Jean E. Pendziwol: Das Licht der Insel | Leseprobe read’n’go

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Zwei Schwestern und eine sturmumtoste Insel

Elizabeth und ihre Zwillingsschwester Emily wachsen in der rauen Einsamkeit des Lake Superior auf. Ihr Vater ist Leuchtturmwärter auf Porphyry Island, einer kleinen, sturmumtosten Insel. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich, obwohl Emily nicht spricht – doch sie hat ein bemerkenswertes Gespür für Tiere, und sie malt wunderschöne Pflanzenbilder. Ihr Bruder Charles fühlt sich für die Schwestern verantwortlich. Doch dann setzt ein schreckliches Ereignis der Idylle für immer ein Ende …

Siebzig Jahre hat Elizabeth nicht mit ihrem Bruder gesprochen, als am Ufer des Sees Charles’ Boot angespült wird. Von ihm fehlt jede Spur, doch sie weiß, dass es nur einen Ort gibt, zu dem er unterwegs gewesen sein kann. Nur was hat ihn nach all den Jahren dazu gebracht, nach Porphyry zurückzukehren?

Leuchtturm. Das Wort
verheißt Komfort, Erleuchtung,
das Versprechen von Schutz.

Jean Pendziwol über Porphyry Island

»Ich wuchs damit auf, auf dem Lake Superior zu segeln, und einer meiner Lieblingsplätze war Porphyry Island, wo wir vom Hafen bis zum Leuchtturm wanderten und wo nun auch mein Roman Das Licht der Insel spielt. Ich fand es ein wunderbar romantisches, idyllisches Leben, das sich auf dieser Insel abspielte, mit weitem Blick auf den See. Ich dachte nicht an die Einsamkeit und das harte Leben dort, die enge und oft stürmische Beziehung zwischen Land und Wind und Wellen; die Beziehung zwischen den Lichtstrahlen, die sich über die Dunkelheit streckten, und den Schiffen, welche sie zum sicheren Hafen führten. Aber es war nicht verwunderlich, dass sich ein Leuchtturm in mein Schreiben schlich. Sie faszinierten mich schon damals. Bald werde ich Porphyry wieder besuchen. Ich bin mir nicht sicher, ob es der Wind oder der See oder das Licht selbst ist, das mich anzieht, aber ich höre sie flüstern.«

Wie alles begann ...

In meinen Träumen tanze ich. Aber in letzter Zeit streift ein Wolf durch meine Träume.

Wie viele Erinnerungen kann ein Herz ertragen?

Ich habe zu träumen begonnen, dass ich wieder jung bin, mein Haar die Farbe von Raben hat, meine Augen stark sind. In meinen Träumen tanze ich. Ich bin wieder auf der Insel meiner Jugend, an dem schwarzen vulkanischen Strand von Porphyry, wo der See am Ufer leckt und der Wind das Riedgras wogen lässt. Ich bücke mich, um ein paar Handvoll Habichtskraut und sonnige Butterblumen zu pflücken, füge sie dem Strauß nickender Gänseblümchen hinzu, den ich bereits in der Hand halte. Emily ist auch da, die schöne, schweigsame Emily, die stets mit einem Fuß in der Welt der Träume stand. Wir nehmen uns bei den Händen, zwei Teile eines Ganzen, und wir lachen und tanzen und wirbeln umher, bis wir auf den warmen Boden fallen, atemlos, und zu den Wolken hochstarren, die über den Sommerhimmel jagen.
Aber in letzter Zeit streift ein Wolf durch meine Träume. Ich kann sehen, wie er uns durch die Lücken zwischen den Bäumen anstarrt. Er schlüpft immer wieder zwischen den Stämmen der Birken und Tannen hervor, streift am Ufer entlang und sieht uns mit seinen kalten, gelben Augen beim Tanzen zu. Emily hat keine Angst vor dem Wolf. Sie starrt ihn an, bis er sich am Rand des Strandes hinlegt und wartet. Aber mir macht er Angst. Ich weiß, warum er hier ist. Es ist noch nicht so weit. Aber jeden Tag kann ich sehen, dass er näher heranschleicht, und er braucht länger und länger, um sich niederzulassen.
Das ist einer der Gründe, weshalb ich entschied, dass es an der Zeit war, zurück an die Ufer des Lake Superior zu ziehen. An diesem Ort hier, trotz des Schmerzes, trotz der Erinnerungen, die er birgt, bin ich unserem Zuhause, Porphyry Island und dem Leuchtturm, so nah gekommen, wie es mir möglich war. Das hätte Emily gewollt.

Ein Tag im Frühling

Ich habe lange nicht mehr an die Tagebücher gedacht, aber ich habe nie vergessen, wann ich sie zum letzten Mal sah ...

