Andreas Gruber: Rachewinter | Leseprobe read’n’go

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Wie alles begann:

In Wien beobachten zwei Handwerker ungewollt einen Mord...

– DIENSTAG, 4. MÄRZ –

„Geh weg – lass mich auch mal sehen.“

„Zu spät“, sagte Slavo. Die Schwarzhaarige war soeben von ihrem Hengst herunter geklettert und mit einem leeren Sektglas vom Nachtkästchen aus dem Bild verschwunden. Nun war nur noch der Mann zu sehen, keuchend und mit grau behaarter muskulöser Brust, wie er sich den Schweiß von der Stirn wischte.

„Scheiße!“, zischte Max. „Wie hat sie ausgesehen?“

„Ich denke, die Kleine war höchstens zwanzig – und rattenscharf.“

„Der könnte ihr Vater sein!“, entfuhr es Max. „Schalt aus und zeig mir den Film!“

„Nein, warte.“ Slavo schlug Max auf den Arm, als der mit dem Handschuh nach dem Handy greifen wollte. Soeben kam die Schwarzhaarige zurück ins Bild, blieb neben dem Bett stehen, sprach mit ihrem Sugar-Daddy und nippte am vollen Sektglas.

„Glaubst du, die beiden sind verheiratet?“, murmelte Slavo.

„Kann ich mir nicht vorstellen. Schade, dass wir nicht hören können, worüber die reden“, sagte Max. „Du bist so ein Tier, und das seit fünf Uhr früh. Aber jetzt ab zu deiner Frau und deinen drei Kindern“, verstellte er die Stimme.

Sie scherzten noch eine Weile, dann drehte sich die Schwarzhaarige um. Slavo konnte es im ersten Moment nicht fassen. Das gibt es doch nicht! Ungläubig starrte er auf das Bild.

Uaaahhh!“, rief Max. „Du perverses Schwein! Schalt das sofort ab.“

Du wolltest doch, dass ich es filme. Konntest gar nicht genug davon kriegen“, platzte es aus Slavo hervor, woraufhin er lauthals zu lachen begann.

„Wie eklig, Schwule!“, rief Max.

Die Schwarzhaarige war tatsächlich ein Kerl. Das Gesicht war zwar nicht zu erkennen, weil sich die Sonne in der Scheibe spiegelte, dafür aber der Körper. Ein junger Typ, vermutlich kaum älter als zwanzig, schlank und untenrum gut ausgestattet.

Slavo lachte immer noch. „Du bist so ein Tier“, äffte er Max’ Stimme nach. Dann sah er, wie der Junge zum Fenster ging und die Jalousie zuzog. Ende der Vorstellung! Slavo wartete noch eine Weile, dann wollte er gerade die Kamera abschalten, als plötzlich jemand im Zimmer gegen die Jalousie gepresst wurde. Der grauhaarige Kerl! Deutlich war zu sehen, wie sich der Mann mit den Fingern in die Lamellen krallte und verzweifelt daran zog.

„Das glaub ich jetzt nicht“, entfuhr es Max.

Slavo und er drängten sich nebeneinander an den Kamin und starrten auf das Handydisplay. Slavo schirmte mit der Hand die Sonnenstrahlen ab und kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. „Der Junge erwürgt den Alten!“

Danach wurde der Alte zurückgerissen, die Lamellen schnappten zu und nichts war mehr zu sehen.

Rachewinter von Andreas Gruber

Das Ermittlerteam:

Walter Pulaski
Evelyn Meyers

Kommissar Walter Pulaski

Alter: 56
ermittelt in: Leipzig
Handicap:
Asthma
Familienstand: alleinerziehender Vater einer 17-jährigen Tochter
Beruf: war früher eine große Nummer beim Landeskriminalamt, hat sich freiwillig zum Kriminaldauerdienst versetzen lassen
Dienstwaffe: Walther PK
Fahrzeug: Skoda
Charakter: meist schlecht gelaunter Zyniker, dessen Vorurteile immer größer werden
Er hasst: Sesselpupser, junge Schlipsträger, Klugscheißer, Ärzte und den Geruch von Krankenhäusern
Vorlieben: trinkt literweise starken schwarzen Kaffee; ernährt sich vegetarisch, versucht weiterhin nicht zu rauchen
Ziel: nicht im Dienst erschossen zu werden

