlossen sich Wunderkinder zusammen – manche voller Wut und Trotz, andere auf der verzweifelten Suche nach der Akzeptanz, die ihnen immer verwehrt worden war. Sie verlangten eine faire Behandlung und Schutz durch das Gesetz und die Menschenrechte.

In manchen Ländern überschlugen sich die verängstigten Regierungen geradezu, um ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Doch in anderen Ländern versuchte man, die Aufstände mit Gewalt niederzuschlagen, und diese Brutalität führte zur Anarchie. Chaos ersetzte an vielen Orten eine zivilisierte Gesellschaftsordnung. Handel und Handwerk kamen zum Erliegen. Auf allen Kontinenten brachen Bürgerkriege aus. Gatlon City war bald vom Rest der Welt abgeschnitten, und die Angst und das Misstrauen, die inzwischen überall vorherrschten, sollten noch zwanzig Jahre lang anhalten.

Heute nennt man diese Zeit die »Ära der Anarchie«. Rückblickend klingt es immer so, als wären in diesen zwanzig Jahren die Anarchisten und die anderen Gangs das Schlimmste gewesen, aber das ist falsch. Natürlich wurden sie von allen gefürchtet, doch solange man seinen Verpflichtungen ihnen gegenüber nachkam und keine Schwierigkeiten machte, ließen sie einen eigentlich in Frieden.

Aber die anderen. Die normalen Leute. Die waren viel schlimmer. Ohne Recht und Gesetz waren jeder Mann, jede Frau, jedes Kind auf sich allein gestellt. Es gab keinerlei Strafen für Verbrechen, für gewalttätige Übergriffe – niemanden, an den man sich wenden konnte, wenn man zusammengeschlagen oder ausgeraubt wurde. Keine Polizei, keine Gefängnisse, oder zumindest keine  offiziellen.

Nachbarn beklauten sich gegenseitig, Geschäfte wurden geplündert und die Beute gehortet, sodass Kinder auf der Straße verhungerten. Nun galt das Gesetz des Stärkeren, und wie sich bald herausstellte, waren die Stärkeren meistens echt miese Typen.

In solchen Zeiten verliert die Menschheit irgendwann jede Hoffnung. Wenn man zu niemandem aufblicken und an nichts mehr glauben kann, ist man nicht mehr als eine ängstliche kleine Ratte in der Gosse. Vielleicht war Ace tatsächlich ein Schurke. Vielleicht war er ein Visionär. Oder vielleicht ist das auch ein und dasselbe.

So oder so wurde Gatlon City zwanzig Jahre lang von den Gangs beherrscht, wobei sich Verbrechen und Grausamkeit ausbreiteten wie stinkende Brühe um ein verstopftes Rohr. Und die Ära der Anarchie hätte auch noch weitere zwanzig Jahre angehalten. Oder fünfzig. Oder bis in alle Ewigkeit.

Aber dann, scheinbar über Nacht, kehrte sie zurück – die Hoffnung. Funkelnde, strahlende Hoffnung, gekleidet in Masken und Capes. Wunderbare, frohlockende Hoffnung, dass sämtliche Probleme gelöst würden, alle Widersacher wahre Gerechtigkeit zu spüren bekämen.

Wärmende, vielversprechende Hoffnung, die den braven Bürgern riet, schön in ihren sicheren Häusern zu bleiben. Wozu denn sich selbst helfen? Nein, ihr habt doch genug damit zu tun, euch jammernd zu verkriechen, wie ihr es schon die ganze Zeit getan habt. Nehmt euch mal einen Tag frei. Wir sind Superhelden. Wir bekommen das schon hin.

Diese Hoffnung hatte einen Namen: Renegades.

PROLOG

Nova hatte in der Gasse hinter dem Wohnblock wochenlang die Spritzen eingesammelt. Da sie ihre Eltern kannte, wusste sie genau, dass man sie ihr abnehmen würde, sobald einer von ihnen es herausfand. Deshalb versteckte sie sie in einem alten Schuhkarton, zusammen mit den Schrauben, Kabelbindern, Kupferdrähten, Wattebäuschen und anderen Dingen, die sich bei ihren Erfindungen als nützlich erweisen könnten. Mit ihren inzwischen fast sieben Jahren hatte sie bereits erkannt, wie wichtig es war, stets findig und sparsam mit ihren Schätzen umzugehen. Schließlich konnte sie nicht einfach eine Liste machen und ihren Dad damit in den nächsten Laden schicken.

Die Spritzen konnte sie jedenfalls gut gebrauchen, das hatte sie von Anfang an gewusst. Nun schob sie einen dünnen Plastikschlauch über das eine Ende der Spritze und hielt das lose  Schlauchende in das Wasserglas, das sie zuvor im Badezimmer gefüllt hatte. Indem sie den Kolben hochzog, sog sie Wasser in den Schlauch. Hoch konzentriert griff sie nach einer zweiten  Spritze, wobei ihre Zungenspitze durch die Zahnlücke lugte, die ihr erster Wackelzahn vor Kurzem hinterlassen hatte. Nachdem sie die zweite Spritze am anderen Ende des Schlauchs befestigt hatte, suchte sie in ihrem Werkzeugkasten nach einem Stück Draht, lang genug, um Spritzen und Schlauch an dem neu gebauten Zugsystem auf dem Dach ihres Puppenhauses zu fixieren.

Sie hatte einen ganzen Tag für diese Konstruktion gebraucht, aber nun war sie endlich bereit für einen ersten Test.

Nova stellte ein paar Puppenmöbel auf die Aufzugsplattform, griff nach der Spritze und drückte auf den Kolben. Das Wasser lief durch den Schlauch, schob den Kolben der zweiten Spritze in die Höhe und aktivierte das komplexe Rollensystem.

Der Aufzug glitt in die Höhe.

Grinsend ließ sich Nova auf die Fersen sinken. »Aufzug mit Hydraulikantrieb: erfolgreich installiert.«

Ein schriller Schrei aus dem Nebenraum beendete den Moment des Triumphs. Dann hörte sie die beruhigend säuselnde Stimme ihrer Mutter. Novas Blick wanderte zu ihrer geschlossenen Zimmertür. Evie war wieder krank. In letzter Zeit schien sie ständig Fieber zu haben, und die Medizin war schon seit ein paar Tagen aufgebraucht. Onkel Alec sollte neue mitbringen, aber
das konnte noch Stunden dauern.

