B.C. Schiller: Immer wenn Du tötest – Ein Fall für Targa Hendricks | Leseprobe read’n’go

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Eine Freundin für Targa?

Targa Hendricks hat keine Freunde, keine Liebe, nichts zu verlieren. Doch vor allem hat sie keine Angst – und genau das macht sie so verdammt gut in ihrem Job. Als Undercover-Ermittlerin einer Sondereinheit des BKA ist es ihre Aufgabe, Serienkiller auf frischer Tat zu überführen.

Ihr neuester Fall: Die exzentrische Künstlerin Freya von Rittberg, die Bilder mit dem Blut ihrer Fans malt. Überraschend für Targa übt Freya eine starke Anziehungskraft auf sie aus, und die Ermittlerin entwickelt unerwartete Gefühle für die Serienkillerin. Zudem mordet Freya nicht nur aus purer Lust am Töten – sie wird getrieben von den finsteren Vergangenheit ihrer Familie…

Wohin wird dieses tödliche Spiel Targa führen?

Das Böse hat eine grauenvolle Anziehungskraft.

Du hast du es schon wieder getan!

»Es gibt keine Vergebung«, flüstert die Frau, als sie um zwei Uhr morgens aus dem Taxi steigt. Sie hüllt sich fester in ihren schwarzen Umhang. Zögert ein wenig und blickt zu dem düsteren fensterlosen Gebäude. Es ist der angesagteste Club in Berlin. Dann gibt sie sich einen Ruck. Selbstbewusst geht sie an den jungen Leuten vorbei, die in einer langen Schlange vor dem Eingang warten. Geeignete Opfer filtert sie mit einem Blick heraus. Selektiert die Auswahl. Ein einziges männliches Gesicht bleibt übrig. Das prägt sie sich ein. Speichert es in ihrem fotografischen Gedächtnis. In den finsteren Archiven ihres Bewusstseins sind schon Dutzende Gesichter abgelegt. Bei Bedarf holt sie eines davon hervor und lässt es vor ihrem geistigen Auge Revue passieren.
Die meisten dieser Menschen, die sie in ihrem Kopf gespeichert hat, sind bereits tot.
»Schön, dich zu sehen«, grüßt der Türsteher, als sie sich an der Menschenschlange vorbeigeschoben hat. Sie nickt bloß und zieht sich das Cap noch ein wenig tiefer ins Gesicht. Wartet, bis der Security ihr die Tür zum VIP-Bereich aufdrückt. »Siehst du den Typen mit den schwarzen Ohrringen? Der darf rein«, sagt sie, während sie weitergeht. Der Türsteher ruft ihr noch etwas hinterher, aber da ist sie längst im Dunkel des Clubs verschwunden. In der VIP Area greift sie zu dem Tequila-Shot, den ihr der Barkeeper wie immer unaufgefordert auf den Tresen stellt. Sie trinkt in einem Zug und dreht ihm den Rücken zu. Hat keine Lust auf Konversation. Der Typ redet immer nur Müll und will sie beeindrucken. Deshalb hat sie ihn längst aussortiert. Nur wenige bestehen ihre Selektion.
Selektion. Sie benutzt das Wort wie selbstverständlich. Es war eines der Lieblingsworte ihres Großvaters. Seltsam, wie kommt sie gerade jetzt auf ihn?
»Noch einen Shot?«
Der Barkeeper bemüht sich verzweifelt, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Gelangweilt winkt sie ab. Ihr Blick wandert über die wogende Menge. Sie sucht den jungen Mann mit den schwarzen Ohrringen. Er steht seitlich neben dem DJ-Pult. Sie mischt sich unter die Tanzenden, lässt sich von der Musik nach vorn treiben. Der Sound ist bretterhart. Jetzt trennen sie nur noch wenige Meter von dem Mann. Sie fängt seinen Blick ein und hält ihn fest. Mit einem Mal ist alles anders. Der gewaltige Klangrausch tritt in den Hintergrund.
