Johnsrud: Der Bote | Leseprobe read’n’go

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Irgendetwas stimmt hier nicht...

In einer Villa in einem reichen Vorort Oslos wird die Leiche eines kürzlich verstorbenen Mannes gefunden. Von der Bewohnerin des Hauses, einer alten Witwe, fehlt jede Spur. Der Tote wird als ihr Sohn identifiziert – der vor zwanzig Jahren bei einem Militäreinsatz ums Leben kam. Kurz darauf entdeckt man in einem Abwasserschacht am anderen Ende der Stadt eine zweite Leiche. Der Körper des unbekannten Mannes weist schwere Folterspuren auf. Hauptkommissar Fredrik Beier glaubt an eine Verbindung zwischen den beiden Fällen, doch irgendjemand scheint verhindern zu wollen, dass diese ans Licht kommt – Akten werden gesperrt, Beweismittel verschwinden …

Ist es wirklich egal?

»Es spielt keine Rolle, was Sie tun. Hauptsache, es fühlt sich sinnvoll an.«

Der erste Mord - ein echter "Anblick"

Obwohl es geregnet hatte, lag immer noch eine dünne Schneeschicht auf den Straßen und Wiesen von Bygdøy, doch durchs Autofenster konnte Kafa Iqbal sehen, dass sich die weiße Pracht allmählich auflöste. Zurück blieb Matsch, der bis zum Abend wahrscheinlich verschwunden wäre.

Sie ließ sich Zeit. Ließ dem fröstelnden Wächter am Tor zum Kongsgården einen mitfühlenden Gedanken zuteilwerden und betrachtete erst einmal ausgiebig die Fassade des Volksmuseums. Diese sonderbare Sammlung von verschiedenartigem Kleinkram, aus Häusern und Gebäuden, Gehöften und Stadtvierteln, die von ihren Fundamenten abgetragen und hierher verfrachtet worden waren … Sie hatte das Museum mal während der Schulzeit besucht, und damals wie heute kam ihr der gleiche Gedanke: Wie weiß dieses Land immer schon gewesen war. Der Schnee, die Menschen, selbst das Essen, das sie zu sich nahmen, die Kartoffeln, die Soßen, das Mehl, der Fisch. Wann würden sie hier wohl die ersten Kebabbuden aufstellen? Die Moscheen? Die schiere Vorstellung vom Türken an der Ecke?

Sie war so schnell aus der Innenstadt hier gewesen, dass es im Auto erst jetzt warm wurde. Draußen vor den Fenstern waren die Straßen schmaler geworden, die Grundstücke weitläufiger. Hier am Stadtrand lebten einige der reichsten Bewohner dieses Landes, und die stellten ihr Glück gern in Form von Immobilien zur Schau. Hier standen Tirolervillen direkt neben funktionalistischen Bungalows. Südnorwegisches Idyll auf Steroid – eine regelrecht pathologische Studie alten Geldes und verschwendeter Ölmillionen, ein Nebeneinander von Zynikern und Glückspilzen. Eine pastellfarbene Bevölkerung mit unterernährten Hunden und überdimensionierten Autos.

Auf einem Höhenzug an der Ostseite der Halbinsel parkte zwischen den Villen ein Streifenwagen am Straßenrand. Sie hielt dahinter an, blieb aber noch kurz sitzen. Lauschte dem Klopfen des Regens auf dem Wagendach.

Sie erinnerte sich noch gut an ihren ersten Mordfall. Sie hatte damals gerade erst im Gewaltdezernat angefangen. Sie hatte für Fredrik Beier gearbeitet, diesen langen Schlaks – ein scharfsinniger Mann, allerdings mit düsterem Gemüt.
Anfangs hatte sie ihn wirklich gemocht. Richtig gerngehabt. Doch irgendetwas hatte sich verändert. Inzwischen sahen sie sich nur noch selten.

Kafa ließ die Hand vom Hals zum Schlüsselbein gleiten. Die Schwellung war zurückgegangen, aber es tat noch immer weh. Verdammt, sie wollte gar nicht daran denken. Nicht jetzt. Denn dieser Fall war echt speziell. Dieser Todesfall gehörte ihr. Ihr erster Fall als leitende Ermittlerin.

