Anette Hinrichs: Nordlicht | Leseprobe read’n’go

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Wie alles begann...

Ein deutsch-dänisches Ermittlerteam im ersten Fall

»Was war passiert, dass ihr Leben ausgerechnet hier endete, in dieser scheinbaren Idylle?«

Die Tote am Strand

 

 

 

An einem Küstenort an der deutsch-dänischen Grenze wird eine erschossene, junge Frau am Strand gefunden. Eine Frau, die seit 12 Jahren als verschwunden galt. Diesem Fall nehmen sich zwei Ermittler an: Vibeke Boisen, gerade frisch als Leiterin der Flensburger Mordkommission angetreten, und ihr Kollege Rasmus Nyborg von der dänischen Polizei.

»Sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Er war der prügelnde Bulle mit dem toten Sohn.«

Rasmus Nyborg

Die Kollegen seiner neuen Dienststelle verhielten sich ihm gegenüber reserviert. Das war ihnen nicht zu verdenken. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Er war der prügelnde Bulle mit dem toten Sohn.
Rasmus hatte sich gerade einen Kaffee geholt, als sein Handy klingelte. Die Einsatzzentrale der Polizei Esbjerg. Sein Dienst begann erst in einer halben Stunde, wenn man ihn also vorher anrief, musste es um einen Leichenfund gehen. Er nahm das Gespräch an.
»Hej, Rasmus«, meldete sich der diensthabende Einsatzleiter. »Padborg hat sich gemeldet. Am Kollunder Strand wurde eine Leiche gefunden. Eine Streife ist bereits vor Ort. Soll dich jemand abholen?«
»Nicht nötig«, sagte Rasmus. »Ich fahre selbst.« Es ging niemanden an, wie und wo er hauste.
»In Ordnung. Hej, hej.« Der Einsatzleiter legte auf.
Rasmus klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen, stellte den Kaffeebecher in die Halterung neben dem Steuerknüppel und schwang sich auf den Fahrersitz.
Kollund lag etwas über hundert Kilometer entfernt an der südöstlichen Küste Jütlands, nahe der deutschen Grenze. Etliche Jahre zuvor war er einmal zum Segeln dort gewesen. Doch das war in einem anderen Leben.
Er steckte den Zündschlüssel ins Schloss. Der Motor röhrte kurz, dann sprang er an.

 

***

 

Die Tote trug Jeans, Turnschuhe und einen tropfnassen Parka. Um die im Wasser liegenden Arme hatte sich Seetang gelegt. Bleiche zarte Hände mit Waschhautbildung stachen unter den Jackenärmeln hervor. Auf der Kleidung klebten Sandkörner, dazu waren winzige, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbare Bewegungen zu erkennen. Wasserinsekten, die den Leichnam besiedelten und ihre Larven ablegten. Einige schlammverklebte Haarsträhnen bedeckten das Gesicht der Frau, das nur an wenigen Stellen unversehrt geblieben war. Die Stirn klaffte wie ein geöffneter Reißverschluss auseinander. Eine einzige fleischige Wunde. Große Teile des Weichgewebes und ein Auge fehlten. Möwenfraß.
Rasmus schluckte. Trotz der vielen Jahre in seinem Job wurden Momente wie dieser nie zur Routine. Er hatte gelernt, seine persönlichen Gefühle zurückzustellen; dennoch begleitete ihn der Anblick jeder neuen Leiche für lange Zeit. Einige der Toten wurden zu Geistern in seinem Kopf und tauchten noch Jahre später in den unpassendsten Momenten wieder auf. Schon jetzt spürte er, dass die Tote am Strand einen besonderen Stellenwert einnehmen würde. Sie war zu jung zum Sterben, und ihre Zartheit rührte ihn an. Was war passiert, dass ihr Leben ausgerechnet hier endete, in dieser scheinbaren Idylle?

