Juli Zeh: Neujahr | Leseprobe read’n’go

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Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

 

 

Die Krise eines Mannes, der es allen recht machen will.

 

Ihm tun die Beine weh. An der Unterseite, wo Muskeln liegen, die man selten beansprucht und deren Namen er vergessen hat. Bei jedem Tritt stoßen seine Zehen an das Innenfutter der Turnschuhe, die fürs Joggen, nicht fürs Radfahren gemacht sind. Die billige Radlerhose schützt nicht ausreichend vor dem Scheuern, Henning hat kein Wasser dabei, und das Fahrrad ist definitiv zu schwer.
Dafür ist die Temperatur fast perfekt. Die Sonne steht weiß am Himmel, brennt aber nicht. Säße Henning auf einem Liegestuhl im Windschatten, würde ihm warm werden. Liefe er am Meer entlang, würde er eine Jacke überziehen.
Radfahren ist pure Entspannung, beim Radfahren erholt er sich, auf dem Rad ist er mit sich selbst allein. Eine schmale Schneise zwischen Beruf und Familie. Die Kinder sind zwei und vier.
Der Wind sorgt dafür, dass er nicht schwitzt. Der Wind ist heftig heute, eigentlich zu heftig. Theresa hat schon beim Frühstück zu klagen begonnen, sie klagt gern über das Wetter und meint es nicht böse, ihn nervt es trotzdem. Zu warm, zu kalt, zu feucht, zu trocken. Heute zu windig. Man kann nicht mit den Kindern raus. Den ganzen Tag im Haus bleiben müssen, dafür fährt man doch nicht in die Sonne. Es war Henning, der auf diesem Urlaub bestanden hat. Sie hätten Weihnachten zu Hause feiern können, günstig und gemütlich in ihrer großen Göttinger Wohnung. Sie hätten Freunde besuchen können oder sich im Centerpark einmieten. Aber dann wollte Henning plötzlich nach Lanzarote. Abend für Abend surfte er durchs Internet, betrachtete Fotos von weißer Gischt an schwarzen Stränden, von Palmen und Vulkanen und einer Landschaft, die aussah wie das Innere einer Tropfsteinhöhle. Er studierte Tabellen mit Durchschnittstemperaturen und schickte seine Funde an Theresa. Vor allem klickte er sich durch Bilderserien von weißen Villen, die zur Vermietung standen. Eine nach der anderen, Abend für Abend. Immer wurde es spät. Er nahm sich vor, damit aufzuhören und zu Bett zu gehen, und öffnete dann doch die nächste Anzeige. Betrachtete die Fotos, gierig, süchtig, fast so, als suche er ein bestimmtes Haus.
Da stehen sie nun, diese Villen, ein gutes Stück von der Straße entfernt, vereinzelt im Campo verstreut. Aus der Ferne gleichen sie weißen Flechten, die sich auf dem dunklen Boden festgesetzt haben. Bei mittlerer Distanz werden sie zu Anordnungen aus verschieden großen Würfeln. Erst wenn man langsam vorbeifährt, erkennt man sie ganz: beeindruckende Haciendas, häufig am Hang gelegen, das Gelände treppenförmig gestuft, umgeben von weißen Mauern mit schmiedeeisernen Toren. Vor den Haupthäusern kunstvoll verwilderte Gärten, hohe Palmen, skurrile Kakteen, üppige Bougainvilleen. In den Einfahrten meistens Mietwagen. Verschiedene Terrassen in verschiedene Himmelsrichtungen. Ringsum Panorama, Aussicht, Horizont. Vulkan berge, Himmel, Meer. Im Vorbeifahren betastet Henning diese Anwesen mit Blicken. Er spürt, wie es sich anfühlen muss, dort zu leben. Das Glück, der Triumph, die Großartigkeit. Ohne Theresa zu fragen, mietete er schließlich eine Ferienunterkunft für sich und die Familie, zwei Wochen in der Sonne, über Weihnachten und Neujahr. Keine Villa, sondern etwas, das sie sich leisten können. Eine Scheibe Haus zwischen anderen, die alle gleich aussehen, jede mit einer windgeschützten Terrasse und winzigem Garten. Ganz hübsch, aber wirklich klein. Der Gemeinschaftspool ist türkis und gepflegt. Zum Schwimmen ist das Wasser meistens zu kalt.
In Deutschland Schneeregen bei einem Grad plus, hat er heute Morgen zu Theresas Gejammer gesagt.

 

 

 

Erster-Erster,
Erster-Erster.

