Amy Giles: Jetzt ist alles, was wir haben | Leseprobe read’n’go

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Sei die Beste. Und wenn nötig, sei unsichtbar.

Mit diesem Credo hat Hadley McCauley in ihrer Familie gelernt zu überleben. Perfekte Schülerin, perfekte Sportlerin, perfekte Tochter: Nur so kann sie ihren Vater bei Laune halten. Denn hinter der makellosen Fassade der McCauleys verbirgt sich ein hässliches Geheimnis. Um ihre kleine Schwester Lila vor dem unberechenbaren Vater zu schützen, tut Hadley alles. Doch dann tritt Charlie Simmons in ihr Leben und zwischen den beiden entwickelt sich eine verzweifelt-intensive Beziehung. Unterdessen eskaliert daheim die Gewalt, und Hadleys Strategie, nichts preiszugeben, greift nicht mehr. Doch auch als es zur Katastrophe kommt, schweigt sie …

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Damals

Der Himmel vor meinem Schlafzimmerfenster ist schwarz und unfreundlich. Er befiehlt meinem Körper, weiterzuschlafen, aber leider haben auf unser Haus selbst die himmlischen Gesetze keinen Einfluss.

Unten scheppert der Metalllöffel gegen den Glasbehälter, in dem sich Dads kostbare Gourmetbohnen befinden. Es folgt das nervenzerfetzende Knirschen der Kaffeemühle, das mir wie eine Kreissäge ins Trommelfell schneidet. Whirr, whirr. So klingt mein Wecker, fünf Tage die Woche.

Die Schwerkraft presst sich auf meinen schläfrigen Körper und drückt mich tiefer in meine Matratze. Aber mich für das bisschen Schlummern wieder den Schlaf zu kämpfen, lohnt sich nicht. Ich schlüpfe unter der warmen Bettdecke hervor, streife meinen Schlafanzug ab, zwänge mich in die schwarzen Lauftights mit den Reflexstreifen, dann in den Sport-BH und ins Top. Ich schnüre mir gerade die Schuhe zu, als er gegen die Tür bollert.

»Ich komm ja schon«, flüstere ich. Ich beuge mich vor und drehe zum Öffnen den Türknauf.

Dad schlürft geräuschvoll seinen Kaffee. Es erstaunt mich immer wieder, wie er mit diesem ganzen Kaffeegeschwappe in seinem Bauch laufen kann.

»Wir sind spät dran.« Er versucht nicht mal, seine Stimme für das schlafende Haus zu dämpfen.

Ich beeile mich, um ihn wenigstens von Lilas Tür fernzuhalten. Als ich in ihrem Alter war, hätte ich problemlos vierzehn Stunden am Stück durchschlafen können, wenn mich jemals irgendwer gelassen hätte. Hat aber niemand. Ob’s Lila glaubt oder nicht: Die Erstgeborene zu sein, hat nicht den geringsten Vorteil.

Mit ihren zehn Jahren hält Lila mein Leben für aufregend. Ich gehe zu feierlichen Preisverleihungen mit meinem Lacrosse-Team. Ich nehme Flugstunden am McKinley-Flughafen. Ihr ist noch immer nicht bewusst, wie viel von meinem Leben mir in Wirklichkeit gar nicht gehört.

»Mach schon, wir wollen los«, sagt Dad mit einem Blick auf die Uhr. Wenn wir eine Stunde laufen, hat er Zeit für eine kurze Dusche und kriegt noch den Zug um 6:17 Uhr. Das Aufstehen um diese gottlose Zeit von 4:30 Uhr passt in seinen Tagesplan. Ich komme nach Hause, gehe duschen, frühstücke, dann helfe ich Lila bei der täglichen Kleiderfrage. Ginge es nach Mom, würde Lila wie ein erbärmliches Barbiepüppchen rumlaufen. Hätte Lila das Sagen, würde sie aus der Haustür marschieren, als wäre sie die Moderatorin der MTV-Music-Awards. Sie fährt total auf Musik und Tanzen ab, deshalb habe ich sie damals angebettelt, mich zu ihrer Stylistin zu ernennen.

»Jede Diva, die etwas auf sich hält, hat eine«, klärte ich sie auf.

Es macht Spaß, Modenschau mit ihr zu spielen.

 

Dad und ich dehnen uns in der Auffahrt, und auf der nachtschwarzen Straße übernimmt er die Führung. Unser Eigenheim-Modell hat die obligatorischen fünf Schlafzimmer, viereinhalb Badezimmer, Luxusküche, Granit-Arbeitsplatten und dreieinhalb Meter hohen Kassettendecken. Anstelle des Heimkinos, das alle anderen Häuser haben, beauftragte Dad die Bauunternehmer, unseren Keller in ein Fitnessstudio umzuwandeln. Dad trainiert, als ginge es zu den Olympischen Spielen. Und das bedeutet: Ich tue dasselbe.

