Anette Hinrichs – Nordlicht 2 | Leseprobe read’n’go

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Ein neuer Fall

Für das deutsch-dänische Ermittlerteam Boisen & Nyborg

»Er würde nie wieder in sein Zuhause zurückkehren.«

Vergangenheit

Deutsch-dänisches Grenzgebiet 1952

Die späte Nachmittagssonne warf lange Schatten auf die beiden einsam am Ackerrand stehenden Bäume und verwandelte sie in einen scharfkantigen Scherenschnitt. Kräftiger Wind fegte vom Meer bis an die Küste, trug das Salz bis weit ins Land hinein.
Der Junge wusste nicht, wie viele Stunden er schon an den Pfahl auf dem Hof festgebunden war, dort, wo der Hund die Nacht verbrachte. Er versuchte, tapfer zu sein und an etwas Schönes zu denken. An das kleine Kälbchen, das erst vor ein paar Tagen im Stall auf die Welt gekommen war. Doch er hatte schrecklichen Durst. Wenn er schluckte, schmerzte es tief hinten in seinem Hals. Deshalb sammelte er etwas Speichel im Mund, das machte das Schlucken für einen kurzen Moment erträglicher. Hinterher tat es genauso weh wie vorher.
Die Schnüre schnitten tief in die Haut seiner Handgelenke. Er wusste, später würden rote Rillen zurückbleiben, die zusammen mit den blasseren das Muster einer Spirale ergaben. Am schlimmsten brannten die Striemen auf seinem Rücken. Er hatte mitgezählt. Ganze sieben Mal hatte ihn der Gürtel getroffen. Zwei Schläge mehr als gestern. Vorausgesetzt, er hatte richtig gezählt.
Er wusste nicht, was die Mutter so in Rage gebracht hatte. Manchmal reichten ein umgestoßenes Glas oder ein paar Brotkrümel aus, die er während des Essens unabsichtlich auf dem Boden verteilte. An diesem Morgen hatte er sich große Mühe gegeben, dass ihm kein Malheur passierte, und es war alles gut gegangen. Trotzdem hatte er offensichtlich etwas falsch gemacht, denn die Mutter hatte ihn am Handgelenk gepackt und hinaus auf den Hof gezerrt. Dort hatte er zuerst sein Hemd ausziehen müssen, ehe er mit dem Strick an den Pfahl gebunden worden war. Bei jedem Schlag hatte sie dieselben Worte gezischt. Tysk bastard. Deutscher Bastard. Er wusste nicht, was das bedeutete, ahnte aber, dass es nichts Gutes war.
Er sehnte sich nach seinem Vater. Der arbeitete für gewöhnlich den ganzen Tag auf dem Feld oder in den Ställen und kam erst spät zurück ins Haus. Dann machte die Mutter den Ofen an, und sie aßen gemeinsam zu Abend. Anschließend durfte er auf den Schoß des Vaters klettern, und dieser las ihm ein Märchen vor.
Heute würde sein Vater nicht nach Hause kommen. Und auch morgen nicht. Er würde nie wieder heimkommen. Das hatte ihm die Mutter vor ein paar Tagen erklärt.
Heiße Tränen liefen ihm über die Wangen, vermischten sich mit dem Rotz aus seiner Nase. Er fürchtete sich vor der Dunkelheit, die langsam näher kroch. Die Geschichte vom Nachttroll, der sich alle sechsjährigen Kinder holte, die nach Einbruch der Dunkelheit im Freien waren, spukte ihm unablässig im Kopf herum. Am nächsten Tag war sein sechster Geburtstag.
Er wimmerte, rief erst leise, dann immer lauter nach der Mutter, damit sie ihn hereinholte, ehe der Nachttroll kam, doch nichts geschah. Ein dünnes, warmes Rinnsal lief sein Bein entlang, während das Tageslicht weiter abnahm.

Als viele Stunden später die Sonne über den Getreidefeldern aufging und der Morgen anbrach, war der Junge am Pfahl verschwunden. Er würde nie wieder in sein Zuhause zurückkehren.

»Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel auf den leblosen Körper. Als Rudi wieder auf die Beine kam, waren seine Hände voll mit Blut.«

Nacht

Flensburg, Deutschland

In der Stille war nur das Rauschen des Windes zu hören. Die angrenzenden Häuser waren in spätabendlicher Ruhe versunken, das Mondlicht versteckte sich hinter dicken Wolken.
Rudi wankte mit einer Weinflasche in der Hand den von Bäumen geschützten Weg im nördlichen Teil des Alten Friedhofs entlang. Hin und wieder blieb er stehen, setzte die Flasche an die Lippen und genehmigte sich einen großzügigen Schluck. Der Alkohol war diese Nacht vermutlich sein einziger Freund.
Die Geschäfte liefen schlecht. Die Konkurrenz machte ihm sein Revier streitig, zusätzlich erschwerte ihm das ständige Auftauchen der Bullen die Arbeit. Auch die Senioren waren nicht mehr so vertrauensselig wie früher. Sie schauten Sendungen wie Aktenzeichen XY, lasen in der Zeitung Artikel über Betrüger und servierten ihm ihre Wertsachen nicht länger auf dem Silbertablett. Während er früher den gleichen Trick in einem Stadtteil mehrfach hintereinander abziehen konnte, musste er sich jetzt ständig neue Maschen ausdenken.
Zu allem Überfluss hatte er sich auch noch mit Rita gestritten und deshalb für die Nacht kein Dach über dem Kopf. Wenigstens waren die Temperaturen Anfang September noch immer mild, und er konnte sich ein Plätzchen im Freien suchen. Sein Ziel war nun der Christiansenpark. Dort standen zahlreiche Bänke, auf denen er seine müden Glieder ausstrecken konnte. Hier auf dem Hügel gab es nur Gräber und Denkmäler und lauter Tote. Allein der Gedanke, bei denen zu schlafen, gruselte ihn.
In der Nähe wurden Stimmen laut. Jemand schrie auf. Stille. Rudi blieb stehen, überlegte, ob er lieber zurückgehen und einen Umweg machen sollte. Weiteren Ärger konnte er jedenfalls nicht gebrauchen.
Ein dumpfes Geräusch drang an sein Ohr, das er nicht zuordnen konnte. Einmal, zweimal, dreimal … Als er mit dem Zählen bei zwölf angelangt war, hörte es auf.
Rudi lauschte in die Dunkelheit, doch alles blieb still. Er genehmigte sich einen weiteren Schluck aus der Weinflasche und setzte seinen Weg fort.
Kurz darauf trat er aus dem Schutz der Bäume. Vor ihm auf der Rasenfläche erhob sich ein riesiger Schatten. Er zuckte erschrocken zusammen. Im nächsten Augenblick begriff er, dass es sich um den Idstedt-Löwen handelte. Er kicherte erleichtert.
In der Nähe schlug eine Autotür zu, und ein Motor wurde angelassen. Rudi torkelte ein paar Schritte bis zum nächsten Gebüsch, stellte die Weinflasche neben sich auf den Boden und öffnete wankend den Schlitz seiner Hose. Während er sich erleichterte, beobachtete er durch eine Lücke im Gestrüpp auf der dahinterliegenden Straße die Rückleuchten eines davonfahrenden Wagens. Er zog den Reißverschluss seiner Hose wieder zu, trank den restlichen Wein und stellte die leere Flasche auf den Boden zurück, ehe er seinen Weg fortsetzte.
Der Mond löste sich von den Wolken, und schwaches Licht fiel auf die Parkanlage und den Idstedt-Löwen. Am unteren Sockel des Denkmals lag eine Gestalt.
Ein etwas unbequemer Ort zum Schlafen, schoss es Rudi durch den Kopf. Er ging näher heran, blieb schließlich direkt davor stehen und registrierte trotz seines benebelten Gehirns, dass der Mensch, der dort lag, nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Sein erster Impuls war wegzulaufen, doch stattdessen drehte er sich langsam um die eigene Achse und ließ den Blick durch die Dunkelheit schweifen. Dabei klopfte sein Herz wie verrückt. In der Gewissheit, allein zu sein, beugte er sich leicht schwankend über die Leiche. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel auf den leblosen Körper. Als Rudi wieder auf die Beine kam, waren seine Hände voll mit Blut.

