Somaiya Daud: Mirage – die Schattenprinzessin | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

In einer fernen Welt: Amanis Heimatplanet Cadiz ist seit Langem grausam unterdrückt vom Volk der Vath, das aus einer fremden Galaxie gekommen ist. Ausgerechnet am Festtag von Amanis Erwachsenwerden tauchen plötzlich Kampfroboter auf und entführen sie an den Hof des Vath-Königs.

Von Cadiz nach Andala

Ich hatte immerzu davon geträumt, Cadiz zu verlassen, andere Sternensysteme in unserer Galaxie zu besuchen. Aber niemals hätte ich mir erträumt, dass ich es gegen meinen Willen tun würde. Stumm und benommen ließ ich mich durch das Gebäude und auf ein Schiff zerren, wo man mich in eine Zelle sperrte.

Mir tat alles weh, und meine Sicht war verschwommen von ungeweinten Tränen. Unter mir war ein milchiger Glasboden, der sich grau färbte. Aber ich konnte immer noch sehen, wo ich war – und wohin ich gebracht wurde.

Cadiz war fort, und Andala, unser Mutterplanet, wurde minütlich größer. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und bemühte mich, die Panik in mir zu bändigen. Fieberhaft betete ich, dass meine Familie das Feuer der Kasbah überlebt hatte. Ich verstand es nicht, begriff nicht, warum sie mich mitgenommen hatten.

Das Bild von Husnain, der regungslos mitten in dem Getümmel lag, wollte mir nicht aus dem Kopf, oder das Geräusch, mit dem sein Körper gegen den steinernen Brunnen geprallt war. War er noch am Leben? Waren meine Eltern es? Hatte Aziz sie dort rausbringen können? Und was war mit Khadija?

Der Phaserstrahl hatte ihren Arm getroffen, nicht ihre Brust, sollte eine Drohung sein, nicht töten. Aber sie hatte eine Menge Blut verloren … Meine Gedanken bewegten sich im Kreis, versuchten, dem Ganzen einen Sinn abzuringen, hofften auf das Beste.

Die Vath hatten mich geholt, aus welchem Grund auch immer. Meine Familie und das Dorf waren sicher.

Sie waren in Sicherheit.

Zumindest redete ich mir das ein. Ob ich es mir glaubte, wusste ich nicht.

Stunden vergingen, während ich zu dem beständig näher rückenden Planeten blickte. Schließlich wurde das Schiff langsamer, und Streifen von Wolken und Nebel verdeckten mir die Sicht. Als die Tür fauchend aufging, nahm der Boden wieder seine stahlgraue Farbe an. Ich verkrampfte mich, rechnete mit einem Imperial-Androiden. Stattdessen stand ein andalaisches Mädchen in der Tür. Sie war genauso angezogen wie ich, trug einen langen Kaftan, dessen Ärmel an den Handgelenken eingefasst waren, und eine kurze, ärmellose Jacke. Sie zog einen Schleier von ihrem roten Haar und dem braunen Sommersprossengesicht.

»Amani?«

Ich schwieg.

»Ich bin Tala«, sagte sie. »Du solltest mir folgen.«

Sie führte mich von dem Schiff in einen Hof, der sich ewig hinzuziehen schien und auf dem sich weiches, kurzes Gras in einer sanften Brise wiegte. Ich bestaunte alles um mich herum, während Tala mich durch einen Laubengang aus poliertem Marmor in die Mitte des Gartens führte. Rot-weiß gestreifte Bögen säumten den Gang, und die Alabastersäulen schimmerten. Vogelzwitschern erfüllte die Luft, und Pfaue in den schönsten Edelsteinfarben stolzierten über den Weg. Es duftete nach Weihrauch und Blumen, und es war wärmer, als ich es jemals auf Cadiz erlebt hatte.

An den Pavillons und Mosaiken erkannte ich sofort, wo wir waren: in der Ziyaana, Andalas Herrscherpalast. Jahrhundertelang war dies das Heim unserer Herrscher gewesen, der andalaischen Könige und Königinnen. Und es war die letzte Bastion, die den Besatzern zugefallen war. Nun hielt der Palast als Unterkunft für den Vathek-König und seinen neuen Hofstaat her.

»Kannst du mir sagen, was ich hier mache?«, fragte ich und versuchte, meine Stimme nicht zittern zu lassen.

»Komm«, sagte sie, statt mir zu antworten. »Die Verwalterin des Königs, Nadine, wartet im Westflügel – sie wird deine Herrin. Gib Acht bei ihr – sie ist eine der hohen Vath.«

Ich schluckte. Wenn eine von den hohen Vath mit dem Angriff auf die Kasbah zu tun hatte, würde ich ein bitteres Ende finden. Sie sind die Führungskaste unserer Besatzer, zeigen sich selten außerhalb unserer Hauptstadt und fast nie allein. Sie zeichnen sich durch blasssilbriges Haar aus, was sie sehr auffällig macht.

