Kerry Egan: leben Von Sterbenden lernen, was zählt | Leseprobe read’n’go

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»Mommy.« Mit einem tiefen Seufzer betrachtete mein fünfjähriger Sohn die Schachtel mit Apfelmusbechern auf der Küchentheke. Während ich versuchte, vor der Arbeit noch Lunchpakete für die Schule fertigzumachen, nahm er meine beiden Hände. »Ich hab eine Idee.« Das war immer sein Eröffnungsschachzug. »Ich weiß, dass du zur Arbeit musst und dass du da Leute sterben lässt, aber ich möchte heute unbedingt zu Friendly’s.« Er lächelte und nickte. »Also, Mommy? Können wir hingehen? Zum Mittagessen? Und hinterher ein Eis? Einen Eisbecher zum selber Zusammenstellen? Mit Gummibärchen und bunten Zuckerstreuseln? Du gehst doch gern zu Friendly’s! Ja?«
»Halt, halt!«, sagte ich.
Er setzte sein Kindergartenlächeln auf, nur Zahnfleisch und keine Zähne, und nickte unaufhörlich. »Noch mal zurück. Was meinst du, was ich auf der Arbeit mache?«
»Leute sterben lassen, damit sie in den Himmel gehen können«, sagte er nüchtern. »Aber das kannst du auch morgen machen, dann können wir nämlich heute zu Friendly’s gehen, ok? Du isst doch auch gerne Eis. Sogar gerner als ich. Gerner als alle anderen. Deshalb gehen wir hin. Sterben können die Leute auch morgen.« Er nickte noch ein paarmal.
Es schien ihm bemerkenswert wenig auszumachen, dass seine Mutter ein weiblicher Sensenmann mit Clogs und immer etwas zu eng sitzender Hose war, in deren Händen nicht nur sein Apfelmusbecher, sondern auch die Macht über Leben und Tod lag.
Um es einmal erwähnt zu haben, ich lasse Leute nicht sterben.
Ich kann meinem Sohn aber nicht verübeln, dass er die Arbeit seiner Mutter nicht verstand. Die wenigsten Leute wissen genau, was Hospizseelsorger tun. Selbst andere  Hospizmitarbeiterinnen haben manchmal nur eine vage Vorstellung, die meistens mit Handhalten und Ave-Maria-Beten zu tun hat.
Mir fiel es ja selbst schon schwer, anderen meine Arbeit zu erklären.
»Ein bisschen verwirrt bin ich jetzt schon«, sagte einmal eine Frau bei einem Buchklubtreffen zu mir, als wir beide
vor einem Tablett mit Käse und Trauben standen. »Was macht eine Hospizseelsorgerin denn nun genau?«
»Wir gehören zum Hospizteam, und unsere Aufgabe besteht darin, Patienten, Angehörigen und Personal geistlichen Beistand und Hilfe zu gewähren«, gab ich ihr meine Standardauskunft, während ich mir Cracker und den köstlichen Ziegenkäse mit  Kräuterkruste auf den Teller lud.