Anwältin Evelyn Meyers

Alter: 37
arbeitet in: Wien
Spitzname:
Lynnie
Eltern: früh gestorben
Ausbildung: Jahrgangsbeste im Jurastudium mit allen Zusatzseminaren
Beruf: Strafverteidigerin mit eigener erfolgreicher Anwaltskanzlei
Assistent: der junge Anwaltsanwärter Florian Zock
Mentor: Oberstaatsanwalt Ostrovsky
Frisur: langes, dunkelblondes Haar
Augenfarbe: rehbraun
Haustiere: Bonnie und Clyde
Lieblingsmusik: Enya
Sport: joggt entlang der Donau
Besondere Eigenschaften: Bauchgefühl, das sie vor Lügnern und Betrügern warnt

Direkt zum ersten Fall »

Ein neuer Mandant

Evelyn öffnete die Tür, und da stand er. Sie sah zu ihm auf. Er wirkte jugendlich, war sicher knapp einen Meter neunzig groß und hatte einen schlanken athletischen Körperbau.

„Evelyn Meyers?“ Seine Stimme klang ungewöhnlich sanft.

„Ja.“ Sie trat zur Seite. „Und mein Assistent Florian Zock. Ich nehme an, Sie sind Michael Kotten. Kommen Sie doch bitte herein.“ Sie ließ ihn in den Vorraum.

Was will Michael Kotten?

Ein neuer Fall?

Evelyn räusperte sich. „Dann erzählen Sie mir doch, warum Sie hier sind.“

Kotten rührte seine Teetasse nicht an. Offensichtlich war er zu aufgeregt. Sein Fuß wippte auf und ab. „Vor einer Woche ist der Manager Johann Wulf ermordet worden.“

Evelyn nickte. „Wulf war Entwicklungsleiter einer großen Firma. Er ist zuerst mit dem Seil einer Jalousie gewürgt und danach mehrmals in die Halsschlagader gestochen worden.“ Wer kannte diesen Fall nicht aus den Medien?

„Angeblich mit einem Brieföffner, aber die Tatwaffe wurde bisher nicht gefunden“, ergänzte Kotten.

„Woher wissen Sie das?“

Kotten wischte sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht, und nun sah Evelyn ein Piercing in der Augenbraue. „Die Polizei glaubt, dass ich es war.“

Evelyn studierte Kottens Gesichtszüge. Sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht etwas jünger. „Und, waren Sie es?“

„Nein.“

 

Ein Beweisvideo?

Was zeigt das Video?

Ja, richtig. Evelyn hatte auch davon in den Nachrichten gehört. Sie rutschte näher. „Ein Bauarbeiter hat angeblich Teile des Mordes von einem Dach aus gefilmt, aber das Handy ist in einen Kaminschacht gefallen.“

„Die Feuerwehrleute haben es vor sechs Tagen bergen können, und die Polizei hat es sichergestellt. Wie durch ein Wunder hat der Speicher des Handys den Sturz überlebt. Daraufhin haben mich die Beamten auf Grund dieser Zeugenbefragungen und eines Phantombildes … wie heißt das offiziell?“

„Ausgeforscht?“, half Flo ihm weiter, und wartete ab, bis Kotten nickte. „Trotzdem ist es außergewöhnlich, dass man ausgerechnet auf Sie gekommen ist.“

„Es gab auch noch einen anonymen Anrufer, der behauptet hat, ich sei auf dem Film zu sehen.“

Evelyn überlegte. „Der Anrufer hat das Video gesehen?“

Kotten lächelte müde. „Fast jeder hat es gesehen. Es steht seit gestern im Netz und hat schon über eine halbe Million Klicks.“

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Der Tote in Leipzig ist der Anfang einer Mordserie...

Tatort Motel

„Wo liegt die Leiche?“, fragte Walter Pulaski und folgte der Polizistin durch das Foyer des Motels.

