Lucas Fassnacht: #KillTheRich | Leseprobe read’n’go

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Ein Tweet mit #killtherich

Bondo, Malawi; im August, 17:01 Uhr UTC+2

Kassim starrte auf das Display seines iPhones. Er hatte Netz. Riesige Ballons im Himmel sollten dafür verantwortlich sein. Monatelang hatte die Zeitungen Malawis die Debatte geprägt, ob die Technik funktionierte oder doch nur Humbug war – in Bondo waren die meisten skeptisch gewesen. Es war nie klug, den Versprechen der Amerikaner zu vertrauen.

Aber es klappte. Kassim hatte Netz. Bisher hatte er nach Pelete fahren müssen, wenn er surfen wollte. Zweieinhalb Stunden mit dem Rad, in der Regenzeit vier. Nie wieder. Kassim grinste. Das Internet war jetzt überall, wo er auch war.

Er öffnete seinen Twitter-Account. Sein erster Beitrag sollte besonders sein. Stark und poetisch. Er schrieb: Africa wakes up. #killtherich.

Zwei Stunden später und fünftausendachthundert Kilometer entfernt lehnte sich Prakash Khan in seinem Ledersessel zurück. Nur gedämpft drang das Fluchen der Rikschafahrer durch die modernen Fenster. Leise surrte die Klimaanlage. Prakash blickte zufrieden auf den Bildschirm. Er war der berühmteste Blogger Neu-Delhis, und der Artikel, den er gerade fertiggestellt hatte, zeigte einmal mehr seine Klasse. Prakashs Follower würden Hunderte Kommentare schreiben. Googles Wunsch, die weltweiten Datenströme zu kontrollieren, näherte sich der Erfüllung – und niemand schien es zu merken. Akribisch hatte Prakash alle Informationen zusammengetragen, die im Netz zu finden waren. Punkt für Punkt hatte er aufgezeigt, wie geschickt Google andere Konzerne und ganze Staaten manipulierte, um sein Ziel zu erreichen. Über ein Ballonsystem die entlegensten Regionen Afrikas mit Internet zu versorgen war der letzte Coup gewesen.

Rhetorisch gesalzen hatte Prakash den Text mit einigen Tweets der ersten Stunde. Ein wirklich guter Beitrag.

Zwei Wochen später war der Artikel von Prakash Kahn schon längst wieder im digitalen Mahlstrom versunken. Unter den Tweets, auf die er verwiesen hatte, war einer allerdings geteilt geworden. #killtherich. Millionenfach. Und Hunderttausende folgten dem Aufruf.

Was, wenn unsere Welt vor einem globalen Bürgerkrieg steht – den nur zwei Personen verhindern können?

Ein achtloser Online-Post stürzt die ganze Welt ins Chaos: Die Armen erheben sich gegen die Reichen, der Zorn derer, die nichts haben, lodert hoch. Nur Tage später kommt es überall zu Unruhen, Demonstrationen und Anschlägen. Straßenschlachten und Polizeigewalt bestimmen das tägliche Leben – alles dokumentiert unter dem Hashtag KillTheRich. Und das ist erst der Anfang!

Es gibt nur zwei Personen, die den globalen Bürgerkrieg noch verhindern können: die mutige niederländische Diplomatin Conrada van Pauli und der alternde indische Starjournalist Bimal Kapoor. Während Conrada nach Brasilien reist, um sich ein Bild der Lage zu machen, verfolgt Bimal eine Spur, die nach Frankreich führt. Doch beide haben sich mächtige Feinde gemacht, die vor nichts zurückschrecken werden …

