Eva Siegmund: H.O.M.E – Das Erwachen | Leseprobe read’n’go

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Worum gehts?

Die siebzehnjährige Zoë hat ein perfektes Leben: Sie besucht eine Eliteakademie und hat einen tollen Freund namens Jonah. Doch plötzlich findet sie sich in einem heruntergekommenen Krankenhaus wieder, erwacht nach zwölf Jahren Koma und konfrontiert mit der brennenden Frage: War alles nur ein Traum? Gemeinsam mit Kip, dessen Bruder ähnliches durchlebt hat, deckt Zoë ein atemberaubendes Geheimnis auf. Die Entscheidung, auf welcher Seite sie steht und ob sie ihr perfektes Leben wirklich zurückhaben will, wird jedoch immer schwerer …

Der Anfang

Ich trat aus der Dunkelheit der Vorhalle hinaus auf die Wiese und blinzelte, weil sich meine Augen nur langsam an das Licht im Garten gewöhnten.

Wie immer, wenn ich vorher Stunden im Simulator absolviert hatte, brauchte das seine Zeit. Mein Blick wurde noch von vereinzelten tanzenden, dunkelblauen Punkten durchzogen.

»Zoë!«, hörte ich eine vertraute Stimme nach mir rufen und drehte den Kopf. Da saß Jonah, direkt hinter dem Brunnen unter einer dicken, alten Eiche, und winkte mir zu.

 

Ich nahm mir eine Weile, um ihn zu betrachten, und fragte mich nicht zum ersten Mal, wie es dieser Mensch nur schaffte, die Luft zu sein, die ich atmete, und mir gleichzeitig täglich den Atem zu rauben. Lächelnd ging ich zu ihm hinüber, gab ihm einen Kuss und setzte mich neben ihn.

»Jen hat dich mal wieder ganz schön lange schuften lassen«, stellte er fest und begann wie immer, in meiner Tasche zu kramen. »Sie will eben sichergehen, dass ich uns nicht alle ins Verderben steuere!«, gab ich zurück, doch Jonah hörte mich kaum.

»Hast du den Aufsatz für Gefechtsstrategie?«, wollte er wissen, und ich nickte, während ich nach seiner Wasserflasche griff.

»Mein Tablet ist ganz hinten in der roten Mappe«, sagte ich und nahm einen großen Schluck. Dann streckte ich mich mit einem wohligen Seufzer auf der Wiese aus. Das war fast so gut wie schlafen. »Wie war es bei dir?«, fragte ich, und er grinste. Jonah hatte ein Grübchen in der rechten Wange, das einen echt fertigmachen konnte. Nur in der rechten. Manchmal fragte ich mich, ob ich ihm deswegen alles durchgehen ließ, doch so genau wollte ich darüber lieber nicht nachdenken.

»Wie soll es gewesen sein?«, fragte er. »Ich habe einen nach dem anderen auf die Matte geschickt. Erst Connor, dann Nick und dann noch ein paar abgefahrene Kreuzungen aus Riesenschweinen und Seelöwen.«

Ich kicherte. »Welche Simulation?« »Regenwald.« Jonah zog sein Tablet hervor und begann, den Aufsatz von meinem Gerät abzuschreiben. »Denk dran, es umzuformulieren«, mahnte ich. »Es wissen doch sowieso alle, dass ich von dir abschreibe. Du bist der Kopf der Klasse, also bist du auch der Kopf der Mission, so einfach ist das.« Er schenkte mir ein entwaffnendes Lächeln. »Und da ich mit dem Kopf der Mission zusammen bin, wäre es eine enorme Ressourcenverschwendung, wenn ich mir diese Tatsache nicht zunutze machen würde.  Ressourcenverschwendung ist eine der fünfundneunzigtausend Todsünden, das weißt du doch.«

Ressourcenverschwendung

ist eine der fünfundneunzig
tausend Todsünden.

»Aha«, sagte ich und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. »Und warum musst du dann überhaupt deine Hausaufgaben machen?« »Damit der Rest des Teams nicht eifersüchtig auf meine Privilegien ist.« Er schenkte mir einen amüsierten Seitenblick.

