Adriana Popescu: Morgen irgendwo am Meer | Leseprobe read’n’go

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Ein goldener Mercedes, Wind in den Haaren und das Meer vor Augen – vier Jugendliche auf dem Weg nach Lissabon ...

Was Romy, Konrad, Nele und Julian auf ihrem gemeinsamen Weg nach Lissabon erwartet, scheint der perfekte Sommerroadtrip nach dem Abitur zu sein. Doch dass jeder von ihnen weit mehr als nur leichte Sommerklamotten im Gepäck hat, wird dem eher durch Zufall zusammengewürfelten Quartett erst im Lauf der Reise klar. Denn in Wahrheit geht es bei diesem Roadtrip um nichts weniger als die Suche nach sich selbst, dem eigenen Leben, der großen Liebe und wahrer Freundschaft.

Romy

Die Sonne scheint auf mein Gesicht und wärmt mich. Ich höre Gelächter, Musik und das Zwitschern der Vögel. Wenn ich die Augen lange genug geschlossen halte, könnte ich mir vielleicht vorstellen, er wäre hier. Neben mir. Würde seine Hand in meine schieben und unsere Finger verhaken. Dann würde er meinen Hals küssen, weil er das immer getan hat, bevor er sein Kinn auf meiner Schulter abstützte, und würde mir ins Ohr flüstern. Wie stolz er auf mich ist, weil ich es durchgezogen habe. Weil ich nicht hingeschmissen habe, obwohl es mir wohl jeder verziehen hätte.

Nur ich hätte es mir nicht verziehen.

Man gibt nicht auf, nur weil es im Leben kompliziert wird. Außerdem hätte ich es sicher nicht noch ein weiteres Jahr an dieser Schule ausgehalten.

Man gibt nicht auf, nur weil es im Leben kompliziert wird.

Julian

Das Lenkrad ist so groß wie ein Hula-Hoop-Reifen. Es fühlt sich rau unter meinen Fingern an. Beinfreiheit habe ich hier drinnen mehr als in der Economy Class. Es riecht wie in einem künstlichen Tannenwald, was an dem grünen Duftbaum am Rückspiegel liegt, der schon seit Jahren hier hängt. Die Holzverkleidung am Armaturenbrett sieht inzwischen etwas fleckig aus, hat aber noch immer einen ordentlichen Hauch von Charme, den man in neuen Schlitten vermisst.

Ich lehne mich in den dunkelbraun bezogenen Sitz und drücke die Arme durch, das Lenkrad noch immer fest umklammert, als würde ich die Route 66 entlangbrettern. Durch die schmutzige Frontscheibe sehe ich auf unsere Auffahrt, wo mein Fahrrad wie ein erschossenes Tier liegt und darauf wartet, in der Garage ordnungsgerecht abgestellt zu werden, damit weder Mama noch Papa was zu meckern haben.

Aber das ist mir gerade alles scheißegal.

Ich nehme meine Brille ab und reibe mir die Schläfen. Seit Wochen habe ich Kopfschmerzen, jedes Mal, wenn ich länger als zwei Minuten mit meinen Gedanken alleine gelassen werde und sie es sich auf dem geistigen Kettenkarussell in meinem Gehirn bequem machen. Ich esse Aspirintabletten inzwischen wie Tic Tacs einfach so weg und spüle sie mit einer großen Tasse Kaffee runter. Bei der Arbeit denke ich nicht viel nach, mache genau die Dinge, die von mir erwartet werden, und sammele wie ein Meister Erfahrungen, die mir dann im echten Leben helfen sollen, meine Prioritäten korrekt zu setzen. Ehrlich gesagt, war der Bundesfreiwilligendienst die einfachste Möglichkeit, dem ewigen Gequatsche meiner Eltern zu entkommen. So habe ich ein Jahr nach dem Abi Zeit gewonnen, in dem ich mich nicht für einen Lebensentwurf, eine Uni, eine Zukunft entscheiden musste.

Aber damit ist jetzt Schluss.

Mein Handy vibriert auf dem Beifahrersitz, und ich erkenne Romys lächelndes Profilfoto auf dem Display. Romy.

Ich schaue auf die Oldschool-Uhr des Mercedes, die auch nach all den Jahren noch immer haargenau vor sich hin tickt – und die ich jedes Mal auf Sommer- oder Winterzeit stelle. Es ist kurz nach zwölf oder in einer anderen Zeitdimension: Schulende. Heute ist der letzte Schultag und die Sommerferien stehen an. Der Abiturjahrgang feiert jetzt sicher schon den ersten Schritt in die Freiheit. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt, letztes Jahr ging es mir genauso.

»Hallo?« Ich nehme Romys Anruf entgegen.

»Julian, wo steckst du? Wolltest du nicht vorbeikommen?«

Wollte ich.