»Feuchter Dunst lag in der Luft, benetzte Pflanzen und Gräser und die goldgelben Blätter der Bäume. Es roch nach Moos, Erde und nahendem Herbst.«

Einsatz

Flensburg, Deutschland

Vibeke umschloss den Griff der Walther P99Q fest mit beiden Händen und visierte ihr Ziel an. Ihr rechter Zeigefinger wanderte zum Abzugsbügel und zog ihn mit zunehmender Kraft durch, bis sich der Schuss löste. Sie blendete Knall und Rückstoß aus, konzentrierte sich darauf, wie die leere Hülse zu Boden fiel und die nächste Patrone ins Patronenlager rutschte. Sie schoss ein weiteres Mal. Erst als die letzte Kugel das Magazin verlassen hatte, senkte sie die Waffe. Sie überprüfte, ob das Patronenlager der Walther vollständig leer war, ehe sie die Waffe auf dem Tisch ablegte und den Gehörschutz herunternahm.
Anders als bei ihrer alten Dienststelle, dem LKA Hamburg, deren Polizei-Trainingszentrum auf rund fünftausend Quadratmetern die modernste Schießanlage Europas war, erfüllte die Raumschießanlage der Flensburger Polizei lediglich ihren Zweck.
Doch Vibeke war Realistin, keine Träumerin, und für sie war der Wechsel vom LKA Hamburg zur Bezirkskriminalinspektion Flensburg vor drei Monaten die vernünftigste Option gewesen. Zudem bedeutete der neue Job als Leiterin der Mordkommission beim K1 einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter. Zumindest auf dem Papier, denn Flensburg war nicht Hamburg. Anstatt wie in der Metropole pausenlos Verbrecher zu jagen, plätscherte in der Fördestadt alles so dahin. Der letzte Mordfall, die Tote in Kollund, den sie zusammen mit ihren dänischen Kollegen gleich zu Beginn ihrer Amtszeit gelöst hatte, lag über zweieinhalb Monate zurück. Seitdem hatten sie und ihre beiden Mitarbeiter lediglich zwei Tötungsdelikte bearbeitet, von denen sich einer zudem als Suizid entpuppt hatte.
Das Pfeifen des Schießtrainers riss sie aus ihren Gedanken.
»Nicht übel, Frau Boisen.«
Vibeke wandte sich der Übungsscheibe am anderen Ende der Raumschießanlage zu, auf der die Umrisse eines bewaffneten Täters auf eine Leinwand projiziert waren. Rote Punkte kennzeichneten die Einschläge der Projektile im Kopf- und Brustraum. Fünfzehn Schüsse. Fünfzehn Treffer.
Sie hob die Brauen hinter ihrer Schutzbrille. »Nicht übel?«
Der Schießtrainer grinste und hielt ihr ein Handy entgegen. »Ihre Dienststelle.«

