Lina Bengtsdotter: Löwenzahnkind | Leseprobe read’n’go

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Sie ist Stockholms beste Ermittlerin – doch sie hat Leichen im Keller ...

Gullspång, eine Kleinstadt in Westschweden. Als in einer heißen Sommernacht die siebzehnjährige Annabelle spurlos verschwindet, ist schnell klar, dass Verstärkung angefordert werden muss. Mit Charlie Lager schickt die Stockholmer Polizei ihre fähigste Ermittlerin – doch was die Kollegen nicht wissen dürfen: Die brillante Kommissarin ist selbst in Gullspång aufgewachsen. Je tiefer Charlie nach der Wahrheit hinter Annabelles Verschwinden gräbt, desto mehr droht das Netz aus Lügen zu reißen, das sie um ihre eigene, dunkle Vergangenheit gesponnen hat. Doch die Zeit drängt – sie muss Annabelle finden, bevor es für sie beide zu spät ist …

Sunday Times

»Ein Weltbestseller«

In jener Nacht

Nebel stieg über den Wiesen auf, Grillen zirpten am Wegesrand. Das Mädchen wankte den Schotterweg entlang. Sie hätte weinen sollen, doch die Tränen wollten nicht kommen. Wie spät war es? Elf? Zwölf? Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Fast halb eins. Mama würde ausflippen. Sie würde sie in der Haustür abpassen, an den Schultern packen und schütteln und sie anbrüllen, wo sie gewesen sei. Dann würde sie die Kratzer sehen, das Blut, das zerrissene Kleid. Wie sollte sie das nur erklären?
Sie war so in Gedanken versunken, dass sie die Gestalt vor sich erst bemerkte, als diese nur noch wenige Meter entfernt war. Zuerst schrie sie laut, doch als sie das Gesicht erkannte, atmete sie erleichtert auf.
»Ach, du bist es«, sagte sie undeutlich.

»Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt.«

Ein Ort mit einer dunklen Vergangenheit

Das Tageslicht überraschte Charlie, als sie auf die Straße trat, und sie musste sich kurz sammeln, bis sie wusste, wo sie sich befand. Östermalm, Skeppargatan. Mit dem Taxi wäre sie in fünf Minuten daheim. Sie sah sich um, doch als nirgends ein Taxi zu sehen war, ging sie zu Fuß.
Nach zwei Häuserblöcken klingelte ihr Handy. Challe, ihr Chef, war dran.
»Bist du beim Joggen?«, fragte er.
»Ja, irgendwie muss man sich ja fit halten. Bist du bei der Arbeit?«
»Ja, wenn man schon in aller Herrgottsfrühe aufsteht, kann man auch zur Arbeit gehen.«
Charlie lächelte. Ihr Chef und sie hatten dieselbe Arbeitsmoral. Ansonsten unterschieden sie sich in vielen Punkten, und wenngleich er es nie vor anderen zugab, schien er im Gegensatz zu gewissen älteren Kollegen nie an ihren beruflichen Fähigkeiten zu zweifeln. Auch wenn es sie wahnsinnig machte, dass er nie ihre Partei ergriff, wenn sie wegen ihres jungen Alters oder Geschlechts dumm angemacht wurde. Doch dann war sie stolz, wenn er sie unter vier Augen seine fähigste Ermittlerin nannte.
»Was ist los?«, fragte Charlie.
»Kannst du später reinkommen?«
Kälte breitete sich in Charlies Brust aus. Hatte sie heute Dienst? Hatte sie nur geträumt, dass Challe ihr gesagt hatte, sie solle freinehmen?
»Ich weiß, dass ich gesagt habe, du sollst heute daheimbleiben«, fuhr er fort. »Und ich weiß, dass wir gerade eine Hitzewelle haben, aber es ist etwas passiert. Hast du schon die Titelseiten gelesen?«
»Die Titelseiten?« Charlie hatte noch nicht einmal Nachrichten auf dem Handy gelesen.
»In Västergötland ist ein siebzehnjähriges Mädchen verschwunden.«
»Seit wann?«
»Seit der Nacht von Freitag auf Samstag. Die Landeier da unten dachten zuerst, das Mädchen sei freiwillig untergetaucht, und haben deshalb nichts unternommen. Doch jetzt gibt es neue Hinweise, dass ein Verbrechen vorliegen könnte.«
»Was für Hinweise?«
»Das Übliche, sie hat ihr Handy nicht verwendet, ihre Kreditkarte nicht benutzt.«
»Wo in Västergötland?«, fragte Charlie.
»In Gullspång.«
Charlie blieb stehen. Ihr Chef erzählte weiter von dem verschwundenen Mädchen, doch sie hörte nicht mehr zu.
In ihren Ohren hallte ein Wort wider: Gullspång.
»Charlie? Bist du noch dran?«
»Ja.«
»Du und Anders fahrt dahin. Tut dir vielleicht ganz gut, mal rauszukommen.«
Jetzt, dachte Charlie. Jetzt sage ich, dass ich da nicht hinfahren kann.
»Charlie?«
»Okay«, hörte sie sich sagen.
»Ich fahre.«