#killtherich - Bye Bye Brasiliens Präsident

Sie hörte den Fernseher. Es geschah selten, dass jemand zu Hause war, wenn Conrada von der Arbeit kam. Das Parlament hatte seinen Sitz in Straßburg, gewöhnlich nahm Hermann den Weg nach Brüssel höchstens am Wochenende auf sich. Emilia war nur deshalb nicht im Internat, weil morgen Feiertag und dementsprechend schulfrei war.Conrada ging ins Wohnzimmer. Hermann lag auf der Couch, umgeben von Grippostad-Packungen, zerknüllten Papiertaschentüchern und der Aura des ermatteten Mannes. Sie küsste ihn rasch auf die Glatze und ließ sich neben ihn aufs Sofa fallen.»Pass auf, dass du dich nicht ansteckst«, brummte er.»Nach zwei Wochen? Geht’s dir besser?« Sie redeten Deutsch miteinander. Hermann verstand zwar etwas Niederländisch, aber Conradas Deutsch war fließend, sie hatte in Heidelberg studiert. In Heidelberg hatte sie auch Hermann kennengelernt. »Na ja.« In Hermanns Schoß lag sein Tablet, er öffnete das E-Mail-Programm. »Emilia hat gekocht. Ist noch was in der Küche.« Conrada bemerkte den Geruch gebratener Zwiebeln.
»Wo ist sie denn?«
»Oben, denke ich.« Er überflog die neuesten Nachrichten in seinem Posteingang. Conrada saß eine Weile unschlüssig neben ihm. Als er sie nicht weiter beachtete, ging sie nach oben und klopfte an Emilias Zimmertür.
»Bist du da?«, fragte sie. Mit ihren Töchtern sprach sie Niederländisch, auch wenn Emilia Französisch am liebsten war.
»Komm rein«, ertönte es von innen. Emilia war gerade in die elfte Klasse vorgerückt. Die Neigung, ihre Einrichtung in rosa Tönen zu gestalten, hatte sie schon länger verloren. Seit Kurzem hatte sie eine neue Vorliebe: schwarz.
»Hey, Maman«, sagte sie.
»Hallo, mein Schatz.« Conrada betrat das Zimmer. Emilia lag auf dem Bett vor ihrem Laptop und schaute eine Serie.
»Störe ich?« Conrada musterte die schwarze Netzstrumpfhose, die ihre Tochter trug, verkniff sich jedoch einen Kommentar.
Emilia schüttelte den Kopf und klappte den Laptop zu. »Hast du meinen Auflauf probiert? Ich glaub, ich hab ihn zu lange im Ofen gelassen. Papa sagt, dass er gut geworden ist, aber der schmeckt ja gerade nichts.«
»Ich probier ihn gleich.«
»Ich hab mir überlegt, dass ich Oma zum Geburtstag einen Kuchen backe. Kannst du mir da helfen?«
Conrada versprach es. Sie ging wieder nach unten, sie wollte Emilia nicht zu lange behelligen.
An ihrer älteren Tochter, Theresa, hatte Conrada schmerzlich erfahren, dass es möglich war, zu wenig Zeit für die eigenen Kinder zu haben und ihnen zugleich zu wenig Freiraum zu lassen. Theresa hatte der Mutter noch immer nicht verziehen, dass sie ihr vor ein paar Jahren verboten hatte, durch Europa zu trampen. Inzwischen absolvierte sie über Projects Abroad einen Freiwilligendienst in Tansania. Conrada hoffte, dass sich nach dem Jahr in der Ferne ihr Verhältnis wieder verbessern würde.
Sie ging ins Schlafzimmer und zog sich ihren Jogginganzug an, dann holte sie sich aus der Küche etwas von dem Kartoffelauflauf und setzte sich wieder zu Hermann ins Wohnzimmer.
»Hast du mitbekommen, was Guterres gesagt hat?«, fragte er. »Die P5 sollten die Vorschläge berücksichtigen, weitere ständige Sitze im Sicherheitsrat zuzulassen.«
Der Sicherheitsrat war das einzige Gremium der UN, das rechtsverbindliche Beschlüsse verabschieden konnte. Die Permanent Five, seine fünf ständigen Mitglieder, lagen sich nicht nur regelmäßig in den Haaren, sondern verfügten jeweils über ein Vetorecht, mit welchem sie jeglichen Beschluss blockieren konnten. Es war kaum verwunderlich, dass die Vereinten Nationen nicht besonders ernst genommen wurden.
»Lass uns nicht über die Arbeit reden«, bat Conrada.
»Guterres ist wirklich ein anderes Kaliber als Ban«, fuhr Hermann fort. »Der Mann ohne Eigenschaften hätte sich nie so direkt in die Politik eingemischt. Und Guterres landet solch ein Pfund.«
Hermann hatte recht: Ban Ki-moon, der ehemalige Generalsekretär der UN, war nicht bekannt gewesen für seine medienwirksamen Äußerungen. Ein UN-Generalsekretär war nicht nur Verwaltungsbeamter, sondern auch Repräsentant. Ban war regelmäßig vorgeworfen worden, sich in ersterer Rolle einzurichten. Conrada war recht angetan von den forschen Vorstößen von António Guterres – doch welche Früchte sie tragen würden, musste sich noch zeigen.
Im WDR lief eine Reportage über private Zugunternehmen. Conrada war keine Verfechterin von deutschem Fernsehen, aber selbst die Belgier schauten kein belgisches.
»Ich sage dir«, meinte Hermann, »wenn er sich zu so einer Aussage hinreißen lässt, dann liegt einiges im Argen bei denen.«
Emilias Auflauf war nicht nur verbrannt, sondern außerdem versalzen, Conrada stellte ihren Teller auf den Beistelltisch. »Willst du Wein?«, fragte sie.
»Vielleicht war es auch einfach wieder zu lange ruhig«, überlegte Hermann. »Wer heutzutage politisch aktiv ist und zwei Wochen keine Krise zu bestehen hatte, beginnt sich zu langweilen. Aber ich habe auch was verpasst. Bei uns im Parlament hat Gabi einen Antrag der Rechten verteidigt. Gegen Militäreinsätze im Ausland. Das musst du dir mal vorstellen. Die Vorsitzende der Kommunisten unterstützt den Klassenfeind. Griechische Verhältnisse.« Er schnaubte. »Und das jetzt – keine zwei Wochen vor den Neuwahlen in Frankreich. Ich sage dir, Le Pen gewinnt das Ding noch.«
Während die Deutsche Bahn berüchtigt für ihre Verspätungen war, erklärte der Fernseher, konnten die privaten Unternehmen in puncto Pünktlichkeit gute bis glänzende Zahlen vorlegen. Selbst der Kommentator schien beeindruckt. Conrada holte Wein und zwei Gläser.
Hermann schaute auf. »Wolltest du nicht joggen gehen?«, fragte er mit Blick auf ihren Trainingsanzug.
»Nur ein Glas.«
Je größer das Netz, desto komplexer seien die Abläufe, bemühte sich ein DB-Sprecher um Verständnis. Conrada füllte die Gläser, gab Hermann eines, sie stießen an.
»Auf deine Genesung«, sagte sie.
»Es ist die Ablehnung«, erklärte Hermann bestimmt. »Linke wie Rechte speisen ihre politische Motivation aus der Ablehnung des Mainstreams. Und sie fahren ja gut damit. Realpolitik ist ein Schimpfwort geworden …«
»Nimm mich in den Arm«, unterbrach ihn Conrada.
»Warum?« Hermann zögerte, offenbar hatte sie ihn mit der Aufforderung überrascht. Etwas unbeholfen folgte er ihrem Wunsch.
Ein paar Minuten saßen sie schweigend auf dem Sofa. Im Fernsehen wurde eine Waschanlage für Züge gezeigt. Langsam, beinahe rücksichtsvoll legte sich eine Schwere auf Conradas Brust, drückte sich in ihren Magen, glitt ihr den Hals herauf. Sie versuchte nicht, die Tränen aufzuhalten. Leise tasteten sie sich ihre Wangen hinunter. Conrada schluchzte nicht. Das Gefühl war nicht unangenehm: eine stille Übereinkunft zwischen ihrem Willen und ihrem Körper, der Erschöpfung endlich einmal Raum zuzugestehen.
»Was ist los?«, fragte Hermann erschrocken.
»Nichts.« Conrada lächelte. »Ich bin müde.«
»Du arbeitest zu viel«, brummte Hermann.
»Wahrscheinlich.«
Der Skandal lag Monate zurück, doch noch immer schlief Conrada schlecht. Sie arbeitete beim Europäischen Auswärtigen Dienst EAD, in der Abteilung für Südamerika. Bei einer Routineüberprüfung der Handelszahlen Brasiliens waren ihr Unregelmäßigkeiten bei Petrobras aufgefallen. Ihre Entdeckung hatte den Ölkonzern in die schlimmste Krise seiner ohnehin krisengeschüttelten Geschichte katapultiert. Die europäische Presse porträtierte Conrada fortan als Heldin, Juncker persönlich schüttelte ihr die Hand, sie wurde zur Abteilungsleiterin befördert. Doch während alle um sie herum teils bewundernd, teils neidvoll auf ihren Erfolg schauten, fühlte Conrada sich nur müde. Was hatte sie erreicht? Ja, bei Petrobras waren Köpfe gerollt, aber sie war sich sicher: nicht die entscheidenden. Und Brasilien schlingerte auf den Abgrund zu, da half es nichts, wenn der größte Konzern des Landes um seine Existenz rang.
Sie wischte sich die Tränen ab. Passend zu ihren Gedanken wurde die Zug-Doku abgelöst von den Nachrichten. Weder das Statement des UN-Generalsekretärs noch die Vorkommnisse im Europäischen Parlament schienen der Redaktion eine Meldung wert. Das bestimmende Thema waren nach wie vor die Aufstände in Brasilien. Seit Jair Bolsonaro an die Macht gekommen war, führte er das Land mit einer Geschwindigkeit in den Faschismus, dass es an Deutschland 1933 erinnerte. Die fanatische Beschwörung einer völkischen Identität diente als Rechtfertigung für das Aufheben der Gewaltenteilung, für die Kontrolle der Medien, für die Jagd auf Eliten und Minderheiten, für die Unterwerfung der Wissenschaft.
Bolsonaro hatte nie einen Hehl aus seiner Gesinnung gemacht. Aber als die Weltöffentlichkeit sah, dass er es ernst meinte, war sie gleichwohl fassungslos. Wie 1933. Und tat nichts. Es war die brasilianische Zivilgesellschaft, die sich wehrte. Doch Bolsonaro hatte das Militär auf seiner Seite und gewann.
Neben dem ideologischen Umbau des Systems lag Bolsonaros Augenmerk auf der radikalen Liberalisierung der Wirtschaft. Er senkte nicht nur Unternehmenssteuern, sondern kassierte darüber hinaus zahlreiche Bestimmungen zu Umwelt- und Arbeitnehmerschutz. An den Börsen ging es aufwärts, und eine Weile kehrte Ruhe ein. Selbst für Petrobras schien es nach Jahren voller Skandale endlich aufwärtszugehen. Bis Conrada einen Blick auf die Bilanzen warf und feststellte: Die Zahlen waren nicht etwa ein bisschen geschönt worden, sondern utopisch. Seither kämpfte der Konzern ums Überleben …
Sie hörte nicht zu. Die letzten vier Tage hatte sie nichts anderes getan, als alle Informationen zu den Aufständen zu sammeln, an die ihr Team beziehungsweise die EU-Delegation vor Ort gelangen konnte. Fernsehnachrichten vermochten ihr keine Neuigkeiten zu bieten.
»Hat das bald ein Ende?«, fragte Hermann.
»Es ist keins absehbar.« Conrada seufzte. Es handelte sich wirklich um eine vertrackte Situation. »Während Ober- und Mittelschicht beinahe geschlossen gegen Bolsonaro sind, unterstützt ihn so ziemlich jede Gruppe, die man in Europa als verfassungsfeindlich einstufen würde: Identitäre, religiöse Fundamentalisten, Chauvinisten – ein Who is Who der Kotzbrocken. Außerdem genießt er nach wie vor großen Rückhalt in der einfachen Bevölkerung. Doch für seine Sozialprogramme geht ihm das Geld aus. Deswegen hat er die größten Ölfelder Brasiliens an US-Unternehmen verkauft. Unfassbar, wenn man bedenkt, dass er einige dieser Unternehmen vor einem halben Jahr noch enteignet hat. Unternehmen, gegen die er unermüdlich den Hass geschürt hat. Dieser Hass richtet sich nun gegen ihn selbst. Der Hass erstickt alles und jeden. Es gibt keinen Platz mehr für Argumente. Alles ist hochemotional. In Onlinekommentaren wird offen zu Mord und Vergewaltigung der jeweiligen Gegner aufgerufen.«
»Das ist das Internet.«
»Das Ausmaß ist neu. Das aktuell erfolgreichste Schlagwort auf Twitter in Brasilien ist killtherich. Und die Leute scheinen zum Handeln bereit. Da hilft es natürlich nicht, wenn der Präsident droht, das Militär einzusetzen.«
»Tut er das nicht sowieso?«
»Bisher hat er zumindest keinen Schießbefehl gegeben. Für Jan ist es nur eine Frage der Zeit, bis es so weit ist.« Jan Kopański lebte erst seit drei Jahren als europäischer Botschafter in Brasília. Doch ein besserer Kenner des Landes war Conrada bisher nicht begegnet. Sie kam gut mit ihm aus, verstand aber auch, dass dies nicht allen Kollegen gelang. Kopański war nicht nur mit einer überragenden Intelligenz gesegnet. Für Leute, die ihm nicht folgen konnten, brachte er wenig Geduld auf. Im Übrigen machte er keinen Hehl daraus, dass er den EU-Posten nur als Sprungbrett für die polnische Landespolitik nutzen wollte. Es hieß, Kaczyński halte große Stücke auf ihn. Conrada konnte sich ausmalen, wie verärgert Jan gewesen sein musste, als man ihr und nicht ihm die Abteilungsleitung übergeben hatte. Sie war selbst aus allen Wolken gefallen. Sicher, sie hatte die letzten Jahre hart gearbeitet, doch das hatten andere auch.
In den Nachrichten ging es inzwischen um die Rente. Das Eintrittsalter, das 2014 von Andrea Nahles auf dreiundsechzig Jahre gesenkt worden war, sollte auf fünfundsechzig zurückgesetzt werden. Erneut auf Betreiben der SPD. Hermann knurrte nur. Conrada schenkte Wein nach.
»Willst du, dass ich nie wieder auf die Beine komme?«, fragte Hermann.
»Dann lass ihn halt stehen.«
»Jetzt gib schon her.«
Sie tranken. »Hat sich Theresa gemeldet?«, fragte Conrada.
»Bei mir?« Hermann grinste säuerlich. »Bestimmt nicht. Emilia meinte, es geht ihr gut.«
»Vielleicht sollten wir mal wieder gemeinsam Urlaub machen.«
Hermann zog die Brauen hoch. »Du arbeitest mehr als ich, Conrada.«
»Zusammen mit den Kindern. Wenn Theresa wieder da ist. Es muss ja nicht lange sein. Ein Wochenende.«
»Schlag das Theresa mal vor. Ich wünsch dir Glück.«
Auf dem Bildschirm leuchteten Fußballergebnisse auf. Der Sommer war zu Ende. Endlich begann die Champions-League-Saison. Eindhoven hatte 0:4 verloren.
»Verdammt«, murmelte Conrada. So viel zum Trainerwechsel.
»Natürlich ist nach dem ersten Spieltag noch nichts entschieden, sehen wir uns trotzdem die Tabellen an …« Der Nachrichtensprecher unterbrach sich, neigte den Kopf leicht zur Seite und starrte eine Sekunde lang schräg in die Kamera.
»Ich erfahre gerade, wir haben eine Eilmeldung.«
Er drehte den Kopf von seinem Publikum weg. Ein Arm geriet ins Bild, reichte dem Sprecher ein Blatt Papier. Dieser nahm es entgegen, überflog es kurz, sah wieder in die Kamera. Mit dem Blick derer, die sich bewusst sind, etwas Wichtiges mitzuteilen zu haben, sagte er: »Offenbar sind einige Aufständische in den Regierungssitz des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro eingedrungen. Über den Verbleib des Präsidenten ist nichts bekannt. Auch gibt es zurzeit keine Informationen darüber, wie viele Aufständische sich im Palast befinden. Selbstverständlich erfahren Sie mehr, sobald wir über weitere Informationen verfügen.«
»Hast du das gewusst?«, fragte Hermann
Conrada starrte entgeistert auf den Bildschirm. »Das kann nicht sein«, flüsterte sie. »Wenn es so schlimm wäre, hätten sie mich angerufen.« Sie griff nach ihrem Telefon. Im selben Moment begann es zu vibrieren.