Ein paar Hunde bellen, als wir an ihren Häusern vorbeilaufen. Die Nachbarn sind sicher hellauf begeistert. Niemand sollte um diese Zeit wach sein. Nicht wir. Nicht die Hunde. Ich hechle zum Rhythmus meiner auf das Straßenpflaster eintrommelnden Füße. Ich schätze mal, so ähnlich läuft das auch beim Meditieren. Meine Aufmerksamkeit auf das Atmen zu lenken, hilft mir, den stechenden Schmerz in meiner Hüfte zu ignorieren. Die Oktoberluft ist schon so frostig, dass ich meinen Atem sehen kann. Bald wird es richtig kalt, aber unsere Joggingrunden sind über jedes Wetter erhaben.

»Die Deadline zur Vorab-Registrierung steht an«, schnauft Dad, während eine weiße Atemfahne seine Worte unterstreicht. Ich nicke. Er schaut mich abwartend an, aber ich tue so, als würde ich mich auf das Laufen konzentrieren.

»Erster November.«

»Jep.« Ich keuche.

»Cornells Lacrosse-Team hat letztes Jahr extrem gut abgeschnitten. Die von Brown waren ein bisschen besser, aber …« Er bricht ab.

»Ich weiß.« Du hast es mir erklärt. Die präzise Wahl meiner Worte ist für mich eine wichtige Überlebenstechnik, so wie man in der Wildnis das Feuermachen oder das Sammeln essbarer Pflanzen beherrschen muss.

»Wir sollten an einem der nächsten Wochenenden mal hochfliegen. Uns noch mal umschauen. Und dann auch mit dem Trainer reden.«

Ich nicke.

Er keucht. »Zieh das Tempo an, du hinkst hinterher.«

Für mich

Die präzise Wahl meiner Worte ist für mich eine wichtige Überlebenstechnik.

Vor der dritten Stunde erwarten mich Meaghan und Noah an unseren Spinden.

»Na, Muscles?«

Meaghan beugt sich vor und zwickt mir zur Begrüßung in den Bizeps.

Noah lehnt mit verschränkten Armen und abschätzig heruntergezogenem Mundwinkel an seiner Spindtür. Als er mich sieht, weiten sich seine Augen.

»Du läufst wie meine Nana kurz vor ihrer Hüft-OP«, sagt er.

Ich hinke leicht, aber von dem schlurfenden Taumeln, das Noahs Großmutter draufhatte, bin ich ja wohl weit entfernt. Allerdings fühlt sich mein Körper trotz der zwei Ibuprofen so alt und verknarzt an wie ihrer.

Ich drehe an meinem Spindschloss und vergewissere mich, dass ich die richtigen Zahlen treffe. Mein Schloss ist so widerspenstig und unflexibel wie der gesamte Rest meines Lebens.

»Ich hab Ärger mit der Hüfte.« Ich durchwühle den Spind nach meinem Spanischbuch.

»Schon wieder?« Noah seufzt. Er zieht sein Handy aus der Tasche und tippt darauf herum. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck dreht er das Display zu mir und zeigt mir eine Fitness-Website. »Das solltest du mal deinem Vater zeigen.«

»Drillmeister«, hustet Meaghan in ihre Faust.

Noah lächelt zustimmend, bevor er fortfährt. »Zehn Warnzeichen für ein Übertraining. Anhaltende Muskelschmerzen stehen ganz oben auf der Liste.« Noah wirft einen vielsagenden Blick auf meine schmerzende Hüfte.

Hinter ihm sehe ich Charlie Simmons auf dem Schulflur. Er läuft auf uns zu, das Spanischbuch unter den Arm geklemmt. Unsere Blicke treffen sich. Wahrscheinlich bilde ich mir das nur ein, aber ich hab das Gefühl, als würde Charlie seinen Kurs um ein paar Grad in meine Richtung korrigieren. Beschwören kann ich’s nicht, weil ich die Gelegenheit nutze, herumzuwirbeln und in den Spiegel meiner Spindtür zu schauen, vorgeblich um mir durch die Haare zu wuscheln, bis ich sein Spiegelbild hinter mir weggehen sehe.

Sein hochgewachsenes, wunderschönes Spiegelbild.