Kafa zog den langen, dunklen Zopf im Nacken straff und griff nach ihrer Regenjacke. Am Tor warteten zwei Kollegen in Uniform auf sie.

»Der Postbote hat Verdacht geschöpft«, sagte der eine, ein kleiner, breit gebauter Mann. Mit der behaarten Hand zeigte er auf einen Briefkasten, und Kafa kniff die Augen zusammen.

Mit zierlicher Schrift war ein Name auf das Messingschild graviert worden: Gerda Thrane. Witwe, fünfundachtzig, einzige Bewohnerin der Villa, wie sie inzwischen in Erfahrung gebracht hatte.

»Der Postbote fährt diese Tour seit Jahren. Ihm ist aufgefallen, dass Frau Thrane ihre Zeitung nicht mehr reingeholt hat. Die Eingangstür hat so einen altmodischen Briefschlitz – und sowie er dort hineingeschnuppert hat, hat er die Polizei alarmiert.«

»Und ihr seid drinnen gewesen?«

»Ja. Das ist vielleicht ein Anblick!«

»Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden.«

Eine Abwasser-Leiche mit Überraschungen

Der wasserblaue Lichtschein über der Treppe zum Kellergeschoss des Krankenhauses war ebenso kalt wie das Stahlgeländer.

»Mortui vivos docent«, raunte Andreas Fredrik zu, als sie sahen, wer sie dort unten erwartete.

Rechtsmediziner Konrad Heissmann stand vor einer cremefarbenen Tür mit der Aufschrift »Sektionssaal« und streckte die Hand aus. Sie hatte die Größe eines Buches.

»Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden«, sagte er zur Begrüßung. Dann bat der Österreicher sie herein.

Fredrik hatte bereits genügend Leichen gesehen – in allen erdenklichen Zuständen. Es waren nicht die Leichen an sich, die ihn am meisten berührten. Woran er sich nie ganz hatte gewöhnen können, war die klinische Sachlichkeit in der Wortwahl der Mediziner. Die Schöpfkelle, die der Pathologe zur Hand nahm, um die Toten ihres Blutes zu entleeren. Die Tische aus gebürstetem Stahl, der hellblaue Mundschutz, der beim Ein- und Ausatmen vibrierte, das Skalpell, der Rippenspreizer, die Knochensäge auf dem weißen Laken … Wann immer es sich einrichten ließ, zog Fredrik den Vorraum vor. Das Gleiche traf auch auf Andreas zu. Andreas Figueras lernte bereitwillig von den Toten, ihren Anblick jedoch mochte er nicht.

»Ich nehme an, es eilt, wenn Sie nicht auf den Bericht warten können?«

Die Grammatik war korrekt, die Satzmelodie jedoch irgendwie merkwürdig. Der Österreicher lehnte sich an ein schmales Katheder und hatte seine charakteristische Körperhaltung eingenommen: die Hände über dem kahlen Schädel verschränkt, die Daumen in die Schläfen gebohrt. Vielleicht sah er ja deshalb so aus, wie er aussah.

»Eigentlich nicht«, antwortete Andreas. »Aber die Identität des Toten ist nach wie vor unbekannt. Wir hatten gehofft, Sie könnten uns dahingehend ein bisschen behilflich sein.«

Der Arzt ließ das Gummiband einer Mappe mehrmals auf das Plastik schnippen.

»Mann in den Vierzigern, dem Aussehen nach Nordeuropäer. Der Tod ist vor zwei bis drei Wochen eingetreten. Er wurde in einem Kanalschacht gefunden, war es nicht so?«

Fredrik nickte. »Gestern.«

»Die Leiche kann erst vor einigen Tagen dort hintransportiert worden sein. Hätte er länger dort gelegen, wäre nicht viel von ihm übrig gewesen.«

Es war keine leichte Aufgabe gewesen, den Toten aus dem Schacht nach oben zu hieven. Damit sich die Leiche nicht zersetzte, hatten sie den Körper erst nach vorn ziehen und dort in einen Leichensack bugsieren müssen, der dann fest verschlossen mit einem Kran nach oben befördert worden war.

