Parceval – Seine Jagd beginnt | Leseprobe read’n’go

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Dieser Mann will Rache.

Er steht unter Mordverdacht.

Doch für einen Fall wird er von der Polizei aus Gefängnis geholt.

Und er wird die Richtigen für ihre Fehler büßen lassen.

 

Parceval.

»Die Realität ist, wie sie ist. Die Hölle ist etwas, was wir nur in uns tragen.« Ralf Parceval

Beton im Auto

Der diensthabende Rechtsmediziner war Doktor Sagstötter. Er rauchte am Rand des Lichtkreises, den mehrere starke Scheinwerfer aus Stativen warfen, eine Zigarette. Im Zentrum des Lichts stand ein kaffeefarbener BMW, dessen Fahrertür offen stand.
»Wollten Sie nicht aufhören damit?«, begrüßte Kriminaldirektor Zach den Arzt. Er mochte ihn nicht. Dr. Sagstötter war für seinen Sarkasmus bekannt und dafür, schon mit einer vorgefertigten Meinung am Tatort zu erscheinen.
Der Arzt wedelte mit der Zigarette. »Ich hör schon seit zehn Jahren damit auf.«
Zach deutete auf das Fahrzeug. »Kommen Sie, bringen wir’s hinter uns.«
»Ich hab’s schon hinter mir«, sagte Dr. Sagstötter. Er hielt den Dezernatsleiter am Arm fest, als dieser sich dem BMW nähern wollte. »Warten Sie.«
»Weshalb? Glauben Sie, mir kommt es hoch, wenn ich die Leiche anschaue?«
»Würde mich nicht wundern. Sogar mir wär’s beinahe hochgekommen.«
Zach blieb stehen. »Was muss ich wissen?«
Dr. Sagstötter nahm einen langen Zug von seiner Zigarette. »Das meiste ist nur Spekulation«, sagte er. »Trotzdem nehme ich an, dass es der Wahrheit ziemlich nahekommt. Fest steht: Das Innere des Wagens wurde mit Beton ausgegossen, mit dem Toten auf dem Fahrersitz. Womöglich werden wir feststellen, dass er mit mehreren Kabeln oder Stricken an den Sitz und mit den Händen ans Lenkrad gefesselt worden ist. Er muss ungeheure Panik gehabt haben. Jemand, um den herum der frische Beton hochsteigt, will nur noch weg.«
»Sie meinen, er hat noch gelebt?«
»Warum sollte sich jemand die Arbeit machen, ihn bis zur Brust einzugießen, wenn er schon tot war? Das war kein Mord, das war eine bestialische Hinrichtung.«
»Sprechen Sie weiter …«
»Sie müssen sich Folgendes vorstellen: Sie sitzen gefesselt auf dem Fahrersitz eines Autos. Um sie herum steigt der Beton an, der direkt vom Betonmischer zu einem offenen Seitenfenster hereingeleitet wird. Wie lange dauert es, den Innenraum einer großen Limousine auf diese Weise zu füllen? Fünf Minuten? In diesen fünf Minuten wird der ­Unterleib vom Gewicht der nassen, eiskalten Masse eingeengt, gequetscht, zerdrückt. Sie spüren, wie es Ihre Eingeweide abschnürt. Wie Ihre Lunge immer mehr zusammengedrückt wird. Wie Sie bei lebendigem Leib erdrückt, ja erstickt werden und dabei zusehen, wie der Beton langsam, langsam das Wageninnere füllt, wie die kalte Masse an Ihnen hochsteigt, Sie erleben, wie Ihre Hüftknochen nachgeben und die Oberschenkel brechen und wie allmählich, ganz allmählich Ihre Lunge immer weniger Raum findet, um sich auszudehnen, wie Ihr Körper kämpft, kämpft um einen letzten Atemzug, und ihn nicht bekommt. Es dauert eine Weile, auf diese Art zu sterben.«
»Sie hätten Romane schreiben sollen, Doktor«, bemerkte Zach. »Kann ich jetzt?«
Dr. Sagstötter deutete einladend auf den BMW. »Ich kann Sie beruhigen: Falls Sie sich danach Ihr letztes Essen wieder durch den Kopf gehen lassen, Sie sind nicht allein.«

»Die Welt ist ein Scheißhaus. Aber du bist nicht die Klofrau. Also halt dich raus.« Ksenia Orian