»Und danach?«

Sie sagte nichts.

Tala brachte mich  eine Treppe hinunter und durch eine Reihe von luftigen Räumen. Ein leichter Wind bauschte die dünnen Vorhänge und enthüllte Rankgitter aus dunklem Holz, mit Kissen gepolsterte Alkoven und geschnitzte Säulen. Aber es war still – kein Vogelgezwitscher mehr, kein Wasserrauschen.

Eine Frau mit schimmernd silbernem Haar, dem Kennzeichen der hohen Vath, saß hinter einem Tisch, einen Stapel Tablets an einem Ende, einen Holoreader vor sich. Ihre Züge waren streng – kantige Wangenknochen, gerade Nase und ein schmaler Mund, der sich schlecht zum Lächeln eignete.

»Eure Ladyschaft«, sagte Tala auf Vathekaar. »Ich bringe das Mädchen.«

Ihre Ladyschaft Nadine sagte nichts und arbeitete weiter.

Tala stand vollkommen still da, als wäre dies hier alltäglich für sie. Minuten vergingen, die sich bald wie Stunden anfühlten. Ich hatte Mühe, ruhig stehen zu bleiben, denn meine Nerven lagen blank, und in meinem Kopf überschlugen sich die Geschichten, die ich gehört hatte, was mich zunehmend panischer machte.

Gegen Ende des Kriegs war unser Mond ein Protektorat gewesen, das von einem hohen Vath gehalten wurde. In den Bergen, die unser Dorf umgaben, hatten sich einige der letzten Rebellen versteckt, und der hohe Vath hatte sie systematisch gejagt und Exempel an ihnen statuiert. Ich war noch nicht geboren, doch die Narben seiner Amtszeit waren geblieben. Adils verstümmelter Fuß. Das ausgestorbene Dorf zwei Meilen südlich von uns. Das Dorf im Westen mit seiner einzigen Kushaila- Bewohnerin und ihrer Tochter, silberhaarig und blauäugig.

»Sprichst du Vathekaar?«

Ich zuckte beinahe zusammen, als Nadines Stimme erklang. Mein Mund ging von allein auf und wieder zu, während ich versuchte, mich zurück in die Gegenwart zu holen. »Ja.«

»Wo hast du es gelernt?«

»In der Schule«, antwortete ich nach einigem Zögern.

»Wie alt bist du?«

»Achtzehn.«

»Sprichst du noch andere Sprachen?«

»Kushaila«, flüsterte ich.

Vor der Besatzung durch die Vathek war es die gängige Sprache auf unserem Mond, hier in der Hauptstadt war es die königliche Sprache gewesen. Wurde man heute dabei ertappt, wie man sie sprach, riskierte man den Zorn eines jeden Vath in der Nähe. Wurde man von einem Androiden oder einem Mitglied der Garda erwischt, lief man Gefahr, geschlagen und ins Gefängnis geworfen zu werden. Das galaktische Gesetz verbot ihnen, die ursprünglichen Sprachen direkt für illegal zu erklären, und die unterschiedlichen andalaischen Volksgruppen waren stolz auf ihre Muttersprachen. Dennoch schienen die Vath entschlossen, uns unsere Sprachen auszuprügeln, ganz besonders Kushaila, koste es, was es wolle.

Nadine schnaubte verächtlich.

»Kannst du irgendwelche Fertigkeiten vorweisen?«

Im Geiste hörte ich Husnain, der mir sagte, ich solle das Gedichteschreiben üben. Ich sah meinen Vater, der sich über die Pflanzen in seinem Gewächshaus beugte, als er mir beibrachte, wie man Züchtungen kreuzte. Und ich sah meine Mutter in der Küche vor mir, wie sie mich mit gerötetem Gesicht lehrte, Brot zu backen.

Ich durfte nicht die Augen schließen, keine Schwäche zeigen. Daher nahm ich jede dieser Erinnerungen und verbarg sie tief in meinem Denken.

Und ich schüttelte den Kopf. Nichts von alldem würde ihr etwas bedeuten.

Nadine faltete die Hände auf dem Tisch und lehnte sich zurück, als glaube sie mir nicht. Ich konnte nicht erkennen, ob ihr diese Befragung Spaß machte, ob sie es genoss, mich so verängstigt zu sehen, aber es wirkte so. Als ich nichts antwortete, verfiel sie erneut in längeres Schweigen.

»Ich schätze, es ist unerheblich«, sagte sie und stand auf. »Wir werden es auf die eine oder andere Weise herausfinden. Bedeck ihr Gesicht, Tala. Die Schneiderin kommt.«

Hastig legte Tala mir einen Schleier über, und bald eilte eine Schneiderin in den Hof, die begann, meine Maße zu nehmen. Also sollte ich vorerst weiterleben. Der Gedanke war jedoch keineswegs beruhigend. Wozu brauchte ich neue Kleider? Wer sollte mich in ihnen sehen? Warum musste mein Gesicht verhüllt sein?