Mrs. Marino steckt den Kopf aus einem der Klassenzimmer und wirft uns Nachzüglern finstere Blicke zu. »Was soll das Getrödel? Ab in den Unterricht!«

Ich wünschte,
ich lebte in einer Welt, in der es Hoffnung gäbe für mich und Charlie Simmons.

Am Abend

Das Haus von Mike DiNardi ist unschwer zu finden, dank all der Autos, die kreuz und quer auf beiden Straßenseiten geparkt sind.

Noah dreht sich zu mir. »Dass du dich ständig als Fahrer opferst, macht mir irgendwie schon ein schlechtes Gewissen.«

Ich schaue zu ihm hoch und erwidere sein Lächeln. Mit seinen 1,90 Metern blickt Noah auf jeden herab.

»Ich kann eh nix trinken, selbst wenn ich wollte. Morgen hab ich ein Spiel. Also, gönnt euch. Es sei denn, du willst nicht zu verkatert sein für Matt.«

Noah dreht sich weg. »Er kommt nicht.«

Meaghan wirft mir einen entnervten Blick zu, dann wendet sie sich wieder an Noah. »Und was ist diesmal sein Problem?«, knurrt sie.

Seit Matt auf dem College ist, hat er sich kein einziges Mal hier blicken lassen. Noah zuckt mit den Achseln.

»Ihr wisst schon, wer sonst noch ziemlich heiß ist, oder?«, wechselt Noah das Thema. »Charlie Simmons.«

Auf dem Bürgersteig tut sich ein klaffender Abgrund auf, bereit, mich mit Haut und Haar zu verschlucken.

»Was?« Entgeistert starre ich ihn an.

Noah schlägt eine Hand vors Gesicht und reißt mit geheuchelter Verlegenheit die Augen auf. »Also das ist jetzt aber schon irgendwie schräg. Du etwa auch?«

Nur stolpernd kommt mein Herzschlag wieder in Gang. »Du verarschst mich, oder?«

»Ein bisschen.« Er legt seinen langen Arm um meine Schulter.

»Du hast so was von einem Problem.« Meaghan lacht. »In jeder Spanischstunde starrst du seinen Rücken an. Und wenn er sich dann zu dir umdreht, machst du einen auf unsichtbar.«

»Na und?«, schnappe ich zurück und hebe meinen Kopf ein paar Zentimeter. »Ich habe Augen. Ich bin ein Mensch.«

Ich stürme voran, die steinernen Stufen zu Mikes Haus hoch. Noah rennt hinter mir her und holt mich auf dem Treppenabsatz ein.

Die Partys von Mike DiNardi sorgen immer für einen gigantischen Massenandrang; Schulter an Schulter quetschen sich die Leute in den Eingangsflur. Ich folge Meaghan und Noah in die Küche und weiche der Gruppe Jungs aus, die eine Bierbong rumwandern lassen. Meaghan füllt einen Plastikbecher mit Mineralwasser und drückt ihn mir in die Hand; eine Requisite, damit ich mich nicht zum Idioten mache, dann suchen wir uns einen Platz im Esszimmer.

»Ich zieh jetzt mal Leine, Mädels.« Blitzartig taucht er ein ins Gewühl, aber ich verliere ihn nie aus den Augen; bei seiner Größe ragt sein Kopf überall heraus.

Meaghan bleibt auch nur noch für einen Herzschlag an meiner Seite.

»Da ist Mike. Bin gleich wieder da.«

Genau aus diesem Grund hasse ich Partys. Je mehr Leute um mich herum sind, desto einsamer fühle ich mich.

Während ich an meinem Wasser nippe, umfasse ich mit dem freien Arm meine Taille und suche nach einem freundlichen Gesicht, das mich willkommen heißt. Die Blicke der anderen gleiten in vollem Bewusstsein an mir vorbei. Sie behandeln mich, als wäre ich Luft.

»Nachschub gefällig?« Ein honigfarbener Wuschelkopf taucht hinter mir auf und beugt sich über meinen Becher.

Ich zucke zusammen und werfe einen verstohlenen Blick über meine Schulter.

Es ist nicht Charlies Anwesenheit, die mich überrascht: Er ist ein guter Freund von Mike. Um genau zu sein, ist Charlie ein guter Freund von allen, der Nomade, der auftauchen kann, wo er will, und überall ganz selbstverständlich dazugehört.

Überrascht bin ich davon, dass Charlie mich anspricht.

»Äh. Um ehrlich zu sein, es ist Mineralwasser.« Ich versuche, den Lärm zu übertönen, aber meine Zunge schwillt auf zehnfache Größe an und saugt jeden Tropfen Spucke aus meinem Mund.