Sie hat nur noch Augen für ihn. Jetzt wirft sie ihr unsichtbares Netz nach ihm aus. »Komm mit mir.« Sie ergreift seine Hand.
»Wie heißt du?« »Ich bin Francis.«
»Francis, wie süß.« Sie zieht ihn mit sich.
»Und du? Wie ist dein Name?«
Sie überhört die Frage.
»Gehen wir in eine ruhigere Ecke«, sagt sie.
Neben dem Podium ist ein Ausgang. Mit der Schulter drückt sie die zerkratzte Stahltür auf. Der Korridor dahinter ist schwarz gestrichen. Eine schmale Treppe führt nach unten zu den Toiletten. Dort ist auch der Notausgang, durch den man in einen Hinterhof gelangt. So kann man ungesehen verschwinden. Das weiß sie, denn sie hat es öfter schon getan. Sie bugsiert Francis in den Vorraum der Damentoilette. Die Wände sind dunkel gefliest, das Licht vor den Spiegeln kommt von unten. Es verleiht ihren Gesichtern einen unheimlichen Ausdruck. Francis ist erregt. Er stützt sich an einem Waschbecken auf, das wie ein stählerner Futtertrog aussieht. Erwartungsvoll beobachtet er sie durch den Spiegel. Will den Gürtel seiner Hose öffnen, doch sie winkt ab. »Was soll das?« Mehr kann Francis nicht sagen, ehe sie ihm mit einem kräftigen Griff den Mund verschließt. Mit einer schnellen Bewegung der anderen Hand zieht sie ein Klappmesser aus ihrer Lederjacke. Lässt die Klinge aufschnappen. Francis ist wie paralysiert, als die Messerspitze auf ihn zurast.
Nur einige Sekunden später wäscht sie sich in aller Ruhe die Hände und betrachtet sich im Spiegel. Unter dem schwarzen Cap ist ihr Gesicht fast nicht zu erkennen. Nur ihre braunen Augen glühen unergründlich.
Plötzlich wird die Tür aufgerissen. Ein Mädchen stolpert herein. Die Musik schwappt in den Raum und dröhnt in den Ohren der Frau vor dem Spiegel. Blitzschnell schlägt sie die Toilettentür zu. Dann dreht sie sich lächelnd zu dem Mädchen. »Hier hast du dich versteckt«, sagt das Mädchen vorwurfsvoll.
»Ich habe dich überall gesucht.«
»Jetzt hast du mich ja gefunden, Candice.« Fast zärtlich streicht sie der jungen Frau über die blonden Haare. Sie selbst hat schwarzes Haar. Warum das so ist, hat ihr Großvater nie akzeptiert. Das Einzige, was sie jetzt mit seiner kalten Welt verbindet, ist diese Liebe zu blondem Haar.
»Der Club ist so voll, da kann man kaum noch atmen.«
Candice fächelt sich Luft zu.
»Da hilft wohl nur Mund-zu-Mund-Beatmung.« Mit beiden Händen fährt sie ihr durch das Haar. Sie ist verrückt nach blonden Haaren. Jetzt berühren sich die Lippen der Frauen. Es wird ein leidenschaftlicher Kuss. Beide wiegen sich im Takt der Musik. Umkreisen sich wie Raubkatzen, Umschlingen sich, verschmelzen zu einer Einheit. Sie hebt die Blonde auf das Waschbecken, küsst ihren Hals. Reißt ihr das T-Shirt vorne auseinander.
In diesem Moment schlägt die Tür einer Toilettenkabine auf. Im Spiegel sieht sie Francis mit blutigen Armen neben dem Spülkasten liegen. Sie will mit dem Absatz ihres Stiefels die Tür wieder zustoßen. Doch das blonde Mädchen hat bereits genug gesehen.
»Du hast es schon wieder getan, Freya! Warum brauchst du das?«
»Weil es für mich keine Vergebung gibt.«