»Das Fahrzeug ist gepanzert. Hier drinnen kann Ihnen nichts passieren.«
In der Ferne war eine Explosion zu hören. Schreie.

#killtherich - Bye Bye político!

Brasília, Brasilien; Mittwoch, 14:33 Uhr UTC-3

Jason Silver rieb sich sein letztes Kokain ins Zahnfleisch. Er hatte die Nacht nur vier Stunden geschlafen. Doch wenn er heute erfolgreich sein wollte, musste er hellwach sein. Er nahm noch eine Handvoll Tabletten gegen die Schmerzen im Knie. Verdammtes Rugby. Ein einziges Semester hatte er in Yale gespielt, fünfunddreißig Jahre war das her, und das Scheißknie schmerzte immer noch. Er hasste Linienflüge.

Silver war nicht nur der Vorstandsvorsitzende von Corner’s, dem zweitgrößten Sojabohnenverarbeiter in den USA, sondern darüber hinaus Vizepräsident der Vereinigung der US-Futtermittelhersteller AFIA, zuständig für internationale Kontakte.

Er verließ die Toilette und eilte den anderen Passagieren hinterher. Am Zoll hatte sich bereits eine Schlange gebildet. Der Flughafen Brasílias galt zwar als hochmodern, aber genügend Personal schienen sie trotzdem nicht zu haben.

Es stand nicht gut um die AFIA. Erst war Monsanto von Bayer geschluckt worden, dann hatten die Japaner DuPont gekauft, und jetzt drängten auch noch die Chinesen auf den Markt. Doch wenn Blut auf den Straßen lag, musste man Geschäfte machen, hatte Rothschild gesagt. Selbst wenn es das eigene war.

Der brasilianische Minister für Wirtschaft und Außenhandel hatte ihn gebeten, aufgrund der Unruhen das Treffen zu verschieben, aber Silver hatte die Bitte ignoriert. Die AFIA mochte kränkeln – die brasilianische Regierung lag im Sterben. Sie brauchten positive Nachrichten, und Silver würde sie ihnen geben.

Die Zollbeamten belangten ihn nur kurz, zügig ging er zur Ausgangshalle. Er überflog die Schilder der Wartenden. Seinen Namen fand er nicht. Wo war der Fahrer? Da es sich um eine informelle Sitzung handelte, hatte er darauf verzichtet, sein Team mitzunehmen. Er musste wohl selbst nach dem Fahrer suchen. Was, wenn der Minister den Termin ohne seine Zustimmung abgesagt hatte? Eine Unverschämtheit. Silver spürte Schweiß auf der Stirn. Die verfluchten Schmerztabletten.

Auch für ihn persönlich lief es aktuell nicht gut. Es mehrten sich die Stimmen im AFIA-Vorstand, die ihm die Schuld dafür gaben, dass ihre Unternehmen global so schlecht dastanden. Und erst vor ein paar Wochen hatten die Chinesen ein Angebot für Corner’s geschickt. Für seine eigene Firma! Gott bewahre. Er würde seine Firma doch keinem Chinesen verkaufen.

Wo war bloß der verdammte Fahrer? Sollte er sich etwa ein Taxi nehmen?

»Mr. Silver?«

Silver fuhr herum. Hinter ihm stand ein kleiner Latino in schwarzem Anzug und Kappe unter der Achsel.

»Du bist der Chauffeur?« Silver musterte ihn gereizt. Er war mehr überrascht als empört, dass der Bursche seinem Blick standhielt. Ungewöhnlich. Und warum schrieben die Zeitungen über die Diskriminierung der Indianer? Der Typ war so dunkel, wenn es wirklich so schlimm wäre, hätte er ja wohl kaum seinen Job behalten dürfen.

»Wo hast du gesteckt?«

»Aufgrund der Demonstrationen sind einige Straßen gesperrt«, antwortete er. Sein Englisch war passabel. Aber das war auch das Mindeste. Immerhin handelte es sich um den offiziellen Chauffeurservice der brasilianischen Regierung.

»Wo ist der Wagen?«

»Sie sind allein?«

»Wonach sieht’s denn aus, du Comedian?«

»Folgen Sie mir, Sir.«

Als Silver endlich im Fond der Mercedes-Limousine saß, ging er noch einmal gedanklich alle wichtigen Details durch: erst den Minister reden lassen, die Körperhaltung spiegeln, zuvorkommend wirken, Verständnis zeigen für die schwierige politische Lage. Dann die bisherige Zusammenarbeit loben, knapp musste das passieren, auf den Punkt. Brasiliens Entwicklungsmöglichkeiten preisen. Das war der anspruchsvollste Teil. Der Minister wusste genauso gut wie Silver selbst, dass die Zukunft des Landes gerade alles andere als rosig aussah. Der Minister würde darauf hinweisen, und Silver würde die Zahl nennen. Er würde dem Minister einige Sekunden geben, die Zahl zu verdauen. Es war eine stolze Zahl. Der Preis für die Nutzungsrechte eines Drittels der brasilianischen Sojaanbaugebiete. Nutzungsrechte für zwanzig Jahre.

Silver atmete tief durch und strich über den Aktenkoffer neben sich. Hier lagen die Verträge, die die AFIA-Anwälte vorbereitet hatten. Natürlich würde der Minister selbst sie gar nicht ansehen. Aber er würde entscheiden. Vielleicht sogar noch im Herbst, die Regierung brauchte das Geld dringend, der Staatsbankrott rückte näher.

»Wir müssen zurück«, sagte der Fahrer, zu Silver gewandt.

»Wieso?«

»Im Regierungsviertel ist es zu Ausschreitungen gekommen, das ganze Areal ist abgesperrt.« Der Fahrer legte den Rückwärtsgang ein.

»Fahr sofort weiter.«

»Sir, ich kann nicht, die Straße ist gesperrt.«

»Dann nimm einen Umweg.«

»Selbst wenn ich einen Weg fände, die Polizei wäre nicht begeistert.«

»Wie heißt du?«

»José Colasanti, Sir.«

»Jetzt hör mal zu, José. Ich verdiene eine Menge Geld damit, dass ich weiß, wo ich hinwill. Du wirst dafür bezahlt, dass du mich dorthin bringst. Nicht umgekehrt. Du machst jetzt, was ich sage, oder ich sorge dafür, dass du bald gar nicht mehr bezahlt wirst.«

»Wie Sie meinen, Sir.« Der Fahrer stoppte den Wagen, schaltete und bog in eine Seitenstraße ab.

»Eddie, bist du noch dran?« Silver wandte sich nach der leidigen Unterbrechung wieder seinem Telefon zu.