Als sie gehört hatte, wie ihr Vater Onkel Alec fragte, ob er nach Kinder-Ibuprofen gegen das Fieber der Kleinen Ausschau halten könnte, hatte sie kurz überlegt, ihn auch noch mal um die  leckeren Fruchtgummis zu bitten, die er ihr zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte, oder vielleicht um ein Päckchen wiederaufladbarer Batterien.

Mit wiederaufladbaren Batterien könnte sie eine Menge anstellen.

Aber Papa musste wohl gemerkt haben, was sie vorhatte, denn sein Blick hatte dafür gesorgt, dass sie nichts sagte. Nova war sich nicht ganz sicher, was das zu bedeuten hatte. Onkel Alec war immer gut zu ihnen gewesen – er hatte ihnen von seinen wöchentlichen Raubzügen Essen und Kleidung mitgebracht und manchmal sogar Spielzeug. Doch ihre Eltern fragten nur sehr ungern nach bestimmten Dingen, ganz egal, wie dringend sie gebraucht wurden. Wollten sie etwas Spezielles haben, gingen sie auf den Markt und boten etwas zum Tausch an, meistens etwas, das ihr  Vater gemacht hatte.

Von seinem letzten Ausflug auf den Markt hatte ihr Vater eine Packung wiederverwendbarer Windeln für Evie mitgebracht und einen fiesen Schnitt über dem Auge. Ihre Mom hatte ihn genäht. Fasziniert hatte Nova zugesehen und festgestellt, dass sie es genauso machte wie bei Dolly Bear, wenn sich eine Naht gelöst hatte.

Nova widmete sich wieder ihrem Hydrauliksystem. Der Aufzug hatte den ersten Stock des Puppenhauses nicht ganz erreicht. Wenn sie die Füllmenge der Spritze erhöhte oder an dem  Hebesystem noch ein paar Veränderungen vornahm …

Das Weinen hinter der Tür hielt an. Nun kam noch das Quietschen der Bodendielen hinzu, während ihre Eltern abwechselnd versuchten, Evie zu beruhigen. Wieder und wieder wanderten sie in der Wohnung auf und ab.

Bald würden sich die Nachbarn beschweren.

Seufzend ließ Nova die Spritze sinken, erhob sich und ging hinüber.

Papa stand mit Evie im Arm im Wohnzimmer, ließ sie sanft auf und ab hüpfen und versuchte, ihr einen kalten Waschlappen auf die gerötete Stirn zu drücken. Das führte allerdings nur dazu, dass Evie noch lauter heulte und versuchte, den Lappen wegzuschieben. In der winzigen Küche war Novas Mom gerade dabei, sämtliche Schränke zu durchwühlen. Dabei murmelte sie etwas von einer letzten Flasche Apfelsaft, obwohl sie alle wussten, dass keiner mehr da war.

»Soll ich helfen?«, fragte Nova.

Papa drehte sich mit gequälter Miene zu ihr um. Evie schrie empört auf, als er zwei Sekunden lang vergaß, sie zu schaukeln.

»Es tut mir leid, Nova«, entschuldigte er sich, während er das Gehüpfe wiederaufnahm. »Es ist nicht fair, dich darum zu bitten … aber wenn sie nur ein oder zwei Stunden schlafen würde … die Ruhe würde ihr guttun, und bis dahin ist Alec bestimmt da.«

»Macht mir nichts aus.« Nova griff nach dem Baby. »Ist doch ganz leicht.«

Papa runzelte die Stirn. Manchmal hatte Nova das Gefühl, dass er ihre Kraft nicht mochte, obwohl sie keine Ahnung hatte, warum das so sein sollte. Immerhin hatte sie nie etwas anderes damit bewirkt, als ein bisschen Frieden in ihre Wohnung zu bringen.

Er ging in die Hocke und legte Evie in Novas Arme, sorgte dafür, dass sie ihre Schwester sicher hielt. Evie wurde langsam richtig schwer, kein Vergleich mehr zu dem winzigen Bündel, das sie noch vor knapp einem Jahr gewesen war. Jetzt hatte sie kräftige Beinchen und konnte schon wild mit den Ärmchen wedeln. Ihre Eltern behaupteten immer wieder, dass sie bestimmt bald anfangen würde zu laufen.

Nova setzte sich auf die Matratze in der Ecke und ließ die Finger sanft durch Evies weiche Locken gleiten. Dann ließ sie ihre Kraft aufsteigen, schickte einen kleinen, sanften Stoß durch ihre Hand.

Das Weinen verstummte.

Evies Lider begannen zu flattern, dann wurden sie immer schwerer. Ihr Mund verzog sich zu einem zittrigen O, und sie gähnte. Und dann, einfach so, schlief sie ein.

Als Nova hochsah, bemerkte sie, wie ihr Vater erleichtert in sich zusammensackte. Mom erschien mit überrascht fragender Miene in der Tür, bis sie Nova mit dem Baby auf dem Schoß entdeckte.

»So finde ich es am schönsten«, flüsterte Nova. »Wenn sie so weich ist, so kuschelig und … still.«

Mom warf ihr einen zärtlichen Blick zu. »Danke, Nova. Vielleicht fühlt sie sich ja etwas besser, wenn sie aufwacht.«

»Und wir müssen nicht nach einer neuen Bleibe suchen«, murmelte Papa. »Charlie hat die Leute schon für weniger als ein schreiendes Baby vor die Tür gesetzt.«

Mom schüttelte den Kopf. »Er würde es nicht riskieren, sich den Zorn deines Bruders zuzuziehen.«

»Ich weiß nicht.« Papa wirkte beunruhigt. »Ich weiß wirklich nicht mehr, was die Leute heutzutage noch tun oder nicht tun würden … außerdem … stehen wir jetzt schon viel zu tief in Alecs Schuld.«

Mom ging zurück in die Küche, um die Schachteln und Dosen in den Schrank zu räumen, die sie überall auf dem Linoleumboden verteilt hatte. Papa hingegen ließ sich auf den Stuhl fallen, der an ihrem einzigen Tisch stand. Nova sah, wie er sich einen Moment lang die Schläfen massierte, dann richtete er sich ruckartig auf und fing an, ein neues Projekt zu gestalten. Was genau es werden sollte, konnte Nova nicht sagen, aber sie liebte es, ihm bei der Arbeit zuzuschauen.

 

Seine Kraft war viel spannender als ihre.