»Verliert ein Mensch mehr als zwei Liter Blut, dann stirbt er.«

Sterben dort echte Menschen?

Zwei Gestalten sitzen auf Stühlen nebeneinander. Ihre Körper sind mit weißen Mullbinden umwickelt. Sie erinnern an Mumien, denn auch ihre Köpfe und Gesichter sind einbandagiert.
Auf den ersten Blick sind die zwei Gebilde nicht zu unterscheiden. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass es minimale Abweichungen gibt. Bei einer Figur ist ein Auge zu sehen. Bei der nächsten sind es die rot geschminkten Lippen. Sie sitzen in der Mitte eines riesigen verglasten Wohnzimmers. Von dort aus hat man einen Rundumblick über Berlin. Der Raum wirkt kalt und unbarmherzig. Das liegt zum Teil an den Scheinwerfern, die diese Inszenierung in grelles Licht tauchen, zum anderen an den versteinerten Gesichtern der Betrachter. Sie haben eine Menge Geld bezahlt, um dieser geheimen Vorstellung beizuwohnen. Es ist ein handverlesener Zirkel von Personen, der sich hier trifft. Sie sprechen nicht und wissen nichts voneinander. Nur, dass sie diese krankhafte Liebe zur Kunst verbindet.
Alle Augen sind auf dieses spezielle Kunstwerk gerichtet. Die Gäste sind der Einladung der Künstlerin Freya von Rittberg gefolgt. Freya ist für ihre exzessiven »Mut-Bilder« berüchtigt. Die Öffentlichkeit weiß nichts Genaues darüber. Das steigert den Mythos um Freya und den Wert ihrer Bilder.
Die Gäste verfolgen gebannt eine rote Flüssigkeit. Sie rinnt durch dünne Schläuche, mit denen die Figuren untereinander verbunden sind. Die Plastikschläuche erinnern an Venen, wirken wie durchsichtige Blutbahnen. Die rote Flüssigkeit wird von einer Figur zur nächsten weitergepumpt. Aus dem bandagierten Arm der letzten Figur rinnt die Flüssigkeit in ein steinernes Becken.
Neugierig nähert sich ein Mann den Figuren. Erregt dreht er sein Champagnerglas zwischen den Fingern. Er blickt in das Auge der ersten Gestalt. Es hebt sich dunkel umwölkt von den weißen Mullbinden ab. Der Gast neigt den Kopf zur Seite. Für einen Augenblick hat er das Gefühl, als würde ihm das Auge in der Bewegung folgen.
»Eine unglaubliche Darbietung.« Er trinkt sein Glas in einem Zug leer.
»Freya ist eine große Künstlerin«, bestätigt ein anderer, der neben ihn tritt. Es ist Zac, Freyas Manager, der das Event organisiert hat.
»Wie wahr.« Der Besucher nickt zustimmend.
»Habe ich Ihnen zu viel versprochen?« Plötzlich steht Freya hinter ihnen. In der Hand hält sie ein Glas Tequila. Sie fixiert den Gast mit einem durchdringenden Blick.
»Nein, das übertrifft meine kühnsten Erwartungen«, murmelt er. Er weicht Freyas Blick aus und dreht den Kopf zur Seite. »Das Auge vermittelt einen panischen Ausdruck. Es wirkt so lebendig und gleichzeitig sterbend.«
»Dieses Auge spiegelt das Leben wider.« Freya hakt sich bei ihrem Gast unter. Sie überragt ihn, und ihre Größe wird durch enge schwarze Jeans und hohe abgewetzte Boots unterstrichen. Ihr Shirt ist so tief ausgeschnitten, dass der BH hervorblitzt. Dennoch wirkt sie mit ihrem kurzen schwarzen Haar maskulin. Ihre Arme sind mit stilisierten Porträts des nordischen Göttervaters Odin und der nordischen Liebesgöttin Freya tätowiert.
»Die Installation verkörpert eine Transformation vom Tod zum Leben und wieder zum Tod«, redet sie mit leiser Stimme. »Der junge Mann stirbt. Damit seine Geliebte mit seinem Blut leben kann. Doch sein Blut ist unrein, deshalb wird auch sie sterben. Dann stirbt die zweite Figur. Und dann ist die Transformation vorbei.«
»Was geschieht mit dem Blut?«, fragt der Gast weiter. Er deutet auf das steinerne Gefäß. Die Flüssigkeit aus dem letzten Schlauch tropft träge hinein.
»Nennen wir es besser ›rote Lebensfarbe‹«, korrigiert ihn Freya. »Diese Flüssigkeit wird von mir in meinen Bildern zu neuem Leben erweckt. Dadurch werden meine Kunstwerke unsterblich. Es ist ein immerwährender Kreislauf.«
»Gibt es bereits ein Bild zu dieser Performance?«, fragt der Mann neugierig.
»Nein. Doch, es gibt ein Bild zu einer anderen Installation«, erwidert Freya.
»Inwiefern anders?« Er greift nach einem neuen Glas Champagner.
»Weniger friedlich. Gewalttätig. Brutal. Blutig wie ein Schlachthaus.«
»Klingt aufregend. Kann ich es sehen?«
»Es ist unverkäuflich.«
»Weshalb?«
»Es ist der Beginn eines neuen Zyklus.« Freya lächelt unbestimmt.
»Entschuldigen Sie mich.«