»Mr. Silver, wir werden Wochen brauchen, um das Angebot an die Chinesen zu lancieren. Selbst wenn es eine Finte ist. Und vorausgesetzt, die übrigen Mitglieder des Vorstands teilen Ihre Meinung, worüber ich mir durchaus nicht sicher bin.«

»Was ist heute?«

»Mittwoch, Sir.«

»Du hast Zeit bis Freitag.«

»Sir!«

»Bei den Summen, die unsere Anwälte verlangen, können die auch mal was arbeiten.« Silver kappte die Verbindung. Er hatte nur noch eine halbe Stunde bis zu seinem Termin. Bescheuerte Aufstände. Konnten die Leute nicht irgendwo anders pöbeln? Silver trommelte mit den Fingern an die Scheibe und stöhnte.

»Verzeihung, Sir?«

»Wird das noch was heute?« Sie kurvten zwischen hässlichen Betonklötzen herum. Silver hatte nicht das Gefühl, dem Regierungsviertel näher zu kommen.

»Sehen Sie aus dem Fenster.«

Silver wollte die flapsige Antwort schon mit einer angemessenen Replik quittieren, da erkannte er, was José meinte. Sie waren auf einen Hunderte Meter breiten Grünstreifen gestoßen, der von zwei mehrspurigen Straßen gesäumt wurde. Nur Autos fanden sich keine. Stattdessen rannten Leute kreuz und quer durcheinander. Viele kamen ihnen entgegen, doch die meisten schienen ebenfalls Richtung Regierungsgebäude unterwegs zu sein. Manche hielten Baseballschläger in den Händen, andere hatten sich Tücher vor Mund und Nase gebunden. Wie Banditen, dachte Silver. Zwischen den Hochhäusern stieg Rauch auf. Von allen Seiten waren Sirenen zu hören.

»Nimm einen anderen Weg«, befahl er José.

»Wie Sie meinen, Sir.« José setzte erneut zurück und lenkte den Wagen in eine schmalere Straße. Weniger Leute zwar, aber auch hier brannten Fahrzeuge und wurden Böller geworfen. Jugendliche rasten auf einem Polizeimotorrad an ihnen vorbei.

Ein Knall, Silver fuhr zusammen. Irgendetwas war gegen die Heckscheibe geschlagen.

»Verdammt, José, pass auf!«

»Das Fahrzeug ist gepanzert. Hier drinnen kann Ihnen nichts passieren.« In der Ferne war eine Explosion zu hören. Schreie. »Allerdings sollten wir vielleicht wirklich umkehren.« Der Fahrer sagte es mit einer Arroganz, als wollte er sich über ihn lustig machen. Silver bebte.

»Du Würstchen willst mir sagen, was ich tun soll? Du fährst jetzt zum Wirtschaftsministerium und nirgendwohin sonst!«

»Sir, sehen Sie doch.« Sowohl die Trennscheibe als auch die Windschutzscheibe waren getönt. Trotzdem konnte Silver genug erkennen, dass er vor Zorn auf seinen Aktenkoffer eindrosch.

Vor ihnen war die Straße vollkommen von einer Menschenmenge in Beschlag genommen. Einige hielten Plakate hoch, andere warfen Gegenstände. Manche zwängten sich aus der Meute. Diejenigen, die hinten standen, drängten hinein. Aufgehalten wurden die Randalierer von einer Polizeiblockade. Gewöhnliche Streifenwagen schrumpften neben gepanzerten Spezialfahrzeugen. Ein Meer aus roten und blauen Lichtern waberte über die Köpfe hinweg. Silver entdeckte einen Wasserwerfer. Ein Megafon plärrte.

»Fahr woanders lang«, fluchte Silver. Aus verschiedenen Richtungen knallten Schüsse.

»Die anderen Straßen sind größer«, wandte der Fahrer ein. »Da werden noch mehr Leute sein.«

Silver dachte nach. Wie kam er an den Minister heran? Er hätte nicht erwartet, dass die Aufstände ein solches Ausmaß annehmen würden. Aber die Eskalation traf sich perfekt. In der aktuellen Lage hatte die Regierung gar keine andere Wahl, als auf das AFIA-Angebot einzugehen. Man musste sich nur vorstellen, wie viel Geld die Straßenkämpfe kosteten. Die Sachschäden und die Polizeieinsätze waren noch der kleinste Posten. Die Öffentlichkeitsarbeit im Nachhinein, die Steuergeschenke, die nötig werden würden, das alles würde Unsummen verschlingen. Und zwar in einem Land, das nur deswegen noch nicht für bankrott erklärt worden war, weil dies für seine Handelspartner gewaltige Abschreibungen bedeuten würde.

Nein, Silver holte tief Luft, diese Bauernlümmel würden ihn nicht von dem Coup seines Lebens abhalten.

»José, wir gehen zu Fuß.«

»Sir, Sie belieben zu scherzen.«

Aber Silver hatte schon die Tür aufgemacht und sprang aus dem Wagen. Dann öffnete er die Fahrertür. »Los, steig aus, du hast ja wohl eine Ausbildung zum Personenschützer.«

Der Fahrer starrte ihn eingeschüchtert an. »Einen Erste-Hilfe-Kurs habe ich. Fahrer mit Zusatztraining werden nur besonders wichtigen Gästen zugeteilt.«

Silver hatte Lust, dem Affen die Fresse zu polieren.

»Aussteigen!«, befahl er. Der Fahrer gehorchte widerwillig.

»Wir halten uns links an den Häusern, du bleibst vor mir, falls der Wasserwerfer in unsere Richtung zielt.« Sobald die Polizisten sie entdeckten, würden sie ihnen entgegenkommen und eine Gasse sichern. Es war offensichtlich, dass er auf die andere Seite der Blockade gehörte.

Glas splitterte. Viel zu nah. Silver brauchte einen Augenblick, bis er verstand, dass es sich um den Außenspiegel ihres eigenen Wagens handelte. Einige Halbstarke kamen näher.

»Los, wir müssen hier weg!«, rief Silver.

Einer der Schurken zeigte auf das Nummernschild. »Político!«, brüllte er. »Político!«

Der Fahrer war schon losgerannt, Silver folgte ihm. Auf einmal waren überall Männer, die auf ihn zukamen, ihm den Weg verstellten, ihn mit ihren vulgären Drohgesten einzuschüchtern versuchten. Wo war sein Aktenkoffer? Hatte er ihn im Wagen gelassen? Scheiße, wie sein Knie wehtat. Es war ein Fehler gewesen, ohne Team zu reisen. Eddie hätte ihm widersprechen müssen.

Ein Typ mit Eisenstange grinste ihn an. Silver floh in die andere Richtung. Er würde Eddie feuern. Etwas traf ihn am Bein, er stolperte. Warum half ihm denn niemand? Er schrie um Hilfe. Wo war bloß die Scheißpolizei? Die Männer riefen sich auf Portugiesisch Stichworte zu, lachten, johlten. Er würde sich ihre Gesichter merken müssen, für das Gerichtsverfahren. Ein stechender Schmerz fuhr ihm in die Schulter, fuck, auch das noch. Weiter, runter von der Straße, zu den Lichtern. Bei den Lichtern wäre er sicher. Sirenen. War das die Polizei? Er brauchte dringend ein Megafon. Bei dem Lärm hörte ihn ja sonst niemand. Der Teer kam rasend schnell auf ihn zu, augenscheinlich war er gestürzt, den Anzug würde er wegwerfen müssen, warum brummte ihm der Kopf auf einmal so? Seine Füße waren kalt, er hatte schon als Kind kalte Füße gehabt. Gab es hier denn nirgendwo ein Megafon?

Ein Knall sprengte ihm das Bewusstsein, sekundenlang rang Bimal nach Orientierung. Dann verstand er. Es war passiert.

#killtherich - Bye Bye neue Drohne!

Chennai, Indien; Mittwoch, 18:22 Uhr UTC+5:30

Er müsse das verstehen, hatten sie gesagt, die Zeiten änderten sich. Ha, die Languren! Und jetzt, hatte er gefragt, was solle er tun? Nun, hatten sie gesagt, im Boulevard seien gerade Stellen frei.

Es war unfassbar. Boulevardjournalismus! Bimal ballte die Fäuste, allein wenn er daran dachte, zitterte er vor Zorn. Er war Journalist, kein Paparazzo!

Bimal Kapoor war einundsechzig Jahre alt, vierunddreißig davon hatte er für The Hindu geschrieben, die ehrwürdigste englischsprachige Zeitung Indiens. Seine Methoden entsprachen vielleicht nicht der Konvention, aber gab der Erfolg ihm nicht recht? Er hatte den Bofors-Skandal mit aufgedeckt, er hatte über Palmölschmuggel geschrieben, über Veruntreuung von Steuergeldern, über illegale Massenenteignungen von Bauern durch Granitabbauunternehmen und über Korruption – aufgrund seiner Recherchen hatte der damalige Außenminister Natwar Singh zurücktreten müssen! Bimal Kapoor hatte keine Angst vor den Mächtigen. Die Mächtigen hatten Angst vor Bimal Kapoor.