Er konnte feine Energiefäden aus der Luft ziehen und sie wie ein  zartes goldenes Netz verformen und zurechtbiegen.

Ein wundervoller Anblick. Vollkommen faszinierend, da die glühenden Stränge wie aus dem Nichts auftauchten, dann eine Weile leuchteten und leise summten, schließlich nachdunkelten und  verstummten, während ihr Vater sie zu etwas Greifbarem aushärten ließ.

»Was machst Du gerade, Papa?«

Obwohl er lächelte, schien sich seine Miene für einen Moment zu verfinstern, als er sich zu ihr umdrehte.

»Das weiß ich noch nicht genau.« Seine Finger glitten über das filigrane Metall. »Etwas … etwas, das hoffentlich einen kleinen Teil des Unrechts wiedergutmachen wird, das ich der Welt angetan habe.«

Sein Seufzen klang so bedrückt, dass Nova unwillkürlich die Stirn runzelte. Ihr war bewusst, dass ihre Eltern ihr bei dem Versuch, sie zu beschützen, gewisse Dinge vorenthielten, und das ärgerte sie. Manchmal belauschte sie ihre Gespräche, tief in der Nacht, wenn sie dachten, beide Kinder würden schlafen. Dann erzählten sie sich flüsternd von einstürzenden Gebäuden, von ganzen  Straßenzügen, die in Schutt und Asche gelegt wurden. Diskutierten gedämpft über Machtkämpfe, darüber, dass es nirgendwo mehr sicher sei und sie aus der Stadt fliehen sollten – aber  andererseits schien diese Brutalität inzwischen die ganze Welt erfasst zu haben, und wohin sollten sie überhaupt gehen?

Erst vor einer Woche hatte Nova gehört, wie ihre Mutter sagte: »Sie werden uns noch alle vernichten, wenn sie niemand aufhält …«

Nur zu gern hätte Nova genauer nachgefragt, aber sie wusste, dass die Antworten ihrer Eltern doch nur vage ausfallen und sie ihr mit einem traurigen Lächeln sagen würden, dass sie sich darüber nicht den Kopf zerbrechen solle.

»Papa?«, fragte sie nun, nachdem sie ihm eine Weile bei der Arbeit zugesehen hatte. »Kommen wir zurecht?«

Ein kupferfarbener Energiefunke flackerte kurz und löste sich dann auf. Ihr Vater warf ihr einen bestürzten Blick zu. »Aber natürlich, meine Süße. Es wird alles gut werden.«

»Und warum bist du dann immer so besorgt?«

Er ließ sein Werkstück sinken und lehnte sich im Stuhl zurück. Für einen Moment sah es so aus, als würde er anfangen zu weinen, aber dann blinzelte er, und der Eindruck verflog.

»Hör mal, Nova.« Er rutschte vom Stuhl und ging vor ihr in die Hocke. »Es gibt viele gefährliche Menschen auf dieser Welt. Aber es gibt auch viele gute. Tapfere Menschen. Das dürfen wir  niemals vergessen, ganz egal, wie schlimm es wird. Solange es auf dieser Welt noch Helden gibt, gibt es auch die Hoffnung, dass es morgen besser wird.«

»Die Renegades«, flüsterte Nova ehrfürchtig.

Ein Lächeln huschte über das Gesicht ihres Vaters. »Die Renegades«, bestätigte er.

Nova drückte ihre Wange an Evies weiche Locken. In letzter Zeit schienen die Renegades überall aufzutauchen, wo Hilfe gebraucht wurde. Einer von ihnen hatte den Dieb gestellt, der es auf Mrs. Ogilvies Handtasche abgesehen hatte. Außerdem hatte sie gehört, dass die Renegades in eines der Warenlager der Gangs eingebrochen waren und sämtliche Nahrungsmittel zu einem privaten Kinderheim gebracht hatten.

»Und die werden uns helfen?«, hakte sie nach. »Vielleicht können wir nächstes Mal ja sie um die Medizin bitten.«

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Wir brauchen ihre Hilfe längst nicht so dringend wie einige andere Menschen in dieser Stadt.«

Irritiert runzelte Nova die Stirn. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass irgendjemand diese Hilfe nötiger haben könnte als sie.

»Aber«, fuhr ihr Vater fort, »wenn wir sie einmal brauchen … wenn wir sie wirklich, wirklich brauchen, dann werden sie zur Stelle sein. Alles klar?« Er schluckte schwer und fügte – eher hoffnungsvoll als überzeugend – hinzu: »Sie werden uns beschützen.«

Für Nova war das sonnenklar. Sie waren Superhelden. Sie waren die Guten. Das wusste jeder.

Sie griff nach Evies pummeligen Fingerchen und strich über die einzelnen Knöchel, während sie im Geist all die Geschichten durchging, die sie gehört hatte: Wie die Renegades den Fahrer eines umgestürzten Lieferwagens befreit hatten. Wie die Renegades in dem Ladenviertel in der Nähe eine Schießerei beendet hatten. Wie die Renegades ein Kind gerettet hatten, das in die Harrow Bay gefallen war.

Sie waren stets zur Stelle, eilten immer im richtigen Moment zu Hilfe. Dafür waren sie da.

Während sich ihr Vater wieder seiner Arbeit zuwandte, kam Nova ein Gedanke: Vielleicht warteten die Renegades ja nur auf den richtigen Moment, um auch bei ihnen aufzutauchen und zu helfen.

Ihr Blick blieb an den Händen ihres Vaters hängen. Sie beobachtete, wie er drückte, formte, immer mehr Energiefäden aus der Luft zog.

Novas Augenlider wurden schwer.

Sogar im Traum sah sie noch die Hände ihres Vaters, aber dort zog er Sternschnuppen vom Himmel und fädelte sie auf wie leuchtende goldene Perlen …

Eine Tür schlug zu.

Ruckartig wurde Nova wach. Evie schnaufte kurz und rollte sich von ihr weg. Verschlafen und verwirrt setzte sich Nova auf und schüttelte ihren Arm, der durch den Druck von Evies Kopf ganz  taub war. Die Schatten im Raum hatten sich verschoben. Auf dem Flur waren leise Stimmen zu hören. Papa. Er klang angespannt. Ihre Mom flüsterte: »Bitte, bitte …«

Entschlossen schob Nova die Decke beiseite, die irgendjemand über sie gelegt hatte, und wickelte Evie darin ein. Dann schlich sie am Tisch vorbei, auf dem ein filigranes kupferfarbenes Armband lag. Eine Lücke in dem fein gesponnenen Metall wartete darauf, einen Edelstein aufzunehmen.