»Der letzte Tropfen ist soeben in das Becken gelaufen«, kommentiert ein anderer Gast in einem teuren Maßanzug. Er starrt auf den dünnen Schlauch. Das Plastik glänzt leer und durchsichtig im Scheinwerferlicht. Das Mystische ist verflogen. Der Schlauch ist nur noch ein banaler Gegenstand.
»Können wir es nicht noch ein wenig hinauszögern?«, fragt der Mann.
»Nein! Das Projekt wurde exakt nach dem Lebenszyklus gestaltet«, antwortet Freya. »Und der ist nun abgelaufen.«
»Aber man kann das Leben doch verlängern«, lässt der Gast nicht locker.
»Verliert ein Mensch mehr als zwei Liter Blut, dann stirbt er. Ich habe die Zeit genau berechnet.« Freya blickt ihn ein wenig genervt an.
»Aber ich habe so viel für diese Darbietung bezahlt, und dann ist nach drei Stunden bereits alles vorüber«, beschwert sich der Maßanzug.
»Sie haben die Performance doch hier oben gespeichert.«
Freya tippt sich mit dem Finger an die Stirn. »Erinnern Sie sich daran und träumen Sie heute Nacht davon.« Sie senkt die Stimme und beugt sich zu ihm. »Sie waren Teil des Ganzen. Sie waren dabei.«
»Ich muss Ihnen danken, meine Liebe«, mischt sich eine ältere Frau mit schweren Diamantohrringen in das Gespräch. Sie umfasst mit ihren dünnen, spinnenartigen Fingern Freyas Hände. »Es ist ergreifend zu sehen, wie neues Leben entsteht. Wie gerne würde ich mit frischem Blut ewig weiterleben.«
»Auch wenn dafür jemand sterben muss?« Freya mustert die Frau.
»Das wäre mir egal«, antwortet sie mit eisiger Stimme.
»Bewegt sich da der Mund?«, flüstert plötzlich ein Mann in einem Smoking. Auf seiner hohen glatten Stirn bilden sich kleine Schweißperlen. »Man sieht es doch ganz deutlich. Die Lippen bewegen sich!« Der Mann rückt seine Designerbrille zurecht, um besser sehen zu können. Zögernd streckt er die Hand aus, will die blutroten Lippen berühren.
»Das ist nicht möglich. Ihr Verstand spielt Ihnen einen Streich.« Freya drückt die Hand des Mannes weg. Dabei lächelt sie charmant. »Bitte das Kunstwerk nicht berühren.«
»Sind das vielleicht doch echte Menschen?« Irritiert steckt der Mann die Brille in die Innentasche seiner Smokingjacke. Er fixiert Freya mit einem prüfenden Blick. »Sie haben diese Skulpturen doch aus Latex oder einem ähnlichen Material gemacht, nicht wahr?«
»Das verrate ich Ihnen nicht. Es ist mein Geheimnis.« Freya schiebt ihn von den Figuren weg bis an das andere Ende des Raums. Sie versucht, sich zu erinnern, wer der Mann ist, aber es fällt ihr im Moment nicht ein. Sie weiß, dass er großen Einfluss hat, und es ist gut, ihn zu kennen, sollte es später einmal Probleme geben. »Hier stellt man keine Fragen«, fügt sie mit einem charmanten Lächeln hinzu.
Jetzt erinnert sich Freya an eine frühere Performance, wo sie ihn in Begleitung seines älteren Freundes gesehen hat. Damals hatte sie einem jungen Mann selbst Blut aus der Vene gezapft, um damit ein Bild zu malen. Live und vor Publikum. Es war eine Mutprobe, und der junge Mann kam beinahe ums Leben. Aber dennoch war die Darbietung weit weniger spektakulär und nichts im Vergleich zur heutigen Vorstellung. Diesmal hat sie sich selbst übertroffen.
»Mit dieser Vorführung gehen Sie aber eindeutig zu weit«, widerspricht der Mann. »Ich habe den Eindruck, dass vor unseren Augen echte Menschen sterben. Das ist doch krank.«
»Sie bilden sich das nur ein. Eine Reaktion wie die Ihre ist beabsichtigt. Dieses Spiel mit Sein und Schein gehört dazu.«
»Für mich ist das Ganze einfach abstoßend. Ich gehe jetzt.«
»Aber selbstverständlich.« Freya geleitet den Mann aus dem Raum hinaus in einen dunklen Flur. Er holt seinen Mantel aus der Garderobe, und sie hilft ihm galant hinein.
»Ich hoffe, meine Performance hat Sie nicht zu sehr irritiert.«
»Mich werden Sie nicht mehr wiedersehen, Freya von Rittberg.« Ohne sich zu verabschieden, steigt der Mann in den Privataufzug, der ihn direkt in die Tiefgarage bringen wird. Mit einem leisen Zischen schließen sich die Türen
hinter ihm.
»Mit dem größten Vergnügen«, antwortet Freya mit einem ironischen Unterton. Sie wirft ihrem verzerrten Spiegelbild, das ihr auf den polierten Stahltüren des Aufzugs entgegenstarrt, eine Kusshand entgegen. Spannt ihre Muskeln an und geht zurück. Das große Wohnzimmer mit der Installation ist inzwischen leer. Ihre Gäste sitzen bereits an der langen Tafel. Zac versteigert Fotos von Details der Performance. Freya ist allein mit ihrem Kunstwerk. Langsam beugt sie sich zu der jungen Frau und küsst den roten Mund. Freya spürt die immer noch warmen Lippen, die um ihr Leben kämpfen. Lippen, die bereits todgeweiht sind.