»Ich hatte darum geben, dass die Tote an Ort und Stelle bleibt. Um mir selbst ein Bild von der Auffinde-Situation zu verschaffen.«

Vibeke Boisen

Jeder, eingeschlossen sie selbst, war davon ausgegangen, dass sie in die Fußstapfen ihres Chefs treten würde, sobald er in den wohlverdienten Ruhestand ging. Doch es war anders gekommen. Innerhalb von vier Wochen hatte Hauptkommissarin Vibeke Boisen nicht nur ihr schnuckeliges Apartment in Hamburg-Eppendorf gegen einen renovierungsbedürftigen Altbau in der Flensburger Altstadt getauscht, sondern auch ihren Arbeitsplatz. Seitdem redete sie sich ein, dass Flensburg kein Rückschritt war.
Auf dem Esstisch klingelte ihr Handy. Sofort stieg ihr Puls. Hoffentlich war es nicht das Krankenhaus, in dem ihr Vater lag. Jeder Anruf von dort konnte schlechte Nachrichten bringen. Sie legte den Pinsel auf dem Abstreifgitter des Farbeimers ab und stieg die Leiter hinunter. Erleichtert stellte sie mit einem Blick aufs Display fest, dass es nicht die Intensivstation war. Die Nummer gehörte ihrer neuen Dienststelle.
»Kriminalkommissar Wagner«, meldete sich ein Mitarbeiter ihrer Abteilung. »Entschuldigen Sie, falls ich störe. Ich weiß, Sie fangen eigentlich erst Montag an, aber … vielleicht …« Er rang nach den passenden Worten.
»Warum rufen Sie an, Herr Wagner?« Vibekes Blick fiel auf den Farbeimer. Sie ahnte bereits, dass sie weder die Wand, geschweige denn das komplette Wohnzimmer an diesem Tag zu Ende streichen würde.
Der Beamte kam endlich zur Sache. »Das GZ Padborg hat angerufen. Ein Leichenfund am Kollunder Strand. Der dänische Ermittler sagt, die Tote hätte vermutlich in Deutschland gelebt, und bittet um unsere Unterstützung. Ich dachte, Sie möchten vielleicht darüber informiert werden.«
Vibeke langte nach dem Stift und dem Pizzaprospekt auf dem Esstisch. »Geben Sie mir die Adresse der Fundstelle und den Namen des Ermittlers, der vor Ort ist.«
»Sie wollen da selbst hinfahren?« Wagner klang überrascht. »Herr Holtkötter ist zurzeit nicht erreichbar, aber ich könnte sofort starten.«
Als Vibeke nicht antwortete, gab er ihr hastig die gewünschten Informationen durch.
Sie notierte die Adresse auf dem Pizzaprospekt. »Informieren Sie Padborg, sie sollen die Leiche liegen lassen. Es darf nichts verändert werden. Spätestens in einer halben Stunde bin ich vor Ort.« Sie legte auf, machte den Farbeimer zu und schnappte sich die Autoschlüssel.

So unterschiedlich wie Ebbe und Flut
BOISEN & NYBORG

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Rasmus Nyborg
Vibeke Boisen

Dänischer Ermittler

Alter: 46
Ermittelt in: Südjütland/Esbjerg
Familienstand: geschieden; Exfrau Camilla lebt in Kopenhagen, Sohn Anton (im Alter von 15 Jahren gestorben)
Charakter: Bauchmensch und brillanter Ermittler, der nicht viel auf Konventionen gibt
Aussehen: groß, hager, blondes Haar mit zurückgehendem Ansatz, stets unrasiert
Vorlieben: trinkt gerne Bier, am liebsten direkt aus der Flasche; Filterkaffee (kein Espresso, Latte etc.)
Er hasst: Lakritz; Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten
Laster: 20 Zigaretten am Tag; Hot Dogs
Fahrzeug: alter VW-Bus, in dem er derzeit auch lebt
Trauma: leidet darunter, dass er den Tod seines Sohnes nicht verhindern konnte