»Nur weil ich mit dem Kapitän ins Bett gehe, heißt das noch lange nicht, dass ich meine Pflichten vernachlässigen darf.« »Aber deiner Argumentation folgend …«

»Es geht darum, das Protokoll zu wahren, Zoë«, murmelte Jonah zerstreut. Ihm war anzusehen, dass er gerade angestrengt versuchte, einen meiner Endlossätze zu vereinfachen. Endlossätze waren meine Spezialität. »Als Kapitän und Leiterin der Mission könnte ich dir auch einfach befehlen, deine Aufgaben selbst zu erledigen!«

Jonah streckte die rechte Hand aus und zwickte mich in die Seite. »Das könntest du tun, aber dann würde ich dich nie wieder küssen.« »Das wäre tatsächlich unendlich grausam.« »Hmhm. Überleg es dir also gut, wir müssen es noch ein wenig miteinander aushalten. Den Rest unseres Lebens, um genau zu sein.« »Ich werde daran denken«, lachte ich und ließ meine Hände gedankenverloren über das frisch gemähte Gras gleiten.

»Ich kann mir nicht vorstellen, diesen Ort jemals zu verlassen!«, murmelte ich irgendwann. Jonah klappte sein Tablet zu, legte sich neben mich und zog mich an sich. »Das ist ein bisschen ungünstig in unserer Situation, findest du nicht? Streng genommen tun wir alles, um von hier fortzukommen.«

»Ich weiß das«, erwiderte ich. »Aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, nicht in der Akademie zu leben. Ich meine, kein Mensch weiß, was da draußen ist.«

»Meine Denkmaschine«, murmelte Jonah und küsste mich in den Nacken. »Hör auf, darüber nachzugrübeln. Es ändert doch sowieso nichts.« »Fragst du dich denn nie, was uns erwartet?«

Jonah umfasste mein Kinn sanft mit zwei Fingern und zwang mich, ihn anzusehen. Sein sonst fast immer fröhliches Gesicht war ernst, der Blick in den hellblauen Augen ungewohnt intensiv. »Ich will dir mal was sagen, Zoë Alma Baker. Es ist mir scheißegal, was dort draußen auf uns wartet.« Ich runzelte ungläubig die Stirn. »Wirklich scheißegal?«, fragte ich, und Jonah nickte. »Vollkommen. Weil das Einzige, was zählt, ist, dass du bei mir bist.« Augenblicklich hatte ich einen Kloß im Hals. Jonah sprach selten über seine Gefühle.

»Kapitän Baker!« Die Stimme meiner Ausbilderin Dr. Jen Jacobs durchschnitt den Augenblick. Jonah verdrehte die Augen und gab mich frei.

»Anwesend!«, rief ich und griff nach meiner Tasche. »Noch drei Minuten bis zum Ausdauertraining.«

Ich wollte mich aufrappeln, doch Jonah hielt mich am Ärmel meiner Trainingsjacke fest.

»Sehen wir uns heute Abend?« »Ich …« »Ach komm schon. Wir waren ewig nicht zusammen aus!« Ich dachte an den Berg Aufgaben, der auf meinem Schreibtisch wartete, und die Schachpartie, die ich schon seit Wochen mit Professor Clarius spielen wollte. Doch Jonahs Blick setzte mich im wahrsten Sinne des Wortes matt. »Einverstanden«, lachte ich. »Um acht im Greenhouse?« Jonah nickte. »Ich liebe dich, Zö.« »Ich liebe dich mehr.« Er lächelte mir noch mal zu, dann gab er mich endgültig frei, und ich hastete über den Rasen zurück in das Akademiegebäude.

Fragst du dich denn nie, was uns erwartet?

Um mich herum war es pechschwarz und der Lärm war ohrenbetäubend. Ein schriller Pfeifton lag in der drückend heißen Luft, hydraulisches Stampfen war zu hören, und es roch nach Schweiß und Desinfektionsmitteln. Hatte es etwa einen Zwischenfall gegeben? Oder war das hier eine neue Form der Simulation? Doch eigentlich fühlte es sich echt an; nach all den Jahren auf der Akademie erkannte ich eine Simulation eigentlich immer, so gut sie auch gemacht war. Die Simulatoren rochen anders.

Ich wollte nach der Pistole an meinem Waffengürtel greifen, aber irgendwas hielt mich zurück. Ich war an den Handgelenken gefesselt und auch die Füße konnte ich nicht rühren. Doch schon diese kleinen Bewegungen bereiteten mir solche Schmerzen, dass mir schwindelig wurde. Mein Kopf dröhnte, meine Glieder brannten wie Feuer. Da erst begriff ich, was geschehen war – jemand hatte mich gefangen genommen, die Mission war in Gefahr. Fieberhaft versuchte ich, mich an irgend was zu erinnern, doch es gelang mir nicht. In meinem Kopf herrschte Chaos und nur ein einziger klarer Gedanke:

Jonah. Wo war Jonah?! »Leutnant?«, rief ich, doch meine krächzende Stimme wurde von dem Lärm um mich herum geschluckt. Ich atmete tief durch und versuchte es erneut. Dabei wahrte ich den förmlichen Ton. Nur für den Fall, dass ich mich doch in einer Prüfungssimulation befand. »Leutnant Schwarz, wo sind Sie? Fähnrich Langeloh?« Ich bekam keine Antwort, von keinem der beiden. Was war geschehen, was hatten sie mit uns gemacht?

