Marc Elsberg: Helix | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

Sie sind perfekt.

Sie sind außer Kontrolle.

Sie werden dich ersetzen!

 

Der Bestseller von Marc Elsberg endlich im Taschenbuch!

Wie alles begann

Kein Atem.

Kein Puls.

Der US-Außerminister wird leblos aufgefunden

Dann stand nur mehr das Rednerpult auf der Bühne des voll besetzten Hotelsaals, und der US-Außenminister lag reglos daneben. Die Zuhörer in den ersten Reihen sprangen auf, der Rest folgte. Ein paar Anzugträger stürzten zum Podium, Securitymänner in Schwarz hinterher, andere beugten sich schützend über einzelne Anwesende. Die deutsche Kanzlerin, erkannte Jessica Roberts von ihrem Platz in einer der hintersten Reihen, der britische Premier, der französische. Jessica hatte keinen Schuss gehört. Doch der Schwarm denkt nicht. Jeder folgt seinem Vordermann oder der Nachbarin, steckt die Nächsten an. Jetzt wollten alle hinaus.
Jessica stürmte gegen den Strom Richtung Podium. Wich in die sich leerenden Stuhlreihen aus, kletterte trotz Rock und Stöckelschuhen über Lehnen. Aus den Lautsprechern rief eine Männerstimme auf Englisch: »Bitte, bewahren Sie Ruhe!«
Niemand folgte der Anweisung. Wenigstens waren die Sitzreihen jetzt fast leer. Nur ein paar Verlorene standen noch vor ihren Stühlen und schauten ratlos oder neugierig. Eine kleine
Traube dunkler Anzüge in verschiedenen Schattierungen verdeckte den Körper des Außenministers. Einer der muskulösen Securitymänner stellte sich Jessica in den Weg.
»Stopp!«
»Lassen Sie mich durch!«, forderte sie auf Englisch. »Ich bin
eine Mitarbeiterin des Ministers!«
Sie wies auf ihr Namensschild.

Dr. Jessica Roberts
US National Security Advisor’s Team
msc Munich Security Conference
Münchner Sicherheitskonferenz

»Sorry, Ma’am.«
»Ihr Job ist es, Menschenleben zu retten!«, rief sie. »Gerade tun Sie das Gegenteil! Der Mann dort vorne stirbt!« Das wusste sie zwar nicht, aber die Augen des Securitymonsters zeigten einen Moment der Verunsicherung. Jessica nutzte ihn, um an seinem schweren Arm vorbeizuhuschen. Groß und stark, diese Typen, aber schwerfällig.
Ein Mann nestelte an der Krawatte des Ministers. Ein zweiter fingerte unbeholfen an seinem Handgelenk herum. Suchte den Puls. Jessica stieß sie zur Seite. Kein Blut. Den Zusammenbruch musste etwas anderes ausgelöst haben. Mit einem Griff hatte sie den Schlips gelöst und aus dem Kragen gezogen. Riss die oberen Knöpfe auf. Suchte den Puls an der Halsschlagader. Beugte sich dicht über den schlaffen Mund, um Atem an ihrem Ohr zu spüren.
Kein Atem. Kein Puls.

»Sag schon«, flüsterte sie. »Sag schon, woran.«

Fahrservice zur Schule

Jim schielte in den Rückspiegel des Tesla. Das Mädchen starrte gedankenverloren aus dem Seitenfenster. Eine kleine, leicht nach oben gerichtete Nase, riesige blaue Augen mit endlosen Wimpern, die sanft geschwungene Stirn mit dem dunkelblonden Haaransatz, die vollen Lippen. Als hätte ein Bildhauer das Idealbild der Schönheit entworfen. Jim konzentrierte sich wieder auf den Verkehr. Jill war erst fünfzehn. Schön anzusehen, aber ein Kind. Auch wenn sie nicht so aussah.
Aus dem Radio dudelte Reklame. Neben Jim scannte Erin die Umgebung. Über Nacht waren ein paar Flocken gefallen. Der Vormittagsverkehr am Rande Bostons war dicht, aber nicht undurchdringlich.
»Heute Route vier?«, fragte Jill von der Rückbank, als Jim an
einer Kreuzung abbog. Sie war ein cleveres Mädchen.
»Ja«, sagte er. »Mit Variationen.«
»Natürlich«, bemerkte sie.
»Guten Morgen, es ist zehn Uhr«, verkündete der Nachrichtensprecher, »und es ist kein guter Morgen. Gerade erreicht uns aus dem Weißen Haus die Nachricht vom überraschenden Tod
des Außenministers Jack Dunbraith. Der Außenminister …«
»Was war das?«, fragte das Mädchen von hinten mit sich überschlagender Stimme. »Mach lauter!«
Überrascht gehorchte Jim. Er interessierte sich nicht für Politik und Politiker.
»… Veranstaltung der Münchner Sicherheitskonferenz teilnehmen,
als er zusammenbrach.«
Im Rückspiegel sah Jim das Gesicht des Mädchens. Sie hatte sich zwischen die beiden Vordersitze gebeugt. Ihre weit aufgerissenen Augen wirkten puppenhaft, der halb geöffnete Mund zuckte kaum merklich. Am meisten irritierte Jim aber ihre Gesichtsfarbe. Der sonst blassrosa Teint war kalkweiß. So hatte er sie noch nie gesehen.
»Sag schon«, flüsterte sie. »Sag schon, woran.«
Jill sah aus, als wäre sie zu Tode erschrocken. Aber soweit Jim wusste, kannte sie weder den Verstorbenen, noch hatte sie irgendwelche Verbindungen zu ihm.
»Als offizielle Todesursache gaben die Ärzte Herzversagen bekannt.«
Das Mädchen im Rückspiegel schloss die Augen und ließ sich in den Sitz zurücksinken. Ihre Kiefermuskeln arbeiteten. Dann biss sie sich auf die Lippen. Jim runzelte die Stirn und fragte sich, worüber Jill sich so aufregte.
»… die Gebete der Präsidentin sind bei dem Verstorbenen und seiner Familie.«
Jill hatte die Augen wieder geöffnet. Ihre Miene hatte sich verändert. Der Mund fest geschlossen, ihr Blick konzentriert nach unten auf das Smartphone in ihrer Hand gerichtet, auf dem sie fieberhaft herumwischte.  Jim hielt vor dem imposanten Haupteingang des Massachusetts Institute of Technology.
»Wir sind da«, sagte er. Er stieg aus, sah sich um und öffnete die rückwärtige Tür der Fahrerseite. Ohne von ihrem Screen aufzusehen, packte Jill mit der freien Hand ihren Rucksack und warf ihn über die linke Schulter, während sie sich elegant aus dem viel zu niedrigen Wagen wand. Aufgerichtet war sie fast so groß wie der einen Meter fünfundachtzig große Jim. Allerdings hatte sie mit Abstand die bessere Figur. Dass sie diese Beine in hautenge Leggings stecken durfte, über die nur ein Oberschenkel langer Parka hing, fand Jim unvernünftig. Aber er war ihr Leibwächter, nicht ihr Modeberater.
»Jede Stunde melden«, erinnerte Jim sie. »Nicht vergessen.«
»Mhm«, grummelte sie. Ihre Miene hatte sie wieder unter Kontrolle, bemerkte Jim. Die Gesichtsfarbe nicht. Sie war noch immer völlig blutleer.
»Alles in Ordnung?«, fragte er.
Jetzt sah sie hoch. Wirkte überrascht.
»Ja, wieso?«
Sie wandte sich zum Eingang, winkte ihnen, den Rücken zugewandt.
»Bis heute Nachmittag!«
Jim zog sein Smartphone hervor und aktivierte die versteckte App. Auf dem Screen erschien ein Satellitenbild seines Standorts. Mehrere einander überlagernde rote Punkte entfernten sich langsam von ihm auf das Gebäude zu.