Als sie die Wohnungstür erreichte, drehte sie ganz langsam den Knauf, zog die Tür einen Spalt auf und spähte angestrengt in den dämmrigen Hausflur hinaus.

Auf dem Treppenabsatz stand ein Mann mit Bartstoppeln im Gesicht und hellen Haaren, die zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden waren. Obwohl es draußen nicht kalt war, trug er eine dicke Jacke. Und er hielt eine Pistole in der Hand.

Sein gleichgültiger Blick huschte kurz zu Nova, die sofort zurückschreckte, doch dann konzentrierte er sich wieder auf ihren Vater; fast so, als hätte er sie gar nicht gesehen.

»Das ist ein Missverständnis«, sagte Papa gerade. Er hatte sich zwischen den Mann und Novas Mom gestellt. »Lassen Sie mich mit ihm reden. Sicher kann ich ihm erklären, dass – «

»Es ist kein Missverständnis«, unterbrach ihn der Mann mit leiser, kalter Stimme. »Sie haben ihn hintergangen, Mr. Artino. Und so etwas mag er nicht.«

»Bitte«, flehte ihre Mom. »Die Kinder sind hier. Bitte, haben Sie Erbarmen.«

Der Mann legte den Kopf schief und blickte zwischen den beiden Erwachsenen hin und her.

Kalte Angst breitete sich in Nova aus.

»Lassen Sie mich mit ihm sprechen«, versuchte Papa es noch mal. »Wir haben nichts getan. Ich bin ihm treu ergeben, das schwöre ich. Das war ich immer. Und meine Familie … bitte, tun Sie meiner Familie nichts.«

Für einen kurzen Moment sah es so aus, als würde der Mann lächeln, doch dann verflog der Eindruck. »Meine Befehle sind eindeutig. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, Fragen zu stellen.  Oder Mitleid zu zeigen.«

Ihr Vater wich einen Schritt zurück. »Tala, nimm die Mädchen. Geh.«

»David …«, wimmerte Novas Mutter, schob sich aber auf die Wohnungstür zu.

Sie kam gerade einen Schritt weit, dann hob der Fremde den Arm.

Ein Schuss.

Nova keuchte entsetzt. Blut spritzte an die Tür, ein paar Tropfen trafen ihre Stirn. Starr vor Schreck sah sie, wie Papa mit einem Schrei seine Frau auffing. Er drehte sie zu sich um. Sah zitternd zu, wie sie röchelnd um Luft rang.

»Keine Überlebenden«, sagte der Mann leise, aber gelassen. »So lauten meine Befehle, Mr. Artino. Das haben Sie sich alles selbst zuzuschreiben.«

Da entdeckte Novas Vater sie hinter der Tür. Panisch riss er die Augen auf. »Nova. Lau–«

Wieder ein Schuss.

Diesmal schrie Nova laut auf. Ihr Vater brach über dem reglosen Körper ihrer Mutter zusammen, so dicht vor ihren Augen, dass sie beide hätte berühren können. Hastig wandte sie sich ab und taumelte ins Innere der Wohnung. An der Küche vorbei, in ihr Zimmer. Schlug die Tür zu, riss den Kleiderschrank auf. Stieg über Bücher, Werkzeuge und Kisten hinweg, die im Inneren auf dem Boden standen. Zog die Schranktür hinter sich zu und drückte sich in eine Ecke. Rang nach Luft, während sich das Bild ihrer sterbenden Eltern in ihre Netzhaut einbrannte, wann immer sie die Augen schloss. Der Gedanke, dass sie besser zur Feuerleiter gelaufen wäre, kam zu spät. Zu spät.

Zu spät fiel ihr ein, dass –

Evie. Sie hatte Evie dort draußen gelassen. Sie hatte Evie vergessen.

Aus ihrem zittrigen Keuchen wurde ein entsetzter Schrei, auch wenn sie beides zu unterdrücken versuchte. Sie presste eine Hand gegen die Schranktür, während sie hastig überlegte, wie lange sie bis ins Wohnzimmer und zurück bräuchte, ob es auch nur die geringste Chance gab, sich unbemerkt das Baby zu schnappen …

Das Quietschen der Wohnungstür ließ sie erstarren. Hastig zog sie die Hand zurück, presste sie auf den Mund. Vielleicht bemerkte er Evie gar nicht. Vielleicht schlief sie ja einfach weiter.

Nova hörte langsame, schwere Schritte. Knarzende Bodendielen.

Inzwischen zitterte sie so stark, dass sie Angst hatte, das Klappern ihrer Knochen könnte sie verraten. Obwohl sie wusste, dass es sowieso keine Rolle spielen würde.

Die Wohnung war klein, und sie konnte nirgendwo hin.

»Die Renegades werden kommen«, flüsterte sie. Ihr leises Stimmchen war kaum mehr als ein Hauch in der Dunkelheit. Die Worte tauchten ganz von allein in ihrem Kopf auf, und sie blieben hängen. So hatte sie etwas, an dem sie sich festhalten konnte.

Peng. Das Blut ihrer Mutter an der Tür.

Sie wimmerte leise: »Die Renegades werden kommen …«

Eine unverrückbare Wahrheit, gestützt von unzähligen Geschichten aus den Radionachrichten. Eine Gewissheit, gestrickt aus dem Tratsch der Nachbarn. Sie kamen immer.

Peng. Der schlaffe Körper ihres Vaters draußen im Flur.

Nova presste die Lider zusammen, während ihr heiße Tränen über die Wangen liefen. »Die Renegades … die Renegades werden kommen.«

Im Wohnzimmer begann Evie schrill zu weinen.

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Ruckartig riss Nova die Augen auf. Ein wildes Schluchzen stieg in ihrer Kehle hoch, sodass sie die Worte nicht länger aussprechen konnte.

Bitte, bitte, lass sie kommen …

Ein dritter Schuss. Nova stockte der Atem. Die Welt  hörte auf, sich zu drehen. Ihr Kopf war vollkommen leer. Kraftlos sank sie zwischen den verstreuten Kram in ihrem Schrank.

Evie hatte aufgehört zu weinen. Evie weinte nicht mehr.

