Angie Thomas: On The Come Up (af) | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scrolle, um zu lesen!

Dear reader,

Angie Thomas Bri, eine aufstrebende Rapperin und Hauptfigur in On the Come Up benutzt gern Worte, die ihr wirklich etwas sagen, und verarbeitet sie zu Rapsongs. Wenn ich ein einziges Wort wählen sollte, um die letzten beiden Jahre zu beschreiben, dann müsste das surreal sein.

Surreal. Ein Wort, zwei Silben.
Gerappt würde sich das ungefähr so anhören:

It’s hard to say how I feel,
Because this has been so surreal.

Ich kann euch allen gar nicht genug danken für eure Liebe und Unterstützung, die ihr mir und The Hate U Give geschenkt habt. Es war eine überwältigende Erfahrung mit einem Buch, von dem ich gehofft hatte, dass es außerhalb meiner Familie wenigstens noch einen weiteren Leser findet. Ihr habt mir, der Buchbranche, Hollywood und der ganzen Welt bewiesen, dass Geschichten, selbst wenn sie auf ein begrenztes Publikum ausgerichtet sind, trotzdem viele Menschen mehr erreichen können. Ihr habt Starr und ihre Black Girl Magic mit offenen Armen aufgenommen.

Jetzt möchte ich euch die sechzehnjährige Bri vorstellen. Ihre Story ist mein Liebesbrief an all die schwarzen Mädchen, denen man oft das Gefühl gibt, sie lebten in einer Welt, die völlig falsche Vorstellungen von ihnen hat. Irgendwie zu viele und gleichzeitig nicht genug davon. Mit Starrs Weg habe ich diese Mädchen und andere junge Menschen hoffentlich dazu inspiriert, ihre eigene Stimme zu benutzen. Mit On the Come Up hoffe ich, sie zu motivieren, sich auch dann Gehör zu verschaffen, wenn es der Gesellschaft nicht gefällt, wie sie es tun. Meinungsfreiheit gilt nicht immer und nicht überall. Vor allem, wenn man in den USA jung ist und schwarz.

Dieser Roman ist auch ein Liebesbrief an den Hip-Hop. Als ich mich selbst in Büchern nicht wiederfinden konnte, gelang mir das in den Reimen der MCs. MCs, die aussahen wie ich und die gleichen Erfahrungen gemacht hatten. Diese unkonventionellen Dichter waren meine Helden – und sind es für Millionen junger Leute.

Ich hoffe, Bris Story gefällt euch. Hip-Hop ist ihr Schwert, und ihre Träume sind ihr Schild.

Mit The Hate U Give haben viele von euch ihre Stimme gefunden. Jetzt ist es Zeit, mit On the Come Up ein wenig Krach zu schlagen.

With all my heart,
Angie Thomas

Wir alle haben ein Recht auf Redefreiheit – aber nicht all unsere Stimmen werden gehört.

Bei Jimmy's

Der Parkplatz vom Jimmy’s ist schon fast voll, aber nicht alle wollen in das Gebäude. Das Let out hat auch bereits angefangen. Das ist die Party unter freiem Himmel, die jeden Donnerstagabend nach dem letzten Battle im Ring stattfindet. Seit fast einem Jahr nutzen die Leute das Jimmy’s schon als Party-Location, ähnlich wie die Magnolia Avenue am Freitagabend. Dazu muss man wissen, dass letztes Jahr ein Junge von einem Cop ermordet wurde, nur ein paar Straßen vom Haus meiner Großeltern entfernt. Er war unbewaffnet, aber die Grand Jury, also die Geschworenen, hat entschieden, den Polizisten nicht anzuklagen. Danach gab es wochenlang Unruhen und Proteste. Die Hälfte der Läden und Lokale in Garden wurden dabei entweder absichtlich von Randalierern niedergebrannt oder wurden geplündert. Club Envy, der ursprüngliche Treffpunkt am Donnerstagabend, zählte zu den Opfern.

Dieser Parkplatz-Club ist aber eher nicht so mein Ding. (Party machen bei eisiger Kälte? Nicht wirklich.) Aber es ist cool zu sehen, wie Leute ihre neuen Felgen oder ihre Hydraulik präsentieren und dabei die Autos hoch- und runterhüpfen lassen, als gäbe es keine Schwerkraft. Die Cops fahren ständig vorbei, aber das ist in Garden Heights die neue Normalität. Das soll so einen Scheiß bedeuten in der Art von »Hi, ich bin euer freundlicher Cop aus der Nachbarschaft, der euch nicht erschießen wird«. Aber es kommt eher rüber wie ein Scheiß in der Art von »Wir behalten eure schwarzen Ärsche genau im Blick«.