»Normal gebaut, eins dreiundachtzig groß. Der Tote war mit Unterhose, Hose und Pullover bekleidet. Schuhe an den Füßen. Vierundvierzig Kronen in der rechten Hosentasche, zwei Zwanzig-, vier Einkronenmünzen. Eine Broschüre des Auktionshauses Bierche in der Gesäßtasche. Kein Portemonnaie, keine Ausweispapiere.«

»Die Broschüre eines Auktionshauses?«

Heissmann klappte seine Mappe auf und zückte einen Asservatenbeutel. Darin lag ein schwer in Mitleidenschaft gezogener Papierfetzen.

»Ich hab sie durchgeblättert, sie wurde extra für eine Auktion erstellt, die vor etwas mehr als einem Monat stattgefunden hat. Außer einem Kreuz bei einem Spiegel hab ich keinen Vermerk gefunden – so ein altmodischer Bodenspiegel, Rokoko, mit Blattgold und all solchem Schnickschnack. Teures Ding.«

Er reichte den Asservatenbeutel an Andreas weiter.

»Bei dem, was wir in seinem Magen und im Darm gefunden haben, handelt es sich vermutlich um Pizzareste. Käse und Schinken in unterschiedlichen Verdauungsphasen.«

»Und was bedeutet das?«

»Dass seine Ernährung ziemlich einseitig war. Die letzten zwei oder sogar drei Mahlzeiten vor seinem Tod waren Pizza.«

»Und die Todesursache?«

»Tja, das ist so eine Sache«, antwortete der Österreicher. »Folgen Sie mir.«

Das Ermittler-Team

Hauptkommissar Fredrik Beier, 48 Jahre, geschieden, Vater von drei Kindern; leidet seit einem privaten Schicksalsschlag an Panikattacken; erfahrener und brillanter Ermittler, gilt aber als unzuverlässiger Querkopf und wurde in einer Sondereinsatztruppe aufs Abstellgleis geschoben.

Oberkommissar Andreas Figueras, einige Jahre älter als Beier, gut aussehend; Verhörspezialist und hervorragender Analytiker, liebt komplizierte Fälle; hat kein Interesse an sozialen Verhaltensnormen, gilt als stur und unbequem; arbeitet seit Jahren mit Beier zusammen.

Kafa Iqbal, ehemals Expertin für islamischen Fundamentalismus und Terrorismus beim norwegischen Inlandsnachrichtendienst PST, heute Ermittlerin bei der Osloer Kripo. Die junge, ehrgeizige Muslima wurde Beier und Figueras gegen deren Willen in einem Fall als Beraterin aufs Auge gedrückt und wechselt später vom Nachrichtendienst zur Osloer Polizei.

»Der Geist verschließt sich nicht einfach so ohne Grund. Ihr Gehirn ist cleverer als Sie.«

3596 täglicher Unfälle, aber dieser hier ist keiner

Reif lag auf dem Kies, als sie die kurze Birkenallee zur Villa auf Bygdøy hinaufstapften. Fredrik fiel hinter Andreas zurück und blieb irgendwann stehen. Atmete die geruchlose Novemberluft ein, während er die Frau anstarrte, die vor dem roten Holzhaus auf sie wartete. Kafa Iqbal.

Sie starrte zurück.

Anderthalb Jahre waren vergangen, seit Kafa vom Geheimdienst PST zu ihnen gewechselt hatte. Zusammen hatten sie ein Blutbad bei einer Glaubensgemeinschaft auf einem Hof namens Solro im Maridalen aufgeklärt. Er hatte ihr das Leben gerettet. Sie hatte ihm das Leben gerettet. So was verband. Man entwickelte Gefühle. Irgendwann hatte er sich in diesen Gefühlen verrannt. Nur hatte es so natürlich nicht bleiben können. Ohne sie ein einziges Mal berührt zu haben, ohne sie ein einziges Mal geküsst zu haben, hatte er einen Schlussstrich gezogen und ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen, denn sein Haus war bereits voll gewesen: Bettina. Alice, Erik und die Kinder, die aus Tromsø zurückgekehrt waren.

Es hatte durchaus Vorteile, schon mehr Lebenszeit hinter sich als noch vor sich zu haben. Da wusste man, dass Verliebtheiten nur Strohfeuer waren. Ohne Brennstoff erloschen sie. Er hatte Kafa von sich weggeschoben und dafür gesorgt, dass sie künftig nicht mehr an denselben Fällen arbeiteten. Er stand auf, wenn sie kam, und setzte sich erst wieder, wenn sie ging.