Wie aus weiter Ferne hörte sie, dass der Mann durch die Wohnung ging, Schränke öffnete, Türen aufriss und schloss. Langsam, methodisch.

Schon bevor er sie fand, hörte Nova auf zu zittern. Sie fühlte nichts mehr. Konnte nicht denken. Noch immer schwirrten die Worte durch ihren Kopf, aber sie hatten jede Bedeutung verloren.

Die Renegades … die Renegades werden kommen …

Als das helle Licht aus ihrem Zimmer auf sie fiel, hob Nova den Kopf. Der Mann stand über ihr. An seinem Hemd klebte Blut. Später würde sie sich immer daran erinnern, dass sie keinerlei  Reue in seinen Augen gesehen hatte, keine Verteidigung, kein Bedauern.

Als er die Waffe hob, war sein Blick vollkommen ausdruckslos. Das Metall drückte gegen die Stelle an ihrer Stirn, wo das Blut ihrer Mutter klebte.

Nova hob die Hand, packte seinen Unterarm und ließ ihre Kraft aufsteigen, so heftig und unkontrolliert wie niemals zuvor.

Das Gesicht des Mannes erschlaffte. Seine Augen verdrehten sich, dann kippte er rückwärts um, landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden und begrub ihr Puppenhaus unter sich. Das ganze Gebäude schien unter der Wucht des Aufpralls zu beben.

Sekunden später hörte man in der Wohnung nur noch seine tiefen, friedlichen Atemzüge.

Novas Lunge begann wieder zu arbeiten. Stoßweise glitt die Luft durch ihre Kehle. Ein, aus. Ein, aus. Sie zwang sich, aufzustehen und sich Tränen und Rotz aus dem Gesicht zu wischen.

Dann hob sie die Pistole auf, die merkwürdig schwer in ihrer Hand lag, und legte einen Finger auf den Abzug. Sie bewegte sich näher an den Mann heran, klammerte sich mit einer Hand  aber weiter schutzsuchend an den Türrahmen, als sie aus dem Schrank trat. Wo genau sollte sie hinzielen? Kopf? Brust? Bauch?

Schließlich entschied sie sich für das Herz. Sie schlich sich so dicht heran, dass sie sein Hemd an den nackten Zehen spürte.

Peng. Ihre Mutter war tot.

Peng. Ihr Vater.

Peng. Evie …

Die Renegades waren nicht gekommen. Und sie würden auch nicht mehr kommen.

»Drück den Abzug«, flüsterte sie. »Drück den Abzug, Nova.«

Doch sie tat es nicht.

»Drück den Abzug.«

Konnte es nicht.

Minuten oder vielleicht auch Stunden später fand sie ihr Onkel. Sie stand noch immer vor dem schlafenden Fremden und befahl sich, den Abzug zu drücken. Hörte wieder und wieder die  Schüsse, wann immer sie sich traute, die Augen zu schließen.

»Nova?« Eine Tüte mit einer Packung Tabletten fiel zu Boden.

Nova fuhr zusammen und wirbelte mit vorgestreckter Waffe herum.

Onkel Alec zuckte nicht mal zusammen, sondern ließ sich vor ihr auf die Knie sinken. Er sah aus wie immer: schwarz-goldene Uniform, die dunklen Augen fast vollständig hinter dem  kupferfarbenen Helm verborgen, der den Großteil seines Gesichts verdeckte. »Nova … deine Eltern … deine Schwester …« Sein Blick wanderte zu der Waffe hinunter, er griff danach. Widerstandslos ließ Nova zu, dass er sie ihr aus der Hand nahm. Dann musterte ihr Onkel den schlafenden Mann. »Ich hatte immer den Verdacht, dass du eine von uns sein könntest, aber dein Vater wollte mir nie verraten, welcher Art deine Fähigkeiten sind …«

Nun sah er wieder Nova an. In seinem Blick lag Mitleid und vielleicht auch ein wenig Bewunderung.

In diesem Moment konnte Nova nicht mehr. Sie warf sich in seine Arme. »Onkel Alec«, schluchzte sie an seiner Brust. »Er hat sie erschossen … er … er hat sie getötet …«

Sanft zog er sie an sich und hielt sie fest. »Ich weiß«, murmelte er. »Ich weiß, mein süßes, gefährliches Kind. Aber jetzt bist du in Sicherheit. Ich werde dich beschützen.«

Sie hörte ihn kaum, so laut dröhnte der Lärm in ihrem Kopf. Im Inneren ihres Schädels herrschte Chaos. Peng-peng-peng.

»Aber du darfst mich jetzt nicht mehr Alec nennen, nicht dort draußen. In Ordnung, mein kleiner Nachtmahr?« Er strich ihr über die Haare. Dabei streifte der Pistolengriff kurz ihr Ohr.  Für die Welt dort draußen bin ich Ace. Hast du verstanden? Onkel Ace.«

Aber sie hörte ihm nicht zu. Und vielleicht wusste er das auch. Während sie weiterschluchzte, presste er sie an sich, richtete die Pistole auf den schlafenden Mann und drückte ab.

 

Kapitel Eins

Zehn Jahre später

In der Innenstadt von Gatlon City wimmelte es nur so von falschen Superhelden.

Kreischende Kinder in orangefarbenen Capes schwenkten Wunderkerzen mit dem Schwarzlicht-Logo über den Köpfen oder spritzten sich mit ihren Tsunami-Wasserpistolen nass. Erwachsene Männer hatten sich in blaue Leggins und farbige Schulterpolster gezwängt, um der Rüstung des Captains möglichst nahezukommen, und prosteten sich nun in den diversen Biergärten zu, die durch Seile von der Hauptstraße abgetrennt waren. Dieses Jahr lag auch Geschlechtertausch ganz groß im Trend, weshalb zahllose Frauen in aufreizenden Varianten des Ganzkörperanzugs erschienen waren, der das Markenzeichen des Schrecklichen Patrons war. Andererseits hatten sich viele Männer billige Kopien von Donnervogels  schwarzen Schwingen auf den Rücken geklebt.

Wie sehr Nova die Renegade-Parade doch hasste.

Die Menge begann zu jubeln, und eine Marschkapelle setzte ein. Trompeten, Trommeln und das Stampfen Hunderter synchron marschierender Musikanten erhoben sich über den Lärm. Nach und nach wurde die Musik lauter, bis sie Novas Straßenzug erreichte. Als mit einem dumpfen Knall Konfettikanonen gezündet wurden, drehten die Kinder endgültig durch. Und die Erwachsenen waren nicht viel besser.