»Ja, es kam was dazwischen.« Mein imaginärer Roadtrip über die Route 66.

»Also packst du es nicht mehr?« Ihre Stimme klingt traurig. Ich streichele das Lenkrad und zucke die Schultern, auch wenn Romy es nicht sehen kann.

»Weiß nicht.«

»Na, wir gehen jetzt in den Schlosspark, wenn du vielleicht nachkommen magst?«

Was sie wirklich sagt: Ich würde mich riesig freuen, wenn du mitkommst.

»Ich schaue mal.«

»Ist alles okay?«

Ich will nicht, dass sie merkt: Etwas stimmt nicht. Ich will nicht mal, dass ich es merke. Weil eine Romy-Umarmung immer guttut und für eine ganze Weile die Gedanken verstummen lässt. Das ist eine ihrer Superheldinnenkräfte, von denen sie nichts weiß. Ihr Lächeln macht einen miesen Tag schöner, ihre Küsse sind die besten rezeptfreien Schmerzmittel überhaupt und ihre Umarmungen, wenn ich den Mandelshampooduft in ihren Haaren riechen kann und sie mich fest an sich drückt, sind die besten überhaupt. Irgendwann werde ich ihr das sagen, aber nicht jetzt. Nicht heute.

»Es würde mich total freuen, wenn du es doch noch packst.«

Ihre Stimme kann lächeln. Noch so eine Superpower. Und irgendwie lächele ich jetzt auch.

»Dann sehen wir uns nachher noch.«

Große Gefühle, bewegende Helden und der Duft eines unvergesslichen Sommers.

Konrad

Es riecht nach Grillkohle und Bier.

So wie bei den Festivals, auf die wir immer wollten und nie gegangen sind. Musik dringt aus einem der Autos und dröhnt über den Schulhof. Es ist der arrogante Stolz dieser Abiturienten, der mich ankotzt. Wie sie in ihren beschissenen T-Shirts mit dem lahmen Spruch: Abi 2019 – nach uns die Nullen! zum neuesten Sommerhit tanzen, Bier verschütten und extra laut lachen, weil für sie die ach!-so-große Freiheit beginnt.

Ich sollte einer von ihnen sein. Mit ihnen feiern.

Mit ihnen lachen.

Doch jetzt und hier klingt es in meinen Ohren, als würden sie mich auslachen.

Mein alter Jahrgang: Ich kenne sie alle, war mit ihnen auf Klassenfahrten, zu Geburtstagspartys und habe mit zwei der Mädchen rumgeknutscht. Jetzt, aus der Ferne betrachtet, sind sie alle Fremde für mich.

Sogar Romy. Vor allem Romy.

Sie sitzt neben Cathrin auf dem Boden, teilt sich mit ihr ein Radler – weil sie den Geschmack von purem Bier nicht mag –, und lacht über einen Witz von Manuel, dem ewigen Klassenclown.

Ich sitze auf den Treppen vor dem Schulgebäude und schmecke den bitteren Geschmack des Neids, den ich mit dem süßlichen Red Bull wegspülen will.

Sie hat mich vergessen. Sie fragt nicht mal, wie es mir geht, was ich so mache und ob es nicht saumäßig wehtut, dass ich nächstes Jahr wieder in diese Scheiß-Schule marschieren muss, während sie ihr Auslandsjahr in Neuseeland oder Gott weiß wo macht.

Wenn ich nächstes Jahr mein Abitur packe – und das steht noch in den Sternen –, dann feier ich mit meinen neuen Freunden, die nicht unsere Geschichte kennen, die nicht wissen, was wir zusammen erlebt haben – und die einfach nicht sie sind.

»Konrad, was geht?« Daniel, einer meiner besagten neuen Kumpel, lässt sich neben mich auf die Stufen fallen und greift, ohne zu fragen, nach meiner Getränkedose.

»Nichts. Und bei dir?«

»Auch nicht viel. Wir treffen uns nachher noch bei Oli und feiern ein bisschen.«

Was sie feiern wollen, bleibt mir ein Rätsel.

»Kommst du?«

Ich zucke die Schultern, weil ich keine Ahnung habe, was ich heute noch anstellen werde. Eigentlich wollte ich mit Romy sprechen. Ihr einen total verrückten Plan vorschlagen und hoffen, dass sie uns noch eine zweite Chance gibt.

»Wenn du sie ewig anstarrst, wird es auch nicht besser. Das weißt du schon, oder?«

Er folgt meinem Blick zu Romy, die inzwischen mit den anderen zusammen tanzt und mich nicht bemerkt, weil ich in ihre Vergangenheit und nicht in ihre aktuelle Realität, geschweige denn in ihre Zukunft gehöre.

Bei dem Gedanken zieht sich mein Magen so schmerzhaft zusammen, als wollten alle Gedärme die Gallenblase erdrücken.

