Eithne Shortall: Liebe in Reihe 27 | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

 

Cora hat den Glauben an die Liebe aufgegeben. Zumindest was sie selbst betrifft. Deshalb versüßt sie sich ihren Job am Check-in-Schalter des Londoner Flughafens damit, Singles hoch über den Wolken zu verkuppeln. Mithilfe der glamourösen Flugbegleiterin Nancy macht Cora die Reihe 27 zu einem Liebeslabor. Dort findet sich bei jedem Flug ein Passagier ganz unverhofft neben seinem potenziellen Traummann oder seiner Traumfrau wieder. Die Verwicklungen sind vorprogrammiert, auch mit Vielflieger Aidan, der nicht so durchschaubar ist, wie er scheint. Wird Cora selbst irgendwann wieder auf Wolke (2)7 schweben?

 

Es war der letzte Julitag, und Cora arbeitete erst seit knapp einem Monat bei der Fluggesellschaft. Sie hatte kaum Zeit gehabt, sich einzugewöhnen, als das Embargo den gesamten Flughafen Heathrow in ein völliges Chaos stürzte. Sie fertigte gerade die endlose Schlange der zunehmend gereizten Passagiere ab und tat ihr Bestes, den Eindruck zu vermitteln, als hätte sie alles unter Kontrolle, als sich eine vollbepackte Dame näherte und ein kleines Aufnahmegerät auf Coras Schalter legte.

»Das ist für meinen Podcast.« Die Frau betätigte einen Schalter an der Seite des Geräts und ließ ihren Wust an Taschen auf den blitzblanken Flughafenboden fallen. »Keine Sorge. Das hört sich sowieso niemand an. Mein Podcast läuft jetzt schon seit knapp einem Jahr, und bis jetzt hatte ich nicht mehr als drei Zuhörer.« Die Frau steckte ihren Kopf in eine überquellende Handtasche und kramte nach ihrem Reisepass. »Und obwohl sie behauptet, dass sie das nicht ist, weiß ich genau, dass meine Mutter eine davon ist … Gefunden!«

Cora nahm den zerfledderten Reisepass entgegen und tippte die Daten der Frau ein. »Und um was geht es in Ihrem Podcast?«

»Es ist eine Buch-Reise-Sendung. Ich habe mir immer gesagt: ›Trish, du musst mehr reisen und du musst mehr lesen.‹ Als dann mein Freund mit mir Schluss gemacht hat – über den ich übrigens total weg bin, don’t cry for me, Argentina – habe ich beschlossen, das als Chance zu sehen. Endlich kann ich all das tun, was ich immer tun wollte.«

»Lesen und reisen?«

»Genau. Und es ist mir egal, wenn niemand sich das anhört. Ich vergesse und verliere ständig Sachen, da ist es gut, alles aufzuzeichnen. Das hier« – sie tippte das Mikro an – »ist quasi die mündlich überlieferte Geschichte einer befreiten, sprich emanzipierten, jungen Frau.«

»Klingt toll«, sagte Cora aufrichtig. Ihr altes Ich hätte gerne etwas Ähnliches gemacht, doch als Cora »befreit« wurde, um den euphemistischsten aller Euphemismen zu verwenden, hatte sie eher den klischeehaften Weg eingeschlagen und sich in ein Häufchen Elend verwandelt.

»Ich lese tonnenweise Bücher, über die ich hier berichte, und wenn sie etwas taugen, versuche ich die Orte zu besuchen, an denen sie spielen. Die Sendung heißt ›Ganz viel Buch(en)‹ – falls Sie meine vierte Zuhörerin werden wollen.«

»Sitz 27B, Gate B«, sprach Cora vorgebeugt ins Mikro, als sie der Frau ihren Reisepass mit dem Flugticket darin zurückgab. »Und was ist das für ein Buch, das Sie nach Belfast führt? Ein Thriller?«