»Das sagt mir gar nichts«, erwiderte sie. »Erzählen Sie mir doch mal ganz genau, was Sie heute bei der Arbeit gemacht haben.«
An diesem Tag war ich in einem Pflegeheim gewesen und hatte ein halbes Dutzend mittellose alleinstehende Patienten mit Demenz im Endstadium besucht. Für eine Hospizseelsorgerin sind Menschen mit Demenz im Endstadium die einfachsten und zugleich schwierigsten Patienten. Wie die Porzellanpuppenpatientin sitzen sie, ihre kleinen Körper schmerzhaft verkrampft und verdreht, mit Stofftieren als Trostspendern in den großen Pflegerollstühlen. Ihre riesig erscheinenden eingesunkenen Augen starren in die Ferne. In den Winkeln ihres offenen Mundes bilden sich oft Krusten. Ihre Haut reißt ganz leicht, wie ein feuchtes Papiertaschentuch. Sie können weder sprechen noch gehen noch selbstständig essen. In ihren letzten Wochen oder Monaten – in einigen der traurigsten Fälle, die ich erlebt habe, sogar über Jahre hinweg – können sie nicht mehr lächeln oder den Kopf allein aufrecht halten.
Wie gibt man einem solchen Menschen geistlichen Beistand? Was kann man anbieten, wenn man nicht weiß, ob ein Gebet oder ein Lied, ja schon die Berührung mit der Hand sich tröstend oder eher verstörend auswirkt? Wenn der Mensch einem nicht sagen kann, wer er ist, und es keine Familie oder Freunde gibt, die ein bisschen über ihn erzählen können? Versetzen Sie sich einmal in die Lage so eines Menschen. Da taucht eine Fremde in Ihrem Zimmer auf. Sie können sie, falls Sie allein sein wollen, nicht bitten zu gehen. Ebenso wenig können Sie sie, wenn Sie einsam sind oder Angst haben, bitten zu bleiben. Sie können ihr nicht sagen, sie möge still sein oder aber bitte sprechen und weitersingen. Als Buddhist können Sie nicht verhindern, dass sie Ihnen aus der Bibel vorliest, oder als Atheist, dass sie mit Ihnen betet. Sie können Sie auch nicht bitten, den Rosenkranz für Sie zu beten, falls das Ihr einziger Trost ist. Sie können dieser fremden Frau nicht sagen, dass ihre Hand, die leicht auf Ihrem Handgelenk liegt, Ihnen unsägliche Schmerzen verursacht – oder dass Sie sich nichts sehnlicher wünschen als die Wärme und Weichheit menschlicher Berührung und sich fragen, warum sie nicht Ihre Hand hält.
Und dann stellen Sie sich vor, die Seelsorgerin bei einem solchen Fremden zu sein und nicht zu wissen, ob das, was Sie tun oder nicht tun, ihm Trost bringt oder Schmerz bereitet. Wie sollte ich nach einem Tag mit einem halben Dutzend solcher Patienten – ein Kollege nannte das einmal »die Mauer der Demenz« – jemandem erklären, was ich tat?
Dennoch wollte ich es versuchen. Mich fragten nur selten Leute nach meiner Arbeit, und das konnte ein Gefühl von Einsamkeit erzeugen.
Ich sagte, an diesem speziellen Tag hätte ich bei meinen Patienten gesessen. Zunächst hätte ich festzustellen versucht, ob es ihnen den Umständen entsprechend gut ging, und, falls nicht, mit einer Krankenschwester oder einer Pflegehelferin gesprochen. Dann hätte ich vielleicht ihre Hände oder Arme leicht berührt, falls sie das zu entspannen schien. Oder für sie gesungen.
Oder ich hätte, falls es überhaupt welche gab, Fotos und andere Gegenstände von ihrem Toilettentisch genommen und ihnen gezeigt. Hauptsächlich hätte ich jedoch die elementarste und schwierigste Arbeit einer Hospizseelsorgerin getan: Ich hätte versucht, einfach präsent zu sein.
»Dann haben Sie nur da gesessen?«
»Nein. Das heißt, ja. Ich meine, ich habe bei ihnen gesessen, aber nicht einfach nur da gesessen.«
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Ich saß bei ihnen und bot ihnen eine friedliche Präsenz an.«
»Eine friedliche Präsenz? Und wie genau machen Sie das? Das klingt, als würden Sie ihnen eine Tasse Kaffee anbieten.«
Das war der Moment, in dem ich einfach mit einem freundlichen Lächeln, einer witzigen Bemerkung das Thema hätte wechseln können. Ich konnte aber auch dranbleiben und es mit einer Erklärung versuchen, wohl wissend, dass es in ihren Ohren womöglich lächerlich klang.
»Also. Bevor ich das Zimmer betrete, atme ich tief durch und bitte Gott um seinen Beistand. Ich besinne mich darauf, warum ich da bin, und lasse im Kopf alles andere los. Ich versuche, in meinem Inneren den Fokus auf die Liebe zu legen. Dann gehe ich hinein, sage hallo und erspüre, ob die Person mich wahrnimmt. Ich lächle freundlich und stelle mich mit Namen vor. Ich versuche, in mir ein Gefühl von Frieden und Annahme und Liebe entstehen zu lassen, das meine Bewegungen, mein Sitzen, meinen Blick bestimmt. Ich lenke meine ganze Energie auf das Gesicht meines Gegenübers.«
Ihre Miene wechselte von Skepsis zu Ungläubigkeit.
Da es mir noch nie etwas ausgemacht hat, mich in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen, fuhr ich fort: »Und dann stelle ich mir eine riesige Hülle aus Liebe vor, die den Patienten und mich umfängt. Das ist mein Vorgehen. So versuche ich, eine friedliche Präsenz zu erzeugen. Aber andere Seelsorger machen es sicher anders.«
Bestimmt zehn Sekunden lang sagte sie gar nichts. Lange genug, um die Stille peinlich  erden zu lassen.
»Sie sitzen also nur da und versuchen, sie zu lieben? Wollen Sie das damit sagen?«, fragte sie kühl. »Und das soll eine richtige Arbeit sein? Für die man ein Studium braucht?«
»Genaugenommen ist das noch längst nicht alles«, sagte ich.
»Aber das haben Sie heute gemacht? Den ganzen Tag lang? Und haben auch noch Geld dafür bekommen?«
»Genau.«
»Und das betrachten Sie als Arbeit?«

