Tallent: Mein Ein und Alles | Leseprobe read’n’go

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Begleite Turtle auf der Flucht vor ihrem Vater hin zu sich selbst

Turtle Alveston ist eine der unvergesslichsten Heldinnen der jüngeren Literatur. Die 14-Jährige wächst weltabgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf, wo sie jede Pflanze und jede Kreatur kennt. Auf ihren tagelangen Streifzügen in der Natur sucht sie Zuflucht vor der besitzergreifenden Liebe ihres ebenso charismatischen wie obsessiven Vaters Martin. Erst als sie Jacob, einen Jungen aus ihrer Schule, näher kennenlernt und wahre Freundschaft erfährt, beginnt sie sich langsam aus seinen Klauen zu lösen. Aber Martin kann und will seine Tochter nicht loslassen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod.

Das alte Haus kauert auf seinem Hügel, abblätternde weiße Farbe, Erkerfenster und von Kletterrosen und Gifteiche überwucherte hölzerne Spindelgeländer. Rosenausläufer haben Schindeln losgerissen, die nun zwischen den Trieben festhängen. Die geschotterte Auffahrt ist mit grünspanigen Patronenhülsen übersät. Martin Alveston steigt aus dem Truck, er dreht sich nicht zu Turtle um, die im Führerhaus sitzt, sondern geht zur Veranda hinauf. Die Planken unter seinen Kampfstiefeln tönen hohl, ein großer Mann in Flanellhemd und Levi’s-Jeans, der die gläserne Schiebetür öffnet. Turtle wartet, lauscht dem Ticken des Motors, dann folgt sie ihm.
Turtle hüpft auf den Küchentresen – grießige Redwoodplatte, von alten Hammerabdrücken eingefasste Nägel. Sie zieht eine Sig Sauer zwischen den leeren Dosen hervor und öffnet den Verschluss ein Stück, um einen Blick auf das Messing in der Kammer zu werfen. Sie legt die Pistole an und dreht sich um, weil sie seine Reaktion sehen will. Er steht da, mit einer Hand an die Küchenschränke gelehnt, und lächelt müde, ohne aufzuschauen.

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Sie sitzen auf dem Adirondack-Stuhl, Turtle auf seinem Schoß, in seinem Arm, und sie betrachten die Wolken, die in Reihen auf sie zukommen. Die untergehende Sonne beleuchtet einen Kranz aus aquamarinblauem und violettem Meer. Die Felsnadeln ragen als beinahe schwarze Umrisse auf. An ihren weißgewaschenen Flanken warten die Kormorane, die Flügel der untergehenden Sonne entgegengestreckt. Sein Bizeps hat eine größere Spannbreite als ihre Hände vom Daumen bis zum kleinen Finger. Die quer darüber verlaufenden Adern sind dicker als ein Fingerabdruck von ihr.
Sie hüpft von seinen Knien hinunter, und er steht auf und schaut zu ihr herunter, und ein Zucken durchläuft sein Gesicht. Er lässt sich auf ein Knie nieder und nimmt sie in die Arme.
»Gott«, sagt er. »Gott. Himmelherrgott, Krümel. Nimm dich in Acht. Mein Gott.« Er hält sie fest, und sie steht da, ihre Taille von seinen Armen umfangen. »Wie groß du bist«, sagt er, »wie stark. Mein Ein und Alles. Mein Ein und Alles.«
»Ja«, sagt sie.
»Nur meins?«
»Nur deins«, sagt sie, und er presst seine Wange gegen ihre Hüften, presst sie eindringlich an sie, blickt zu ihr herauf, die Arme um ihr Kreuz geschlossen.
»Versprochen?«, sagt er.
»Versprochen«, sagt sie.
»Von niemandem sonst?«
»Von niemandem sonst«, sagt sie.
Er saugt ihren Duft tief ein, schließt die Augen. Sie lässt sich von ihm halten. Weil er sie nicht gefunden hat, hat sie geglaubt, er habe nicht nach ihr gesucht. Sie hat angenommen, er habe einfach darauf gewartet, dass sie zu ihm zurückkehrt. Aber jetzt steht sie da, von seinen Armen umschlossen, schaut auf seine schlammigen Stiefelabdrücke und denkt: Du bist hinter mir hergekommen und hast mich nicht gefunden. Sie hat immer geglaubt, er könne sie überall finden, könne jede ihrer Bewegungen besser als sie selbst vorausberechnen. Sie denkt: Es wäre besser gewesen, du hättest es mir gesagt, Daddy, und wir hätten darüber gelacht. Du hättest einen Scherz darüber machen können. Du hättest sagen können: »Wie groß und stark du bist, wie spurlos deine Wege sind.« Sie denkt: Du hättest etwas sagen sollen, statt mich diesen Matsch sehen und mich selbst darauf kommen zu lassen, dass du mir gefolgt bist und mich nicht erwischt hast und dass dir darum nichts anderes übrigblieb, als hierher zurückzukommen und auf mich zu warten. Sie denkt: Ich hätte dich nicht dafür verachtet, wenn du es mir einfach gesagt hättest.