»In Västergötland ist ein siebzehnjähriges Mädchen verschwunden.«

Die Frau ohne Vergangenheit

»Hast du dich über den Ort informiert?«, fragte Anders. Sie waren mittlerweile auf der Schnellstraße, und Charlie ärgerte sich über seine ungleichmäßige Fahrweise. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, die wachsende Übelkeit zu unterdrücken, indem sie auf die Straße blickte und nicht an all das dachte, was sie am vorherigen Tag zu sich genommen hatte. Sie hatte sich vorgenommen, nur Bier zu trinken (mit diesem Versprechen an sich selbst begann es immer).
»Was glaubst du, was mit dem Mädchen passiert ist?«, fragte Anders. »Es ist zu früh, etwas dazu zu sagen.« »Hast du noch etwas anderes Interessantes gelesen?«, fragte Anders. »Das war kein leer stehendes Haus. Die Party. Sie fand in einem aufgegebenen Dorfladen statt.« War das wichtig, fragte Anders, um was für ein Haus
es sich handelte?
Nicht für einen Außenstehenden, dachte Charlie, nicht für jemanden, der nicht dort seinen ersten Drink getrunken, dort nicht geknutscht hatte, die Treppen hinuntergefallen war und auf den Boden gekotzt hatte. Für jemanden, der an einem anderen Ort auf der Welt aufgewachsen war, spielte es keine Rolle. Doch für sie … für sie war es von Bedeutung.
Ihr Handy klingelte. Charlie warf einen Blick auf das Display und erkannte das H. Warum machte ihr das eigentlich immer noch Hoffnung? Liebe oder Leidenschaft oder was auch immer es war, konnte einen wirklich zum Idioten machen. »Wenn du nicht rangehen willst, stell es wenigstens auf lautlos«, beschwerte sich Anders. Charlie gehorchte und schaltete das Telefon auf stumm. »Wer war das?«, fragte Anders. »Geht dich das was an?« »Ich dachte, dass es vielleicht um die Arbeit geht.« »Das hätte ich gesagt.« »Es ist nur … du bist so geheimnistuerisch«, sagte Anders. »Also, noch mehr als sonst, meine ich.« »Das liegt an dem Ort«, erklärte Charlie nun doch. »Gullspång. Ich habe früher dort gewohnt.« »Was willst du damit sagen?« »Dass ich dort früher einmal gewohnt habe.« »Und das sagst du jetzt erst?« Anders warf ihr einen Blick zu, als ob sie nicht ganz richtig im Kopf wäre. »Das ist eine Ewigkeit her.« »Das ist unwichtig. Dort bist du also aufgewachsen?« »Ja.« »Und wie war das so?« »Wie in jeder anderen schwedischen Kleinstadt«, erwiderte Charlie. »Junge Mütter, schlechte Zähne, hohe Arbeitslosigkeit. Ich war seit beinahe zwanzig Jahren nicht mehr dort.« Anders’ nächste Fragen beantwortete sie immer kürzer angebunden. »Die Frau ohne Vergangenheit«, sagte er schließlich.

Man kann das Mädchen aus dem Dorf holen, aber nicht das Dorf aus dem Mädchen.

