Nanos – Sie bestimmen was du denkst | Leseprobe read’n’go

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Willkommen in einem neuen Deutschland!

Zweifelst du an deinem Platz im System?

 

Zweifelst du am System selbst?

 

Glaubst du, die Regierung würde dich belügen?

 

Oder beobachtest du diese Sorgen bei anderen?

 

Dann ist es an der Zeit, dass du dich uns anvertraust.

 

Fragen aus der Regierungsbroschüre

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie etwas dagegen hätten, sich den kleinen Finger abzuschneiden.«

Das neue Regime

Johann wartete, bis man dem Probanden die Messmanschetten und die Armfixierung abgenommen hatte. Dann zog er aus der Hosentasche einen orangen Gegenstand und legte ihn auf den Tisch. Zwischen Plastik glänzte im kühlen Licht des Besprechungsraums Metall. Carl riss die Augen auf, doch Johann legte ihm sanft die Hand auf den Unterarm und signalisierte, dass er sich zurückhalten sollte.

Der Proband betrachtete das Teppichmesser ausdruckslos.

»Können Sie damit umgehen?«, fragte Johann.

Der Proband nickte, die Lippen geschürzt.

»Möchten Sie, dass ich Ihnen einen Teppich verlege?«

»Nein.« Johann lehnte sich zurück, verschränkte die Hände vor dem flachen Bauch wie zum Gebet und schlug die Beine übereinander. »Ich wollte Sie fragen, ob Sie etwas dagegen hätten, sich den kleinen Finger abzuschneiden.«

Ein Moment der Stille folgte, und zu Carls Entsetzen sagte CY173: »Klar, kann ich schon tun.« Er griff nach dem Teppichmesser. Die Klinge glitt ratschend aus dem Plastikgriff.

»Nein!«, flüsterte Carl, doch Johann gab dem Probanden mit einer auffordernden Geste zu verstehen, dass er fortfahren sollte.

CY173 betrachtete seine Hände. »Ich bin Rechtshänder«, sagte er. »Ist der kleine Finger der linken Hand in Ordnung?«

»Sie entscheiden«, gab Johann zurück.

Der Proband setzte das Messer auf der Handinnenseite an der Hautfalte des Fingeransatzes an und schnitt. Blut spritzte über den Tisch. Der kleine Finger fiel auf die Holzplatte. Carl schrie vor Entsetzen. Und Johann sagte, den Blick auf die Gehirnstromwellen gerichtet: »Tatsächlich kein Empfinden. Das ist ja höchst interessant.«

Informationsbroschüre der Regierung

»Zweifeln Sie am System?«

In Kehlis verbunden!

Stimmen wurden laut. Ein älteres Ehepaar stand zwei Positionen weiter vorn an der Kasse. Er war etwa Ende achtzig, die Schultern herabgesunken, der dunkelbraune Strickpullover mit Zopfmuster viel zu weit und ausgebeult von der Bauchtragetasche, die er darunter umgeschnallt hatte.

Die Frau war in ähnlichem Alter, klein, zierlich und vom Leben noch gebeugter als er. Und ihr gefiel ganz offensichtlich nicht, in welcher Reihenfolge er die Einkäufe aufs Band legte.

»Das machst du mit Absicht! Da überzeugt man dich einmal zu einem Spaziergang und reißt dich von diesem vermaledeiten Fernsehquatsch los, und du hast nichts Besseres zu tun, als mich zu ärgern!«

Marias Nackenhaare richteten sich auf. Vermaledeiter Fernsehquatsch.

Der Mann schien die Worte ebenfalls registriert zu haben, denn unter seiner Kappe ruckten die buschigen Augenbrauen zusammen. Der Hauch eines Lächelns war verschwunden. Und auch die Umstehenden hatten die Worte vernommen. Plötzlich wurde die alte Frau argwöhnisch von allen Seiten gemustert.

»Was ist?«, keifte sie und blickte sich in alle Richtungen um, wobei ihre Hand auf dem Gehstock bebte. »Gefällt euch nicht, was ich gesagt hab? Mögt ihr den Quatsch wohl, ha?« Ihr Gehstock schwang sich in die Höhe, deutete auf den Supermarktbesucher in der Schlange hinter ihr, einen Mann in den Dreißigern. »Du etwa! Gefällt dir das ständige Gerede von diesem Kehlis?« Der Stock fuhr unbeirrt weiter, deutete auf Maria. »Und du? Willst am liebsten mit ihm ins Bett, ha?« In den Augen der Alten funkelte es. Angriffslustig wandte sie sich wieder ihrem Mann zu, schlug ihm mit dem Stock gegen das Knie. »Und du bist mir der Schönste. Seit sechzig Jahren teilen wir ein Bett, aber du hast nichts anderes mehr im Sinn als diesen dummen Bundeskanzler. Ja, da schaust du! Und jetzt? Willst mich beichten? Dann mach’s! Ruf die Garde! Ruf sie! Die Nummer ist: elf, elf, elf! Und nenn es beim richtigen Namen: Es ist nicht beichten, sondern denunzieren! Aber lieber werde ich verpetzt, als dass ich mir das noch länger antue. Jeden Tag die gleichen Parolen und dein Gegröle. In Kehlis! In Kehlis! In Kehlis verbunden! Es ist nicht auszuhalten, das dumpfe Geschwätz von diesem Rattenfänger aus deinem Mund zu hören!«

Die Alte drängte nach vorn, schob sich an der Kasse samt Kassiererin vorbei, doch da wurden schon schwere Stiefelschritte zwischen den Regalreihen laut.