 

 

Kerry Egan

Wer meint, es sei keine Arbeit, ruhig und präsent zu bleiben und im Angesicht fürchterlichen Leidens keinen Rückzieher zu machen, der war noch nie in einer solchen Situation.

Kerry Egan

Ich habe dabei schon versagt. Ich versuche, nicht zurückzuschrecken, nicht überfordert zu sein, nicht fortzulaufen. Und habe das alles doch schon getan.

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Dies ist kein Buch über das Sterben – es ist ein Buch über das Leben! Die erfahrende Hospiz-Seelsorgerin Kerry Egan erzählt Geschichten von Sterbenden. Sie handeln von Hoffnung und Glück, Reue und Trauer, Stolz und Demütigung, Offenbarung und viel zu lange gehüteten Geheimnissen. Und vor allem: von der Liebe – zu ihren Kindern, Partnern und Freunden, von unerfüllter, verlorener, vergeblicher Liebe. Gemeinsam ist allen Geschichten das Ringen darum, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, und der unbedingte Wille, die Welt nicht schwarzweiß zu sehen, sondern in all ihren Schattierungen von grau bis bunt.

Kerry Egan

Kerry Egan ist eine Hospiz-Seelsorgerin mit Abschluss der Harvard Divinity School. Sie ist regelmäßige Autorin von Essays zum Thema ihrer Arbeit im Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften.

Weise bin ich nicht geworden

Man denkt immer, wenn man alt wird, sollte man auch weise werden. Aber hier bin ich nun, dem Tod nah, und bin es bis jetzt nicht geworden.«
Glorias milchig blaue Augen weiteten sich, und sie zog die Augenbrauen hoch. Sie lachte, nur ein wenig. »Bei allem, was ich durchgemacht habe, hätte ich ja gedacht, wenn überhaupt jemand das alles kapiert, dann ich.« Wieder lachte sie, eine Art rollendes Glucksen, das ihre langsame, gedehnte Sprechweise unterbrach. Sie lachte immer.
»Wissen Sie.« Als sie sich zu mir beugte, beschien Sonnenlicht den weißen Babyflaum auf ihrem Oberkopf.
»Ich hab mir immer gewünscht, einen Schriftsteller kennenzulernen, dem ich meine  Geschichten erzählen kann, damit andere Leute sie hören können und nicht dieselben Fehler machen wie ich. Ich würde ihm einfach meine Geschichten geben. Ich würde sagen: ›Hier, nimm sie und erzähl sie ihnen.‹ Sie wissen ja, was für verrückte Geschichten das sind. Aber ich hab nie einen Schriftsteller kennengelernt.«
Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Mehr als zehn Jahre zuvor hatte ich ein Buch geschrieben, war aber jetzt nicht als Autorin hier. Gloria war eine Hospizpatientin und ich war ihre Seelsorgerin. Von meiner Vergangenheit hatte ich ihr bisher nichts erzählt.
»Ich habe immer darum gebetet, einem zu begegnen«, fuhr sie fort. »Aber dieses Gebet wird wohl nicht mehr erhört werden.«
Wir verstummten, und ich hoffte, dass Gloria das Thema wechseln würde. Sie hob die Hände von den Armlehnen und ließ sie mit einem tiefen Seufzer wieder fallen. »Ich verlasse nicht einmal mehr dieses Haus. Ich stecke hier fest.Wie soll ich da noch einen echten Schriftsteller kennenlernen?«
Sie sah mich an und schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich hab gebetet und gebetet und gebetet. Manche Gebete werden wohl einfach nicht erhört.« Sie lachte wieder, doch diesmal klang es traurig. Langsam wurde es lächerlich. Ich zögerte noch eine stille Minute, dann sagte ich: »Gloria, habe ich je erwähnt, dass ich einmal Schriftstellerin war?«
»Ein echte Schriftstellerin?« Ihre dünnen Augenbrauen gingen wieder nach oben.
»Ja, aber schon vor langer Zeit.«
»Also eine, die ein Buch geschrieben hat?«
»Ja. Veröffentlicht und alles.«
Sie warf die Hände in die Luft und blickte zur Decke.
»Und ich hab die ganze Zeit auf einen Mann gewartet!«, rief sie. Sie hüpfte ein bisschen in ihrem Lehnstuhl, drehte sich um und sah mich an. »Ich dachte, es würde ein Mann sein, Kerry! Aber das ist es!« Sie schaukelte vor und zurück und breitete die Arme weit aus. »Ich spüre es! Das ist die Antwort. Der Heilige Geist hat Sie zu mir geschickt, und ich habe Ihnen
doch schon alle meine Geschichten erzählt. Sie brauchen sie nur noch aufzuschreiben. Vielleicht können sie jemandem helfen. Vielleicht wird jemand anderes durch sie weise. Versprechen Sie mir, dass Sie meine Geschichten erzählen werden.«