Achtet auf Gene!
Er ist gemeingefährlich!

Jill ist verschwunden

»Okay, wir haben lang genug gewartet.«
Jim Delrose warf einen letzten Blick auf den Screen seines Smartphones. Die Ansammlung blinkender Punkte in der Gebäudegrafik bewegte sich nicht. Er setzte die Sonnenbrille und
die Schirmkappe auf.
»Du bleibst hier«, befahl er Erin.
Im Freien war die Temperatur nahe null. Sein Atem dampfte.
Er eilte über die Massachusetts Avenue und betrat das Massachusetts Institute of Technology über die Lobby 7. Während er die Kuppelhalle durchquerte, suchte sein Blick zwischen Studenten und Besuchern. Weiter durch die historischen Maclaurin Buildings, durch das Gebäude 8, zum Dorrance Building und zum Whitaker Building mit seinen ineinander verschachtelten schiefen Türmen. Wer sich so etwas ausdachte. Nun, er musste hier ja nicht studieren. Jede Menge junger Leute in Freizeitkleidung, viele Jungs mit Bärten, aber nirgends der dunkelblonde Pferdeschwanz. Er folgte den Zeichen auf seinem Smartphone. Über Flure im Whitaker Building führten sie ihn zu – einer Toilette. Damen, klar. Für Bedenken hatte er jetzt keine Zeit. Kurzerhand betrat er die Sanitärräume, hob den empört protestierenden Anwesenden seinen Ausweis entgegen – Uralttrick, wer schaute in so einem Moment schon genau hin –, brüllte: »Security, das ist ein Notfall!« und fand die Kabine, die ihm das Smartphone wies. Ohne zu zögern, stieß er die Tür mit seiner mächtigen Schulter auf.
Auf dem geschlossenen Klodeckel fand er sorgfältig zusammengelegt Parka, Leggings, T-Shirt, Hoodie, Unterwäsche, Schuhe, Strümpfe, Rucksack und obenauf das Smartphone.
Auf dem Smartphone klebte ein Post-it, darauf gekritzelt:

Achtet auf Gene! Er ist gemeingefährlich!

Wer war Gene? Er kannte keinen Gene in Jills Umfeld. Musste er später klären. Er überprüfte das Gerät. Ausgeschaltet. Gut. So konnte es nicht verfolgt werden.
»Sie ist weg«, sagte er in sein Headset, während er mit seinem Telefon hastig ein paar Schnappschüsse der Situation anfertigte und danach den Kram rasch in den Rucksack packte. »Aber ihr ganzes Zeug ist da.«
Jetzt musste er zusehen, dass er davonkam, bevor ihn die Campuspolizei erwischte und Fragen zu stellen begann. Die würden noch früh genug aufkreuzen.
Während er im Vorbeilaufen den verärgerten Damen den Rucksack als Beweis für den Notfall entgegenstreckte, erklärte er Erin über das Headset: »Ich kann nicht länger bleiben. Du musst
hier weitermachen.«

 

Hol dir die App!

 

OPERATION HELIX: die interaktive Textadventure-App von Marc Elsberg!

• Phil ist auf der Flucht und nur du kannst ihm helfen!
• Spannendes und kniffliges Abenteuer vom Science-Thriller Experten und Bestsellerautor

Zur App

Haben Sie die Gene zum Überleben?

Jetzt kaufen! €10,99 

»Marc Elsberg hat ein gutes Gespür für hochaktuelle Themen.«

Glamour

»Marc Elsberg schreibt erschreckend realitätsnahe Krimis.«

Lüneburger Ztg