Trotzdem standen sie jetzt hier. Sie ermittelte in einem Todesfall, hatte es mit einer Leiche zu tun, von der sie angenommen hatte, es wäre Mikael Morenius. Er wiederum ermittelte in einem Fall um eine Leiche aus einem Kanalschacht, von der er wusste, dass es sich um Mikael Morenius handelte. Was verband diese Fälle – neben der Tatsache, dass er und Kafa wieder zusammenarbeiten würden?

Das Feuer schwelte noch immer. Ihm wurde warm, als er ihr gegenübertrat. Ihr, der zierlichen, sportlichen Norwegerin mit pakistanischen Wurzeln, wendigem Geist und scharfer Zunge. Mit dem dunklen Haar, das ihr bis über die einfühlsamen Augen fiel, und den grazilen Körperkonturen, die sich unter ihrer Wolljacke abzeichneten.

»Wie ich sehe, brauchst du deinen Stock nicht mehr?«

Er war ein Geschenk von ihr gewesen.

»Hab ihn verlegt, um ehrlich zu sein.«

»Du musst besser auf die Dinge aufpassen, die dir lieb und teuer sind«, sagte sie kühl und winkte ihn dann in den Eingangsbereich. Sie hinkte leicht, doch er nahm an, dass sie es nicht aus Sympathie zu ihm tat.

Der Eingangsbereich sah exakt so aus, wie sie ihn vorab beschrieben hatte. Dunkel, fast majestätisch im gedämpften Licht des Kronleuchters. Die Nägel, die schief in den Wänden steckten, erinnerten Fredrik an ein mit­tel­alter­liches Folterinstrument. Genau wie der Gestank. Die Leiche hätte längst abtransportiert werden müssen.

Kafa schien seine Gedanken gelesen zu haben. »Der Leichenwagen war schon hier, und alles war bereit, aber mit dem Mann aus dem Kanalschacht …«

Fredrik nickte. Dies hier war Kafas erster Fall als leitende Ermittlerin. Sie wollte keinen Mist bauen. Zudem spielte es wohl auch keine Rolle, dass der Leichnam noch immer hier lag. Es hatte sich niemand gerührt, der sich um die Beerdigung kümmern wollte.

»Da liegt er also … der Mann, von dem wir bis jetzt angenommen haben, er wäre Morenius«, sagte sie.

Fredrik marschierte die Treppe hinauf zu dem Toten. Nahm die zerbrochene Kaffeetasse und den verwesenden Körper in Augenschein. Die Leiterin der Spurensicherung, eine wortgewandte Frau namens Therese Grøfting, war gerade im Begriff, den Leichensack auszubreiten.

»Darum beneide ich Sie nicht«, sagte Fredrik und stellte sich neben sie.

Sie sah zu ihm hoch. »Tja … Verdammte Scheiße, ist der schwer!« Grøfting zeigte auf den Strumpf, aus dem der verfärbte, geschrumpfte große Zeh herausschaute. »Er ist in Kaffee getreten«, erklärte sie und fuhr mit dem Zeigefinger am Gummiband ihrer Kapuze entlang, bevor sie sich den Schweiß an ihrem weißen Overall abwischte. »Also, was glauben Sie? Ist er ausgerutscht und gefallen? Handelt es sich um einen Unfall?«

»Wissen Sie, wie viele Menschen im vergangenen Jahr hier in Oslo gestorben sind?« Geräuschlos hatte sich Kafa zu ihnen gesellt. »3956. Unfälle wie dieser hier passieren täglich.« Sie sah Fredrik an. »Aber das hier sollte lediglich wie ein Unfall aussehen. Ich wurde gestern überfallen. Wer immer mich da niedergeschlagen hat, hat Beweismaterial gestohlen. Das hier ist ein Tatort.«

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»Ein Fall wie ein Puzzle – genau wie ein Thriller sein muss.«

Tønsbergs Blad (NO)

»Keine Seite ohne nervenaufreibende Ereignisse, keine Figur ohne fein abgestimmte Charakterdarstellung. Johnsrud schreibt brillant, und sein neuer Thriller Der Bote sticht mit einer ebenso intelligenten wie komplexen Story deutlich aus der Masse hervor.«

Östgöta Correspondenten (SW)