»Ehrlich gesagt habe ich hier ein wenig geschummelt. Ich habe mit dem Lesen der Game of Thrones-Bände zur gleichen Zeit angefangen wie mit dem Podcast. Mein Ex hat Fantasy gehasst, deshalb habe ich sie anfänglich einfach aus Trotz ausgesucht, aber inzwischen bin ich völlig vernarrt in die Reihe! Egal, doch da Westeros nicht wirklich existiert, habe ich mir gedacht, ich fliege nach Belfast, wo die Serie gedreht wurde. Das kommt dem wohl am nächsten.«

»Ehrlich gesagt hatte ich es nie so mit Science-Fiction.«

Die Frau hielt inne. »Das ist Fantasy.«

»Aha.«

»Da geht es nicht um Wissenschaft.«

»Das war mir nicht klar.«

»Das sind völlig unterschiedliche Genres.«

Cora schaffte es, den Augenkontakt abzubrechen. »Na schön, ich werde mir auf jeden Fall Ihre Sendung mal anhören.«

»Danke!« Die Frau stopfte ihr Aufnahmegerät zusammen mit ihrem Reisepass in einen ihrer vielen Rucksäcke. »Vermutlich sind Sie die Einzige!«

Sitz 27B, Gate B

Cora, die sich immer für das Leben anderer Menschen interessiert hatte, hatte gewusst, dass da noch etwas kommen würde. Und als ungefähr eine Stunde später jemand eine zerknitterte Ausgabe von George R. R. Martins Game of  Thrones auf ihren Schalter knallte, war sie wenig überrascht gewesen. Das musste Schicksal sein.

»Belfast, nehme ich an?«, fragte sie den lockigen Besitzer des Buches mit hochgezogener Augenbraue.

Der junge Mann sah verlegen drein. »Gibt es so viele Game of Thrones-Fans, die nach Nordirland fliegen? Hätte ich mir eigentlich denken können, dass ich nur einer von vielen bin«, meinte er und überreichte ihr die erforderlichen Dokumente. »Nach dem ersten Herr der Ringe-Film bin ich nach Neuseeland geflogen, da war die Hälfte der Hostels voll von britischen Fans.«

»Sie sind extra wegen eines Films nach Neuseeland geflogen?«

»Na ja, ins Auenland ging ja schlecht.«

Cora betrachtete den schlaksigen Mann, und irgendwo in den dunklen Tiefen seiner nervös zuckenden Augen ergab plötzlich alles einen Sinn. Ihr Kopf spulte zu der Podcast-Dame zurück, die von den ausgefransten Enden ihres Schals bis in die letzten Spitzen ihrer statisch aufgeladenen Haare enthusiastisch und abgekämpft gewirkt hatte. Aufmerksam betrachtete sie diesen Mann mit seinem unbeholfenen Lächeln und seinem entspannten Verhältnis zum eigenen Aussehen. Coras Blick scannte seine Finger – kein Ehering – und landete wieder auf dem sichtlich abgewetzten Wälzer auf ihrem Schalter. An diesem Flughafen, an diesem Tag, fand ihr Leben plötzlich seine Bestimmung. »Eine Frage«, sagte sie und bemühte sich, nicht zu übereifrig zu klingen, »würden Sie Game of Thrones zu Fantasy zählen?«

Der Mann lachte begeistert. »Hat Bilbo Beutlin behaarte Füße?«

»Ähm … ja?«

»Ja, natürlich, das ist doch völlig klar!«

Ihre neue Anstellung am Flughafen war für Cora kein Karrieresprung gewesen, sondern vielmehr ein Rettungsanker. Sie war nach zwei Jahren aus Berlin zurückgekehrt, nachdem sie sich aus einer Beziehung befreit hatte, die ihr das Herz zerrissen und die Eingeweide umgedreht hatte. Es fühlte sich an, als hätte jemand ihr Inneres so kräftig geschüttelt, dass alles durcheinandergeraten war. Cora war mit dem Wunsch nach Hause gekommen, Menschen zu helfen, aber alle darauf ausgerichteten Bereiche – Krankenpflege, soziale Arbeit, Beratung – waren ihr zu verantwortungsvoll, zu gewichtig erschienen, und sie hatte Angst gehabt, es zu vermasseln. Der Job bei Aer Lingus sollte ihr Zeit geben, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und sich zu fangen.