Was wollten sie von mir?

»Frag nach, wie es mit Agrons Terminen in den nächsten Tagen steht«, wies Nadine Tala an. »Die Ballsaison naht, und er ist vielleicht über Wochen ausgebucht.«

»Ja, Eure Ladyschaft.« Tala verzog keine Miene und weigerte sich, mich anzusehen.

»Du kannst gehen. Ich schicke nach dir, wenn ich fertig bin, damit du sie abholst.«

Tala sah mich auch nicht an, als sie ging, und bald folgte die Schneiderin ihr.

Nun stand ich allein in dem Hof, während Nadine eine Reihe von Tablets durchging und sie dem Androiden hinter sich weiterreichte. Es musste früher Morgen gewesen sein, als ich hergebracht wurde, doch die Zeit kroch dahin, und ich wartete darauf, dass ich entlassen wurde.

Wurde ich nicht.

Minuten dehnten sich zu Stunden und die Schatten auf dem Hof mit ihnen. Geduld war mir nicht fremd. Ich hatte gelernt, die Knochenarbeit bei der Ernte im Obstgarten zu ertragen, die oft von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang ging. Doch nun begannen mein Rücken und meine Füße zu schmerzen. Seit die Feier zur Reifezeremonie abrupt unterbrochen worden war, hatte ich weder geschlafen noch gegessen, weshalb mir schwindlig war, erst recht, da der Schleier mein Sichtfeld stark einschränkte.

Und dann schien es auf einmal, als hätte sogar das Sirren des Androiden aufgehört. Nadine legte ihren Stylus ab und richtete sich auf. Ich machte meinen Rücken gleichfalls gerade, als ich schnelle, feste Schritte durch den Hof hallen hörte.

Nadine rauschte an mir vorbei.

»Du bleibst hier«, befahl sie streng, ehe sie hinter der Hecke am anderen Ende des Hofs verschwand.

»Wie immer«, hörte ich, »ist es ein Vergnügen, Eure Hoheit.«

Mein Herz pochte wie wild. Ich konnte hören, wie sie miteinander murmelten – Nadine und jemand aus dem königlichen Haushalt. Sehr groß war die Familie nicht. Der Vathek-König, König Mathis, hatte nur ein Kind mit seiner andalaischen Braut: Prinzessin Maram, von der es hieß, dass sie genauso Vathek-typisch grausam war wie ihr Vater, ungeachtet der Tatsache, dass sie halb Kushaila war. König Mathis’ Königin war einer Krankheit erlegen, und das bereits während der Säuberung – so bezeichnete man die Auslöschung der Salihis, der mächtigsten andalaischen Familie, die sich der Machtübernahme durch die Vathek widersetzt hatte.

»Knie«, sagte Nadine hinter mir.

Ungelenk sank ich auf die Knie.

»Na, da hast du einiges an Arbeit vor dir, nicht wahr?«, erklang eine zweite Stimme. Sie war kultiviert und schroff wie die von jemandem, der es gewohnt war, andere mit Worten zu vernichten.

Ich spürte förmlich, wie sich ein Blick in meinen Hinterkopf bohrte, bevor ich Stoff wie von weiten Röcken rascheln hörte und klimpernden Schmuck, als sie im Bogen um mich herumging. Unten war ihr Rock dunkelrot, bestickt und von Schwarz durchwirkt. An einem goldenen Gürtel in ihrer Taille baumelten mehrere lange dünne Ketten, die hin und her schwankten und gegeneinanderschlugen, als sie vor mich trat.

Mein Blick begegnete ihrem, und mir entfuhr ein Laut, der gleichzeitig Schluchzen und Lachen war. Es war, als würde ich in einen Spiegel sehen. Das Mädchen hatte meinen Mund und die gleichen dunklen Augen, nur dass ihre von Kajal umrahmt waren. Das gleiche Kinn, die gleichen Wangen, allerdings waren ihre voller, wohlstandsgerundet sozusagen. Seit Langem hatte niemand in Cadiz mehr ein Bild von der Prinzessin gesehen. Ihr Vater hielt sie auf Luna-Vaxor versteckt, der eigentlichen Welt der Vathek, außer Sicht und außer Gefahr. Trotzdem wusste ich, dass ich vor Maram vak Mathis stand, ihrer königlichen Hoheit, der Prinzessin der Vath.

Und sie sah genauso aus wie ich.

Hol dir jetzt »Mirage« und tauche ein in die Welt von Amani und Idris!

Jetzt
kaufen
15,00 €

»In diesem Debüt steckt alles, was es braucht, um das nächste große Ding im Bereich Fantasy / SciFi zu werden!«

School Library Journal, Starred Review

»Die Figuren fühlen sich an, als ob sie schon lange vor der Geschichte existiert hätten. Und die reich ausgestaltete Welt ist so wunderschön wie grausam.«

Veronica Roth

.

.