Ich folge Aunt Pooh zum Eingang. Aus dem Gym dringt Musik, und die Türsteher tasten die Leute ab, bevor sie mit ihren Metalldetektoren herumwedeln, die einen an Zauberstäbe erinnern. Wenn jemand eine Waffe dabeihat, legt die Security sie in einen Eimer und gibt sie erst zurück, wenn der Ring vorbei ist.

»Der Champion ist da!«, ruft Aunt Pooh, als wir uns der Schlange nähern. »Ihr könntet sie genauso gut auch jetzt schon krönen!«

Das genügt, damit sie und ich mit High Fives und Kopfnicken empfangen werden. Ein paar Leute fragen: »Was geht, Li’l Law?« Auch wenn wir uns genau genommen an der Schlange vorbeidrängeln, ist das für alle in Ordnung. Dank meines Dads bin ich hier so ’ne Art Royalty.

Ich ernte aber auch hier und da ein herablassendes Grinsen.

Es wirkt wohl komisch, wenn eine 16-Jährige in einem Darth-Vader-Hoodie glaubt, sie habe im Ring eine Chance.

Es geht los

Die Türsteher klatschen mit Aunt Pooh ab. »What’s up, Bri?«, sagt Reggie, der Stämmige. »Heute Abend endlich dabei?«

»Yep! Und sie wird abräumen«, sagt Aunt Pooh.

»Alles klar.« Frank, der Größere, wedelt einmal mit dem Zauberstab um uns herum. »Trägst Laws Fackel weiter, was?«

Nicht wirklich. Eher will ich meine eigene Fackel tragen. Aber ich antworte mit »Yeah«, weil das von mir erwartet wird. Gehört dazu, wenn man Royalty ist.

Reggie winkt uns durch. »Möge die Macht dich raufbeamen, Scotty.« Er zeigt auf meinen Hoodie und macht dann den Vulkaniergruß.

Wie zum Teufel kann man Star Trek mit Star Wars verwechseln? Wie? Für manche Leute in Garden Heights ist das leider Nerd Shit. Oder, wie irgendein Idiot bei der Tauschbörse meinte: White Shit.

Unglaublich, wie wenig Ahnung manche Leute von Weltraum-Soaps haben.

Wir gehen rein. Wie immer gibt’s hier hauptsächlich Typen, aber ich entdecke auch ein paar Mädchen (was dem kleinen Anteil Frauen im Hip-Hop entspricht, ist ja sowieso ein total frauenfeindlicher Betrieb, aber egal …). Manche Kids sehen aus, als kämen sie direkt von der Garden Heights High School. Andere kommen einem vor, als wären sie zu Zeiten von Biggie und Tupac bereits am Leben gewesen. Und einige alte Kerle waren vermutlich schon dabei, seit Hüte von Kangol und Adidas-Schuhe mit Muschelkappe gefragt waren. Der Rauch von Gras und Zigaretten hängt in der Luft, während sich alle um den Boxring in der Mitte drängen.

Aunt Pooh findet neben dem Ring einen Platz für uns. Kick In The Door von Notorious B.I.G. übertönt alles Geplauder. Der Bass erschüttert den Fußboden wie ein Erdbeben und die Stimme von B.I.G. scheint das ganze Gym auszufüllen.

Ein paar Sekunden Biggie lassen mich alles vergessen.

»Was für ein Flow!«

»Dieser Shit ist heiß«, sagt Aunt Pooh.

»Heiß? Dieser Shit ist Legende! Biggie beweist im Alleingang, dass das Delivern entscheidet. Das reimt sich alles nicht genau, aber es funktioniert. Und er reimt Jesus auf Penis! Also bitte! Jesus und Penis.« Okay, das ist wahrscheinlich eine Beleidigung für Jesus, trotzdem. Das ist Legende.

»Is’ gut, is’ gut.« Aunt Pooh lacht. »Hab’s verstanden.«

Ich nicke im Takt und sauge jede Line in mich auf. Aunt Pooh beobachtet mich lächelnd, was die Narbe auf ihrer Wange von damals, als jemand sie mit einem Messer attackiert hat, wie ein Grübchen aussehen lässt. Hip-Hop macht süchtig und Aunt Pooh hat mich angefixt. Als ich acht war, spielte sie mir Nas’ Illmatic vor und meinte: »Dieser Kerl wird mit ein paar Lines dein Leben ändern.«

So war es. Seit Nas mir erklärt hat, die Welt gehöre mir, war nichts mehr so wie vorher. Auch wenn das Album damals schon alt war, war es für mich wie ein Aufwachen, nachdem ich mein ganzes Leben bis dahin verschlafen hatte. Das kam einer spirituellen Erfahrung schon verdammt nah.

