Dana Czapnik: Ich werde fliegen | Leseprobe read’n’go

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Wenn der Körper sich Richtung Himmel bewegt ...

Das Eis schmilzt weiter in unseren Händen, und wir kommen am Falkner vorbei, einer Statue von einem Jungen in engen Hosen, der auf Zehenspitzen stehend, die Beinmuskeln zeichnen sich deutlich ab, einen Vogel freilässt. Und der Falke breitet im Begriff loszufliegen die Flügel aus. Die Statue steht auf der Spitze einer klassischen Central- Park-Steinformation vor einer Lücke in den Bäumen, sodass man, wenn man zum Vogel hinaufblickt, dahinter nur den offenen Himmel sieht. Natürlich hätte ich als Mädchen die Statue von Alice im Wunderland toll finden sollen, aber ich habe schon immer diese geliebt. Sie erinnert mich an das Gefühl, den perfekten Sprungwurf zu landen. Wenn der Körper sich Richtung Himmel bewegt, du den Ball von den äußersten Fingerspitzen loslässt und in dem Moment spürst, dass er reingehen wird.

 

Ich finde es ungerecht, dass es solche Statuen nur von Jungs gibt, aber nie von Mädchen. Statuen von Mädchen machen immer irgendwas Feminines oder Langweiliges, wie halb nackt an einem Brunnen zu sitzen und vorsichtig die eleganten Fingerspitzen ins Wasser zu halten oder mit versteinerter Miene für Gerechtigkeit oder Freiheit oder ein anderes unmögliches menschliches Ideal dazustehen. Warum können keine Mädchen mit muskulösen Beinen in Leggins auf einem Hügel stehen und einen Vogel freilassen?

 

 

Mir war schon, als ich klein war, klar, dass die Kinder, die am meisten Spaß hatten, Jungs waren. Die Jungs konnten wild und lachend durch die Welt laufen. Mädchen dagegen waren still, spielten mit Puppen, flüsterten sich gegenseitig was ins Ohr und lachten hinter vorgehaltenen Händen. Sie imitierten die Mienen und Gesten voneinander. Fanden es schön, sich zu kleiden wie die anderen und in Gruppen unterwegs zu sein. Auf dem Spielplatz malten sie mit Kreide Blumen auf den Asphalt und wippten brav, es gab höchstens mal einen Wettstreit, wer am höchsten schaukeln konnte. Die Jungs beobachtete ich voller Neid aus der Ferne. Sie wollten nicht, dass ich bei ihren Kriegsspielen mitspielte. Sie rasten über den Spielplatz wie Tiere, und ich wollte auch so ausgelassen sein dürfen. Schließlich fand ich meinen Platz unter den Jungs, weil ich beim Sport gut genug war, dass ich bei ihren Spielen ab und zu mal ins Team geholt wurde. Ich durfte hin und wieder mitspielen, aber hatte nie was zu sagen. Eine Randfigur. Das war okay für mich, solange ich ein paar Augenblicke rücksichtslos durch die Welt laufen durfte mit meinen aufgeschlagenen Knien und Schienbeinen und aufgekratzten Mückenstichen, so viel meiner Körperoberfläche rot und braun und verschorft. Doch als ich endlich bei den Jungs mitspielen durfte, wenn auch nur ab und zu, merkte ich, dass es bei den artigen Mädchen, die während des Kunstunterrichts Schönschrift übten, keinen Platz mehr für mich gab. Ich war nicht wie sie. Sie verstanden mich nicht. Die Mädchen fanden mich komisch. Dass ich wie ein Junge sein wollte. Dabei wollte ich gar kein Junge sein. Ich wollte ein Mädchen sein und Spaß haben. Meine Version von Spaß.

 

 

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Ich sehe Alexis an, die in der siebten Klasse auf die Pendleton kam und aus demselben Holz geschnitzt war wie ich. Aufgeschlagene Knie. Geblähte Nasenflügel. Voller hambre.

 

»Lex, wünschst du dir nicht auch, es gäbe solche Mädchenstatuen? « Ich zeige auf den Falkner. »Von Mädchen, die einfach Spaß haben, ohne sich darum zu kümmern, was die anderen denken?«

 

»Ich kümmere mich nicht darum, was andere denken. Und du auch nicht.«

 

»Verdammt richtig«, sage ich und gebe ihr High five, auch wenn wir beide wissen, dass es nur zur Hälfte stimmt.

 

Ich drücke den Rest von meinem Regenbogeneis aus dem Pappbecher und lasse mir das künstliche Aroma in den Mund tropfen, wobei ich versuche zu verhindern, dass mir das Zeug über die Hände läuft, damit sie nicht den ganzen Nachmittag kleben. Ich halte meinen Stimmungsring hoch und zeige ihn Lex. Er hat die gleiche Farbe wie mein Eis. Die Mischung aus Rot, Blau und Weiß ist zu einem Braun mit Lilastich geschmolzen und schmeckt nach Kindheit.

 

 

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»Einer solchen Protagonistin bin ich in Romanen noch nie begegnet - ihr Weg ins Erwachsensein wird bei heutigen Leserinnen und Lesern besonderen Nachklang finden.«

Salman Rushdie

»Dana Czapnik hat genau den Roman geschrieben, den jedes kluge, wunderbare und absolut besondere Mädchen wie Lucy verdient hat!«

Entertainment Weekly

»Elektrisierend! Zeit mit Lucy zu verbringen ist eine grenzenlose Freude, herzzerreißend und zutiefst beeindruckend.«

New York Times

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