Fünfzehn Minuten später fuhr Vibeke in ihrem Dienstwagen den Kanonenberg hinauf. Das Gelände um den Alten Friedhof war weitläufig abgesperrt worden. Einsatzfahrzeuge parkten an den Zufahrtsstraßen, uniformierte Streifenbeamte bewachten die Eingänge. Die halbe Polizeidirektion schien auf den Beinen zu sein, und Vibeke fragte sich, was sie erwartete. Ein Toter am Sockel des Idstedt-Löwen, hatte man ihr am Telefon gesagt. Warum ausgerechnet dort?, war ihr als Erstes durch den Kopf geschossen.
Der Idstedt-Löwe war nicht nur ein monumentales Denkmal, das an die Schlacht von Idstedt im Jahr 1850 und den Sieg der Dänen erinnerte, sondern auch ein Symbol für die vielschichtige deutsch-dänische Geschichte. Heute galt es darüber hinaus als Zeichen von Freundschaft und Vertrauen zwischen den beiden benachbarten Ländern.
Vibeke parkte ihren Wagen hinter dem Transporter der Spurensicherung, holte einen Satz Schutzkleidung aus dem Kofferraum und schlüpfte hinein. Es war bereits angenehm warm, und der wolkenfreie Himmel versprach trotz des aufkommenden Windes einen sonnigen Spätsommertag.
Hinter dem Absperrband drängelten sich die Schaulustigen bereits dicht an dicht, manche hielten ihre Handys gezückt. Ein Kamerateam vom örtlichen Fernsehsehsender und ein Übertragungswagen vom Radiosender waren ebenfalls bereits vor Ort. Sobald etwas Aufsehenerregendes in Flensburg passierte, verbreitete sich das wie ein Lauffeuer in der Stadt. Ein Toter am Idstedt-Löwen fiel definitiv in diese Kategorie.
Vibeke zeigte den Streifenbeamten, die den Zugang zum Gelände flankierten, ihren Dienstausweis. Hinter der Absperrung erwartete sie bereits ihr Mitarbeiter Michael Wagner, ein junger Schlacks mit blondem Backenbart, der erst seit Kurzem bei der Mordkommission war.
»Moin, Vibeke.« Seine Wangen unter der Kapuze seines Spurensicherungsoveralls waren vor Aufregung gerötet.
»Moin.« Sie ließ den Blick Richtung Friedhofsgelände schweifen, das hinter Bäumen und Büschen verborgen lag. »Weiß man schon, was passiert ist?«
»Der Tote liegt am Sockel des Löwen«, erzählte Michael eifrig. »Laut den Kollegen, die als Erstes vor Ort waren, hat ihm jemand den Schädel eingetreten. Es soll eine ganz schöne Sauerei sein.«
»Gibt es Zeugen?«
»Bisher nicht. Eine Frau hat die Leiche auf ihrem Weg zur Arbeit entdeckt und umgehend die Polizei informiert. Aber sie hat niemanden gesehen.«
»Wo ist die Frau jetzt?«
Michael Wagner zeigte auf einen Polizeitransporter, in dem eine Beamtin neben einer blassen jungen Frau saß, die mit beiden Händen einen Kaffeebecher umklammerte.
»Gut, wir sprechen später noch mit ihr. Erst möchte ich mir ein Bild vom Tatort machen.« Vibeke schlug den von der Spurensicherung freigegebenen Trampelpfad aufs Friedhofsgelände ein. Ihr Mitarbeiter folgte ihr.
Feuchter Dunst lag in der Luft, benetzte Pflanzen und Gräser und die goldgelben Blätter der Bäume. Es roch nach Moos, Erde und nahendem Herbst.