Soeben erstarb das Martinshorn des Rettungswagens, der auf dem Parkplatz vor dem Gebäude stand, doch das Blaulicht warf immer noch seinen irisierenden Schein durch die Fenster. Eigentlich war es gar kein richtiges Motel hier am Stadtrand von Leipzig, sondern bloß eine Mischung aus besserem Rasthaus und Stundenhotel. Es roch nach Minze, und irgendwo plätscherte ein Tischbrunnen, dessen Geräusch Pulaski nervös machte.

„In Zimmer Nummer neun im ersten Stock“, antwortete die Beamtin.

Vor dem Motelzimmer stand ein weiterer, aber sehr viel jüngerer Polizist, der anscheinend eventuelle neugierige Gäste davon abhalten sollte, das Zimmer zu betreten. Allerdings lag der Gang verlassen da. Die anderen Bewohner hatten sich vermutlich in ihre Zimmer verkrümelt, als Sanitäter und Polizei mit Blaulicht angerückt waren.

Das Badezimmer ist der Tatort

Pulaski ging an dem Beamten vorbei, stieß die angelehnte Tür mit dem Schuh auf, betrat den Raum und stellte den Koffer auf eine Ablagekommode. Das Bett war nicht zerwühlt, und auf dem Nachtschränkchen lagen Armbanduhr, Brieftasche und ein silbernes Smartphone.

Im Badezimmer lag der Tote mit nur einem grauen, eng geschnittenen Slip bekleidet auf dem Bauch. Er war vermutlich zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, hatte breite Schultern, einen muskulösen Rücken und Nacken und eine schlanke Taille.

Der Notarzt beugte sich soeben über die Leiche und untersuchte die Schere, die bis zum Anschlag im rechten Ohr des Mannes steckte. Der Tote hielt den Griff noch in der Hand. Er lag in einer großen eingetrockneten Blutlache, und auch auf dem Waschbeckenrand klebte Blut. Ein Handtuch lag auf dem Boden, was darauf schließen ließ, dass die Fliesen zum Zeitpunkt des Todes nass gewesen waren, genauso wie die Haare des Toten, die ungekämmt abstanden. Im Ausguss der Duschkabine klebten eingetrocknete Reste von Schaum und Haaren.

 

 

Der unbekannte Gast

„Wie heißt der Gast? War er schon öfters hier? Falls ja, wann? Und mit wem?“ Pulaski starrte den Manager an und wartete auf eine Antwort. „Los, Mann! Reden Sie!“

Der blickte mit blassem Gesicht auf den Toten. „Nein, der ist zum ersten Mal hier gewesen. Hat sich gestern Abend als Hannes Rossbacher eingetragen und das Zimmer für nur zwei Stunden gebucht. Nachdem er heute Morgen noch immer nicht abgereist war, hat das Zimmermädchen nachgeschaut und ihn so gefunden. Er war in Begleitung da, doch ich habe die Dame weder gestern noch heute gesehen.“

„Woher wissen Sie dann, dass es eine Dame war?“

„Ich äh … ich habe sie gehört.“

„Sie haben an der Tür gelauscht?“

„Nein! Ich war zufällig im Gang.“

„Wann?“

„Gegen einundzwanzig Uhr.“

„Haben Sie einen Blick durchs Schlüsselloch geworfen?“

„Nein, also bitte!“

„Und was haben Sie gehört?“

„Kichern und Tuscheln.“

Pulaski blickte zum Doppelbett. Das Laken war sauber, ordentlich gespannt, und weder Decke noch Kopfkissen waren zerknautscht. Anscheinend war der Mann gestorben, noch bevor er mit seiner Begleitung im Bett landen konnte. Oder sie waren im Bett gewesen und die Dame, der Mörder oder jemand anderer hatten danach das Bett gemacht. Die Frage lautete: Warum war die Begleitung geflohen? War sie mit einem anderen Mann verheiratet? Oder vielleicht eine Berühmtheit, die einen Skandal verhindern wollte?

„Gibt es eine Videoüberwachung in Ihrem Motel? Oder zumindest auf dem Parkplatz?“, fragte Pulaski. „Falls ja, wie funktioniert die und wie kann man das Bildmaterial sichern?“

Der Manager schüttelte den Kopf.