Umstrukturierung, ha! Die Wahrheit verkaufte sich nicht mehr, das war alles. Boulevardjournalismus! Er schnaubte vor Wut. Zwei Mönche sahen sich nach ihm um, es war ihm egal. Mochte die ganze Mall mitbekommen, wie übel ihm mitgespielt wurde. Das Express Avenue war eines der neuesten und imposantesten Einkaufscenter Chennais. Prächtig und geschmacklos, willkommen im Indien der Zukunft. Eine glitzernde Zukunft für alle Mitläufer. Er kochte. Er sei nicht mehr zeitgemäß, hatten sie gesagt. Ha! Was sollte das heißen: nicht mehr zeitgemäß? Er trat gegen einen Mülleimer. Das Geräusch war enttäuschend unspektakulär.

Seit Stunden lief er ziellos durch die Stadt, versuchte die Schmach zu verarbeiten. Boulevardjournalismus. Hätten sie ihm lieber gleich gekündigt, als ihn derart lächerlich abzuspeisen. Oder nein, im Gegenteil, wahrscheinlich hatten sie sich alles genau überlegt. Er nahm einen Schluck von seinem Mangoschnaps. Zumindest das Trinken konnten sie ihm nicht verbieten. Wahrscheinlich warteten sie nur darauf, dass er von sich aus kündigte. Natürlich, Bimal Kapoor wurde nicht entlassen, nicht der Journalist, der das Exklusivinterview mit Schachweltmeister Anand geführt hatte, direkt nach dessen historischer Niederlage gegen Carlsen. Schlechte Presse wäre das. Bimal lachte bitter.

Er habe die Digitalisierung verpasst, hatten sie gesagt. Ha! Als ob er nicht genauso erwartungsvoll gewesen wäre wie die anderen, anfangs. Das Internet hätte ein neues Zeitalter des Qualitätsjournalismus einläuten können. Egal ob Aktualität, Recherche, Vernetzung, es bot unvorstellbare Möglichkeiten. Und was machten die Herausgeber stattdessen? Social Media! Ließen sich von der User-Herde treiben wie Schuljungen. Bimal merkte, wie der Alkohol ihm zu Kopf stieg. Menschen mit riesigen Einkaufstüten hasteten an ihm vorbei, Hamsterkäufer des Luxus. Irgendwo wurde der Anstand verramscht, aber niemand bekam es mit – alle waren zu beschäftigt, ihren Selbstwert zu externalisieren auf ihren Besitz.

Nein, entschied Bimal und nahm einen Schluck vom Schnaps, so einfach würden sie ihn nicht los. Und wenn sie ihn zu einem Boulevardjournalisten machen wollten, dann würde er sich auch verhalten wie ein Boulevardjournalist. Sie würden noch bereuen, ihn nicht einfach mit einer Abfindung aus dem Haus gejagt zu haben.

Er kam an einem Elektronikgeschäft vorbei. In grellen Farben wurde Kameraausrüstung angepriesen. Warum nicht?, dachte er grimmig. Brauchte er nicht die passende Ausrüstung zu seinem Niedergang? Kein Paparazzo ohne Teleobjektiv. Natürlich würde er es ihnen in Rechnung stellen – aber vor allen Dingen würden sie die Fotos zu verantworten haben. Er war fest angestellt, die juristische Abteilung von The Hindu würde noch fluchen über ihn.

Das Geschäft war groß wie ein Parkhaus. Die Kunden drängten sich so dicht durch die Regalreihen, dass Bimal übel wurde. Wo befand sich die Kameraabteilung?

Ein Sicherheitsmann in westlicher Kleidung bat ihn, die Flasche abzugeben. Bimal trank sie aus. Die Welt war am Ende. Der Journalismus war tot. Unverschämtheit ersetzte die Recherche, Technik ersetzte das Denken. Und er, Bimal Kapoor, Starjournalist einer untergegangenen Epoche, hatte keinen Schnaps mehr.

Als er die Kameraabteilung erreichte, sah er sich nach einem Angestellten um. Niemand da. Bimal hatte keine Ahnung von Technik, früher hatte man ihm regelmäßig einen Fotografen an die Seite gestellt.

Es schien, als wären normale Kameras genauso passé wie geduldige Recherchearbeit. Drohnen waren das große Ding: prominent platziert, reißerisch beworben, von potenziellen Kunden begafft wie fliegende Kühe.

»Sie suchen etwas Bestimmtes?« Ein pickliger Jugendlicher war hinter Bimal getreten. Er trug ein Hemd mit dem Namen des Elektromarktes.

»Schnaps«, sagte Bimal.

»Bitte?«

»Eine Drohne.«

Der Jugendliche wollte sich nach Details erkundigen, Bimal winkte ab. »Zeig mir einfach die teuerste, die ihr habt.«

Der Jugendliche nickte willfährig und führte ihn den Verkaufsgang entlang. Vor einem blau-weißen Karton blieb er stehen.

Er begann zu erklären.

»Was kostet sie?«, unterbrach ihn Bimal.

Der Jugendliche nannte einen Preis, mit dem man einen Bundespolitiker hätte kaufen können.

»In Ordnung«, sagte Bimal.

Als Bimal das Express Avenue verließ, lief er wie immer in eine Wand aus schwülheißem Gelee, zusammengerührt aus 33 Grad Celsius, 70 Prozent Luftfeuchtigkeit, etwas Straßenstaub und den Abgasen von vier Millionen PKW. Alle vier Millionen PKW hupten.

Den verblüffend leichten Drohnenkarton unterm Arm, in der freien Hand eine neu erworbene Schnapsflasche, sah er sich nach einem Taxi um. Er hatte Glück, nach kurzer Zeit hatte er eines gefunden. Taxis waren zwar nicht schneller als Fußgänger, aber klimatisiert.

Zu der Drohne hatte er sich eine passende Kamera und ein Mikrofon gekauft. Es dunkelte bereits, aber Bimal war fest entschlossen, seinen Kauf noch heute auszuprobieren. Nur wo?

Er wies den Taxifahrer an, in den Südwesten zu fahren, nach Kodambakkam. Wenn er schon zum Paparazzo wurde, dann konnte er seine Fähigkeiten auch gleich dort testen, wo die Idee des Voyeurjournalismus geboren worden war. Hoffentlich war der Akku geladen.

Kodambakkam war zwar nicht die Wiege aller Popstars, aber immerhin das Zentrum der tamilischen Filmindustrie. In Anlehnung an Bollywood trug es den Spitznamen Kollywood. Hier wurden über dreihundertfünfzig Filme im Jahr produziert, mehr als beim großen Bruder in Mumbai. So stolz die ansässigen Filmemacher über diesen Umstand waren, so sehr litten sie darunter, dass sie an Umsatz nicht einmal die Hälfte erzielten.

Endlich hatten sie das Viertel erreicht, Bimal bezahlte den Taxifahrer und stieg aus. Schick war es hier, das musste er zugeben. Schlaglochfreier Asphalt, frisch gestrichene Fassaden statt Wellblech, Bäume statt Müll. Nirgendwo Kühe. Bimal setzte sich auf den Bürgersteig – es gab einen Bürgersteig – , nahm einen Schluck von seinem Schnaps – diesmal Litschi – und öffnete den Karton. Dass ihn in Kodambakkam jemand überfiel, hielt er für unwahrscheinlich.

Die Drohne war bereits zusammengebaut, er musste sie nur aus ihrem Styropor lösen. Es gab eine Bedienungsanleitung, Bimal blätterte sie ungeduldig durch. Auf Seite vier ließ er es bleiben. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, seine Augen waren nicht mehr die besten.

Zum Glück war die Inbetriebnahme idiotensicher. Der Akku war durch eine Klebefolie geschützt und aufgeladen. Bimal setzte ihn ein und klickte dann Kamera und Mikrofon in die entsprechenden Halterungen.

Plötzlich spürte er ein Ziehen im Magen. Er war betrunken, er hatte noch nie eine Drohne geflogen. Was, wenn er sie direkt gegen die nächste Hauswand setzte? Sicher, er musste sich finanziell keine Sorgen machen, aber reich war er auch nicht. Und dass The Hindu für die Kosten aufkam, war alles andere als sicher. Wenn er das Gerät heute schrottete, würde er es spätestens morgen früh bereuen. Er nahm einen weiteren Schluck. Überrascht stellte er fest, dass die Flasche schon wieder halb leer war.

Nein, unverrichteter Dinge umzukehren kam nicht infrage. Er legte den Schalter um. Und tatsächlich, das Gerät erwachte. Leicht wie ein Seidentuch hob sich die Drohne in die Luft. Kaum ein Sirren war zu hören, als sie vor ihm schwebte. In ihrem Kameraauge blitzten die Reflexionen der vorbeifahrenden Autos. Fast wie ein denkendes Wesen schien sie ihm, wie sie da wartete auf seinen Befehl.