Nach diesem Gefühl bin ich süchtig.
Es ist der Grund, warum ich rappe.

Li'l Law

Bei den Türen entsteht Unruhe. Ein Typ mit kurzen Dreadlocks bahnt sich den Weg durch die Menge, dabei dappen Leute respektvoll mit ihm. Das ist Dee-Nice, einer der bekanntesten Rapper des Rings. Alle seine Battles gingen viral. Erst kürzlich hat er mit dem Battle-Rappen aufgehört. Witzig, dass er so jung schon mit was aufhört. Letztes Jahr hat er seinen Collegeabschluss an der Midtown gemacht.

»Schon gehört?«, fragt Aunt Pooh. »Der Ol’ Boy hat gerade einen Vertrag gekriegt.«

»Echt?«

»Yep. Siebenstellig. Im Voraus.«

Verdammt. Kein Wunder, dass er sich zur Ruhe gesetzt hat. Ein Deal über eine Million Dollar? Und nicht nur das: Jemand aus Garden Heights hat einen Deal über eine Million Dollar ergattert!

Die Musik wird immer leiser, das Licht gedimmt. Ein Scheinwerfer strahlt direkt auf Hype und die Leute beginnen zu jubeln.

»Machen wir uns bereit zum Kampf!«, sagt Hype, als ginge es hier ums Boxen. »Für unseren ersten Battle haben wir in dieser Ecke M-Dot!«

Ein kleiner, tätowierter Typ klettert, begleitet von Jubel und Buhrufen, in den Ring.

»Und in dieser Ecke haben wir Ms Tique!«, sagt Hype.

Ich kreische los, als ein dunkelhäutiges Mädchen mit Creolen und kurzen Locken in den Ring steigt. Ms Tique ist ungefähr so alt wie Trey, aber sie spittet wie eine alte Seele.

Als hätte sie schon ein paar Leben hinter sich, von denen keins ihr wirklich gefallen hat.

Sie will ganz hoch hinaus.

Hype stellt noch die Ringrichter vor. Da ist einmal Mr Jimmy höchstpersönlich, außerdem Dee-Nice und CZ, ein ungeschlagener Ring-Champion.

Hype wirft eine Münze, Ms Tique gewinnt. Sie lässt M-Dot anfangen. Der Beat setzt ein. A Tale of 2 Citiez von Cole.

Das Gym dreht durch, und ich? Ich beobachte, was im Ring vor sich geht. M-Dot marschiert auf und ab, während Ms Tique ihn nicht aus den Augen lässt. Wie ein Raubtier seine Beute. Selbst als M-Dot auf sie losgeht, zuckt sie nicht mit der Wimper, reagiert gar nicht, sondern starrt ihn nur an, als wüsste sie schon, dass sie ihn zerstören wird.

Es ist pure Schönheit.

Er hat ein paar gute Lines. Sein Flow ist okay. Aber als Ms Tique an der Reihe ist, trifft sie ihn mit Punchlines, die mir eine Gänsehaut machen. Jede Zeile ruft beim Publikum eine Reaktion hervor.

Sie gewinnt die ersten beiden Battles ganz locker und schon ist es vorbei.

»Alright, Leute«, sagt Hype. »Zeit für unser Rookie Royale!

Zwei Rookies werden zum ersten Mal im Ring battlen.« Aunt Pooh wippt auf ihren Absätzen. »Yeeeeah!« Plötzlich hab ich weiche Knie.

»Zwei Namen wurden gezogen«, erklärt Hype. »Deshalb, ohne Umschweife, unser erster MC ist –«

Er spielt einen Trommelwirbel. Leute stampfen im Rhythmus und lassen den Boden beben. Deshalb bin ich mir nicht ganz sicher, ob meine Beine wirklich so zittern, wie ich glaube.

»Milez!«, sagt Hype.

Die andere Seite des Gyms bricht in Jubel aus. Die Menge teilt sich und ein Junge mit brauner Haut und Zickzacks in seinem Haar bahnt sich den Weg zum Ring. Er ist ungefähr so alt wie ich. An seiner Halskette hängt ein großes Kreuz.

Ich kenne ihn und auch wieder nicht, falls das irgend- einen Sinn ergibt. Irgendwo hab ich den schon mal gesehen. Ein schlanker Typ in einem schwarz-weißen Trainingsanzug folgt ihm. Seine Augen sind hinter einer dunklen Brille versteckt, obwohl die Sonne längst untergegangen ist.