Wie hast du mich gefunden?

Diese Aufgabe wird sie an ihre Grenzen bringen.

Im Mondlicht wirkt der Güterzug wie eine silbrig glänzende Schlange. Auf den niedrigen Waggons stehen Container. Dazwischen befinden sich Viehwagen. Durch vergitterte Lüftungsschlitze dringt das Grunzen und Blöken der Tiere nach außen. Mit einem lauten Zischen kommt der Zug in einem verwaisten Rangierbahnhof zum Stehen. Eine Gestalt springt aus dem einzigen Personenwagen hinter der Lokomotive. Sie läuft an den Containern entlang. Geschickt schwingt sie sich auf einen Waggon, reißt die Türen eines Containers auf und verschwindet darin. Schon nach kurzer Zeit taucht sie mit einem gestromten Hund wieder auf. Sie stellt einen zerschlissenen Klappstuhl auf die freie Fläche zwischen den beiden Containern. Mit der Hand krault sie den Hund, der sich zu ihren Füßen auf den Boden legt. Plötzlich hebt er witternd den Kopf. Er beginnt, leise zu knurren. Sie kneift die Augen zusammen, sieht eine rote Zigarettenglut aufglimmen. Aus dem Dunkel des Bahnhofsgebäudes löst sich eine Person. Kommt langsam näher. Es ist ein dünner Mann mit einer Zigarette im Mundwinkel. Sein grauer Anzug verschmilzt mit der bleiernen Nacht.
»Hallo, Targa, gemütlich hast du es hier. Gibt es noch einen Stuhl für mich?« Lundt hebt grüßend die Hand.
»In meinem Bus«, antwortet Targa knapp. Sie lässt sich nicht anmerken, dass sein plötzliches Auftauchen sie überrascht. Natürlich weiß sie, dass Lundt dramatische Auftritte liebt. Doch in Südfrankreich hätte sie ihn nicht erwartet.
»Auf die Idee, einen alten VW-Bus in einem Container nach Berlin zu transportieren, kommst auch bloß du«, meint Lundt. Er verschwindet für einen Moment im finsteren Inneren des Containers, kommt kurz darauf mit einem Campingstuhl zurück und klappt ihn auf. Kopfschüttelnd setzt er sich und zündet sich eine neue Zigarette an.
»Du hast genau fünf Minuten und dreißig Sekunden, um deine Zigarette zu rauchen. Dann muss Hund wieder in den Bus. Und der Zug fährt weiter.«
»Na, in der Zeit schaffe ich drei Zigaretten.« Lundt zieht heftig an seiner Kippe. »Hund muss also seinen geliebten Bus nicht verlassen. Sehr tierlieb.« Er winkt Hund zu. Doch dieser dreht den Kopf zur Seite. »Er mag mich noch immer nicht.« »Warum sollte er dich mögen? Du hast kein Geschenk für ihn mitgebracht.«
»Geschenk? Was denn für ein Geschenk?«
»Hundekeks zum Beispiel.«
»Richtig. Ich werd’s mir merken.«
»Warum bist du gekommen? Und woher weißt du, dass ich hier bin?« Targa sieht ihn prüfend an und zwirbelt einen ihrer Zöpfe. Selbst hier, auf diesem gottverlassenen Güterbahnhof im Vallée du Rhône, trägt Lundt einen grauen Anzug. Für seine Verhältnisse sieht er fit aus. Obwohl er vor einigen Monaten von einem Messerstich lebensgefährlich verletzt wurde.
»Ich habe deine Warum-Fragen vermisst, deshalb bin ich aufgetaucht. Ich weiß doch immer, wo du dich aufhältst.« Lundt streckt seine langen Arme in den nächtlichen Himmel.
»Und du fährst doch auch gern mal mit der Bahn. Der Autoreisezug von Narbonne nach Berlin ist längst eingestellt. Bleibt also nur der Frachtverkehr übrig. Da war es leicht herauszufinden, welcher Güterzug nach Berlin fährt und einen VW-Bus transportiert.«
»Du hättest warten können, bis ich wieder in Berlin bin«, antwortet Targa emotionslos. »Wozu dieser Aufwand?«
»Wir haben einen schwierigen Fall, zu dem ich dich vielleicht bald hinzuziehen werde. Aber ich muss erst die Leute vom Staatsschutz davon überzeugen, dass du die beste Wahl für diesen Job bist.«
»Was ist passiert?«
»In einem Schlachthaus hat man drei Leichen gefunden. Sie wurden geradezu künstlerisch inszeniert. Wir befürchten, es ist der Auftakt zu einer Serie.«
»Wie sind sie getötet worden?«
»Man hat ihre Körper kopfüber aufgehängt und sie dann ausbluten lassen.«
»Das ist eine ungewöhnliche Tötungsmethode.«
»Dachte ich mir, dass dich das interessiert.«
Der Waggon beginnt zu zittern, und ein lautes Zischen verhallt in der Nacht.
»Ich muss jetzt verschwinden!« Targa springt vom Waggon.
»Gib mir Bescheid, wenn es so weit ist.« Schon spürt sie das Adrenalin, das durch ihre Venen rauscht. Bald wird sie wieder eine Aufgabe bekommen, die ihren Verstand fordert. Eine Ermittlung, die sie bis an ihre Grenzen bringt. Denn nur dann verschwindet diese Leere in ihrem Inneren.