Wie konnte es sein, dass sie eine Woche gebraucht hatte, um zu erkennen, welche Chance sich direkt vor ihrer Nase auftat? Das Embargo war ein Geschenk des Himmels: kein Online-Check-in und keine Check-in-Automaten mehr, das hieß, dass alle Passagiere persönlich an den Schalter kommen mussten. Mit anderen Worten, ihr Schicksal – oder zumindest die Entscheidung, wo sie mehrere Stunden im Flugzeug sitzen würden – lag in ihrer Hand. Das Potenzial, Amor zu spielen, war schier endlos. Das war sie – das war ihre Chance, anderen Menschen zu helfen.

Cora prüfte den Sitzplan für den Flug nach Belfast und sah, dass Sitz 27A, der Platz direkt neben der Podcast-Lady noch frei war. Cora überreichte dem lockigen Typen das Flugticket, als ihr ein Zweifel kam. »Sie fliegen nicht mit Ihrer besseren Hälfte, oder?«

Er errötete. »Dafür müsste ich erst einmal eine haben, oder nicht?«

»Perfekt! Sie sitzen auf Platz 27A. Abflug ist an Gate B. Guten Flug!«

Das Beste am Fliegen

Für Cora war das Beste am Fliegen immer die große Frage gewesen, wer neben einem saß.

Jedes Mal, wenn sie am Abfluggate saß, schaute Cora sich um und überlegte, welchen der anderen Passagiere sie am liebsten als Sitznachbarn hätte. Man stelle sich nur einmal vor, man begegnete der Liebe seines Lebens in 12.000 Metern Höhe. Allein bei der Vorstellung geriet sie in Verzückung. Im Moment war Cora jedoch noch im Erholungsmodus, und eine solche Begegnung interessierte sie nicht. Aber für alle anderen waren die Möglichkeiten endlos, und nun saß sie am Hebel der Macht.

 

 

rügte ihre beste Freundin Nancy.

erwiderte Cora,

Das meiste, was sie über ihre Kuppelkandidaten wissen musste, konnte sie den Passagierdaten oder dem Internet entnehmen. In den sozialen Medien erfuhr man mindestens ebenso viele Dinge über einen Menschen wie auf einem Datingprofil. Und als Dankeschön für seine kostenlosen Stand-by-Flüge hatte ihr jüngerer Bruder Cian ein Computerprogramm entwickelt, das im Handumdrehen alle »ledigen« Passagiere markierte. Cora ließ das Programm über die Passagierliste für den Morgenflug nach Edinburgh laufen. Auf der Liste standen ein paar Männer Mitte zwanzig – zu jung, um bereits die Partnerin fürs Leben gefunden zu haben, aber alt genug, um offen für eine Beziehung zu sein, wie sie hoffte. Sie gab ein paar der Namen bei Facebook ein. Einige der Kandidaten fielen durch ihre Profilbilder (Selfie mit Freundin auf dem Berggipfel/vor dem Eiffelturm) und ihren Beziehungsstatus sofort durchs Raster.

Dann kam Andrew Small: Single, zweiundzwanzig Jahre, aus London, wohnhaft in Edinburgh. Seine Fotoalben zeigten einen gut aussehenden jungen Mann mit kräftigem schwarzen Haar. Laut Steckbrief stammte er aus einem Londoner Problemviertel, das nicht weit von Joans Wohngegend lag, studierte aber inzwischen Politikwissenschaften in Schottland. Andrew Small war der ideale Kandidat. Heterosexuell, da war sich Cora ziemlich sicher, obwohl das immer eine potenzielle Stolperfalle war.

Die ersten paar Check-ins waren wenig interessant: viele ältere Pendler und ein übernächtigt aussehender Junggesellenabschied auf dem Rückflug. Eine junge Frau näherte sich dem Schalter, den Reisepass griffbereit. Cora musterte sie rasch: bunte Strumpfhose, farbige Haarspitzen, Leinenrucksack. Eine potenzielle Anwärterin.