»Wo steckt eigentlich Holtkötter?«, fragte Vibeke, während sie an prächtigen, spät blühenden Rhododendren vorbeigingen.
Kriminalhauptkommissar Klaus Holtkötter war ihr Stellvertreter und ein Mitarbeiter der unbequemsten Sorte, der aus seiner Abneigung ihr gegenüber keinen Hehl machte. Gründe dafür hatte er viele. Ihr Job beim LKA. Dass sie eine Frau war. Ihr Alter und dass sie schon jetzt die Karriereleiter höher geklettert war, als er es jemals schaffen würde. Und natürlich, dass sie die Tochter des stellvertretenden Polizeichefs war.
»Ich habe Herrn Holtkötter eine Nachricht auf seiner Mailbox hinterlassen.« Michael errötete.
»Du konntest ihn also nicht erreichen«, stellte Vibeke fest. Wieder einmal, dachte sie.
Ihr Stellvertreter war ein Ermittler der alten Schule, gründlich und routiniert, in dieser Hinsicht gab es keinerlei Grund zur Beschwerde. Doch die zeitlichen Intervalle, in denen er sich krankmeldete oder nicht erreichbar war, häuften sich. Vielleicht hatte Klaus Holtkötter ein gesundheitliches Problem, von dem er nichts erzählte, oder es war seine Art der Meuterei. So oder so, irgendwann musste Vibeke das klären. Sie hatte nicht vor, sich von diesem Wadenbeißer länger auf der Nase herumtanzen zu lassen.
Sie erreichten die Grünfläche im mittleren Teil des Friedhofs, die von kunstvoll verzierten Kriegsgräbern, Steintafeln und Skulpturen und prächtigen alten Bäumen umrahmt war. Auf dem Rasen erhob sich majestätisch der Idstedt-Löwe, eine imposante Bronzestatue, die auf einem Sockel aus Beton und Granit thronte und aus über sieben Metern Höhe in Richtung Süden blickte.
Scheinwerfer waren aufgestellt worden, Kameras klickten, und ein halbes Dutzend Kriminaltechniker in Schutzanzügen wuselte um eine am Boden liegende Gestalt herum.
Der Tote lag auf dem Rücken, trug einen leichten blauen Mantel, eine farblich passende Stoffhose und braune Schuhe. Die Ärmel des Mantels waren hochgerutscht und entblößten dunkle Hämatome auf den Unterarmen. Die Beine waren lang ausgestreckt. Einer der Schnürsenkel hatte sich gelöst und hing lose ins Gras herab.
Fliegen umschwirrten den Kopf des Mannes. Der graue Haaransatz war blutverkrustet, das darunter liegende Gesicht durch Platzwunden und Schwellungen nahezu vollständig entstellt. An der linken Schläfe klaffte eine Wunde wie ein offener Reißverschluss auseinander und zeigte einen Krater rohes Fleisch, Speisekammer für Insekten und Maden. Winzige weiße Körner besiedelten die Verletzungen bereits zu Hundertschaften. Larveneier.
Die Bodenplatte unter dem Kopf war ein See aus geronnenem Blut. Dunkelrot, fast schwarz. Auch der Sockel war verfärbt. Eine Blutspur zog sich unterhalb der Gedenktafel über den hellen Granit bis zum Hinterkopf des Toten. Auf der Kleidung zeichneten sich kaum erkennbar Fußabdrücke ab und offenbarten die Brutalität des Verbrechens.