Sie werden büßen.

Lust auf eine Mutprobe?

In einem düsteren Hangar stehen vierundzwanzig Feldbetten aus weiß lackiertem Eisen. Darauf liegen schmutzig weiße Wolldecken aus russischen Armeebeständen. Sie tragen kyrillische Schriftzeichen. Auf diesen Decken liegen vierundzwanzig Personen in weißen Overalls. Sie tragen weiße Kopfhörer und hören klassische Musik. Neben jedem dieser Betten gibt es ein Gestell aus Metall. Darauf steht eine kleine Schale, in die eine rote Flüssigkeit tropft. Blut. Es rinnt aus dünnen Schläuchen, die mit den Venen der Personen auf den Betten verbunden sind. Schwesternschülerinnen in weißen Kitteln huschen umher. Sie kontrollieren den Blutverlust. Bedrohliche Musik flirrt durch den Hangar. Sie vermischt sich mit dem Brummen von vier Drohnen. Wie riesige Insekten schwirren sie durch die Luft und filmen alles.
Freya steht auf einem Metallgerüst über dem Eingang. Sie dirigiert die Drohnen wie ein Feldherr. Die aufgenommenen Bilder werden live auf die Rückwand des Hangars projiziert. Zwischen den Betten irren cool gekleidete Männer und Frauen umher. Es sind Zuschauer, die eine der limitierten Karten erworben haben, um an dieser Mut-Performance teilzunehmen. Zac steht neben Freya auf dem Baugerüst. Er fotografiert die bizarre Szenerie. Verstörte Zuschauer in Abendkleid und Smoking. Daneben blutende Patienten in Krankenbetten.
Freya ist angespannt. Mit beiden Händen umklammert sie ein Stahlrohr, das als Brüstung dient.
»Kommen wir zum Finale«, sagt Freya. Sie trägt einen schwarzen Overall und den schwarzen Umhang – ihr Markenzeichen.
»Wo ist eigentlich Yussuf, mein Bodyguard?«, fragt sie Zac. »Er hat sich schon seit drei Tagen nicht mehr blicken lassen.«
»Ich habe mich bereits bei der Agentur beschwert. Dort ist er auch nicht aufgetaucht. Man wird sich darum kümmern. Wir bekommen so schnell wie möglich einen Ersatz«, antwortet Zac.
»Ist gut.«
Mit wehendem Umhang steigt Freya am Baugerüst nach unten. Eine Drohne filmt sie. Ihr Körper erscheint überlebensgroß auf der rückwärtigen Wand. So sieht sie sich gerne. Sie wird die Reinheit der Herzen zelebrieren. Zehn dieser jungen Frauen und Männer, die in den Feldbetten liegen, hat sie ausgewählt. Bald werden sie ihren Mut beweisen müssen. Die Performance ist nur die Ouvertüre. Im Anschluss daran wird sie ein Bild dieser Aufführung malen. Es wird großformatig sein. Erschaffen mit dem Blut dieser Menschen. Die Kunst reproduziert sich selbst.
Freyas Blick schweift über die Reihen. Verharrt bei einem der Zuschauer. Es ist ein älterer Mann in einem zu großen Smoking. Etwas stört sie an ihm, er passt nicht hierher.
Dann fällt ihr Blick auf eine Frau. Sie trägt ein schwarzes Abendkleid. Ihr Haar ist blond und zu zwei Zöpfen geflochten. In der Hand hält die fremde Frau einen Pappbecher mit Wasser. Diese subtile Abgrenzung gefällt Freya. Alle anderen Zuschauer trinken Champagner. Freya blickt wieder in die Richtung, wo sie den Mann zuvor gesehen hat, kann ihn aber nirgends entdecken. Er wirkte sonderbar. Freya hat ein ungutes Gefühl. Sie will keine neuerlichen Schwierigkeiten.
»Sie werden büßen«, hört Freya plötzlich eine leise Stimme neben sich. Der eigenartige Mann tritt direkt vor sie und versperrt ihr den Weg. »Meine Tochter ist tot. Daran sind Sie schuld.« Er redet lauter. »Wie ein Stück Vieh haben Sie mein Mädchen in einem Schlachthaus getötet.«
»Wer sind Sie?«
»Ich bin Adrian Gmeiner. Der Vater von Johanna, die Sie auf dem Gewissen haben!«
Seine Stimme wird noch lauter. Er hat die wässrigen Augen eines Säufers. Sein Smoking riecht nach Mottenkugeln. Zuschauer, die sich in der Nähe befinden, werfen Freya Blicke zu. Denken, die Szene gehöre möglicherweise zu der Performance.