Hektisch riss ich den Kopf herum, doch zunächst sah ich nichts außer blinkenden roten Lichtern, die sich bis zur Unendlichkeit zu wiederholen schienen. Quälend langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, doch allmählich konnte ich hier und da Bewegungen wahrnehmen. Als ich etwas erkannte, zuckte ich zusammen. Das konnte nicht sein! Es sah aus, als wäre ich umgeben von sich ruckartig bewegenden Puppen. Der ganze Raum war voll davon. Panik stieg in mir hoch. »Jonah!«, rief ich noch mal, lauter jetzt. »Sabine! Wo seid ihr?«

Doch statt einer Antwort legte sich mir eine dicke, schwere Hand auf den Mund und presste meinen Kopf fest nach unten. Im selben Augenblick verstummte der schrille Pfeifton und mein Kopfschmerz ließ deutlich nach. »Hey, ganz ruhig!«, raunte eine tiefe Stimme dicht an meinem Ohr.

Ich stemmte meinen Kopf mit aller Kraft gegen die Hand des Fremden, sodass meine Schneidezähne ein Stück Fleisch erwischten, und biss zu. Der Knorpel knirschte zwischen meinen Zähnen, und ich musste ein Würgen unterdrücken, als mir Blut in den Rachen lief. Doch ich ließ nicht locker.

Der Mann atmete heftig, gab aber sonst keinen Laut von sich. Offenbar wollte er nicht entdeckt werden. Er war auf der Hut, das könnte ein Vorteil sein.

»Wenn du nicht loslässt, muss ich dich umbringen«, stöhnte der Mann leise. »Nicht gern, aber ich würde es tun.«

Nur widerwillig ließ ich von ihm ab. So eine Chance bekam ich sicherlich nie wieder. Doch er war eindeutig in der besseren Position.

Ein vermummtes Gesicht schob sich in mein Blickfeld. Ich konnte nicht viel erkennen. Nur dass sich die roten Lichter in einer randlosen Brille spiegelten.

»Braves Mädchen«, keuchte er. »Es fällt dir vielleicht schwer, das zu glauben, aber ich bin auf deiner Seite. Ich bin hier, um dich rauszuholen.«

Ich fühlte ein Stechen an meinem Hals und kurz darauf ein scharfes Brennen, das sich durch meine Adern schob. Schon bald konnte ich meine Augen nicht mehr offen halten.

»Vertrau mir«, flüsterte der Mann in mein Ohr.

Das Gesicht von Dr. Jen schob sich in mein Bewusstsein.

Ihre dunklen Haare trug sie wie immer zu einem festen Knoten gebunden, die makellose Haut spannte sich über die hübsch operierte Nase.

Sie bedachte mich mit einem strengen Blick. »Vertraue niemandem«, sagte sie.

»Vertraue niemandem«, sagte sie.

»Wo bin ich?«, fragte ich krächzend und fuhr mir mit dem Handrücken über den Mund.

»Auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Berlin Mitte«, antwortete der Arzt, während er von meinem Bett aufstand und sich einen Stuhl heranzog.

Berlin? Was um alles in der Welt hatte ich hier verloren? Die Akademie lag außerhalb von Köln.

»Okay … okay. Der Reihe nach. Wissen Sie, wer Sie sind?«

Ich schnaubte. »Steht das etwa nicht in Ihrer dämlichen Akte? Ich heiße Zoë Alma Baker, ich bin 17 Jahre alt und Kapitänsschülerin an der H.O.M.E.-Akademie.« Der Arzt schüttelte den Kopf.
»Sie sind Zoë Alma Baker«, sagte er langsam. Für meinen Geschmack zu langsam. »Aber Sie sind sicherlich keine Schülerin an irgendeiner Akademie. Sie wurden vor 17 Jahren in Berlin geboren und haben die Stadt noch nie verlassen.«

Ich fing an zu lachen. »Woher wollen Sie das wissen? Sie kennen mich doch überhaupt nicht!«

Er seufzte. »Weil Sie seit zwölf Jahren das Krankenhaus nicht verlassen haben, Zoë. Sie lagen im Koma.«

Ich starrte ihn eine Weile fassungslos an, dann schüttelte ich den Kopf. Jetzt hatte ich wirklich genug gehört. Egal, was hier gespielt wurde, ich würde nicht mitmachen. Sie würden allesamt noch bereuen, mir jemals begegnet zu sein. Als könnte man mich so leicht hinters Licht führen. Ich war nicht ohne Grund Kapitänsanwärterin. Mein Atem ging schwer, meine Finger schlossen sich so fest um das Glas, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ich würde ihnen zeigen, mit wem sie sich hier anlegten.