Der Geruch der Kindheit

Die Ortsmitte von Gullspång wirkte wie eine Geisterstadt. Aufgegebene Geschäfte, eingeschlagene Fensterscheiben, die Titelseite mit Annabelles Konterfei flatterte an den Straßenlaternen. Ohne die Menschenansammlung in den gelben Warnwesten vor dem örtlichen ICA-Supermarkt hätte man glauben können, dass hier niemand mehr lebte. Vor dem Geschäft stand noch immer die alte Holzbank, auf der drei abgerissene Männer mit Bierdosen saßen.
Charlie wünschte sich, sie wäre allein im Auto. Wenn sie im Traum nach Gullspång zurückgekehrt war, war sie immer allein gewesen. Es erschien ihr so unwirklich, alles wiederzusehen. Die heruntergekommenen Hausfassaden, das Lebensmittelgeschäft, den Kiosk, die Konditorei, die mittlerweile geschlossen war. Für Außenstehende war das vermutlich einfach ein tristes, verlassenes Ortszentrum, aber für sie … Es kribbelte in der Nase. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Sie könnte so tun, als handele es sich um irgendeine Kleinstadt, als würde sie die Gebäude, den Fluss, die Wege nicht kennen, als wäre sie zum ersten Mal hier. War das überhaupt möglich? Ein Satz ging ihr immer wieder durch den Kopf. Man kann das Mädchen aus dem Dorf holen, aber nicht das Dorf aus dem Mädchen. »Was zum Teufel ist das denn?«, fragte Anders, als sie an dem großen alten Schmelzwerk vorbeifuhren, das einen Großteil des Zentrums einnahm. »Ein Schmelzwerk.« »Ist das noch in Betrieb?« »Sieht es danach aus?« Charlie blickte zu der rostigen Wellblechfassade und den hohen Schornsteinen. »Das ist ja ein echter Schandfleck. Das kann man doch nicht einfach so stehen lassen und dann noch in der Ortsmitte? Wenn es nicht mal mehr in Betrieb ist?« Charlie sah das Gebäude zum ersten Mal mit fremden Augen und musste zugeben, dass es tatsächlich unglaublich hässlich war. Als sie noch hier gewohnt hatte, hatte sie nie darüber nachgedacht. Es war einfach immer da gewesen. »Wenn du von hier bist«, sagte Anders, »dann weißt du doch sicher, wo das Hotel liegt.« »Es gibt keins. Zumindest gab es keins, als ich hier noch gewohnt habe.« »Aber Challe hat doch gesagt …« »Es gibt ein Motel«, erklärte Charlie und deutete auf ein gelbes Gebäude die Straße entlang. »Wo liegt der Unterschied zwischen einem Hotel und einem Motel?« »Das wirst du gleich sehen. Fahr hier rein.« Anders parkte vor dem Motel und schaltete den Motor aus. »Was riecht hier denn so?«, fragte er, als sie ausstiegen. Charlie holte tief Luft und roch … »Scheiße?«, fragte Anders. »Ist das Gülle von den Feldern?« »Nein, das kommt aus der Papierfabrik.« »Gibt es die etwa auch hier?« »Nein«, meinte Charlie, »die ist dreißig, vierzig Kilometer entfernt, aber wenn der Wind ungünstig steht, riecht man sie bis hierher.« Sie hatte diesen ganz speziellen Geruch vergessen, doch jetzt erinnerte sie sich, dass man die Wäsche nicht zum Trocknen ins Freie hängen konnte, wenn der Wind von Norden kam. »Wie ätzend«, sagte Anders, »nach draußen zu kommen und dann das hier zu riechen.« »Ich mag den Geruch«, entgegnete Charlie. »Er erinnert mich an meine Kindheit.« »Du scheinst ja eine tolle Kindheit gehabt zu haben.« »Ich möchte übrigens nicht, dass du irgendjemandem erzählst, dass ich hier aufgewachsen bin.« »Warum nicht?« »Weil es nicht wichtig ist. Außerdem fürchte ich, dass es alles nur verkomplizieren würde.« »Aber wird man dich hier nicht erkennen?« Charlie schüttelte den Kopf. Das glaubte sie nicht. Es waren viele Jahre vergangen.

Die Autorin

Lina Bengtsdotter wuchs in der schwedischen Kleinstadt Gullspång auf, die sie zum Setting ihrer Thriller-Trilogie machte. »Löwenzahnkind«, der erste Teil der Charlie-Lager-Serie, wurde zu einem Sensationserfolg: Es war das bestverkaufte Debüt 2017 in Schweden und erscheint in 20 Ländern. Lina Bengtsdotter lebt heute in Stockholm.

Eine Frage an Lina Bengtsdotter

Gullspång ist ein Ort, den es tatsächlich gibt. Wie war es für Sie, dort aufzuwachsen? Was hat Sie dazu inspiriert, »Löwenzahnkind« zu schreiben?

Als ich jung war, verschwand ein Mädchen aus einem Nachbardorf von Gullspång. Meine Freunde und ich sprachen oft darüber, was ihr passiert sein könnte. Ich glaube, dass mich dieses noch immer ungelöste Rätsel sehr beeinflusst hat. Ich denke nicht, dass ich »Löwenzahnkind« hätte schreiben können, wenn ich nicht in Gullspång aufgewachsen wäre. Dort sind so viele Dinge passiert. Gullspång ist ein Ort der Extreme: Er ist umgeben von schöner Natur, doch Fabrikanlagen und verlassene Häuser prägen das Stadtbild. Es ist eine kleine Gemeinde, wo es nicht immer einfach war, aufzuwachsen. Aus Mangel an Alternativen schmissen meine Freunde und ich unsere eigenen Partys in einem alten Dorfladen (genau dem, über den ich in »Löwenzahnkind« schreibe). Wir tranken damals eine Menge Alkohol und stellten gefährliche Sachen an. Aber auch wenn meine Jugend manchmal ziemlich hart war, denke ich doch mit warmen Gefühlen an Gullspång zurück. Ich erinnere mich noch, als Teenager gedacht zu haben: Eines Tages werde ich über all das hier schreiben.

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