Mit leiser Enttäuschung über den Zustand der Menschheit schüttelte Nova den Kopf. Sie stand ganz hinten in der Menge, sodass sie die eigentliche Parade nicht sehen konnte, aber das war vollkommen in Ordnung. Die Arme hatte sie abwehrend vor der Brust verschränkt. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingerspitzen auf ihrem Ellbogen herum. Schon jetzt kam es ihr vor, als stünde sie seit einer Ewigkeit hier.

Der allgemeine Jubel verwandelte sich plötzlich in lautes, überschwängliches Buhen, was nur eines bedeuten konnte: Die ersten Wagen kamen in Sicht.

Traditionellerweise fuhren die Wagen der Schurken vorneweg, um das Publikum so richtig anzuheizen und alle daran zu erinnern, was sie hier eigentlich feierten. Heute war der neunte  Jahrestag der Schlacht um Gatlon, in der die Renegades die Anarchisten und den Rest der Verbrecherbanden in einem blutigen Kampf gestellt hatten. Er hatte auf beiden Seiten Dutzende Todesopfer gefordert.

Natürlich hatten die Renegades gewonnen. Aces Revolutionäre wurden besiegt, und die wenigen Schurken, die an jenem Tag nicht gestorben waren, verkrochen sich irgendwo im  Untergrund oder verließen die Stadt.

Und Ace … Ace Anarcho war tot. Opfer einer Explosion, durch die die Hälfte der Kathedrale eingeäschert wurde, die bis dahin sein Heim gewesen war.

Dieser Tag markierte das offizielle Ende der Ära der Anarchie und den Beginn der Herrschaft des Rats. Sie nannten ihn den »Tag des Triumphs«.

Plötzlich erwachte das winzige Headset in Novas Ohr zum Leben.

»Und schon geht es los«, hörte sie Ingrids trockene Stimme, in der nicht ein Funke Humor mitschwang.

»Lass sie doch lachen«, erwiderte Phobion. »Das wird ihnen bald vergehen. Bist du auf Position, Nachtmahr?«

»Roger.« Nova achtete darauf, die Lippen möglichst wenig zu bewegen, obwohl ihr in der grölenden Menge vermutlich niemand Beachtung schenkte. »Muss nur noch wissen, auf welchem  Dach ihr mich haben wollt.«

»Der Rat hat das Lagerhaus noch nicht verlassen«,  erklärte Phobion. »Ich sage dir Bescheid, wenn es so weit ist.«

Novas Blick wanderte die Straße hinunter und huschte dann kurz zum ersten Stock eines bestimmten Bürogebäudes hinauf, wo sie gerade noch Ingrids Umriss erkennen konnte. Zündkapsel – wie sie offiziell genannt wurde – spähte durch ein halb herabgelassenes Rollo.

Ein heftiger Schubser brachte Nova aus dem Gleichgewicht, und sie packte das Mädchen, das sie angerempelt hatte, instinktiv an den Schultern, damit es nicht umfiel.

»Pass doch auf!«, schimpfte Nova.

Die Kleine blickte zu ihr hoch. Mit der Dominomaske im Gesicht sah sie aus wie eine magere weibliche Ausgabe des Schrecklichen Patrons.

»Was sagst du, Nachtmahr?«, meldete sich Ingrid in ihrem Ohr. Nova ignorierte die Frage.

Das Mädchen riss sich mit einer gemurmelten Entschuldigung los, drehte sich um und verschwand im Gewühl.

Nova zog ihr Shirt zurecht und wollte sich gerade wieder der Parade zuwenden, als sie sah, wie das Mädchen den nächsten Zuschauer anrempelte. Doch anders als Nova griff er nicht  stützend zu, sondern beugte sich vor, packte sie am Fuß und zog sie kopfunter in die Höhe.

Fassungslos beobachtete Nova, wie der Fremde das Mädchen, das wild kreischte und auf seine Brust einschlug, zu ihr zurücktrug. Er war ungefähr in ihrem Alter, aber um einiges größer als  sie, hatte eine dunkle Haut, kurzes Haar und eine Brille. Und er schob sich so mühelos durch die Menge, als hielte er nur eine dieser kitschigen Captain-Chrom-Plüschfiguren in der Hand und kein wüst um sich schlagendes Kind.

Direkt vor Nova blieb er stehen. Dann befahl er mit einem milden Lächeln: »Gib es ihr zurück.«

»Lass mich runter!«, kreischte das Mädchen. »Lass mich los!«

Nova musterte erst den Jungen, dann die Kleine, dann die umstehenden Menschen. Viel zu viele sahen in ihre Richtung. Beobachteten sie. Das war nicht gut.

»Was soll das denn?«, wandte sie sich deshalb an den Jungen. »Lass sie runter.«

Sein Lächeln wurde noch eine Spur gelassener, was Novas Herz plötzlich wild schlagen ließ. Das lag nicht nur an seinem lässigen Grinsen, bei dem manch anderes Mädchen in Ohnmacht  gefallen wäre, sondern vor allem daran, dass er ihr irgendwie bekannt vorkam. Sofort überlegte sie fieberhaft, wo sie ihn schon mal gesehen hatte und ob er eine potenzielle Gefahr darstellte.

»Also gut, kleine Elster«, sagte er mit einer Spur Herablassung in der Stimme. »Ich gebe dir genau drei Sekunden, bevor ich offiziell beantrage, dich auf Bewährung zu setzen. Wenn ich  mich nicht irre, braucht die Putzkolonne momentan Verstärkung …«

Mit einem empörten Schnauben gab sich die Kleine geschlagen. Ihre Maske war bis auf die Stirn hochgerutscht. »Ich hasse dich«, knurrte sie, während sie in ihre Tasche griff. Als sie die  Hand wieder hervorzog, hielt sie sie Nova entgegen, die unsicher den Arm ausstreckte.

Ein Armband – ihr Armband – landete in ihrer offenen Handfläche. Fassungslos starrte Nova auf ihr Handgelenk. Ein schmaler weißer Streifen zeigte an, wo sie das Armband seit Jahren Tag für Tag getragen hatte.

Wieder dröhnte Ingrids Stimme in ihrem Ohr: »Was ist da unten los, Nachtmahr?«

Nova antwortete nicht. Stattdessen umklammerte sie ihr Armband und warf der Diebin einen finsteren Blick zu, der prompt erwidert wurde.