Maria sah, dass die Kassiererin ein tragbares Telefon sinken ließ. Sie hatte nicht lange gefackelt.

Die Gardisten kamen im Eilschritt auf die Alte zu. Offenbar war ein Team gerade vor Ort – oder sogar hier stationiert.

»Ergreift sie!«, rief ihr Ehemann in das Poltern der Stiefel mit dünner, heiserer Stimme hinein und deutete anklagend auf seine flüchtende Frau. »Sie hat Kehlis beleidigt! Sie ist krank! Sie ist krank!«

Und so sah Maria mit an, wie die beiden Gardisten die Alte erreichten und umstellten. Unerwartet ließ diese ihren Stock sausen und traf einen der Männer in die Weichteile. Er keuchte auf, presste die Knie gegeneinander und taumelte rückwärts. Der andere schien die Situation neu zu bewerten und ging sofort in den Angriff über, kickte der Alten gezielt den Gehstock aus den Händen und holte sie mit einem zweiten Tritt von den Füßen.

Maria zuckte zusammen, als das Geräusch brechender Knochen die Luft erfüllte. Die Alte schrie markerschütternd, wälzte sich über den Boden, dann traf die Stiefelspitze des Gardisten sie mitten ins Gesicht. Der Schrei erstarb, Blut spritzte und etwas klackerte über den Boden, wie kleine Steinchen.

Ihre Zähne, dachte Maria entsetzt, er hat ihre Zähne …

Die Kassiererin zog die Tomaten des Ehepaars über den Scanner und sagte zu dem Ehemann in seinem dunkelbraunen Strickpullover: »Macht sechzehn neunundneunzig, bitte. Zahlen Sie bar oder mit Karte?«

Willkommen im Krieg gegen Johann Kehlis.

Die Rebellion

»Sie wollen mich also umbringen.«

Wenigstens hatte Barbara Sterling den Anstand zu nicken. »Die Betonung liegt jedoch auf wollten. Was hätten wir sonst tun können? Sie dauerhaft einsperren? Bei unseren Kapazitäten? Sie zwingen hierzubleiben? Mal ganz abgesehen davon, dass das für mich nicht infrage kommt. Ein Fick. Pfff … Ich hätte es getan. Ich hätte Ihnen eine Kugel in den Kopf gejagt. Und ich hätte es getan, ohne Jörg und Vitus zu fragen. Aber dummerweise haben Sie heute meiner Tochter das Leben gerettet.« Sie schluckte, als kämpfe sie mit ihrer Stimme. Dann deutete sie zur Tür. »Ein Leben für ein Leben, Herr Wutkowski. Holen Sie Ihre Sachen, und gehen Sie. Verlassen Sie das Gelände Richtung Osten. Dort ist ein Tor. Der Code lautet siebzehn null drei fünfundachtzig. Etwa fünf Kilometer östlich erreichen Sie einen kleinen Bahnhof. Regionalbahn. Fahren Sie von Gleis eins aus bis zur Endstation. Von dort können Sie alle zwei Stunden einen ICE nach Berlin nehmen oder wo auch immer Sie hinwollen.« Mit diesen Worten ging sie an ihm vorbei, so nah, dass ihre Schulter seine streifte, und öffnete die Tür für ihn.

Malek schloss den Umschlag und nickte. Man wusste wissen, wann es Zeit war zu gehen. »Danke.« Dann verließ er ihr Apartment.

Zu seiner Überraschung stand Jannah daneben an der Wand, sodass sie vom Zimmerinneren nicht zu sehen war, und ihrem entsetzten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte sie etwas von der Unterhaltung gehört. Er gab ihr mit einem Kopfschütteln und der Bewegung seiner Augen zu verstehen, dass sie schweigen sollte, und sie tat es. Sie schloss den Mund, wich geräuschlos an der Wand zurück, bis sie in den danebenliegenden Türrahmen schlüpfen konnte. Flach drückte sie sich hinein.

Malek ging keine Sekunde später an ihr vorbei. Er spürte den Blick der Majorin zwischen den Schulterblättern im Rücken. An der Metallschleuse angekommen, die Hand am Griff, schaute er noch einmal langsam den Flur zurück, sah erst Jannah mit ihren weit aufgerissenen Augen und dem Nasenpflaster, bevor er der Majorin einen letzten ausdruckslosen Blick schenkte. Sie stand dort, die Hände seitlich der Hüften zu Fäusten geballt. Sie sah nur ihn. Und sie rang mit sich. Sie wollte ihn nicht gehen lassen, und doch würde sie es tun, weil er ihrer Tochter das Leben gerettet hatte.

Malek war klar, dass dies seine einzige Chance war. Noch einmal würde die Majorin nicht über ihren Schatten springen. Also trat er durch die Tür, und die Schleuse schloss sich hinter ihm.

... und für wen würdest du kämpfen: für das Regime oder für die Rebellion?

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Marc Elsberg