»Geschäftlich oder privat?«

»Nur ein Tagesausflug, ich will meinen Freund überraschen.«

Durchgefallen. Zwei weitere Kandidatinnen fielen ebenfalls durch – die erste, weil sie zu still war, um überhaupt mit ihrem Flugnachbarn ins Gespräch zu kommen, die zweite, weil sie in Leeds wohnte. Cora schwebte schließlich unsterbliche Liebe vor, da war der Standort ein wesentlicher Faktor.

Aber die dritte war ein Volltreffer. Cora wusste es bereits, als sie sie sah: Sie war die perfekte Unbekannte für Andrew Small.

»Hi«, sagte die junge, hochgewachsene Frau, deren glattes Haar ihr bis über die Schultern reichte und deren Nase mit Sommersprossen gesprenkelt war. Sie verkniff sich ein Gähnen und legte ihren Reisepass und einen Ausdruck ihrer Flugnummer auf den Schalter.

»Geschäftlich oder privat?«

»Ähm, geschäftlich«, antwortete das Mädchen, das ein T-Shirt einer Cora unbekannten Band sowie eng anliegende Jeans trug. Sie lächelte. »Ich freue mich, wieder heimzufliegen.«

Cora klappte den Reisepass auf: Rita MacDonald, Schottin, dreiundzwanzig, viel gereist.

»In Ordnung, Rita«, sagte sie, klappte den Reisepass zu und gab ihn ihr mit ihrem Flugticket darin zurück. »Du sitzt auf Platz 27A.«

»Ein Fensterplatz. Super.«

Während Rita sich auf den Weg zum Boarding machte und den Reisepass in ihrer Lederumhängetasche verstaute, trat Andrew Small an den Schalter. Er war größer, als es auf den Fotos den Anschein hatte, und beim Anblick seiner dunklen Haare juckte es Cora in den Fingern hineinzugreifen.

»Hallo«, begrüßte er sie und reichte ihr seinen Pass.

»Willkommen bei Aer Lingus, Andrew. Sitzplatz 27C, Gate B. Guten Flug!«

Als Andrew gegangen war, nahm sie den Hörer ab und rief ihre beste Freundin und Stewardess im Aer Lingus Airbus 320 an.

»Nancy? Alles bereit? Gut. Ich hab dir gerade jemanden rübergeschickt.«

On Board

LHR EDI 8:20 Uhr

 

Als Andrew Small bei Reihe 27 ankam, schnarchte auf dem Fensterplatz ein Mädchen. Glückspilz, dachte Andrew. Der Fensterplatz war der einzige Platz, auf dem er schlafen konnte. Andrew zog sein Handy heraus und schrieb seiner Schwester, dass er es noch rechtzeitig geschafft hatte.

»Guten Morgen, Sir. Willkommen an Bord.«

Als Andrew hochsah, erblickte er eine blonde Stewardess mit einem breiten Lächeln.

»Könnten Sie bitte die junge Dame anstupsen? Die Blenden müssen nur noch hochgeschoben werden, dann sind wir im Nu in der Luft.«

Andrew zögerte, aber die Flugbegleiterin verlieh ihrer Bitte mit einem Nicken Nachdruck. Schüchtern berührte er das Mädchen am Arm.

 

Eithne Shortall hat an der Dublin City University Journalismus studiert und in London, Frankreich und Amerika gelebt. Inzwischen ist sie in Dublin zu Hause, wo sie als Kulturreporterin für die Sunday Times schreibt. »Liebe in Reihe 27« ist ihr erster Roman.

Möchtest du erfahren, wie es weitergeht?

Jetzt
kaufen
9,99€

»Erfrischend, witzig und ungeheuer charmant.«

Marian Keyes

»Dieses Buch ist DER Liebesroman für den Urlaub.«

RED Magazine

»Liebe in Reihe 27 ist eine charmante, humorvolle und zugleich ernsthaft berührende Geschichte, die nicht mehr loslässt.«

Irish Times