Susanne Jansson: Opfermoor | Leseprobe read’n’go

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Das Moor vergisst nicht

Ein abgelegenes Moor inmitten der Wälder und Seen Schwedens: Hier entnimmt die junge Biologin Nathalie Bodenproben – und findet kurze Zeit später einen Mann, der brutal zusammengeschlagen im Sumpf liegt. Direkt daneben eine von Hand ausgehobene, etwa zwei Meter lange Grube.

Ein vorbereitetes Grab?

Ein Hinweis auf die Menschenopfer, die in der Eisenzeit hier erbracht wurden?

Zusammen mit der Polizeifotografin Maya versucht Nathalie, die Geschehnisse aufzuklären. Dabei stoßen die beiden Frauen auf weitere Leichen im Moor und finden heraus, wie unheilvoll die Bewohner des Ortes in die Vorfälle verstrickt sind …

Ein Moor,
in dem man sich verirren,
aber auch spurlos verschwinden kann.

Der Jogger

Auf dem Parkplatz vor dem Gutshaus stieg Johannes vom Fahrrad und lehnte es an einen Laternenpfahl. Das Wetter war furchtbar. Ein Wetter, in dem kein normaler Mensch joggen ging. Aber er war eben nicht normal.

Als er sein Fahrrad abschloss, sah er zu Nathalies Häuschen hinüber. Das Licht einer Petroleumlampe flackerte in einem der Fenster. Ihr Schatten strich über die Wände, langsam und schwer zu fassen. Wie sie.

Kürzlich hatte sie bei ihm übernachtet. Aber als er morgens aufwachte, war das Bett leer und sie weg.

Johannes joggte auf dem Pfad, sah auf der einen Seite den Wald, auf der anderen das Moor, eine Landschaft, die er liebgewonnen hatte: Die ausgedehnte Ödnis, die graue, geduckte Vegetation, die bei Wind und Regen noch robuster und sonderbarer wirkte.

Er erinnerte sich an den Raureif, der das Torfmoor im vergangenen Winter überzogen hatte. Damals war die Stimmung unwirklich, zerbrechlich und verführerisch gewesen, so etwas hatte er noch nie erlebt.

Einmal war ein großer Elch aus dem Nichts aufgetaucht und hatte wiegenden Schritts das gefrorene Moor durchquert. Die berstende Eisfläche hatte wie ein melancholisches Glockenspiel geklungen.

Hier und da führten Plankenwege direkt ins Moor, und er dachte einen Augenblick daran, eine Abkürzung zu nehmen, sah jedoch, dass die Holzplanken glatt waren. Das war ihm zu riskant. Man musste nur kurz das Gleichgewicht verlieren, schon …

„Au!“

Sein Fuß hatte den Halt verloren. Der Schmerz strahlte in sein Bein aus, zog sich zurück und kehrte mit voller Wucht wieder.

So ein Mist!

Er hüpfte ein Stück weit auf einem Bein und versuchte sich irgendwo abzustützen, brach dann aber schließlich auf dem Weg zusammen. Es tat sehr weh. Wind und Regen zerrten an seinen Kleidern. Er versuchte, sich aufzurichten, aber der Fuß ließ sich nicht mehr belasten.

Er wartete eine Weile auf das Abebben des Schmerzes und verfluchte dabei, sein Handy zu Hause gelassen zu haben. Wie würde er jetzt zum Gutshaus zurückgelangen? Er hüpfte auf einem Bein und kroch dann wie der ein kurzes Stück, bis ihm plötzlich etwas auffiel: Es regnete nicht mehr, und der Wind war eingeschlafen. es herrschte vollkommene Stille. Wie seltsam.

Der Mond segelte am dunklen Himmel hinter den Wolken dahin und beschien Nebelstreifen, die sich träge über die feuchte Erde bewegten.

Er glaubte, etwas zu hören. War das der Wind? Oder ein Tier? Fast klang es wie ein Jammern oder leises Rufen. Da entdeckte er einen Lichtschein ganz hinten auf dem Weg.

Eine Taschenlampe. Jemand kam!

„Hallo!“, rief er, „ich brauche Hilfe, ich habe mich verletzt …“

Der Lichtschein näherte sich, bis er ihn so sehr blendete, dass er sich die Hand vor die Augen halten musste.

„Hallo?“

Der Lichtschein bewegte sich weiter, und plötzlich sah er klarer.

Was soll das?, konnte er gerade noch denken.

Dann wurde alles schwarz.

Die berstende Eisfläche klang wie ein melancholisches Glockenspiel.

Nathalie im Moor

Der Pfad, der ins Moor führte, verlief unterhalb des Hauses. Nathalie musste ihm nur folgen, einen Fuß vor den anderen setzen. Ganz einfach also.

Sie setzte sich in Bewegung, gedankenlos wie bei einem Sprung in einen kalten See, weil es irgendwie das Richtige war und man sich anschließend immer gut fühlte.

Ihre Füße auf dem Weg, ihr Fleisch und Blut auf dieser Erde. Erneut. Die Zeit zwischen jetzt und ihrer Kindheit, zusammengepresst wie zu dünnen Schmetterlingsflügeln, mit wenigen fluchtartigen Flügelschlägen zunichte gemacht.

Die Bohlenwege sahen aus wie damals, aber sie vermutete, dass sie auf irgendeine Weise instandgehalten wurden. Schließlich waren fünfzehn Jahre vergangen.

Das Licht war gedämpft, die Luft kühl. Das ausgedehnte Moor präsentierte sich in Gelb- und Grautönen. Die Bäume, die ihr immer gebeugt vorgekommen waren, schienen sich jetzt voller Respekt zu verbeugen. Sie knicksten und nickten, als würden sie sie begrüßen.