Die schönste Frau

Aus ein paar Metern Abstand wirkte Ksenia Orian wie eine attraktive junge Frau. Kam man näher an sie heran, sah man die Kerben um die Mundwinkel und wusste, dass sie kein junges Mädchen mehr war. Dann erst erkannte man das feine weiße Narbengeflecht auf ihrer linken Gesichtshälfte. Es schien absurd, aber es war eine Tatsache, die Martin Zach ebenso bestätigt hätte wie die meisten Männer, die Ksenia zum ersten Mal sahen: Die Kerben um die Mundwinkel und die Narben machten aus einem hübschen erst ein atemberaubend schönes Gesicht. Wo die Narben herrührten, wusste Zach nicht. Als er nach seiner Versetzung zum ersten Mal mit Ksenia zu tun gehabt hatte, konnte auch keiner seiner Kollegen, die schon länger hier Dienst schoben, ihm darüber etwas sagen. Eigentlich kein Wunder. Ksenia Orian besaß eine Ausstrahlung, dass sich eine Frage, die intimer war als die nach dem heutigen Datum, von ganz allein verbot.
Das Einzige, das Zach von der Deutschrussin mit Sicherheit wusste, war ihre Tätigkeit als Geschäftsführerin einer Sicherheitsfirma. Angeblich besaß sie auch diverse Gürtel und Grade in Kampfsportarten und wurde ab und zu von Hackervereinigungen wie dem Chaos Computer Club zu Vorträgen eingeladen. Aber das waren alles nur Gerüchte. Fest stand außerdem, dass es Ksenia Orians Sicherheitsfirma war, die derzeit unter anderem das Milliardengrab des BER überwachte.
»Sind Sie ihretwegen hier?«, fragte Zach. Er deutete auf die zwei Security-Mitarbeiter, die die Besatzungen der Streifenwagen bei ihrem Eintreffen hier vorgefunden hatten.
Ksenia nickte und wies dann auf den BMW. »Und seinetwegen.«
»Der Wagen?«
»Nein. Das arme Schwein am Steuer.«

Alter: 35
Beruf: Bundespolizist
Verbrechen: 15-facher Mord
Urteil: lebenslänglich
Name: Ralf Parceval

Keine Träume

Dreißig Stunden nach dem Fund der Leiche lauschte Ralf Parceval auf das Geräusch von schnellen Schritten, die den Zellentrakt durchmaßen und sich anscheinend auf seine Tür zubewegten. Es war sechs Uhr am Morgen. Er war seit mindestens zwei Stunden wach.
Träume?
Wozu brauchte man Träume, wenn sich das Unterbewusstsein Tag und Nacht mit nichts anderem als dem befasste, was es nach Meinung des Psychologen verarbeiten sollte?
Die klare, trockene Luft von Kunduz.
Der Sonnenschein, so intensiv, wie er zu Hause in Deutschland nie war.
Der Himmel, so blau und rein, wie der Himmel über dem Garten Eden gewesen sein musste.
Im Inneren der Polizeistation: Blut. So viel Blut. Auf dem Boden, an den Wänden. Bis zur Decke hoch war es gespritzt, es tropfte in zähen Fäden vom frisch geweißelten Beton. In jedem Raum Leichen.
Vor dem Tresen, an dem normalerweise ein freundlicher Beamter die Besucher empfangen hätte: zwei angeschossene Männer. Sie starrten Parceval trotzig an, als er von seiner Runde durch die Innenräume zurückkam. Er hatte nicht gefunden, was er gesucht hatte. Er hatte vieles gefunden, was er niemals hatte suchen wollen, darunter den abgeschnittenen Kopf seines Stellvertreters und besten Freundes. Er hatte ihn in dem Raum gefunden, wo die anderen Köpfe lagen.
Die Schritte stoppten vor seiner Zellentür. Sie wurde aufgeschlossen.
»Besuch für Sie«, erklärte der Justizvollzugsbeamte.
»Um diese Tageszeit empfange ich üblicherweise nicht«, sagte Parceval.
»Dann ändern Sie heute mal Ihre Gewohnheiten.«
»Wer ist es? Wenn es der Psychologe ist, sagen Sie ihm, ich hätte leider wieder nicht geträumt.«
»Heben Sie sich den Scheiß für die Tagschicht auf.«
»Wer ist mein Besucher?«
»Das werden Sie dann schon sehen.«
Als Parceval in den Besuchsraum trat, stand der Mann auf, der bereits auf ihn gewartet hatte. Er grüßte nicht, er sagte nur: »Ich brauche Ihre Hilfe.«
Parceval kannte ihn von den Bildern der Tagespresse, auch wenn er dort nicht oft zu sehen war. Aber er gehörte zu den Männern, deren Aussehen sich bei jemandem wie Parceval eingeprägt hatte.
Sein Besucher war der Berliner Kripochef. Kriminaldirektor Martin Zach.

Parceval will Rache. Und er wird sie bekommen.

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