Deutsche Kommissarin

Alter: 36
Ermittelt in: Flensburg
Eltern: ist ihrer leiblichen Mutter nie begegnet, Vater unbekannt; wuchs im Heim und bei Adoptiveltern Elke und Werner Boisen, einem leitenden Polizeibeamten, auf
Charakter: bodenständige Polizistentochter mit tiefsitzendem Gerechtigkeitsempfinden, hält sich an die Regeln
Aussehen: heller Typ mit eisblauen Augen und sehr heller Haut; schmale Statur, durchtrainiert
Vorlieben: Lakritz und Fischbrötchen
Dienstwaffe: Walther P99Q
Besondere Eigenschaften: besitzt den Schwarzen Gürtel im Wing Tsung und ist eine hervorragende Schützin

Weiter zum Kennenlernen

Ein Kennenlernen

Vibekes Blick glitt weiter zum Strand, doch hinter dem flatternden Absperrband war kaum etwas auszumachen. Es war die reinste Waschküche.
Sie beeilte sich, zu den Einsatzfahrzeugen ihrer dänischen Kollegen zu kommen. In einem Transporter saßen eine Streifenpolizistin in deutscher Uniform und ein hagerer, schwarz gekleideter Mann.
Vibeke klopfte gegen das Seitenfenster, das einen Spalt weit offenstand. »Hallo. Vibeke Boisen von der Mordkommission Flensburg.«
Der Hagere schob die Tür auf. »Das wird auch Zeit.«
Er sprach deutsch, wie die meisten Dänen in der Grenzregion. Auch Vibeke beherrschte die Sprache des Nachbarlandes seit ihrer Schulzeit.
»Sie müssen Rasmus Nyborg sein.« Sie schob sich auf die hintere Sitzbank und musterte ihn. Er erinnerte sie an Lars Mikkelsen, den älteren der dänischen Schauspielbrüder, für den ihre Freundin Kim seit Jahren schwärmte.
Rasmus Nyborg fasste für Vibeke die Ereignisse der letzten Stunden in knappen Worten zusammen.
»Die Leiche ist bereits auf dem Weg in die Rechtsmedizin«, schloss er seinen Bericht.
Vibeke fixierte ihren dänischen Kollegen. »Ich hatte darum geben, dass die Tote an Ort und Stelle bleibt. Um mir selbst ein Bild von der Auffinde-Situation zu verschaffen.«
»Dafür hättest du eher hier sein müssen.« Rasmus Nyborg stieg gebückt aus dem Transporter.
Irritiert, dass der Däne sie einfach duzte, folgte Vibeke ihm ins Freie. Rasmus Nyborg war fast anderthalb Köpfe größer als sie selbst.
Die Wolkendecke riss auf, und es hörte schlagartig auf zu regnen.
»Komm«, forderte der Ermittler sie auf. »Du wolltest dir doch einen Eindruck verschaffen.«
Er tat es schon wieder. Natürlich war Vibeke bekannt, dass in Dänemark bis auf die Königsfamilie jeder geduzt wurde. Allerdings wussten die Dänen, dass in Deutschland das förmlichere Sie galt. Doch wie es aussah, gab Nyborg nicht viel auf Konventionen.
Er schien ihre Gedanken zu erraten. »Wenn das mit dem Duzen für dich ein Problem ist, können wir das auch lassen.« Ein spöttischer Zug erschien um seinen Mund.
»Nein, das geht schon in Ordnung«, versicherte Vibeke, um die Zusammenarbeit mit dem dänischen Kollegen nicht gleich zu Beginn zu beeinträchtigen.
Insgeheim fand sie das gebräuchliche Du der Dänen gewöhnungsbedürftig. Ihr selbst käme es nie in den Sinn, den Polizeidirektor zu duzen, doch sie hielt sich mit ihrer Meinung zurück.

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Mörderisch gut gelesen von Vera Teltz

Dänische Knurrigkeit trifft auf deutsches Pflichtbewusstsein: Ein Ermittlerteam, das Grenzen überschreitet.

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