»Trotz der warmen Temperaturen stellten sich ihre Nackenhaare auf.«

Verdächtig

Vibeke hörte hinter sich ein Würgen. Sie drehte sich um und sah, wie Michael Wagner sich in ein nahes Gebüsch erbrach. Einer der Kriminaltechniker fluchte. Sie wandte sich wieder dem Toten zu. Der unappetitliche Anblick der Leiche machte ihr nichts aus. Als langjährige Mordermittlerin hatte sie bereits alles gesehen. Verbrennungsopfer, verweste und mumifizierte Leichen, Menschen, die jahrelang unentdeckt in ihren Wohnungen gelegen oder denen man bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hatte, weggeschossene Hinterköpfe und tote Kinder, Wasserleichen, die in regelmäßigen Abständen aus Alster und Elbe gefischt wurden. Sie hatte gelernt, ihren Magen und ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Trotzdem wurden Momente wie dieser nie zur Routine. Vibeke erinnerte sich an jeden Toten, den sie gesehen hatte. Sie kannte ihre Geschichten, und sie zollte den Opfern Respekt, indem sie ihre Mörder überführte.
»Moin.« Arne Lührs, der korpulente Chef der Spurensicherung, tauchte hinter dem Sockel auf. Er war ein langjähriger Freund ihres Vaters, Vibeke kannte ihn schon von Kindesbeinen an. »Scheußliche Sache. Ich glaube, ich werde mich niemals daran gewöhnen.«
»Moin, Arne. Geht mir genauso.« Sie trat näher zu ihm heran. »Hast du schon etwas für mich?«
»Wir haben gerade erst angefangen.« Der Kriminaltechniker lüpfte seinen Mundschutz, und sein grauer Walrossbart wurde sichtbar. »Aber wie es aussieht, ist der Mann zunächst mit dem Hinterkopf gegen die Sockelkante gestürzt«, er zeigte mit seiner behandschuhten Hand zur Blutspur auf dem hellen Granit, »ehe am Boden auf ihn eingetreten wurde. Der Blutmenge und der Position nach ist er an Ort und Stelle gestorben. Der Rechtsmediziner wird dir vermutlich Genaueres sagen können, aber bis der hier aufschlägt, dauert es bestimmt noch eine Weile.«
Vibeke nickte. Anders als in Hamburg gab es in Flensburg kein rechtsmedizinisches Institut. Dafür war Kiel zuständig. »Was ist mit den Fußabdrücken?«
»Es waren mindestens drei Personen am Tatort«, erwiderte Arne Lührs. »Aber es wird schwierig werden, die Abdrücke zu rekonstruieren. Die Trockenheit, dazu die Beschaffenheit des Untergrunds, das sind nicht gerade ideale Voraussetzungen. Außerdem sind die Abdrücke größtenteils übereinandergelagert.«
»Trägt der Tote Ausweispapiere bei sich?«
»Ich muss fragen, ob der Kollege schon nachgesehen hat.« Arne Lührs drehte sich um und ging zu einem seiner Mitarbeiter, der soeben dabei war, mithilfe von Klebeband Spuren vom Mantel des Opfers zu nehmen.
Michael Wagner tauchte neben ihr auf. Er wirkte blass und angespannt. Auf seinem Overall klebten Reste von Erbrochenem. »Da bin ich wieder.« Er mied den Blick zur Leiche.
»Kümmere dich bitte um die Zeugin«, bat Vibeke ihren Mitarbeiter. »Wie es aussieht, dauert es hier noch eine Weile. Und fordere ein paar Kollegen an. Sie sollen die umliegenden Häuser abklappern. Vielleicht hat einer der Anwohner etwas mitbekommen.«
Er nickte.
»Ach, und Michael, ehe du mit der Frau sprichst, zieh den Schutzanzug aus.« Sie deutete auf die Flecken.
Der junge Kriminalbeamte lief rot an.
»Mach dir keinen Kopf«, sagte Vibeke freundlich. »Wir haben alle mal angefangen.«
Michael lächelte gequält und entfernte sich mit schnellen Schritten Richtung Ausgang.
»Vibeke!« Arne Lührs, der vor der Leiche hockte, winkte sie zu sich heran. Er hielt einen Schlüsselbund in die Höhe. »Den hatte das Opfer in der Manteltasche.«
Vibeke erkannte, dass es sich um ein halbes Dutzend Schlüssel in unterschiedlichen Formen und Größen handelte. Der Kriminaltechniker reichte den Fund an einen seiner Mitarbeiter zum Eintüten. »Leider hat der Mann weder eine Brieftasche noch Ausweispapiere bei sich.«
Sie seufzte. »Das wäre ja auch zu schön gewesen.«
»Aber dafür haben wir das hier.« Arne Lührs langte vorsichtig nach dem oberen linken Mantelkragen, der nach innen eingeknickt und unter das Kinn des Toten gerutscht war, und klappte ihn um.
Ein kleiner rot-weißer Aufkleber wurde sichtbar. Der gezackte Dannebrog, den die Mitglieder des Südschleswigschen Vereins beim Jahrestreffen der dänischen Minderheit trugen.
Vibekes Blick glitt zu der Inschrift der Gedenktafel, die etwa einen Meter über dem Kopf des Toten am oberen Sockel hing:

ISTED
DEN 25. JULI 1850
REJST 1862
2011 wieder errichtet
als Zeichen von Freundschaft und Vertrauen
zwischen Dänen und Deutschen

Trotz der warmen Temperaturen stellten sich ihre Nackenhaare auf.

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