Mit der Fernbedienung steuerte er sie erst nach links, dann nach rechts, sie folgte dem Signal ohne die kleinste Verzögerung. Er ließ sie aufsteigen und wieder sinken, ihre Bewegungen waren perfekt. Wenn sie dem Boden oder einer Straßenlaterne zu nahe kam, wurde sie automatisch langsamer und bremste schließlich ganz ab. Das war die Zukunft, dachte Bimal schwermütig. Selbst Drohnenfliegen erforderte keinerlei Finesse mehr. Die Software übernahm jede Herausforderung, in deren Bewältigung der Mensch sich hätte als wirkmächtig erfahren dürfen.

Die Bilder, die die Kamera an das Display sendete, welches in die Fernbedienung integriert war, waren gestochen scharf. Welche Motive sich mit so einem Werkzeug finden ließen! Bimal hatte in seiner Karriere selten fotografiert, er hatte ja den Fotografen gehabt. Früher. Ihm stieg die Galle hoch. Boulevardjournalist. Nach all den Leitartikeln, nach all den Preisen, er konnte es nicht fassen. Und jetzt saß er hier mit einem überteuerten, sinnlosen Spielzeug und war kurz davor, irgendwelchen Schauspielern hinterherzuspionieren. Er ekelte sich vor sich selbst. Es war spät, er sollte nach Hause. Die Liebe seines Lebens wartete auf ihn. Mutlos starrte er auf den Litschischnaps. Er war ein gescheiterter alter Mann. Er sah aus wie ein gescheiterter alter Mann, er roch wie ein gescheiterter alter Mann. Wie sollte er so nach Hause?

Er erhob sich mühselig, leerte die Flasche und warf sie gegen einen parkenden LKW. Anstatt zu zersplittern, fiel sie mit einem demütigend matten Geräusch zu Boden. Was tat er hier überhaupt? Bimal kramte nach seiner Glücksmünze. Es handelte sich um eine Silberrupie seines Urururgroßvaters. Dieser hatte im neunzehnten Jahrhundert für die britische Kolonialmacht Münzen geprägt. Als in den 1870ern gewaltige Silbervorkommen in den USA entdeckt wurden, verfiel der Wert der silbernen Münzen Indiens so drastisch, dass die britische Regierung Ende des neunzehnten Jahrhunderts das Prägen von Silbermünzen einstellte und die Rupie an den Goldstandard band. Bimals Glücksmünze war eine der letzten je geprägten indischen Silbermünzen.

Sein Urururgroßvater hatte sie dem Ururgroßvater vermacht als Mahnmal für die Vergänglichkeit materieller Werte. Von Generation zu Generation weitergegeben, war sie schließlich in Bimals Hände gelangt. Wie sein Vater nutzte er sie, um es dem Zufall zu überlassen, wenn er sich mit einer Entscheidung schwertat. Queen Victoria: Er würde nach Hause gehen. One Rupee India 1893: Er würde die Drohne ausprobieren.

Er schnippte die Münze in die Luft, fing sie auf, legte sie auf den Handrücken. One Rupee India 1893. Wie auch immer. Vish­nu hatte entschieden.

Bimal setzte sich wieder, nahm die Fernbedienung in den Schoß und ließ sein Spielzeug die Nacht erkunden. Die Steuerung war wirklich lächerlich einfach. Auf dem Bildschirm seiner Fernbedienung verfolgte Bimal, was das Kameraauge sah. Trotz der Dunkelheit waren die Bilder erstaunlich gut. Offenbar wurden sie von einer Software nachberechnet. Hinter den Hecken erstreckten sich protzige Häuser, Gärten, Pools. Ein Bediensteter fegte eine Veranda. Sonst entdeckte Bimal nicht eine Menschenseele. Klar, es war noch immer zu schwül, um draußen zu sein – außer man gehörte zu den armen Wichten, die den Reichen den Dreck wegmachen mussten. Wem spionierte er da überhaupt nach? Der Ekel stieg wieder in Bimal hoch, so stark, dass er taumelte.

Er lehnte sich an die Stahlstreben des Zaunes, der das Anwesen hinter ihm von der Straße abschirmte. Es hatte keinen Zweck, er sollte nach Hause. Die Liebe seines Lebens wartete auf ihn.

Ein Konvoi von mehreren SUVs brauste vorbei. Die Beifahrertür des ersten wurde von einem Emblem geschmückt: AMG Studios. Bimal kannte den Namen. Er gehörte der erfolgreichsten Produktionsfirma Kollywoods. Na gut, seufzte er. Letzter Versuch.

Er ließ die Drohne landen, schaltete sie aus und ging mit ihr in die Richtung, in welcher der Konvoi verschwunden war. Bald wurden die Straßen noch breiter, noch sauberer, gesäumt von ummauerten Anwesen, deren Pracht man nur vermuten konnte. Anstelle von Hausnummern oder Namensschildern waren Überwachungskameras über den Zufahrtstoren montiert.

Ohne groß nachzudenken, betätigte er die nächstbeste Klingel. Diese gehörte zu einem gewaltigen Stahltor, über welches sich ein steinerner Bogen schwang, in der Form zweier aufeinander zuspringender Löwen. Gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, die Drohne an die Wand zu lehnen, sodass sie sich im toten Winkel der Kamera befand, die in die Mauer eingelassen war.

»Ja?«, ertönte es aus der Gegensprechanlage.

»Ramesh Chandhok«, improvisierte Bimal. »The Hindu.« Er hielt seinen Presseausweis vor das Kameraauge. Dreistigkeit öffnete allerhand Türen, das hatte er in den Jahren seines Berufslebens zur Genüge erfahren. Hoffentlich war es zu dunkel, als dass der andere den eingetragenen Namen lesen konnte.

»Was wollen Sie?«

»Ich habe einen Termin mit Sundar Narayan.« Narayan war der Chef von AMG Studios. Sein Vermögen wurde auf über eine Milliarde Dollar geschätzt.

»Um diese Uhrzeit?«

»Glauben Sie mir, ich hätte auch gern früher Feierabend.«

»Hier sind Sie jedenfalls falsch. Sie müssen die Straße runter bis zur zweiten Kreuzung, das Tor mit der blauen Mauer. Schönen Abend.« Es klickte, die Anlage war stumm.

Bimal konnte nicht fassen, wie einfach das gewesen war. Sundar Narayan, die größte Nummer unter Chennais Filmstars – vielleicht wurde der Abend doch noch interessant.

Er griff nach der Drohne und schlenderte die Straße hinab. Er hatte keine Eile. Die Luft war etwas abgekühlt, der Alkohol schwappte in seinem Bauch herum, ein paar Sterne blinkten am Himmel. Die Welt würde sich auch ohne ihn weiterdrehen, Menschen würden sich finden und verlieren, würden sich lieben und sich hassen, würden zu Reichtum gelangen und verarmen, Kriege würden geführt werden, Friedensverträge unterschrieben und gebrochen, aus dem Samsara gab es kein Entkommen, und vielleicht war das nicht einmal schlimm.

Er erreichte die blaue Mauer. Ein Tor war noch nicht zu sehen, aber er brauchte ja auch keins. Zufrieden bemerkte er, dass die Baumkronen, die hinter der Mauer zu erkennen waren, in verschiedenen Farben leuchteten. Offenbar passierte irgendwas im Garten.

Bimal startete die Drohne und schickte sie erst einmal in die Höhe. Kaum hatte sie die Lampen der Straßenlaternen unter sich gelassen, verschwand sie im Nachthimmel. Auf dem Display der Fernbedienung konnte er sich selbst in Zwergenform erkennen. Ein Tastendruck schickte die Drohne über das Anwesen, Bimals Scheitel glitt aus dem Bildausschnitt, ein mit buntem Licht bestreuter Park erschien. Bimal sandte die Drohne auf Erkundungsflug. In dem weitläufigen Areal gab es einen blau schimmernden Pool, einen Tennisplatz, Gartenlauben, Statuen, ein beeindruckendes Wohnhaus im Stil Britisch-Indiens – aber nichts, was skandalträchtig oder auch nur ungewöhnlich war.

Der Ekel war wieder da, er bereute, auf die Glücksmünze gehört zu haben. Da entdeckte er ein Glimmen in einer der Lauben. Er ließ die Drohne sinken und zoomte an die Laube heran. In der Tat, einige Leute saßen da, Zigaretten in der Hand. Ihre Gesichter konnte er nur schemenhaft sehen, die Laube war nur schwach erhellt. Er hätte Narayan sowieso nicht erkannt, die tamilische Filmkultur hatte Bimal nie gereizt. Es schienen insgesamt drei Personen zu sein.

Zeit, das Mikrofon auszuprobieren. Er schloss die Ohrstöpsel an und schaltete den Ton ein.

»… etwa nicht? War doch gut«, sagte jemand. Lachen.

»Keine Frage«, sagte ein anderer. Die Stimmen sprachen englisch.

»Nächstes Jahr wird noch besser«, sagte der Erste.

»Hauptsache Europäerinnen«, sagte ein Dritter.

Bimal hörte eine Weile zu und versuchte, die Akzente zuzuordnen. Einer war auf jeden Fall indisch, vielleicht Narayan. Der zweite klang britisch. Beim letzten war er sich nicht sicher. Das Englisch war perfekt – doch in der Perfektion lag eine Kühle, die Bimal irritierte. Jedes Wort klang wie einzeln von einer Lehr-CD gesprochen. So redete kein Muttersprachler, sondern jemand, der sich die Sprache minutiös angeeignet hatte.