Der Junge ließ die Kleine nun einfach fallen, die rollte  sich aber geschickt ab und stand schon in der nächsten Sekunde wieder auf den Füßen.

»Ich werde dich nicht melden«, versprach der Junge, »weil ich glaube, dass du dich nach dieser Sache wieder richtig verhalten wirst. Stimmt doch, kleine Elster, oder?«

»Du bist nicht mein Dad, Sketch«, schoss das Mädchen zurück. Dann wandte sie sich ab und stapfte wütend um die nächste Ecke.

Nova warf dem Jungen einen skeptischen Blick zu. »Sie wird sich sofort das nächste Opfer suchen, das ist dir doch klar, oder?«

Ingrid schaltete sich drängend ein: »Mit wem redest du da, Nachtmahr? Welches Opfer?«

» – zumindest hoffen, dass sie es sich noch mal überlegt«, sagte der Junge gleichzeitig. Er sah ihr kurz in die Augen, bevor er sich auf ihr Handgelenk konzentrierte. »Soll ich dir damit helfen?«

Automatisch schloss sie die Finger noch fester um das Schmuckstück. »Womit? Mit dem Armband?«

Er nickte nur, und bevor Nova überhaupt merkte, was er vorhatte, griff er nach ihrer Hand und bog ihre Finger auseinander. Sie war so überrumpelt, dass er das Armband bereits befreit  hatte, bevor sie überhaupt daran dachte, ihn davon abzuhalten. »Als ich noch klein war«, erzählte er, während er das filigrane kupferfarbene Schmuckstück an sich nahm, »hat meine Mom  mich immer gebeten, ihr mit ihrem Armband zu hel-« Er unterbrach sich. »Oh. Der Verschluss ist kaputt.«

Nova, die ihm bis jetzt nur mit einer Mischung aus Wachsamkeit und Verblüffung ins Gesicht gesehen hatte, starrte entsetzt auf das Armband. Ihr Puls beschleunigte sich.

»Diese kleine Mistkröte!«

»Nova?« Wieder Ingrid. »Bist du aufgeflogen?«

Nova ging nicht auf die Frage ein.

»Schon okay«, sagte der Junge. »Ich kann das reparieren.«

»Reparieren?« Sie wollte ihm das Armband aus der Hand reißen, aber er wich ihr aus. »Du verstehst das nicht. Dieses Armband ist kein … es ist …«

»Nein, vertrau mir.« Er griff in seine Gesäßtasche und holte einen schwarzen Filzstift mit dünner Spitze hervor. »An diesem Arm, richtig?« Er schlang das Schmuckstück um Novas  Handgelenk. Wieder ließ sie diese unerwartete, ungewohnte Berührung erstarren.

Während er mit einer Hand das Armband an Ort und Stelle hielt, zog er mit den Zähnen die Kappe vom Stift und beugte sich dann über ihren Arm. Anschließend fing er an, zwischen den beiden Enden des beschädigten Schmuckstücks auf ihre Haut zu zeichnen. Fasziniert sah Nova zu: zwei schmale Kettenglieder, die beide Teile des Bands zusammenfügten, und dazwischen ein filigraner Verschluss. Dafür, dass er mit einem Filzstift gezeichnet war, wies er erstaunlich detaillierte Verzierungen auf, die vom Stil her perfekt zum Rest des Armbands  passten.

Als er fertig war, drückte der Junge die Kappe mit den Zähnen auf den Stift, nahm ihn anschließend aus dem Mund und hob Novas Handgelenk vor sein Gesicht. Er pustete auf ihre Haut. Sanft und kaum wahrnehmbar glitt sein Atem über die Innenseite ihres Handgelenks. Auf ihrem gesamten Arm breitete sich eine Gänsehaut aus.

Die Zeichnung erwachte zum Leben, wuchs aus ihrer Haut heraus und nahm physische Gestalt an. Die Kettenglieder verschmolzen mit dem Armband, und kurz darauf konnte Nova nicht  mehr sagen, wo der alte Teil des Schmuckstücks endete und der Verschluss begann.

Nein, das stimmte nicht ganz. Auf den zweiten Blick erkannte sie, dass der von ihm erschaffene Teil nicht ganz mit dem golden schimmernden Kupferton übereinstimmte. Irgendwie war er leicht rosa angehaucht, und an einer Stelle durchzog ihn eine kaum sichtbare blaue Linie – genau dort, wo die Zeichnung über einer Ader unter ihrer Haut verlaufen war.

»Was ist mit dem Stein?«, erkundigte sich der Junge, nachdem er ihre Hand umgedreht hatte. Er tippte mit seinem Stift auf die leere Fassung, die eigentlich für einen Edelstein vorgesehen war.

»Da war vorher schon keiner drin«, stammelte Nova.

»Soll ich trotzdem einen reinzeichnen?«

»Nein.« Ruckartig entzog sie ihm ihre Hand. Als sie seinen überraschten Blick bemerkte, fügte sie hastig hinzu: »Nein, danke.«

Zuerst schien es, als wollte er darauf bestehen, doch dann überlegte er es sich anders. »Okay.« Lächelnd schob er den Stift zurück in die Hosentasche.

Nova drehte ihr Handgelenk hin und her. Der Verschluss hielt.

Nun schwang im Lächeln des Jungen leiser Stolz mit.

Eindeutig ein Wunderkind. Aber war er auch …

»Renegade?«, fragte sie und ließ das Misstrauen in ihrer Stimme deutlich durchklingen.

»Renegade?«, kreischte Ingrid. »Mit wem redest du da, Nova? Warum bist du nicht – «

Die Menge brach erneut in lautstarken Jubel aus, sodass Ingrids Stimme davon übertönt wurde. Auf einem schwebenden Paradewagen wurden zur Freude des Publikums Feuerwerkskörper gezündet, die schimmernd und knallend in den Himmel stiegen.

»Sieht ganz so aus, als wären die Hauptakteure im Anmarsch.« Mit nur mäßigem Interesse warf der Junge einen Blick über die Schulter, um sich den Wagen anzusehen.

Nun meldete sich Phobion über Funk: »Westliche Position, Nachtmahr. Westliche Position.«

Kalte Entschlossenheit breitete sich in Nova aus. »Roger.«

Der Junge drehte sich wieder zu ihr um und runzelte kurz die Stirn. »Eigentlich heiße ich Adrian.«

Nova wich einen Schritt zurück. »Ich muss gehen.« Damit wirbelte sie herum und schob sich durch eine Gruppe kostümierter Renegade-Fans.