Emily versuchte zu verstehen, was passiert war

Es war Anfang Frühling, und Emily sollte Anmachspäne aus dem Holzschuppen holen. Sie war schon zu lange fort, und damals fühlte ich mich nicht wohl dabei, sie fern von meiner Seite zu wissen, nicht nach dem, was passiert war. Ich fand sie im Haus des Leuchtturmwärter-Assistenten. Dorthin ging sie manchmal, vielleicht so wie ich, um sich zu erinnern. Sie saß in Pas Sessel, die Hülle aus Öltuch lose, die Bücher aufgeschlagen in ihrem Schoß. Ich erinnerte mich an die Tagebücher. Erinnerte mich, wie Pa an seinem Schreibtisch saß und schrieb, während im Radio Musik lief und der Holzofen knisterte und knackte. Sie waren verschwunden, als er starb, und ich war nicht einmal auf die Idee gekommen, sie könnten nicht mehr da sein. Emily konnte die Worte nicht lesen, aber ich sah zu, wie ihre Hand über die Seiten glitt, wie sie die Buchstaben fühlte und seine Stimme hörte, und ich wurde von Sehnsucht übermannt, dasselbe zu tun. Ich nahm eines der Bücher, strich mit der Hand über die Oberfläche, genau wie ich es jetzt tue, und glitt mit den Fingern über das eingeprägte »A. L.« auf dem dunklen Ledereinband.
Emily hatte die anderen Bücher auf dem Tisch neben sich aufgestapelt und eine metallene Keksdose in die Hand genommen. Sie hielt sie so ausgestreckt, dass sie zwischen uns in der Luft schwebte. In dem Moment, in dem meine Finger sich darum schlossen, verdunkelte Charlies Schatten den Eingang. Er hielt nur einen Augenblick inne, nur einen kurzen Atemzug, in dem er alles registrierte – mich, die Tagebücher, Emily, die Dose.
»Was zum Teufel glaubst du eigentlich, was du da tust?« Es war keine Frage. Seine Stimme war wütend, und er stapfte über den Boden, schnappte sich Emily und zerrte sie aus Pas Sessel, schubste sie an mir vorbei zu der offenen Tür. Die Dose fiel mir aus der Hand. Sie fiel, prallte von der Sessellehne ab, der Deckel sprang auf, und der Inhalt ergoss sich über den Holzboden wie ein aufgeschlagenes Ei. Die Zeit stand still. Ich konnte mich nicht rühren. Es war, als hätte die Welt aufgehört, sich zu drehen. Charlie hatte Emily noch nie angeschrien. Charlie war noch nie wütend auf Emily gewesen. Nie.
Ich hielt noch immer eines von Pas Tagebüchern in der Hand. Er entriss es mir, und ich zuckte vor einem Mann zurück, den ich nicht kannte.
»Verschwinde! Du hast hier verdammt noch mal nichts zu suchen!«
Emily hatte nicht gesehen, wie die Dose zu Boden fiel; sie hatte das Gesicht an den Türrahmen gepresst, von Charlie abgewandt, von mir abgewandt. Ich wusste, sie versuchte zu verstehen, was passiert war, was sie getan hatte. Sie sah das Silber nicht aufblitzen, das aus einem alten weißen Stück Stoff entschlüpfte. Sie achtete nicht auf das leise Klimpern. Aber ich tat es, für einen kurzen Moment nur, bevor Charlie es zurück in die Dose stopfte. Ein paar Tage später ging ich allein noch einmal hin und suchte überall, aber ich fand die Keksdose nie. Ich hielt die Tagebücher nie wieder in meinen Händen.

Den Wind kann man nicht festbinden. Er tanzt, wo es ihm gefällt.

Sie lag auf dem Boden, der Mond wie eine unheimliche Lampe über ihr. Sie regte sich nicht.

Meine Augen starrten angestrengt auf jeden Schatten, meine Ohren weiteten sich bei jedem Geräusch, und ich schwankte zwischen Wut, Frustration und Sorge. Emily kannte diese Insel genau. Sie kannte jeden Strand, jeden Weg, jedes Moos und die meisten Bäume und Pflanzen dazwischen. Und auch wenn das Wasser sie faszinierte, ging sie doch nie hinein. Es war sinnlos, nach ihr zu rufen. Sie würde nicht antworten. Das tat sie nie.
Es waren keine Boote in der Bucht verankert oder an der Anlegestelle im Hafen festgemacht. Nur ein paar orangefarbene Kohlen glühten in der Feuerstelle, und eine leere Whiskeyflasche lehnte an einem Baumstumpf. Arnie und seine Cousins mussten vor Stunden aufgebrochen sein, zurück nach Silver Islet, zu ihren warmen Betten, bevor die Dunkelheit sich senkte. Ich konnte niemanden sehen. Der Wind raschelte in den Bäumen, sorgte dafür, dass sie flüsterten und sich wiegten, und ich erschrak mehrmals über das Knacken von Zweigen unter echten oder eingebildeten Füßen. Das sah mir überhaupt nicht ähnlich. David öffnete das Bootshaus, und ich entfachte die Lampe und richtete den gelblichen Lichtstrahl in die dunklen Ecken. Sie waren leer.
Wir bahnten uns einen Weg über die Lichtung zu dem kurzen Pfad, der zu dem Strand gegenüber von Dreadnaught Island führte. Als wir aus dem Wald ans Ufer traten, sah ich sie: ein zusammengesackter Haufen aus weißem Baumwollstoff, ihr schwarzes Haar, das meinem so ähnlich war, offen und wild. Sie lag auf dem Boden, der Mond wie eine unheimliche Lampe über ihr. Sie regte sich nicht.
Und dann hörte ich Schritte. Diesmal waren es nicht die eingebildeten Schritte eines hungrigen Bären oder das gespenstische Umherstreifen flüchtiger Seelen. Es war der feste Tritt eines Mannes, der zwischen den Bäumen ging und auf die losen, flechtenbewachsenen Steine am Ufer trat.

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