 

Ich weiß nicht, ob es einen weise machen kann, wenn man sich die Lebensgeschichten von Menschen anhört, die im Sterben liegen, aber ich weiß, dass es die Seele heilen kann.

Meine wurde dadurch geheilt.

So wie jedem einzelnen meiner Patienten war auch mir etwas passiert. Für die Geschichte, die mein Leben bis dahin geformt hatte, schämte ich mich. Mir war, als wäre ich geborsten und zerbrochen und könnte nicht wieder zusammengesetzt werden, als wäre ich tief im Innersten unwiederbringlich zerstört.
Als ich anfing, im Hospiz zu arbeiten, war mir noch nicht klar, dass jeder, wirklich jeder Mensch geborsten und zerbrochen ist.

 

New York Times Book Review:

»Wenn es eins gibt, das der Tod uns lehrt, dann wie zu leben.«

Als ich das Zimmer betrat, legte John sein Buch zur Seite. Es handelte von den Anfangsjahren der Kolonie Massachusetts. Viele der darin beschriebenen Ereignisse hatten sich in unserer Region, an der Buzzards Bay, zugetragen.
»Gut, dass ich kein Pilger an einem Tag wie heute war«, sagte er. Ich wusste, was er meinte. Entlang der Südküste von Massachusetts ist der Winter brutal. Tag für Tag ist es grau, um halb drei nachmittags ist es schon deprimierend düster und um vier Uhr dunkel. Es ist nass. So nass. Der Nebel über dem Meer gefriert zu kleinen salzigen Eiskügelchen, die einem der Wind ins Gesicht treibt. Der gefrorene Nebel überzieht alles – die Fenster, die Bäume, Gesichter und Augen – mit klebrigem grauem Salz. An manchen Tagen wird einem überhaupt nicht warm, nicht einmal im Haus mit Zentralheizung und Wollsocken.
»Können Sie sich vorstellen, Sie wären vor vierhundert Jahren hier gelandet?«, fragte ich. »Und es gibt nichts, keinen Ort, an dem man sich aufwärmen oder etwas zu essen kaufen kann.«
»Schreckliche Vorstellung. Nur der Strand und das Boot, auf dem man schon Monate lang festgesessen hat. Keine Möglichkeit, aus der Nässe raus zu kommen.« Er nickte ernst.
»Diese Pilger waren zähe Leute. Ich hätte kehrt gemacht und wäre zurückgefahren. Die waren viel zäher als ich.«
Er neigte den Kopf zur Seite und betrachtete mich genau.
»Wenn man Sie so hört, scheint Zähigkeit für Sie etwas Gutes zu sein«, sagte er schließlich.
Darüber musste ich eine Sekunde nachdenken. »Ja, vermutlich halte ich sie tatsächlich für etwas Gutes. Ich glaube, ich wäre gerne zäher.«
»Nein, tun Sie nicht.« Er wandte den Blick ab und machte eine wedelnde Handbewegung.
»Tue ich nicht?«, fragte ich.
»Nein. Zähigkeit macht Menschen kleinlich. Sie brauchen zum Glück nicht zäh zu sein.« Sein Gesicht war wettergegerbt und faltig; seine Hände waren dicke, fleischige Pranken; seine dunkelbraunen Augen suchten unter struppigen Augenbrauen hervor mein Gesicht ab.
»Aber Zähigkeit macht einen stark. Das ist es, was ich mir wünsche. Stark zu sein.«
»Da irren Sie sich. Zäh und stark zu sein, das ist ganz und gar nicht dasselbe.«
»Nein?«
»Nein. Das sind Gegensätze.«
»Wie denn das?«