 

 

Henning beschloss, sich zu entspannen. Es gab allen Grund dazu. Im Rahmen des Möglichen verlief der Urlaub gut, ja, geradezu perfekt. Schon am Flughafen hatte er sie gespürt, diese besondere Atmosphäre aus Licht und Luft und Leichtigkeit. Die Spanier waren freundlich, sogar mit Kindern fühlte man sich überall willkommen. Niemand vermittelte einem das Gefühl, etwas falsch zu machen. Als wäre das Wort »Stress« noch nicht erfunden.
Allerdings ist ES in der vergangenen Nacht wieder aufgetaucht. Davon hatte er im Speisesaal des »Las Olas« noch nichts gewusst. Während er am Tisch 27 auf Theresa und die Kinder wartete, blickte er auf eine ganze Woche ohne ES zurück. Eine Woche normales Leben, normaler Schlaf, normale Probleme, normale Freuden. Seit zwei Jahren die längste störungsfreie Zeit. In den vergangenen Tagen hatte sich Henning immer wieder verboten, an ES zu denken, weil der bloße Gedanke es aus seiner Höhle locken kann. Natürlich dachte er trotzdem die ganze Zeit daran. Zu seinem Erstaunen blieb ES dennoch in seinem Loch, es hatte sich zurückgezogen, lauerte, schlummerte oder was auch immer es tat, während es ihn nicht quälte. Normalerweise verbot sich Henning auch jede Freude über die Abwesenheit von ES, weil es beim Aufkeimen von Hoffnung umso heftiger zuschlug. Aber hier, im überfüllten, überhitzten Speisesaal des »Las Olas«, erlaubte er sich ein paar vorsichtige Momente des Glücks. Warum auch nicht? Es ging ihm gut. Er war ein normaler Mensch unter Menschen. Er wurde nicht verrückt.
Das deutsche Ehepaar stammte aus Würselen, dem Ort, an dem Martin Schulz geboren ist, und erzählte gleich, dass es den momentanen SPD-Chef noch aus seiner Zeit als Buchhändler kenne. Während Henning nickte und zustimmende Laute von sich gab, hielt er nach Theresa und den Kindern Ausschau, die mit der Weihnachtsbaumbesichtigung langsam fertig sein mussten. Schließlich entdeckte er sie in einiger Entfernung, sah Theresa lachen, sie stand an einem vollbesetzten Tisch, an dem auch zwei Kinder in Bibbis und Jonas’ Alter saßen. Die vier Kinderköpfe steckten zusammen, vermutlich in gemeinsamer Betrachtung eines Spielzeugs. Vielleicht führte Bibbi ihr Quietsche-Meerschweinchen vor, das sie zu Weihnachten bekommen hatte und mit dem sie überall Furore machte. Plötzlich spürte Henning, wie sehr er die Kinder liebt, so sehr, dass es manchmal die reinste Folter ist.
Theresa hob eine Hand vor den Mund und lachte so laut, dass Henning es quer durch den Saal hören konnte. Wenn er sie aus der Entfernung sieht, fällt ihm manchmal auf, wie klein sie ist, als hätte er das in all den Jahren nicht gewusst oder wieder vergessen. Kaum einen Meter sechzig und trotzdem so voller Leben. Er könnte nicht sagen, ob sie schön ist oder auch nur gut aussieht. Sie trägt ihr braunes Haar kurz geschnitten und hat einen kräftigen, kompakten Körper. Ihre Wirkung auf andere Menschen ist enorm. Jeder scheint etwas Besonderes in ihr zu sehen. Nicht nur Männer, auch Frauen suchen ihre Nähe und beginnen sofort, ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Am meisten mag Henning ihr ansteckendes Lachen, auch wenn häufig er es ist, über den sie lacht. In letzter Zeit beginnen ihre Wangen leicht einzufallen, was niemand merkt, der sie nicht schon lange kennt. Henning nimmt es als Indiz, dass sie trotz ihrer breiten Hüften im Alter nicht fett, sondern hager werden wird. Er weiß gar nicht, was ihm lieber wäre. Er mag generell keine alten Frauen und wird trotzdem eines Tages mit einer zusammenleben. Alte Männer mag er noch viel weniger; trotzdem wird er irgendwann einer sein.

 

 

 

 

 

Er war ein normaler Mensch unter Menschen.

 