„Was nein?“, fuhr Pulaski ihn an. „Man kann es nicht sichern?“

„Nein, wir haben keine Videoüberwachung.“

„Gut, dann brauche ich eine Namens- und Adressliste aller Gäste.“ Er wandte sich an die Polizistin. „Und Sie befragen alle, die noch da sind, ob irgendjemand die Dame gesehen hat. Ich brauche Alter, Größe, Haarfarbe, Bekleidung, Aussehen und eventuellen Akzent.“

Der Manager stöhnte auf. „Können Sie das wenigstens diskret machen?“

„Dieser Todesfall war auch nicht gerade diskret“, sagte Pulaski.

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Alte Bekannte

Evelyn blickte auf das Display in ihrem Armaturenbrett. Eine Nummer mit deutscher Vorwahl wurde angezeigt. Das war das letzte Telefonat, das sie mit diesem Handy führen wollte, schwor sie sich. Danach würde sie sich ein neues besorgen, damit von Kotten sie nicht länger überwachen konnte.

Sie nahm das Gespräch über die Lautsprecherfunktion entgegen. „Ja, bitte?“

„Evelyn Meyers?“, fragte eine männliche Stimme mit deutschem Akzent.

„Walter Pulaski!“, rief sie überrascht. „Schon lange nichts mehr von Ihnen gehört.“ Plötzlich strahlte sie, und für einen Moment waren ihre Sorgen vergessen. „Wie geht es Ihnen?“

„Ich kann nicht klagen.“ Pulaski lachte über seinen Wortwitz, weil er wusste, dass sie Anwältin war. „Und selbst?“

„Einigermaßen“, spielte sie die Tatsache herunter, dass ihr in Wahrheit kotzübel war. „Setzen Sie Ihren schon seit vielen Jahren angekündigten Besuch in Wien endlich in die Tat um?“

„Leider nein. Im Moment überschlagen sich gerade die Ereignisse.“

„Wem sagen Sie das“, seufzte sie.

„Ich rufe dienstlich an.“ Plötzlich wurde er ernst. „Ich habe leider nicht viel Zeit und brauche eine dringende Auskunft.“

„Und das, wie könnte es anders sein, mal wieder außerhalb des üblichen Dienstweges.“ Sie lächelte. „Schießen Sie los!“

Für einen Moment war er nur undeutlich zu hören. Im Hintergrund erklangen das Knacken von Funkgeräten und das Aufheulen einer Polizei- oder Rettungssirene. „In Deutschland gab es in den letzten Tagen fünf Morde an hochrangigen Managern.“

Gemeinsame Fälle sind nichts Neues für Evelyn Meyers und Walter Pulaski

„Auch hier in Wien gab es vor zehn Tagen einen Mord, und zwar an von Kottens Entwicklungsleiter.“

„Sind Sie mit dem Fall vertraut?“

„Allerdings.“

„Sieht so aus, als arbeiteten wir wieder einmal an ein und derselben Sache.“

Stimmt. Alle paar Jahre führte sie das Schicksal zusammen. „Wann genau geschahen die Morde in Deutschland?“, wollte sie wissen.

„So wie es aussieht, begann alles vor vier Tagen.“

„Ach, du Scheiße“, wiederholte Flo, nur diesmal leiser.

Aus dem Lautsprecher drang das Geschrei von Menschen.

„Hier will einer abhauen!“, rief Pulaski. „Haltet den Mann fest!“

„Pulaski, sind Sie noch da?“

„Ja, entschuldigen Sie.“

„Ich habe eine Vermutung, wer der Mörder sein könnte“, sagte Evelyn. „Sind Sie in Leipzig?“

„Im Moment bin ich noch in Halle an der Saale, aber ab morgen bin ich wieder zu Hause. Warum?“

Evelyn dachte kurz nach. Es gab nur eine Möglichkeit, die Sache zu beenden. „Ich komme zu Ihnen nach Leipzig.“

“Sieht so aus, als arbeiten wir wieder einmal an ein- und derselben Sache.”

 

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