Anne Freytag: Nicht weg und nicht da | Leseprobe read’n’go

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Es gibt Momente, die teilen das Leben in Vorher und Nachher ...

 

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Kristophers Selbstmord ist so ein Moment für Luise. Sie errichtet eine Mauer um sich, die sie vor der Welt beschützt und gleichzeitig von ihr ausschließt. Dann begegnet sie Jacob. Er ist augenblicklich fasziniert von ihr. Doch erst als Luise Nachrichten von Kristopher bekommt – E-Mails aus der Zwischenwelt, mit Aufgaben für seine kleine Schwester –, macht sie einen Schritt auf Jacob zu.

Ich halte noch immer den Langhaarrasierer in der Hand. Er vibriert monoton durch meinen Körper. Dunkelbraune Haarbüschel liegen wie kleine Vogelnester im Waschbecken. Wie ein Überbleibsel von einer Person, die ich nicht mehr bin. Als hätte ich von meinem alten Ich nur drei Millimeter übrig gelassen. Ich schaue in den Spiegel, direkt in meine Augen, und sehe die meines Bruders. Ich habe nie kapiert, wie ähnlich Kristopher und ich uns sehen. Bis jetzt. Bis zu diesem Moment. Mein Kopf ist nackt und mein Blick skeptisch. So wie seiner. Nur in Tintenschwarz.

Ich schalte den Rasierer aus und lege ihn auf die Ablage. Direkt neben das verkalkte Glas, in dem jetzt nur noch eine Zahnbürste steht.

Durch den menschlichen Körper fließen im Durchschnitt fünf bis sechs Liter Blut.

Ausgesehen hat es nach mehr.

Ich blicke in seine Augen. Sie sind dunkel und ernst. Als hätten sie Dinge gesehen, die sie nicht hätten sehen sollen.

Sie fixiert die Tür wie eine Zielscheibe. Den Schal und die Mütze hat sie in der Hand, ihre Jacke ist noch offen. Darunter trägt sie einen riesigen blauen Pullover, der sie fast verschluckt. Er geht ihr bis zu den Knien. Die Ärmel sind zu lang.

Ihre Schritte hallen durchs Treppenhaus. Ich stehe bei den Briefkästen in der Nische neben den Stufen und beobachte sie.

Eigentlich wollte ich nur wissen, wer da so trampelt, aber dann konnte ich nicht mehr wegsehen. Ich kenne sie. Sie war an meiner Schule. Die kleine Schwester von einem Typen aus meiner Stufe. Ganz hübsch, aber irgendwie mausgrau. Und außerdem zu jung. Jetzt ist sie das nicht mehr. Weder mausgrau noch zu jung. Ich betrachte ihren Nacken, den kahl geschorenen Kopf, ihre langen Beine. Sie hat die Statur eines Rehs, bewegt sich aber wie eine Kriegerin. Stampft die Treppen hinunter, zielstrebig und abgehackt. Von dem unscheinbaren Mädchen, das sie mal war, hat sie nur drei Millimeter übrig gelassen. Den Rest hat sie abrasiert.

Ihr Gesicht ist schmal mit einem unnachgiebigen Ausdruck. Die dunklen Augenbrauen heben sich von ihrer hellen Haut ab wie eine Stammesbemalung. Die Unterlippe ist gepierct. Ein silberner Ring mit einer kleinen Kugel. Er glänzt im schwachen Licht des Flurs.

Als sie auf meiner Höhe ankommt, bemerkt sie mich und bleibt unvermittelt stehen. Als hätte jemand auf Stop gedrückt. Ich warte darauf, dass sie etwas sagt, aber das tut sie nicht. Sie runzelt nur die Stirn und sieht mich aus schmalen Augen an. Sie sind so schwarz wie nasse Erde.

Wir teilen einen Blick, der etwas zu lang ausfällt. Ein paar Sekunden. Dann schlingt sie sich den Schal um den Hals, setzt die Mütze auf und verschwindet im Schnee.

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Playlist: Luise & Jacob (& Kristopher)

„Mein bisheriges Jahreshighlight und eins der emotionalsten Bücher, die ich je gelesen habe. So oft hatte ich noch nie Tränen in den Augen!“

Katharina Kaufmann auf goodreads.com


Ich habe ihm nichts erzählt. Gar nichts. Nicht nur, weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie. Wo hätte ich anfangen sollen? Bei Kristophers Geburt? Bei seiner Krankheit? Oder doch gleich ganz am Ende: bei seinem Tod.

Ich war nicht dabei, als mein Bruder geboren wurde. Es gab mich noch nicht. Damals war ich Sternenstaub. Das hat er mal gesagt. Lise, früher waren wir Sternenstaub, du und ich. Ich höre seine Stimme. Wie einen akustischen Schnipsel, den er in meinem Kopf zurückgelassen hat. Zusammen mit der Erinnerung an sein Lachen, das jedoch mit jedem Tag immer mehr verblasst. Er hat lange nicht gelacht. Wochenlang. Vielleicht sogar Monate. Ich habe Angst davor, diesen warmen kehligen Klang irgendwann völlig zu vergessen. Und noch mehr Angst habe ich davor, dass es eines Tages so sein wird, als hätte es meinen Bruder nie gegeben. Als wäre er nicht mehr als die Figur einer Geschichte, die ich einmal als Kind gehört habe. Ich war noch klein, als bei Kristopher die bipolare Störung diagnostiziert wurde, aber ich erinnere mich daran, wie dunkel er schon damals sein konnte. Mein Bruder war die finsterste Nacht und das hellste Licht. Ein Vakuum, und drei Tage später wieder euphorisch und voller Tatendrang. Früher dachte ich, alle Menschen wären so. Aber nur er war so. So laut und so leise.

Mein Bruder glaubte nicht an Gott. Er glaubte an die Naturwissenschaft. An Zellen, die sterben. An Gehirne, die irgendwann tot sind. Ich habe ihm immer wieder gesagt, dass er mehr ist als nur die Zellen, und dann hat er gelächelt und den Kopf geschüttelt. Vor ein paar Monaten habe ich ihn gefragt, wie es sein kann, dass Tabletten nichts bringen, wo sie doch auf den Prinzipien der Naturwissenschaft basieren. Er hat gelächelt und geantwortet: Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du ziemlich klug bist, Lise? Vielleicht hatte er recht, und wir sind nur Zellen. Gehirne, die irgendwann tot sind. Aber noch glaube ich es nicht.

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Kim Rolle, Thalia-Buchhandlung