Alexandra Borchardt: Mensch 4.0 Frei bleiben in einer digitalen Welt | Leseprobe read’n’go

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Mensch 4.0

Die digitale Welt verändert nicht nur Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, sie schafft auch einen neuen Menschen. Ständig vernetzt scheint er der Mittelpunkt eines selbst gestalteten Universums der Freiheit zu sein.
Wie verändern die neuen Technologien unsere Möglichkeiten in der Welt und der Gesellschaft aber tatsächlich?
Sind wir freier oder werden wir nur manipuliert, abgelenkt und benutzt? Können wir mehr mitbestimmen oder werden wir zu nützlichen Idioten ökonomischer und politischer Interessen?
Diesen Fragen geht Alexandra Borchardt in ihrem Buch nach und zeigt: Freiheit gewinnen wir nur, wenn wir aufmerksam sind. Es ist nötig und auch möglich, die digitale Welt selbstbestimmt zu gestalten.

Die Autorin

Dr. Alexandra Borchard, geb. 1966, arbeitet am Reuters Institute for the Study of Journalism an der University of Oxford als Director of Strategic Development. Außerdem ist sie Autorin und Keynote-Speakerin und war mehr als zwei Jahrzehnte lang im tagesaktuellen Journalismus tätig, zuletzt als Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung.

WIR SIND IMMER »ONLINE«

Was ein Segen sein soll, wird zuweilen zum Fluch. Die Atomkraft zum Beispiel sollte die Menschheit von Energiesorgen und schlechter Luft befreien, heute steht sie für unkalkulierbare Gefahren und ein gigantisches Altlastenproblem. Das Auto hat die Stadtentwicklung revolutioniert, seinen Besitzern Bewegungsfreiheit geschenkt, heute ersticken Großstädte und ihre Bewohner in Staub- und Abgaswolken und ertauben unter Lärmteppichen. Stadtbilder und Landschaften verkümmern ob des Zwangs zum Parkplatz- und Straßenbau. Einmal entfesselt lassen sich viele Technologien, die Probleme lösen, nur noch schwer einfangen, auch wenn sie andere, womöglich folgenreichere Schwierigkeiten erst kreieren. Was eigentlich befreien sollte, hat neue Zwänge geschaffen. Es sind dann neue Erfindungen gefragt, die den alten ihren Charme nehmen, solche technischer, aber auch politischer Art. Menschen, die sorglos schädliche Produkte gebraucht haben, müssen umlernen.
Auch das Internet sollte ein Segen sein. Als großartige Befreiungstechnologie hatten es seine Erfinder betrachtet, die das Individuum an die Welt anschließt. Auf diese Weise sollte es erstmals jedem Menschen mit Netzanschluss möglich sein, die Welt auch zu beeinflussen. Was den Anschluss angeht, hat das überraschend gut funktioniert. Zwar gibt es immer noch einen beträchtlichen digitalen Graben: Von den ungefähr 7,5 Milliarden Erdbewohnern hat bislang erst ungefähr jeder zweite Zugang zum Internet. Aber Dank des Smartphones, das den Computer auf Jackentaschenformat geschrumpft hat, haben Menschen in manchen armen Ländern mehr Schwierigkeiten, an sauberes Trinkwasser zu kommen als an eine Internet-Verbindung.
Die revolutionäre Technologie löst allerdings derart gewaltige Nebenwirkungen aus, dass heute selbst ihre Erfinder entsetzt sind. Tim Berners-Lee, einer der Väter des World Wide Webs, äußerte sich im März 2017 – fast 30 Jahre nachdem er die erste Website freigeschaltet hatte – entsetzt über die Auswüchse der digitalen Welt.
Menschen hätten die Kontrolle über ihre persönlichen Daten verloren, falsche Informationen verbreiteten sich rasant und Wähler würden durch Werbung an der Nase herum geführt, wetterte er in einem Gastbeitrag. Aus der Demokratisierungs-Maschine ist eine Maschine geworden, die Demokratie und Menschenrechte aushöhlen kann. Staaten und mächtige Konzerne missbrauchen persönliche Daten, Hassrede traumatisiert ihre Opfer. Eine neue Klassengesellschaft entsteht: Die Welt teilt sich in die Besitzer der Daten und die von ihnen Abhängigen, in die Ausspäher und die Ausgespähten. Wie konnte es dazu kommen?

Macht die digitale Welt uns freier?

Individualisierung: Es geht um mich

Digitalisierung treibt die Individualisierung voran. Es geht um mich, und zwar auf Schritt und Tritt. Unternehmen vermitteln ihren Kunden das, indem sie ihnen rund um die Uhr vermeintlich passgenaue Produkte anbieten. Von der Stange war einmal, persönlich konfiguriert muss es sein. Und die Technologie macht es möglich. Die automatische Analyse der Daten, die der Kunde auf Schritt und Tritt sendet, ermöglicht es, ein immer detaillierteres Persönlichkeitsprofil zu erstellen. Man will aber nicht den Bürger genau kennen, sondern den Konsumenten.
Vordergründig geht es dabei darum, das Individuum zufriedenzustellen, indem Software seine vermeintlichen Wünsche in den Mittelpunkt rückt. Ziel ist es aber natürlich, Bedürfnisse erst zu wecken. Der Hunger nach Mehr, nach einer noch schöneren Reise, einer lukrativeren Karriere, einem noch beeindruckenderen Haus wächst im Leben des Menschen, dem ständig suggeriert wird, alles sei nur ein paar Tastenklicks oder Wischbewegungen entfernt.
Ein ähnlicher Mechanismus wirkt in der Welt der so genannten sozialen Netzwerke. Jeder, der sich dort hineinbegibt, wird in der großen Ich-Maschine Internet Täter und Opfer zugleich. Schließlich geht es stets um das persönliche Profil, je detaillierter, desto besser. Und kaum jemand, der erst einmal eingestiegen ist, kann sich dem Sog entziehen, möglichst viele Follower und Likes auf der Plattform seiner Wahl einzusammeln. Gelingt das, dann ist man drin in der Spirale. Denn wenn einen viele mögen, muss man ja irgendwie bedeutend sein, ein gutes Gefühl. Bald aber stellt man fest, dass andere offenbar noch viel mehr gemocht werden. Also geht es ans Eskalieren: ein noch witzigerer Tweet, ein noch schlauerer Verweis auf ein kluges Essay, ein noch cooleres Urlaubsbild müssen her.
Wer Mädchen im Teenageralter schon einmal dabei beobachtet hat, mit welcher Hingabe und Ausdauer sie über die App Musically Tanzszenen von sich selbst aufzeichnen und hochladen, um sie dann mit der Performance von Freundinnen abzugleichen, begreift den perfiden Mechanismus dieser Ich-Welt: Einerseits wird die eigene Bedeutung überhöht – auch du kannst ein Superstar sein, andererseits nagt der permanente Vergleich am Selbstwertgefühl. Ist jemand anderes womöglich cooler, beliebter, fantasievoller als man selbst?
Nicht jedem gelingt es dabei, Online-Persönlichkeit und Offline-Leben auseinanderzuhalten. Wer sich in der Netzwelt als Superstar fühlt, mag sich in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis womöglich nicht mehr damit abfinden, ein ganz normales Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Die Frustrationstoleranz sinkt, denn die Erfahrung schmerzt: Geht es womöglich doch nicht nur um mich?

Welche Macht haben die Algorithmen von Amazon, Google & Co über uns?

»Ob die digitale Welt uns freier macht, bestimmen wir.« (Alexandra Borchardt)

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