»Es nervt mich nur, dass die sich alle so feiern, als wären sie die Oberchecker.«

»Die haben Abi, sie sind die Oberchecker.« Daniel tätschelt mir aufmunternd die Schulter. »Vergiss die Kleine. Alle wissen, dass sie was mit diesem Neuen aus Degerloch am Start hat.«

»Weiß ich.« Das klingt schärfer als geplant und verrät mehr über meine Gefühle, als ich zugeben will. Daniel lacht unbeholfen und drückt mir das Red Bull wieder in die Hand.

»Heute Abend bei Oli. Das wird dich ablenken.«

Vielleicht hat er recht. Vielleicht hilft es ja tatsächlich, wenn ich mich zur Feier des Ferienbeginns einfach abschieße und vergesse, dass Romy und ich mal so viel mehr waren als nur Fremde auf dem gleichen Schulhof. Mit mehr Wucht als nötig wäre, schleudere ich die leere Dose in den Mülleimer und stehe auf.

Ich bin wieder

nur einer von den Schülern, die hinter ihr mit all den Erinnerungen zurückbleiben.

Romy

Etwas kitzelt mich im Gesicht und ich reiße die Augen auf.

»Hi.« Julian. Mit einer Gänseblume, die meine Wange streichelt. »Ich wollte dir eigentlich Rosen mitbringen …« Er lächelt schüchtern. »Aber der Bachelor war schneller.« Er reicht mir das Gänseblümchen. »Die hier ist für dich. Möchtest du dieses Gänseblümchen annehmen?«

»Und wie ich das will.« Ich schlinge die Arme um seinen Hals, ignoriere die Blume und ziehe ihn fast auf mich drauf, was er lachend geschehen lässt und dabei seine schwarz gefasste Brille irgendwo ins Gras verliert. »Du hast es geschafft.«

»Na klar, habe doch gesagt, dass ich vorbeischaue.«

Er ist meine Rettung, aber das weiß er nicht, weil ich es ihm noch nie gesagt habe. Stattdessen umarme ich ihn auch jetzt einfach fest und bin nur froh, dass er da ist.

»Wie war der letzte offizielle Schultag?« Er rollt sich neben mich ins Gras, tastet nach seiner Brille und jagt meine Erinnerungen zurück in die Schublade, wo ich sie wieder wegsperren kann.

»Wir haben eigentlich nur ein paar Fotos gemacht, in der Aula unsere Namen hinterlassen und dann schon direkt losgefeiert. Kai hat noch auf dem Schulgelände gekotzt.«

Julian stützt sich auf seinen Ellenbogen und mustert lächelnd mein Gesicht.

»Klingt beeindruckend.«

»Für Kai, ja.«

»Nie mehr Schule.«

»Nie mehr.«

»Bist du traurig?«

Ich kann das Lachen nicht verhindern und schüttele den Kopf.

»Nein. Gar nicht.« Nie mehr Schule, bedeutet auch Neuanfang, selbst wenn Julian das anders sieht.

»Das große Vermissen kommt noch.«

»Weißt du das, weil du ach-sooo-viel älter bist?« Er nickt gespielt ernst.

»Jap, hör auf den Schulrentner.«

»Wie war es denn damals für dich?«

»Doppelt schwer, weil wir ja direkt nach meinem Abi um- gezogen sind, also gleich zweifacher Abschied.«

Julian kommt aus Berlin und fühlt sich in Stuttgart noch immer etwas fremd, weil er hier so gut wie keine Freunde hat, außer die Kumpels vom Handball. Aber den großen Anschluss hat er noch nicht geknüpft.

»Zum Glück hast du jetzt ja mich gefunden.«

Er nickt, schiebt sich die Brille wieder auf die Nase und küsst mein Ohr.

»Mein Glück.«

Das Schöne an Julian ist, dass er nicht weiß, was für ein guter Typ er ist. Nicht nur sein Aussehen, sondern alles, was hinter seinem süßen Lächeln steckt. Mit Brille ist er der Typ Clark Kent, fast unscheinbar niedlich. Mit dunkelblonden Haaren, die immer etwas verstrubbelt sind und die er nie in den Griff kriegt. Das lässt ihn oft jünger erscheinen. Dazu grüne Augen, die hinter den Brillengläsern funkeln und mich immer genau beobachten, wenn ich rede. Julian hört mit seinen Augen zu; das habe ich ihm gesagt, und er wurde fast rot, hat sich verlegen am Hinterkopf gekratzt und die Schultern gezuckt. Weil er nicht weiß, wie besonders er ist.

Besonders für mich.

Komm mit auf den aufregendsten Roadtrip deines Lebens!

 

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» Ohne wenn und aber, tolles Buch, danke.«

Leserin Rosa