»Die Polizei sagt, sie haben keine Beweise. Aber im Grunde tun die Bullen nichts. Ich sage: Scheiß auf Beweise. Ich weiß, dass Sie meine Tochter getötet haben!«
»Ich bin Künstlerin, keine Mörderin.« Freya versucht, ruhig zu bleiben. Für genau solche Situationen hat sie einen Personenschützer engagiert. Aber Yussuf ist nicht hier. »Es tut mir leid, was mit Ihrer Tochter Johanna geschehen ist. Jemand hat sich durch mein Bild inspirieren lassen. Ich bin zutiefst schockiert.«
Schockiert?, überlegt Freya. Nein, ich habe es genossen, wie langsam all das Blut ihr Leben weggeschwemmt hat. Endlich war sie nur noch eine reine, leblose Hülle. Es gab nichts Verdorbenes mehr in ihr. Stattdessen habe ich sie in Kunst verwandelt.
»Ich glaube Ihnen kein Wort. Sie haben sie ermordet. Geschändet. Zur Schau gestellt. In einem Schlachthaus aufgehängt wie ein totes Tier.« Die Augen des Mannes füllen sich mit Tränen.
»Ich empfinde Mitleid mit Ihnen«, sagt Freya leise und legt ihm die Hand auf die Schulter. Der sägende Sound in dem Hangar steigert sich. Die Drohnen surren, und ihre roten Augen blinken bedrohlich. Das Blut in den Schläuchen der Patienten pulsiert. »Soll ich Sie hinausbegleiten?«, fragt sie Adrian Gmeiner, der von ihrem Mitgefühl überrumpelt scheint. Sie hakt sich bei ihm unter und schiebt ihn sanft zum Eingang. Er wird ihr keine Schwierigkeiten machen.
»Ich habe lange auf diesen Augenblick gewartet«, sagt er geradezu enttäuscht, als sie unter dem Baugerüst vor dem Tor des Hangars stehen. Es ist zugeschoben. »Ich habe mir immer wieder neue Todesarten für Sie ausgemalt.«
»Nochmals. Ich habe mit dem Tod Ihrer Tochter nichts zu tun.« Freya verliert langsam die Geduld. »Bitte gehen Sie jetzt.«
»Man sollte Sie einfach aufknüpfen«, flüstert Adrian Gmeiner. Unbändiger Hass steigt in seine Augen. Plötzlich hält er eine Drahtschlinge in der Hand. Freya zuckt zurück. Blitzschnell stülpt er ihr die Schlinge über den Kopf. Reflexartig greift Freya nach dem Draht. Der dünne Stahl schneidet in ihre Finger. Sie beginnen zu bluten. Adrian Gmeiner ist schmächtig. Aber er entwickelt unglaubliche Kräfte. Die Schlinge um ihren Hals zieht sich weiter zu.
Alles beginnt sich zu drehen.
Ihr wird schwarz vor Augen.
Plötzlich lässt der Druck nach. Adrian Gmeiner weicht zurück. Freya atmet stoßweise. Ihr Puls rast. Was ist geschehen?
Die fremde Frau im schwarzen Abendkleid nimmt ihr die Schlinge vom Hals. Adrian Gmeiner sitzt auf dem Boden und weint.
»Was haben Sie zu ihm gesagt?«, fragt Freya überrascht.
»Das ist mein Geheimnis.«
»Sie haben mir das Leben gerettet«, sagt Freya leise und blickt der Frau in die strahlend hellblauen Augen. Diese erinnern an das klare Eismeer. Darin spiegelt sich keine Angst, nur der Wille, bis ans Äußerste zu gehen. Das erfordert Mut. »Wer sind Sie?«
»Ich bin Targa Hendricks. Ihre neue Personenschützerin.«
Die Energie, die von Targa ausgeht, ist beeindruckend.
Freya spürt, wie diese Kraft sie umhüllt wie ein schützender Mantel. Es ist, als müsste sie in der Gegenwart dieser jungen Frau keine Furcht mehr haben.
Ein Scheinwerfer leuchtet durch die Streben des Baugerüsts. Im gleißenden Strahl schimmern Targas blonde Haare wie Gold. Eine widerspenstige Strähne, die sich gelöst hat, tanzt im Gebläse einer Windmaschine. Freya ist fasziniert, würde Targa gerne küssen, ihr über die Haare streichen. Doch sie zögert, als sie die Kälte in den Augen sieht. Wie das Polarmeer, das niemals schmelzen wird.
»Du hast deinen ersten Job perfekt erledigt, Targa Hendricks.«