Bei diesen Gedanken streckte ES seine Fühler nach ihm aus, weshalb sich Henning beeilte, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. Ein Kellner trat mit einem runden Tablett voller Sektgläser an den Tisch. Henning bediente sich, das ältere Ehepaar auch. Er  beschloss, dass sie Katrin und Karlchen hießen. Sie prosteten ihm zu. Er stürzte sein Glas hinunter und spürte die Wirkung sofort. Für gewöhnlich trank er wenig Alkohol, vor allem nicht so früh am Abend und nicht so schnell. Er hob einen Finger, um den Kellner ein zweites Mal an den Tisch zu bitten, und auch das nächste Glas leerte er zügig. Jetzt schien ihm das Ambiente weniger billig. Dann aßen sie eben ein Pauschalmenü in einem Pauschalhotel voller Pauschaltouristen – na und? Katrin und Karlchen waren nett, die Deko erträglich, später würde es vielleicht kurz Gelegenheit zum Tanzen geben oder einen Zauberer für die Kinder. Als er gerade dachte,  dass Theresa jetzt allmählich an seinen Tisch kommen könnte, kam sie mit den Kindern herüber. Großes Hallo mit Katrin und Karlchen, als wären sie alte Bekannte. Man trank  gleich auf »Du«, das war einfacher und auf der Insel üblich. Der erste Gang kam, Jakobsmuscheln, die wirklich gut schmeckten, die Kinder griffen sich jeweils ein Stück Brot und verschwanden unter dem Tisch. Als er sie zur Ordnung rufen wollte, sagte Theresa »Lass doch« und legte ihm eine Hand auf den Arm.

Der Abend entwickelte sich besser als erwartet. Das Essen schmeckte, und von Bibbi und Jonas war erstaunlich wenig zu sehen. Immer wieder liefen sie hinüber zu den Kindern an Tisch 24, mit denen sie sich anscheinend bestens verstanden. In regelmäßigen Abständen ging Theresa sie zurückholen, wobei sie immer eine Weile mit den Gästen dort plauderte, Franzosen, wie Henning inzwischen wusste. Ganz entgegen seiner Gewohnheit hatte er beschlossen, einfach sitzen zu bleiben, Sekt zu trinken und auf den nächsten Gang zu warten. Er genoss den leichten Rausch, er genoss es, die Musik zu mögen, über die sich Katrin und Karlchen beschwerten, Hits aus den Neunzigern, Lemon Tree und sogar Come As You Are, er hätte alles mitsingen können und auch Lust dazu gehabt.

 

Zu seinem Erstaunen blieb ES dennoch in seinem Loch.

 

 

Katrin und Karlchen redeten über Politik. Sie gehörten zu den Menschen, die den Medien keine Informationen, sondern Stimmungen entnehmen, und waren sich mit dem Rest der Bundesrepublik einig, dass die Reise in den Abgrund geht. Noch immer keine neue Bundesregierung, dazu Brexit, Trump, AfD. Katrin wiederholte die überall gesagten Sätze – dass sich etwas Grundlegendes geändert habe, dass ganz neue Zeiten auf sie zukämen, dass die Wahrheit angesichts von Populisten und Sozialen Medien überhaupt keine Rolle mehr spiele. Sie wollte darauf trinken, dass 2018 besser werde als das Jahr davor, und Henning spielte mit, obwohl ihm das Gerede von »postfaktisch« und »Zeitenwende« unendlich auf die Nerven ging.
Immerhin lächelten Katrin und Karlchen den Kindern zu, tranken genauso schnell Sekt wie er und fragten Theresa nach ihrem Beruf, woraufhin gleich ein angeregtes Gespräch über die besten Steuertricks begann. Im Laufe des Abends vergaß Henning immer wieder, dass er sich nicht auf einem Schiff befand. Ihm kam es vor, als fahre der hell erleuchtete Saal über ein ruhiges schwarzes Meer durch die Nacht. Als sie um neun Uhr gehen mussten, schien Mitternacht schon drei Mal vorüber. Theresa hatte eine Menge Zeit an Tisch 24 verbracht. Vielleicht mehr als an 27. Statt die Kinder zu holen und zurückzukommen, hatte sie immer länger dort gestanden und Französisch geredet, mit einem Glas Mineralwasser in der Hand.
Erster-Erster, Erster-Erster.
Von Playa Blanca aus steigt das Gelände zuerst nur mäßig an. Es ist vor allem der Wind, gegen den er kämpft, ein Wind, der stärker ist als die Schwerkraft, der ihn manchmal in Böen meterweit zur Seite treibt, der ihn unbedingt zum Umkehren veranlassen will. Henning kehrt nicht um. Weil sich sein Puls beschleunigt, wählt er einen kleineren Gang, passt seinen Rhythmus der neuen Übersetzung an, konzentriert sich darauf, im Takt der Pedale zu atmen und dabei die Lungen restlos zu entleeren. Ein Tritt ein, zwei Tritte aus. Es ist wichtig, die Kraft gut einzuteilen, nicht aus der Puste oder ins Schwitzen zu kommen. Geschwindigkeit spielt keine Rolle, er hat sich nur vorgenommen, den Aufstieg zu schaffen, egal, in welcher Zeit. Heute ist ein guter Tag für Femés, er fühlt sich ausgeruht trotz der beschissenen Nacht. Erster Erster, ein Tag wie geschaffen für eine Herausforderung. Er wird dem neuen Jahr gleich mal zeigen, was eine Harke ist.

 

 

Juli Zeh

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman “Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman “Unterleuten” (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018).

 

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