»Man muss zäh sein, weil man nicht stark ist. So geht das. Ich war zäh. Hatte keine andere Wahl. Gewünscht hatte ich mir das nicht. Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen darf: Sie können sich glücklich schätzen, wenn Sie nicht zäh werden müssen. Sie können die bleiben, die Sie in Wirklichkeit sind. Niemand ist zäh geboren. Irgendetwas macht einen dazu. Zäh zu sein, macht einen eng. Es ist besser, wenn Sie gütig bleiben können. Niemand sollte den Wunsch haben, zäh zu sein.«
»Was hat Sie zäh gemacht?«
Er sah mich lange an. »Das Leben.«
Als frisch verheirateter Mann war er in den Krieg im Pazifik gezogen. Während er dort war, bekam seine Frau ihr erstes gemeinsames Kind, ein kleines Mädchen. Und als er seine Tochter auf einem Heimaturlaub zum ersten Mal sah, war sie schon ein Kleinkind.
»Dann ging ich zurück«, sagte er. »Tag für Tag dachte ich an die Kleine, Tag für Tag an meine Frau. Wenn ich die Augen schloss, fühlte ich mich ihnen wieder ganz nah. Ich konnte sie hören, sehen und fühlen. Das war es, was mich das alles durchstehen ließ. Mich einfach an sie zu erinnern. Sie schrieb mir fast jeden Tag, doch dann wurden die Briefe immer seltener. Ich dachte, sie sei so sehr mit dem Baby beschäftigt oder die Zustellung der Post würde immer schwieriger. Ich hatte nie auch nur den geringsten Verdacht.
Und als dann der Brief kam, drehte ich einfach durch. Sie liebte mich nicht mehr. Sie hatte jemand anderen kennen gelernt und würde mich verlassen. Dem Brief lag ein Foto bei, von mir mit meinem kleinen Mädchen auf dem Arm.
Sie wissen sicher, was ›Lieber John‹-Briefe sind? Genau, so nennt man bei uns  Abschiedsbriefe. Das hier war buchstäblich ein ›Lieber John‹-Brief. Ich las ihn, während ich da im Dreck hockte. Dann schmiss ich ihn auf den Boden, stand auf und ging in den Dschungel. Ich wollte jemanden umbringen. Mein Offizier rief noch hinter mir her, aber er wusste, dass er mich nicht aufhalten konnte. Es gab eine Stelle, wo sich Japaner versteckten.
Ich ging dorthin und brachte sie um.«
Schweigend saßen wir da.
»Meine Tochter sah ich erst nach sehr langer Zeit wieder. Da war sie schon ein großes Mädchen. Sie kannte mich nicht und liebte mich nicht. Warum auch? Für sie war ich ein Fremder. Teufel noch mal, ich war ja mir selbst ein Fremder. Genau das bewirkt Zähigkeit. Sie macht einen zu einem Fremden.«
Als ich anfing, im Hospiz zu arbeiten, sagte einmal jemand zu mir: »In den meisten Situationen im Leben kann man innerlich schwach sein, aber trotzdem durchkommen, indem man sich eine harte äußere Schale zulegt. Wenn Sie aber im Hospiz arbeiten, müssen sie außen weich bleiben. Um aufrecht stehen zu können, brauchen Sie also ein Rückgrat aus Stahl. Zwei Arten, durch die Welt zu gehen, zwei Arten, mit jenem Verlust fertig zu werden, der eine unausweichliche Erfahrung im Leben ist – mit einer harten Schale oder einem felsenfesten Rückgrat.«

 

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