»Fährst du?«, schreit Charlie und imitiert mit den Händen das Lenkrad für den Fall, dass die dröhnenden Lautsprecher über uns seine Stimme übertönen.

Ich nicke. »Jep. Der auf ewig bestimmte Fahrer«, schreie ich zurück. Er zeigt auf sein Ohr, schüttelt den Kopf und bedeutet mir durch eine Geste, mit ihm zu kommen.

Ich starre auf seinen entschwindenden Rücken und für ein paar Sekunden bin ich wie gelähmt. Dann folge ich ihm.

Zigarettenspitzen glimmen in der Nacht wie Glühwürmchen. Die Herbstluft jagt mir eine Gänsehaut über die Arme. Ich reibe sie weg und wünschte, ich hätte meine Jacke nicht im Auto liegen lassen.

Charlie bemerkt es sofort. »Frierst du?«

»Nein«, sage ich aus Angst, dass die Wahrheit uns wieder nach drinnen befördern wird.

Er zieht seinen Hoodie aus und reicht ihn mir.

»Lügnerin.« Er feixt. Seine dunklen Augen funkeln im Licht der Halogenstrahler.

Ich schiebe seine Kapuzenjacke zurück. »Aber ich will nicht, dass du frierst.«

Er beugt sich vor. Als er mir den Hoodie um die Schultern legt, streifen seine Finger über meinen Hals, und mich durchzuckt der nächste Schauder.

»Also«, sagt Charlie und versucht, meinen Blick aufzufangen. Nervös schaue ich ihn an und hoffe, er hat mehr Talent als ich, das Gespräch in Gang zu halten. Ich will nämlich nicht, dass es aufhört.

»Ich finde, wir sollten uns langsam auf das nächste Level begeben«, sagt er trocken und schiebt ein verführerisches Grinsen hinterher.

»Das nächste … Level?«

»Du weißt schon, dieses ganze heftige, deftige Anschmachten. Ich dachte, jetzt wird’s mal langsam Zeit für ein echtes Gespräch.«

Meine Wangen brennen, als ich daran denke, wie er mich gestern zweimal beim Starren ertappt hat. »Äh. Ich …«

Sein Blick huscht über mein Gesicht. »Um dich in Verlegenheit zu bringen, braucht es nicht viel, was? Süß.«

Es schockt mich, wie nervös mich seine Gegenwart macht. Meine Zunge vibriert wie eine Stimmgabel in meinem Mund.

Ich fühle mich lebendig – unerträglich, schmerzhaft lebendig.

Jetzt

BRADY: Wir haben den 10. Januar. Uhrzeit … 13:05 Uhr. Darf ich Ihre Stellungnahme aufzeichnen?

NB: Ja.

BRADY: Nennen Sie bitte Ihren Namen und Ihr Alter.

NB: Noah Berger. Ich bin siebzehn.

BRADY: Noah, in welcher Beziehung stehen Sie zu Hadley?

NB: Wir sind Freunde. Enge Freunde.

BRADY: Erzählen Sie mir etwas über Hadley.

NB: Also, Hadley ist ungelogen einer der liebenswürdigsten, mitfühlendsten Menschen auf der ganzen Welt. Punkt.

BRADY: Okay, weiter bitte.

NB: Wissen Sie, Hadley ist ein sehr verschlossener Mensch. Es fühlt sich nicht gut an, so über sie zu reden. Hat sie irgendwelchen Ärger oder so?

BRADY: Nein, nichts dergleichen. Wir versuchen lediglich, etwas mehr über sie zu erfahren.

NB: Ja, aber warum?

BRADY: Die Ermittlungen laufen. Wir suchen noch immer nach den Ursachen für den Absturz. Ich verspreche Ihnen, Sie werden Hadley nicht hintergehen. Sie werden hier höchstens helfen. Ich möchte einfach ein paar Fragen über Hadleys Familienleben stellen. Unser Eindruck ist, dass Hadleys Vater ziemlich dominant war. Stimmen Sie dem zu?

NB: Oh Gott, ja.

BRADY: Also erzählen Sie mir ein bisschen davon.