Die Unterhaltung drehte sich darum, welches Casting in welchem Genre erfolgversprechend war. Europäerinnen waren immer gut, unabhängig von ihrem schauspielerischen Talent. Bimal hatte schon mehrmals Gerüchte gehört, dass es sich bei vielen hellhäutigen »Schauspielerinnen« um Touristinnen handelte, die von der Straße oder vom Strand weg gecastet wurden. Die Touristinnen verbrachten ein paar Tage am Set, verdienten im Vergleich zu den regulär Beschäftigten astronomische Summen und setzten ihren Urlaub fort.

Bimal war gelangweilt. Der Alkohol drückte ihm gegen den Schädel, nur eine Ankündigung baldiger Rache. Und er selbst hockte mitten in der Nacht auf einem Bürgersteig in Kodambakkam und machte sich strafbar damit, dass er Filmleute belauschte, die über das Filmgeschäft sprachen. Der Jammer seines Seins lag bitter auf Bimals Zunge.

»Wir dürfen den afrikanischen Markt nicht vergessen«, sagte der Inder.

»Ich gebe Ihnen vollkommen recht«, stimmte der Engländer zu. »Sagen Sie ein Wort, und Woodearth tritt an Ihre Seite …«

»Bolsonaro ist verschwunden«, unterbrach ihn der Dritte, den Blick auf sein Telefon gerichtet. Kein Deutscher, entschied Bimal, aber nah dran. Vielleicht ein Nordeuropäer.

»Wer?«, fragte der Inder.

»Der brasilianische Präsident. Rebellen sind in den Palast gestürmt, seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört.«

»Ist das ein Problem?«, fragte der Engländer.

»Es könnte eines werden«, entgegnete der Nordeuropäer. Er senkte die Stimme: »Wir haben mehrere Firmen dort.« Den Rest verstand Bimal nicht, auch nicht die Antworten der anderen. Warum sprachen sie leiser?

Vorsichtig lenkte er die Drohne näher heran, drehte die Lautstärke der Tonausgabe auf. Inzwischen schwebte sie nur wenige Meter über dem Boden, er musste den Neigungswinkel der Kamera anpassen. Die Männer trugen Anzug, mehr war immer noch nicht zu erkennen.

»Ich hoffe sehr, dass Mr. Stegen sich nicht übernommen hat«, zischte der Inder.

»Keine Sorge«, erwiderte der Nordeuropäer, »Mr. Stegen ist zu hundert Prozent zuverlässig.« Bimals vorsichtiger Tipp war Skandinavien.

»Und die anderen?«, fragte der Engländer nervös.

»Ebenfalls. Was glauben Sie, wie Mr. Stegen zu dem Renommee gekommen ist, dessentwegen Sie sich an uns gewandt haben. Meine Herren, machen Sie sich keine Sorgen um Ihr Geld. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, ich rufe kurz Fred an.« Der Skandinavier stand auf und trat aus der Laube, das Telefon bereits am Ohr.

Um nicht entdeckt zu werden, steuerte Bimal die Drohne etwas zur Seite. Plötzlich schrillte ein Ruf durch die Ohrstöpsel, so laut, dass das Signal übersteuerte, der Rufer musste direkt neben dem Mikrofon stehen.

»Was ist los?«, rief der Inder auf Tamil und sprang auf, starrte ins Display.

Hektisch drückte Bimal auf der Fernbedienung herum, traf den falschen Knopf, die Drohne flog hin und her, aber nicht nach oben.

»Eine Drohne«, rief jemand sehr laut, ebenfalls auf Tamil. Verflucht, Bimal schwitzte, warum stieg das Ding nicht in die Höhe?

»Hol sie runter«, schrie der Inder. Am Rande des Displays erschien der vierte Mann, eine Pistole in der Hand. Bimal hieb auf die Fernbedienung ein, entdeckte das gelbe Licht, gelb bedeutete Kollisionsgefahr, aber sie schwebte doch, verdammt, da war Platz nach allen Seiten. Der Mann mit der Pistole zielte direkt in die Kamera. Nach oben, Kollisionsgefahr nach oben, begriff Bimal, die Drohne musste unter eine Baumkrone geraten sein, sie musste weg von den Bäumen, schnell.

Ein Knall sprengte ihm das Bewusstsein, sekundenlang rang Bimal nach Orientierung. Dann verstand er. Es war passiert. Der Mann hatte geschossen. Das Display war schwarz. Bimals Herz pochte. Das war kein normaler Sicherheitsdienst. Er musste hier weg. Er musste die Fernbedienung loswerden. Er riss sich den Trageriemen vom Hals, schleuderte das Gerät von sich. Dann rannte er los, rannte, so schnell seine arthrosegeschwächten Knie es ihm erlaubten. Hinter ihm fielen Schüsse.

Die entscheidenden Kapitel der Geschichte müssten mit Blut geschrieben werden, sagte Alex.

#killtherich - Bye Bye Ausbeuter

Brasília, Brasilien; Donnerstag, 04:58 Uhr UTC-3

Nein, sagte sich Antonio Bomfim. Nein. Sie waren nicht schuld. Was passiert war, war eine Tragödie, ja. Aber hätten sie es nicht versucht – sie wären schuldig geworden vor den Geistern der Geschichte.

Brasilien war ein Land der Ausbeuter. Das Land wartete auf die Revolution. Brauchte die Revolution. Seit Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, seit Spanien und Portugal Lateinamerika unter sich aufgeteilt hatten, war die Geschichte Brasiliens eine Geschichte der Ausbeutung. Die Portugiesen beuteten die Einheimischen aus. Die Einheimischen starben an europäischen Krankheiten, die Portugiesen schafften afrikanische Sklaven heran. Die Portugiesen wurden von Napoleon besiegt, Brasilien wurde Kaiserreich. Die Ausbeutung erfolgte auf Geheiß des eigenen Kaisers. Wer rebellierte, zahlte mit Blut. Die Tochter des Kaisers verbot die Sklaverei, das Militär schickte beide ins Exil. Das Militär schuf eine Oligarchie und nannte es Republik. Die Reichen verkauften Kaffee und wurden reicher als je zuvor. Das sogenannte Bürgertum wollte etwas abhaben vom Kuchen, da wählte das Militär einen Diktator zum Präsidenten. Der kaufte die einen mit Brot, die anderen mit Macht, den Rest brachte er um. Das Militär begann sich zu langweilen und wählte andere Puppen. Eine der Puppen hatte ein Gewissen, die USA waren beleidigt, das Militär entsorgte das Ärgernis. Helden standen auf und fielen, den Rest kaufte die Junta mit Gold. Das Gold ging aus, die Junta verlor die Lust. Im Folgenden wurden die Puppen gewählt, sie versprachen Wachstum, und in der Tat, die Reichen wurden reicher. Sie versprachen Gleichheit, und die Korruption nahm zu. Sie versprachen Gerechtigkeit, zerschlugen den Staat und schenkten den Reichen die Splitter. Die Armen kauften sie mit Brot. Das Brot ging aus. Der Zorn der Generationen schüttelte sich aus seinem Schlaf. Man gaukelte den Leuten Wahlen vor. Die Leute wählten mit Herz, und die Ausbeutung ging weiter. Die Leute wählten mit Verstand, und die Ausbeutung ging weiter. Die Leute wählten mit Wut, und die Ausbeutung ging weiter. Brasilien war ein Land der Ausbeuter. War es seit jeher gewesen. Das Land wartete auf die Revolution. Das Land brauchte die Revolution.

Antonio Bomfim schob sich die Brille zurecht. Er spähte zwischen den Lamellen der Jalousie hindurch und durch das Glas dahinter, welches das oberste Stockwerk des Palácio do Planalto von der Welt trennte. Diese Welt würde nicht mehr dieselbe sein. Nicht mehr für ihn, gewiss, aber auch nicht mehr für die Hunderttausenden, die dort draußen auf der Esplanada dos Ministérios ausharrten, dort warteten, hofften, kämpften. Sie begehrten auf gegen ihr Schicksal und ahnten nicht, wie weit das Rad der Fortuna bereits fortgerollt war. Die Polizei hatte die Blockade inzwischen mit schweren Panzerwagen verstärkt. Schon seit einer geraumen Weile kreisten Hubschrauber über dem Palast. Die Machthaber schützten die Revolutionäre, weil sie Angst vor dem Proletariat hatten. Antonio versuchte es lustig zu finden. Hinter dem Fernsehturm schimmerte das erste Morgenrot. Vorbote des ersten Tages einer neuen Zeitrechnung.

»Antonio«, rief Gabriel hinter ihm. »Sieh mal, was ich habe.« Antonio drehte sich um, Gabriel streckte ihm eine mit dampfendem schwarzem Kaffee gefüllte Porzellantasse entgegen.

»Du bist ein echter Freund«, sagte Antonio und griff nach der Tasse. »Woher hast du den?«

»Hat Fernando im zweiten Stock entdeckt. Wir müssen wieder in die Zentrale, Alex will noch mal diskutieren.«

»Schon wieder?«, fragte Antonio müde.

