Dörte Hansen: Mittagsstunde | Leseprobe read’n’go

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Was bleibt von uns, wenn alles, was wir kannten, untergeht?

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ?

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. »De Welt geiht ünner«, sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall. Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten. Ihre Blätter wurden plötzlich gelb, die Kronen kahl, im Juni schon. Sie standen noch ein Jahr wie abgedankte Könige. Dann kam Karl Martensen mit seinen Leuten, und ihre Motorsägen kreischten lange, bis sie die Ulmenstämme auf dem Wagen hatten. Hartes Holz, das ewig trocknen musste, bis man es hobeln oder fräsen konnte. Marret kam, sie holte sich ein Stück der grauen Borke ab und eine Handvoll Ulmenfrüchte, dann ging sie wieder durch das Dorf, von Tür zu Tür, wie sie es immer tat, wenn sie ein Zeichen sah: »De Welt geiht ünner.«

»Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!« ARD druckfrisch, Denis Scheck

Marret mit den Klapperlatschen und dem zerfledderten ERWACHET!-Heft gehörte zu den Leuten aus dem Dorf, den Nachbarn und Bekannten, den Zustellern und Lieferanten, die durch die Hintertüren in die Häuser kamen und auf den Küchenbänken sitzen durften. Man legte Zigaretten auf den Tisch, holte Weinbrand oder Bier und stellte, wenn Marret kam, ein bisschen Saft und Schokolade hin. Manchmal sang sie nach den Zeichen und der Wahrheit noch ein Lied. Stand auf und breitete die Arme aus und sang wie Connie Francis oder Heidi Brühl, weil sie die Schlagerlieder noch mehr liebte als die Untergänge.
In den Liedern, die sie sang, wollten die Menschen siebzehn sein. Mit siebzehn träumte man, dann kam das Glück, dann wurde alles gut. Ich schau den weißen Wolken nach und fange an zu träumen.

»Eine große Erzählung voll leiser Melancholie und ein wunderschönes Denkmal für die Dörfer von damals.« NDR Kultur

Sie ging durchs Dorf in ihren Klapperlatschen, als in den Jahren nach der Flurbereinigung die ersten Starfighter der Bundeswehr in Richtung Nordsee über Brinkebüll geflogen kamen. Es klang wie eine Explosion, wenn der Pilot die Schallmauer durchbrach, ein Donnern, das vom Himmel kam, es konnte nur ein Zeichen sein. Na, Marret, geiht de Welt mol wedder ünner?
Nach diesen ersten Düsenjägern kamen viele, manchmal täglich, sie starteten vom alten Fliegerhorst, der seine zweite Blüte jetzt im Kalten Krieg erlebte, er lag knapp zwanzig Kilometer weit vom Dorf entfernt. Ihr Donnern wurde so alltäglich wie die Motorsägen von Karl Martensen oder das Schleifen aus der Landmaschinenwerkstatt. Sie gehörten bald zum Dorf wie das Gebell der Hunde auf den Höfen, das Rattern der Traktoren auf den Feldern, das Brüllen junger Rinder, die zur Viehwaage getrieben wurden, wie die Tanzmusik im Gasthof Feddersen an jedem Wochenende.
Die Flieger hinterließen Spuren, weiße Streifen, Parallelen, Kreuze. Der Himmel über Brinkebüll war voller Zeichen, aber außer Marret sah sie niemand.

Über die Autorin

Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, arbeitete nach ihrem Studium der Linguistik als NDR-Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. Ihr Debüt »Altes Land« wurde 2015 zum »Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels« gekürt und avancierte zum Jahresbestseller 2015 der SPIEGEL-Bestsellerliste. Dörte Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.

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