Sie erwiderte den Gruß, öffnete behutsam ihre Sinne, entspannte sich und ließ sich führen. Die Zeit löste sich aus ihrem Rahmen und fiel Stück um Stück in sich zusammen, bis sich Nathalie eins mit ihrer Umgebung fühlte. Sie schien sich in einem Mosaik zu bewegen, in dem die Teile, die sie selbst ausmachten, mit denen, die die Umgebung darstellten, verschmolzen.

Gemächlichen Schrittes legte sie ein gutes Stück zurück, ehe sie über ein paar feste Grasbüschel zu einer kleinen Kiefer gelangte, an die sie ihren Rücken lehnen konnte.

Eingebunden in den Rhythmus ihrer Atemzüge saß sie einfach da, während es zu nieseln begann. Mit leisem Prasseln fielen die Tropfen auf ihre Regenjacke wie auf eine Zeltplane. Es duftete nach Nadelwald. An ihren nassen Stiefeln klebten gelbliche Blätter des Sumpfporsts, die sich zu dieser Jahreszeit von ihren Zweigen lösten. Sie nahm einige in die Hände, zerrieb sie zwischen den Fingern, atmete den würzigen, durchdringenden Duft ein und schloss die Augen.

Einige Minuten verstrichen, vielleicht eine Viertelstunde. Dann näherte sich der Nebel wie ein neugieriges Tier mit unergründlichem Vorhaben. Er züngelte über den feuchten Boden, leckte an ihren Füßen, hüllte sie ein.

Als würde er sagen: Du. Da bist du ja. Das ist aber lange her.

Sie regte sich nicht. Atmete kaum. Saß einfach mit halbgeschlossenen Augen da und wartete darauf, dass der Moment verstrich.

Ohne dass sie es merkte, kam ihr ein Flüstern über die Lippen. Ich weiß. Es hat eine Weile gedauert. Aber jetzt bin ich hier.

Nathalie ging weiter. Der Nebel lichtete sich ein wenig. Als sie an einem etwas trockeneren Abschnitt des Moores angelangt war, fiel ihr neben dem Plankenweg etwas auf. Intuitiv und noch ehe ihr Gehirn das Gesehene verarbeiten konnte, wusste sie, worum es sich handelte. Es war nicht tief, aber sicherlich zwei Meter lang, und es bestand kein Zweifel daran, was sie da vor sich hatte. Jemand hatte im Moor ein Grab geschaufelt.

 

 

Es bestand kein Zweifel:
Jemand hatte im Moor ein Grab geschaufelt.

Moorleichen

Moorleichen – so hießen die Toten, die in der Eisenzeit im Moor begraben und deren Haut, Haare, Fingernägel, Eingeweide und Kleider mehr oder weniger vom Zerfall verschont geblieben waren.

Zu jener Zeit wurden Tote in der Regel verbrannt. Warum einige von dieser Norm ausgenommen wurden, blieb ungeklärt. Eine gängige Theorie lautete, dass sie den Göttern geopfert worden waren, um Wohlstand herbeizuführen oder wenigstens Unglück zu abzuwenden. Andere Theorien liefen darauf hinaus, dass sie sich eines Verbrechens oder einer Sünde schuldig gemacht hatten, eventuell der Untreue oder der Homosexualität. Aber die Wissenschaft gab nur unzureichende Antworten, denen manchmal eher Mutmaßungen und Vorurteile zugrunde lagen als Forschung.

Klar war jedoch, dass die zu allen Zeiten von einem Schimmer der Mystik umgebenen Moore einen natürlichen Ort für Rituale und die Kommunikation mit der Geisterwelt darstellten. In späteren Zeitaltern galten die Moore als perfekte Friedhöfe für Ausgestoßene – sie waren unfruchtbare, unbrauchbare Orte am Rande der Gesellschaft und des Bewusstseins – und außerdem eine Gegend, in die sich kaum jemand verirrte.

Ein Geistlicher im mittelalterlichen Deutschland bezeichnete diese sumpfigen Moore sogar als den eigentlichen Ort der Hölle und weigerte sich, einen Mann zu begraben, der in einem Moor ertrunken war.

Wem das Moor das Leben nimmt, der steht in Verbindung mit dem Teufel, lautete seine Begründung.

Das Buch, das Nathalie als Kind geschenkt bekommen hatte, hieß Opfermoore früher und heute. In der Eisenzeit hatte man alle Opfergaben – darunter auch Menschenopfer – im Moor versenkt. In dem Buch war nachzulesen, dass diese Rituale an vielen Orten auch noch in christlicher Zeit gepflegt  wurden. Offenbar war man sich damals nicht bewusst, dass Tote, deren Körper nicht zu Erde werden durften, den alten Legenden zufolge nie zur Ruhe kamen. Es hieß, sie hungerten in alle Ewigkeit nach neuen Opfern, was erklärte, dass Menschen in dieser Gegend auch jetzt noch plötzlich spurlos im Moor verschwanden: Das Moor war unersättlich. Daher galten die Opfermoore als gefährlich und heilig zugleich. Orte der Furcht und der Anbetung.

Die Worte aus dem fünften Kapitel des Buches hatte Nathalie auswendig gelernt. Sie konnte sie ebenso mühelos aufsagen wie die Vokale oder die Flüsse in Halland.

Wenn ein Opfer gewünscht wird, erzürnt das Wetter.

Wenn ein Opfer ausersehen ist, ist der Zorn besänftigt.

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