»Renegade-Qualifikation – nächste Woche!« Einer von ihnen drückte ihr einen Flyer in die Hand. »Öffentlich zugänglich! Kommt einer, kommen alle!«

Ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, zerknüllte Nova das Blatt und stopfte es in ihre Tasche. Sie hörte gerade noch, wie ihr der Junge hinterherrief: »Gern geschehen!«

Sie drehte sich nicht um.

»Zielobjekt passiert gerade Altcorp«, berichtete Phobion, während Nova in den Schatten einer Gasse eintauchte. »Aktueller Status, Nachtmahr?«

Nova versicherte sich, dass die Gasse leer war, bevor sie einen Müllcontainer aufklappte und sich auf den Rand der Tonne schwang. Ganz oben auf dem Haufen aus Plastiksäcken lag ihre Sporttasche.

»Hole gerade meine Sachen«, antwortete sie, während sie nach der Tasche griff. Sie sprang zu Boden und ließ den Deckel des Containers zufallen. »Bin in zwei Minuten auf dem Dach.«

»Besser in einer«, korrigierte Phobion. »Immerhin musst du einen Superhelden töten.«

Interview mit Marissa Meyer

Wie kam Ihnen die Idee zu den RENEGADES?

Vor etlichen Jahren, auf der Fahrt zu einer Lesung, entdeckte ich aus dem Augenwinkel ein Baustellen-Schild. Für eine Sekunde dachte ich, auf dem Schild stünde »In Kürze hier: Die  Helden-Schule«. Als ich noch mal hinguckte, stand dort natürlich etwas ganz anderes, aber mir schoss durch den Kopf: Wäre es nicht cool, wenn es wirklich eine Schule für Superhelden gäbe? Ich habe dann gleich weitergedacht, nämlich an eine Schule für Superhelden und eine andere Schule für Super-Schurken, und beide bekämpfen sich. Doch am Ende verlieben sich ein Mädchen von der einen und ein Junge von der anderen Schule ineinander. Die Sache mit der Schule hat es dann nicht ins Buch geschafft, aber die Idee mit dem Mädchen und dem Jungen, die hat sich herauskristallisiert.

Wie sind Sie auf die Superkräfte gekommen, die die einzelnen Figuren besitzen?

Manchmal sind sie mir wie von selbst eingefallen, zum Beispiel bei Nova. Sie besitzt zwei Fähigkeiten: Die eine ist, dass sie niemals schlafen muss. Und das ist so eine klassische  Übertragung, denn wie oft habe ich schon gedacht: Wenn ich nicht schlafen müsste, könnte ich so viel mehr schaffen! Und ihre zweite Fähigkeit, nämlich andere Menschen zum Schlafen zu bringen, ist einfach die Kehrseite der Medaille.

Es ist Ihnen sehr wichtig, die Geschichte aus zwei Perspektiven zu erzählen, aus der der Schurken und der Superhelden. Warum?

Ich finde, die Geschichte verlangt das einfach. Es gibt Handlungsstränge, zu denen Nova der Schlüssel ist, und andere, zu denen Adrian der Schlüssel ist. Außerdem ist es schließlich eine  Liebesgeschichte, ihre Liebesgeschichte. Ich wollte daher die Konflikte darstellen, die sie beide zu durchleiden haben. Lange Zeit erkennen die beiden das Alter Ego des jeweils anderen  nicht, als es dann doch passiert, war es mir wichtig zu zeigen, dass Nova nicht einfach etwas gegen Adrians Familie hat, sondern dass es für sie sehr nachvollziehbare Gründe gibt, die  Renegades abzulehnen. Umgekehrt hat Adrian genauso verständliche Gründe, gegen die Schurken zu sein. Das wollte ich so ausführlich darstellen wie möglich.

In den RENEGADES gibt es eine ganze Menge Superhelden – die auch noch jeweils zwei verschiedene Namen haben. Wie konnten Sie das beim Schreiben alles im Blick behalten?

Ich habe in meinem Arbeitszimmer drei Whiteboards.  Normalerweise verwende ich sie zum Plotten, aber als ich damit bei den RENEGADES fertig war, benutzte ich eine Tafel für eine Liste der Ratsmitglieder, die zweite für die Namen der Schurken und die dritte für die übrigen Renegades. So konnte ich mir sicher sein, dass ich nicht nur im Auge behielt, wer wer ist, sondern  auch, dass alle Charaktere regelmäßig einbezogen und keiner vergessen wird.

Warum sind Superhelden eigentlich so faszinierend und begegnen uns so oft in der Literatur? 

Superhelden gehören zu den Phänomenen, die nie wirklich aus der Mode kommen. Ich glaube, dass es mit dem Identifikationspotenzial dieser Figuren zu tun hat. Die Vorstellung,  Superkräfte zu haben, ist einfach unglaublich attraktiv. Wer würde nicht gern fliegen oder das Wetter kraft seiner Gedanken kontrollieren? Eine unwiderstehliche Fantasie! Doch da steckt  noch mehr dahinter, nämlich die zutiefst menschliche Sehnsucht, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, den Unterdrückten zu helfen, Gerechtigkeit zu üben, die Bösen ein für alle Mal zu bestrafen.

Was ist Ihnen bei der Beschreibung und Charakteristik Ihrer Figuren, die ja alle sehr unterschiedlich sind, besonders wichtig?

Vor allem der Anspruch auf Authentizität. Unsere Welt ist schließlich voller einzigartiger, interessanter Persönlichkeiten, Menschen, von denen jeder einen ganz anderen kulturellen und sozialen Hintergrund hat. Ein Buch zu schreiben, in dem alle Figuren gleich aussehen oder aus dem gleichen Milieu stammen, käme mir völlig falsch vor – und furchtbar langweilig! Ich  möchte, dass meine Bücher den Reichtum der Wirklichkeit widerspiegeln. Und ich wünsche mir, dass meine Leser einen Bezug zu den Figuren haben und hoffentlich wenigstens einen Helden finden, mit dem sie sich identifizieren können. Wir alle sollten die Möglichkeit bekommen, Superhelden zu sein!

Geheime Identitäten. Außergewöhnliche Kräfte. Sie will Rache. Er will Gerechtigkeit.

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»So viel cooles Zeug!«

The New York Times