»Bis wir eine Antwort haben.«

Antonio zuckte resigniert mit den Schultern. Es gab keine Antwort. Doch für Einwände hatte er keine Kraft mehr. Schweigend folgte er Gabriel in das Präsidentenbüro, das Alex am Abend kurzerhand zu ihrer Zentrale erklärt hatte.

Nach wie vor kam es Antonio unwirklich vor. Die letzten Monate, die letzten Wochen, dann der Tag gestern, die Nacht. Wie schnell alles passiert war. In Antonios Leben war zuvor noch nie etwas schnell passiert.

Antonio hatte nie Freunde gehabt; dass er auch an der Universität keine fand, beschäftigte ihn nicht weiter. Bereits in der Einführungswoche war ihm das systemhörige Grunzen der Kommilitonen unerträglich geworden. Die Gesellschaften der Welt wurden zerfressen von der Gier nach Besitz, die Kommilitonen lachten nur. Die globalen Eliten versklavten die Völker mit ihrer Propaganda des Fleißerfolgs, die Kommilitonen betranken sich. Die Machthaber vertrösteten die Masse nicht länger mit einem jenseitigen Paradies – in der diesseitigen Welt versprachen sie Erlösung, sobald man sich dem Markt nur zu Füßen warf. Antonio sah die Erosion des Menschlichen, die Kommilitonen prahlten mit ihren Frauengeschichten.

Das Studium machte ihn einsamer, als er gedacht hätte sich je fühlen zu können. Seine Noten waren exzellent, man bot ihm ein Stipendium an. Er beschloss, das Studium auszuschlagen und Bauer zu werden. Er traute sich nicht. Er nahm das Stipendium an und ekelte sich vor sich selbst.

Dann traf er Gabriel. Der Tag lag nur zweieinhalb Monate zurück. Doch in diesen zweieinhalb Monaten war Antonios Leben großartiger gewesen als jemals zuvor. Es war bedeutsam geworden.

Gabriel war anders als alle anderen. In seiner Jeans waren Löcher, seine Haare wuchsen wirr durcheinander und reichten ihm bis auf die Schultern, sein Blick war angriffslustig und stark. Doch eine Sache war es, die ihn wirklich besonders machte: Gabriel verstand Antonio. Gabriel wusste, wie es war, umgeben von Blinden auf einen Abgrund zuzutreiben. Gabriel wusste, wie es war, Bücher nicht lesen, sondern durchdringen zu wollen. Er hatte Durkheim gelesen und Braudel. Er hatte Nietzsche gelesen, und als er ihn nicht begriffen hatte, hatte er ihn noch einmal gelesen. Und dann noch einmal. Inzwischen hatte er ihn so oft gelesen, dass er Passagen auswendig aufsagen konnte, und hatte doch immer noch, wie er freimütig zugab, nicht das Geringste verstanden.

An einem Dienstagabend im Juli, es regnete, führte Gabriel Antonio in den Proberaum eines heruntergekommenen Jugendzentrums und stellte ihm die Band vor. Alex. Fernando. Gustavo. In dem Proberaum wurde nicht geprobt. Die Band war auch keine Band. Mit großen Augen sah Antonio die Konterfeis auf ihren T-Shirts, die Fahnen, die an den Wänden hingen. Wie im Traum lauschte er den Worten von Alex, der leidenschaftlich und klug und ohne jeden Selbstzweifel erzählte, wer sie waren und warum sie kämpfen mussten, der die Worte fand für die Gefühle, die Antonio in sich trug.

Bei der »Band« handelte es sich um die UJR, die Union des Aufstands der Jugend. Die UJR war die Jugendorganisation der Revolutionären Kommunistischen Partei. Antonio blieb die ganze Nacht bei den anderen, rauchte und trank, im Morgengrauen taumelte er aus dem Gebäude und wusste, er hatte eine Familie gefunden.

Zu seinen Seminaren zu gehen schien ihm lächerlich. Was sein Studium betraf, beschränkte er sich auf das Nötigste, um sein Stipendium zu behalten. Anstatt jeden Tag zwischen São Sebastião und Brasília zu pendeln, schlief er jetzt immer öfter im Proberaum. Die Streitereien mit seiner Mutter nahmen zu, die Mutter wurde ihm fremd. Wie hätte er reden können mit dem Proletariat, solange es betäubt war. Das Heilmittel für die Betäubung sei die Gewalt der Revolution, erklärte Alex und prostete in die Runde, und Antonio fürchtete die Gewalt, doch er prostete zurück mit den anderen, denn er wusste, dass Alex recht hatte.

Antonio vermochte sich nicht vorzustellen, dass sein Leben noch vollkommener werden könnte. Dann begannen die Aufstände. Erst in Rio, dann in São Paulo, endlich in Brasília. Eine Welle der Befreiung rollte über das Volk, riss es aus seinem Koma und trieb die Machthaber vor sich her. Parteien, Vereine, Arbeiter, alle standen sie auf. Und die UJR ritt die Welle wie im Rausch.

Sie verteilten Kampfschriften, vernetzten die Revolutionäre über Facebook, organisierten Kundgebungen, schafften Essen, Zelte und Schlafsäcke herbei für die, die auch nachts nicht vor den Palästen zurückwichen. Sie kompensierten Schlafmangel mit Kaffee und Hunger mit Zigaretten. Wenn die Polizei sie bedrängte, warfen sie Steine und johlten vor Begeisterung. Die entscheidenden Kapitel der Geschichte müssten mit Blut geschrieben werden, sagte Alex und zog die Schnürsenkel seiner Stiefel fest. Antonio sah ihn an voll Grauen und voll Bewunderung.

Als die Aufstände andauerten und die Machthaber nicht nachgaben, erklärte Alex, sie müssten den Druck erhöhen. Fernandos Vater war Bauunternehmer. Alex befahl Fernando, einen Raddozer auszuleihen. Alex verteilte automatische Waffen. Antonio wusste nicht, woher jener sie hatte, auch die anderen wirkten erstaunt, aber niemand fragte.

Sie gaben allen Bescheid, die sie in den letzten Wochen kennengelernt hatten, und näherten sich der Rückseite des Palácio do Planalto. Alex fuhr den Raddozer. Vom Führerhäuschen herunter gab er die Parole aus: möglichst viel Chaos stiften, Leute, die wichtig aussahen, als Geiseln nehmen. Das Weitere ergebe sich schon. Antonio umklammerte mit kalten Fingern den Griff seiner Uzi.

Als Alex den Raddozer mit Vollgas auf das Gebäude zusteuerte, wichen die Polizisten zur Seite, Betonquader wirbelten zur Seite wie Bauklötzchen, Alex rammte die Glaswand, sie zerschellte. Jubel brandete auf unter den Demonstranten, mit Alex an der Spitze rannte die Band in den Palast, Hunderte versuchten zu folgen. Dutzenden gelang es, bevor die Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern wieder die Oberhand gewann.

Die Band stürmte durch die Flure und Büros, und wo immer sie erschienen, flohen die Machthaber kreischend. Die Macht war verloren, die Macht hatten jetzt sie, Alex und Antonio und die Band.

Eine Gruppe Revolutionäre, die ihnen gefolgt war, lief eine Treppe hinauf. Plötzlich fielen oben Schüsse. Alex hastete hoch, die anderen im Schlepptau. Antonio stieg vorsichtig hinterher. Pistolen knallten, dazwischen Schmerzensschreie. Das Stakkato von Alex’ Gewehr. Gustavo schoss ebenfalls, brach zusammen, ein Gestank stieg Antonio in die Nase, er konnte nicht sagen, woher. Weitere Schreie. So unmittelbar es begonnen hatte, so schnell war es wieder vorbei. Jetzt erst traute sich Antonio in das obere Stockwerk. Mehrere Revolutionäre wälzten sich stöhnend auf dem Boden. Gustavo lag da, reglos, Fernando kniete bei ihm und bekreuzigte sich. Keiner sagte etwas.

Alex nickte Antonio zu, sein Blick war ruhig, beinahe zufrieden, Antonio lief es kalt den Rücken hinunter. Drei Anzugträger lagen weiter hinten im Flur. »Sind sie tot?«

»Sieh nach.« Alex lächelte.

Zögerlich, Schritt für Schritt näherte sich Antonio den reglosen Körpern. Seine schweißnassen Haare verklebten ihm die Augen. Mit beiden Händen hielt er die Uzi. Die Körper rührten sich nicht. Auf den maßgeschneiderten Anzügen waren Flecken zu sehen. Sekundenlang starrte Antonio auf diese dunklen, sich ausbreitenden, feuchten Flecken. Blut. Antonios Magen rumorte. Krampfhaft kämpfte er gegen den Würgereiz an. Doch erst als er den Blick hob, als er die Gesichter der Toten sah, überkam ihn das wahre Entsetzen.

»Was ist los?«, fragte Fernando.

Kaum brachte Antonio die Worte hervor: »Wir haben Bolsonaro umgebracht.«

Alex lächelte.

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