Er sagt irgendwas zu dem Jungen und dabei glitzern zwei goldene Eckzähne in seinem Mund.

Ich stupse Aunt Pooh an. »Da ist Supreme.«

»Wer?«, fragt sie, immer noch mit ihrem Lutscher im Mund.

»Supreme!«, sage ich, als ob sie ihn kennen müsste. Eigentlich sollte sie das auch. »Der ehemalige Manager von meinem Dad.«

»Ach ja. Ich erinnere mich an ihn.«

Ich erinnere mich nicht. Als er bei uns ein und aus ging, war ich noch ein Kleinkind. Aber ich kann Dads Geschichte auswendig wie einen Song. Sein erstes Mixtape nahm er mit sechzehn auf. Damals benutzten die Leute noch CDs. Also machte er Kopien und verteilte sie in der Nachbarschaft. Supreme bekam eine und war dermaßen begeistert, dass er Dad bat, ihn managen zu dürfen. Dad war einverstanden.

Ab da wurde mein Dad zu einer Underground-Legende und Supreme zu einem legendären Manager.

Dad feuerte ihn, unmittelbar bevor er starb. Jay behauptet, es gab »kreative Differenzen«.

Der Junge, der zu Supreme gehört, klettert in den Ring. Kaum hat Hype ihm das Mikro gegeben, ruft er: »Ich bin euer Boy Milez mit Z. Der Swagerific Prince!«

Der Jubel schwillt an.

»Nah, der mit diesem dämlichen Arsch-Song«, sagt Aunt Pooh.

Daher kenne ich ihn! Der Song heißt Swagerific, und ich schwöre bei Gott, das ist der dämlichste Song aller Zeiten. Ich kann mich gar nicht durchs Viertel bewegen, ohne seine Stimme zu hören: »Swagerific, so call me terrific. Swag-erific. Swag, swag, swag …«

Es gibt auch einen Tanz dazu, den Wipe Me Down. Kleine Kinder lieben den. Das Video hatte online ungefähr eine Million Views.

»Begrüßt mal laut meinen Pops. Supreme!«, ruft Milez und zeigt auf ihn.

Supreme nickt, während die Leute jubeln.

»Schöne Scheiße«, sagt Aunt Pooh. »Du trittst gegen den Sohn vom Manager deines Pops an.«

Verdammt, so sieht’s aus. Und nicht nur das. Ich trete auch gegen jemand an, der schon was vorzuweisen hat. So bescheuert der Song sein mag, jeder kennt Milez, und die Leute jubeln ihm jetzt schon zu. Ich bin im Vergleich dazu ein Niemand.

Aber ein Niemand, der rappen kann. Zu Swagerific gehören Lines wie: »Life aint fair, but why should I care? Why should I care? I got dollars in the air. I got dollars, I got dollars, I got dollars …«

Ähm. Nun ja. Das wird nicht schwer werden. Aber das bedeutet auch, dass Verlieren keine Option ist. Damit könnte ich nicht leben.

Hype spielt noch mal einen Trommelwirbel. »Unser nächster MC ist …«, ruft er, und einige Leute schreien ihre eigenen Namen, als ob er sie deshalb aufrufen würde.

»Bri!«

Aunt Pooh reißt meinen Arm in die Höhe und führt mich zum Ring. »Hier kommt der Champ!«, schreit sie, als wäre ich Muhammad Ali. Dabei bin ich definitiv nicht Ali. Ich habe höllisch Angst.

Trotzdem steige ich in den Ring. Das Scheinwerferlicht strahlt in mein Gesicht. Hunderte andere Gesichter starren mich an, Handys werden auf mich gerichtet.

Hype gibt mir ein Mikro. »Stell dich selbst vor.«

Ich sollte mich anpreisen, doch alles, was ich herausbringe, ist: »Ich bin Bri.«

Ein paar Leute im Publikum lachen.

Auch Hype kichert. »Okay, Bri. Bist du nicht auch Laws Tochter?«

Was hat denn das damit zu tun? »Yeah.«

»Damn! Wenn Baby Girl auch nur ein bisschen Ähnlichkeit mit ihrem Pops hat, dann kriegen wir gleich was Heißes zu hören.«

Die Menge tobt.

Du willst wissen, wie es weiter geht?

Zum
Shop

Von der Autorin des Weltbestsellers »THE HATE U GIVE«

Aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner.

»Thomas verbindet die ganz eigene Welt Heranwachsender genial mit einem der größten und dringendsten Probleme unserer Zeit, nicht nur in Amerika: Rassismus und wie wir ihn überwinden können.«

Focus