Kurzinterview mit B.C. Schiller

Ihr habt lange Zeit eine Werbeagentur geleitet. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, mit dem Schreiben anzufangen?

Barbara: Das übliche Rauf und Runter im Werbebusiness ist mir irgendwann zu viel geworden. Ich habe dann Christian so lange genervt, dass wir mal etwas ganz anderes machen sollten, bis er sich darauf einließ, ein Buch mit mir zu schreiben. Er hatte damals schon Erfahrung mit dem Schreiben und sagte, ein Buch zu schreiben sei so anstrengend. Werbung sei viel einfacher. Aber als wir dann auch noch den größten Kunden unserer Werbeagentur verloren, war das ein Zeichen für uns, dass wir jetzt etwas ändern mussten in unserem Leben. Und so gingen wir nach Mallorca und begannen mit der Entwicklung unseres ersten Thrillers »Töten ist ganz einfach“.

 

Wie muss sich der Leser das Schreiben zu zweit vorstellen? Habt ihr eine bestimmte Rollenverteilung?

Christian: Wir haben schnell gemerkt, dass sich bei der Plot-Entwicklung für jeden von uns Lieblingsfiguren herauskristallisieren. So entwickelte es sich, dass Barbara immer die düsteren Charaktere schreibt, während ich den »guten« Part übernehme.

Gruß von Barbara und Christian Schiller

Liebe Thriller-Freunde,

nun ist es fertig, unser zweites Buch im Penguin Verlag! Wir freuen uns riesig, Euch für unseren neuen Thriller »Immer wenn du tötest« begeistern zu dürfen, den 2. Fall für Undercover-Ermittlerin Targa Hendricks. Wir haben wieder unser ganzes Herzblut ins Schreiben gesteckt – wie gefährlich das sein kann, werdet Ihr beim Lesen merken …

Diesmal haben wir es gleich mit zwei starken Frauen zu tun: Targa sieht sich mit einer ausstrahlungsstarken Serienkillerin konfrontiert, die einem Hannibal Lecter das Wasser reichen könnte … Freya von Rittberg ist eine exzentrische Künstlerin, die mit dem Blut ihrer Fans Bilder malt; ihre Opfer rekrutiert sie bei Mut-Challenges (die gerade bei jüngeren Lesern voll im Trend liegen!). Zwischen ihr und Targa entsteht eine derart starke Anziehung, dass unsere eiskalte Ermittlerin sich plötzlich mit ungekannten Gefühlen konfrontiert sieht. Und Freya mordet nicht nur aus purer Lust am Töten, es sind die Dämonen der Vergangenheit, die sie antreiben: Ihr Großvater leitete eines der Lebensborn-Institute während der Nazidiktatur im Dritten Reich. Seine Ideologie wirft ihre Schatten bis in die Gegenwart – ein brandaktuelles Thema, das wir mit der Thrillerhandlung verwoben haben.

Es hat uns wahnsinnig gefreut, dass schon so viele Leser und Leserinnen unsere Targa in ihr Herz geschlossen haben! Dafür möchten wir uns sehr herzlich bedanken und würden uns freuen, wenn Ihr auch bei Band 2 an Bord seid. Seid Ihr mutig genug …?

Vielen Dank & alles Liebe für einen aufregenden Sommer!

Chillige Grüße

Barbara und Christian
B.C. Schiller

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Die Thriller-Stars B.C. Schiller setzen ihre atemberaubende neue Reihe fort.