Es ist Jacob Learners T-Shirt. In der Mitte ist eine mit Stacheldraht umwickelte Kerze abgebildet. Darüber ein Sternenbogen. Auf dem T-Shirt steht AMNESTY INTERNATIONAL. Sie sitzt da und kaut auf ihren Fingern herum, die nackten Beine auf dem kalten Holzboden gespreizt, umgeben von den matschigen Abdrücken ihrer Fersen. Sie legt die Hände auf das T-Shirt.

»Was ist?«, fragt er, dreht sich um, lässt sich auf ein Knie herunter und streicht ihre Haare hinter ihr Ohr zurück. »Was ist?«
Sie beißt die Zähne aufeinander.
»Komm schon«, sagt er in einem gefährlich ungeduldigen Tonfall, der ihre Entschlossenheit nur noch wachsen lässt.
»Sprich mit mir«, sagt er, noch immer neben ihr kniend. Sie liegt reglos da. »Krümel«, sagt er, »lass die Spielchen.«
Als sie nicht antwortet, steht er auf und geht zu ihrem Bett hinüber. Zu ihren Gewehren auf den Wandhaken. Ihrer säuberlich zusammengelegten Wolldecke. Dem Schlafsack mit dem geöffneten Reißverschluss. Er hebt den Schlafsack an, hebt jede der Decken an, wiegt sie in seinen Händen. Er geht um das Bett herum, setzt sich ans Fußende. Er öffnet die Reisetruhe. Turtle richtet sich erschrocken auf. »Aaah«, macht er und presst die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Er beugt sich vor, durchwühlt den Inhalt der Truhe und zieht das T-Shirt heraus. Er hält es wie etwas, von dem er nicht weiß, was es ist, führt es an sein Gesicht und riecht daran. Turtle sieht ihm vom Boden aus zu. Er erhebt sich und geht aus der Tür, das T-Shirt über einen Arm gelegt, und einen Augenblick lang tut sie gar nichts. Dann springt sie auf, rennt hinter ihm her und kreischt: »Nein, Daddy, nein!«
Sie folgt ihm in den schlammigen Garten. Das bewegungsgesteuerte Licht fällt auf die überschwemmte Einfahrt und die Schwärze dahinter, den zwischen ihren Zehen schmatzenden Schlamm und das eisige Gras unter ihren Füßen. Ihr Vater geht zu den 200-Liter-Fässern, in denen sie ihren Müll verbrennen, und er greift in das bis zum Rand stehende Wasser, und mit einem von Aschewasser benetzten Arm zieht er den Schürhaken heraus und lässt das T-Shirt an seinem ausgestreckten Arm vom Zinken des tropfenden Hakens baumeln. In der anderen Hand hält er eine Flasche Butan, mit der er das T-Shirt schweigend von oben bis unten bespritzt, und sie rennt zu ihm, schmeißt sich auf ihn und trommelt mit den Fäusten auf seine Brust. Er stemmt die Füße auf den Boden und lässt es über sich ergehen, während das T-Shirt das Butan aufsaugt. Dann klappt er das Benzinfeuerzeug auf und hält die Flamme an den schmutzigweißen Stoff. Mit einem Geräusch, als würde jemand nach Luft schnappen, fängt das T-Shirt Feuer, und Turtle hält inne und sieht zu, wie der Stoff schwarz wird und Rußflocken mit kleinen Glutpunkten darin in der Luft aufsteigen. Sie kreiseln kurz, sinken dann und überziehen verglühend das Gras und den Matsch. Das T-Shirt ist nicht ganz vollständig verbrannt, und er schleudert es mit dem Haken verächtlich ins Wasser. Es treibt kurz auf der Oberfläche, dann geht es unter.
»Du gehörst mir«, sagt er, schwingt den Schürhaken und trifft sie am Arm, und sie landet bäuchlings im Matsch, ihr linker Arm ist taub, die Schulter fühlt sich wie gebrochen an, und sie versucht, aufzustehen, bekommt eine Hand unter ihren Körper und stemmt sich hoch, und er setzt einen Stiefel auf ihren Rücken und drückt sie zu Boden.

Das sagt die Presse

»Ein Buch, das man mit angehaltenem Atem verschlingt.«
The Washington Post

»Der Begriff ‘Meisterwerk’ wird zu häufig benutzt, doch ›Mein Ein und Alles‹ ist ohne jeden Zweifel eines.«
Stephen King

Über den Autor

Gabriel Tallent, geboren 1987 in New Mexico, wuchs in der Nähe von Mendocino mit zwei Müttern in einem sehr liberalen Umfeld auf. Nach seinem Universitätsabschluss 2010 führte er zwei Sommer lang Gruppen mit Jugendlichen durch die Wildnis der Nordpazifischen Küste. Gabriel Tallent lebt heute in Salt Lake City.

Dieser Roman über ein junges Mädchen hat Amerikas Leserschaft überwältigt und gespalten.

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