NB: Tja … okay … also letztes Jahr, da hat er ihr verboten, Peer Helper zu werden. Hadley und ich wurden beide ausgewählt, was echt eine megagroße Sache ist. Es gibt nur neunzig ehrenamtliche Peer Helper von insgesamt vierzehnhundert Schülern. Quasi jeder muss einen anonymen Fragebogen ausfüllen, um herauszufinden, welchen Mitschülern man am ehesten seine Probleme anvertrauen würde. Hadley wurde genannt … und zwar richtig oft.
Aber Hadley hatte einen Kurs, der genau auf den Tag des Peer Helper-Seminars fiel. Es war ein Vorbereitungskurs für den Uni-Aufnahmetest. Hadleys Dad war unzufrieden mit ihren Ergebnissen … er hat sie diesen verdammten Test im letzten Jahr fünfmal wiederholen lassen. Ich hätte schon für ihr SCHLECHTESTES Ergebnis töten können. Aber er war der Meinung, sie könnte mehr.
Hadley hätte echt mal auf einen Vorbereitungskurs verzichten können. Aber ein Nein von Mr. McCauley war in Stein gemeißelt. So liefen die Dinge halt bei ihr zu Hause.

BRADY: War Hadley enttäuscht?

NB: Na ja, logisch. Aber so was passierte ständig. Sie hat sich einfach an die Enttäuschungen gewöhnt. Was echt richtig traurig ist. Wahrscheinlich mache ich sogar ein größeres Ding draus als sie selbst.
Hören Sie, nichts von all diesem Zeugs, das ich Ihnen hier erzähle, hätte sie je in die Welt posaunt, okay? Wir sind eng befreundet. Mir und Meaghan vertraut sie.
Und jetzt Charlie. Das war’s.

Sei die Klügste. Sei die Beste. Und wenn nötig, sei unsichtbar.

Jetzt

Um mich herum wimmeln die Notfallsanitäter über den Hügel wie Ameisen auf der Jagd nach Verwertbarem. Wir schwingen auf verschiedenen Frequenzen. Ihre ist manisch und fieberhaft, sie suchen, was noch lebendig ist, während ich zuschaue, ohne wirklich etwas zu sehen.

Das Szenario, dem ich da unten entkommen bin, drängt alles andere in den Hintergrund. Starre Augen. Ein blutgetränktes Cornell-Sweatshirt. Unnatürlich verrenkte Hälse. Wütende Glutfäuste, die mir auf den Rücken trommelten, als ich unter dem Wrack hervorkroch.

Aber der Himmel strahlt in einem perfekten Knallblau, als hätte jemand vergessen, ihm zu sagen, er solle sich dieses selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht wischen.

Niemand überlebt einen Flugzeugabsturz. Ich dürfte gar nicht hier sein.

Schritte knirschen auf frostigem Laub. »Sie steht unter Schock.«

Ein Mann geht vor mir in die Knie. Er trägt eine marine-blaue Windjacke mit gelb-reflektierenden »NTBS«-Buchstaben auf dem Ärmel.

Ich starre nach unten, auf seine billigen, schwarzen Lederschuhe, sie sind Welten entfernt von den italienischen Designerschuhen, die sich im Schrank meines Vaters aneinanderreihen.

»Hadley?«

Mein Blick wandert hoch zu einem kantigen Gesicht mit feinen Fältchen um die blauen Augen, die behutsam Kontakt aufnehmen.

Als ich seinem Blick begegne, lächelt er sanft.

»Sie werden dich jetzt ins Krankenhaus bringen, okay?«

Während ich an dem Anhänger herumnestle, der in der Kuhle über meinem Schlüsselbein hängt, schiele ich runter zu meinem linken Arm. Schlaff ruht er auf meinem Bauch.

»Es tut weh.« Die dünne Stimme klingt ganz und gar nicht wie meine.

»Sie werden sich gut um dich kümmern.« Er deutet mit dem Kopf zu den beiden Sanitätern, die mit einer Transportliege hantieren.

Es war eine lange Klettertour den steilen Hang hinauf. Dornige Zweige und scharfkantige Steine rissen an meinen Klamotten, gruben sich in mein Fleisch, versuchten, mich zurück in den lodernden Höllenschlund zu ziehen.

Ein Feuerwehrmann rennt an mir vorbei, nach unten zu dem lodernden Rauch. Ich sollte ihm sagen, dass kein Grund zur Eile besteht. Sie sind tot.

Erfahre jetzt, was mit Hadley passiert ist!

 

 

 

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Amy Giles

Amy Giles ist Werbetexterin und hat Texte für alles geschrieben, von Frühstückflocken-Spots über animierte Webisoden bis hin zu klassischen Anzeigen und Katalogtexten für Anglerprodukte. Ihre wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Romanen für Jugendliche. Sie lebt auf einer lang gestreckten Insel namens Long Island mit ihrem Mann, ihren zwei Töchtern im Teenageralter und einem Rettungshund. »Jetzt ist alles, was wir haben« ist ihr erster Roman.