Mit voller Wucht schlug ich das Trinkglas auf den Rand des Beistelltisches, Scherben spritzten zu allen Seiten, und im Handumdrehen hatte ich eine scharfe Waffe in den Fingern.

Genau das, was ich brauchte. Langsam stieg ich aus dem Bett und ging mit dem Glas in der Hand auf den Mann los, der sich als Arzt ausgab. Doch das hier war ganz sicher kein Mediziner, auch wenn er seine Rolle ziemlich überzeugend spielte.

Nun, ausgebildet wurden wir schließlich alle, nicht wahr?

»Es reicht mir jetzt mit Ihnen«, zischte ich. »Ich will sofort wissen, für wen Sie arbeiten und wo meine Mannschaft ist.«

Akalin wurde blass um die Nasenspitze und wich zurück. Militärisch ausgebildet war er schon mal nicht.

»Ich kann verstehen, dass Sie aufgebracht sind«, stammelte er.

»Aufgebracht ist kein Ausdruck«, gab ich zurück. »Raus damit: Was ist Ihre Mission?«

»Meine Mission ist es, das Leben meiner Patienten zu schützen. Ich bin Arzt! Ich flehe Sie an, Zoë. Beruhigen Sie sich, legen Sie das Glas weg und hören Sie mir zu.«

»Ich werde Ihnen zuhören«, sagte ich. »Aber meine Waffe werde ich ganz sicher nicht aus der Hand legen. Das können Sie vergessen.«

Akalin nickte. »Ich werde Ihnen beweisen, dass ich die Wahrheit sage, in Ordnung? Aber Sie müssen mir ein bisschen dabei helfen. Sind Sie so lieb?«

War alles nur ein Traum?

Ich dachte eine Weile nach, dann nickte ich knapp.

Akalin atmete erleichtert aus. »Gut. In Ordnung. Also … Können Sie sich bitte beschreiben? Wie sehen Sie aus?«

Mir entfuhr ein ungeduldiges Schnauben. Für so einen Mist hatte ich eigentlich keine Zeit. »Ich bin einen Meter siebzig groß, habe dunkelbraune, schulterlange Haare und braune Augen.«

»Und ihre Statur?«, fragte der Arzt. Ich zuckte die Schultern. »Muskulös, schlank. Drahtig, so sagt man doch? Die Ausbilder legen Wert darauf, dass wir gut in Form sind.«

Akalin sah mir fest in die Augen. »Ich werde jetzt die Tür des Schrankes neben mir öffnen. Okay?«

Wozu sollte das gut sein? Hatte der Mann darin etwa seine Waffen versteckt? Ich verlagerte mein Gewicht und brachte mich so in Angriffsposition. »Nur zu!«

Er zog am Türknauf des hellbraunen Schrankes, der neben ihm stand. Die Tür schwang auf, und jetzt sah ich zu meiner Überraschung, dass sich auf der Innenseite ein Spiegel befand.

Akalin drehte die Tür so, dass ich hineinsehen konnte. Ich schnappte nach Luft. Das, was ich dort sah, konnte ich nicht glauben.

Da stand ein Mädchen mit einem abgebrochenen Glas in der Hand in einem blauen Nachthemd. Ihr Schädel war kahl rasiert und fleckig, ihre Arme und Beine dünn wie Bleistifte. Sie war so mager, dass sich die blauen Adern an Kopf und Armen deutlich abzeichneten.

Voller Entsetzen starrte ich sie an. Der Boden unter meinen Füßen fühlte sich auf einmal nicht mehr fest an; er schwankte bedrohlich und konnte jederzeit wegbrechen. Und dann geschah es. Ich fiel, fiel unendlich tief in ein schwarzes Loch, das mich schlucken und nie wieder freigeben würde. Meine Welt zerfiel, und die Stille, die dabei entstand, dröhnte in meinen Ohren. Dennoch blieb ich stehen, wo ich war. Auf nackten Füßen vor einem alten Holzschrank, und starrte in einen Spiegel. Das konnte nicht sein. Ich erkannte mein Gesicht, aber ich erkannte mich nicht.

Ich erkannte mein Gesicht, aber ich erkannte mich nicht.

Finde heraus, was mit Zoë geschehen ist!

 

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