Regina Scheer: Gott wohnt im Wedding | read'n'go Leseprobe | Leseprobe read’n’go

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Ein Haus. Ein Jahrhundert. So viele Lebensgeschichten.

Alle sind sie untereinander und schicksalhaft mit dem ehemals roten Wedding verbunden, diesem ärmlichen Stadtteil in Berlin. Mit dem heruntergekommenen Haus dort in der Utrechter Straße. Leo, der nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurückkehrt, obwohl er das eigentlich nie wollte. Seine Enkelin Nira, die Amir liebt, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila, die gar nicht weiß, dass ihre Sinti-Familie hier einst gewohnt hat. Und schließlich die alte Gertrud, die Leo und seinen Freund Manfred 1944 in ihrem Versteck auf dem Dachboden entdeckt, aber nicht verraten hat. Regina Scheer, die großartige Erzählerin deutscher Geschichte, hat die Leben ihrer Protagonisten zu einem literarischen Epos verwoben voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

Marion Cloppenburg, Buchhandlung H. B. Schepers, Friesoythe

Eine so wunderbare und schreckliche und herzensbildende Geschichte!

Das Haus

Jetzt, wo alles zu Ende geht, erinnere ich mich immer an den Anfang. Aber was war der Anfang? Die Klausthaler Ziegel, der Ringbrennofen in Teltow? Der Transport nach Berlin über den Nottekanal? Das weiß ich ja selbst nur, weil sie auf der Baustelle darüber geredet haben. War die Baustelle der Anfang? Menschen können sich auch nicht an ihren Anfang erinnern, aber manchmal im Traum erscheint ihnen die Ahnung eines Bildes, ein Gefühl, ein Ton, der sie in eine Tiefe zurückführt, die ihnen im wachen Sein verschlossen bleibt.
Mit mir fing es wohl auf der Baustelle an. Damals war hier ringsum eine einzige Baustelle, und das Dorf Wedding, über dem Jahrhunderte lang die Raben gekreist haben sollen, gab es schon nicht mehr. Die meisten Landwirte hatten nur auf von der Stadt Berlin gepachtetem Land gewirtschaftet, nach 1830 wurde es Stück für Stück an Baugesellschaften und Maurermeister verkauft. Die Feldwege wurden nummeriert, überall entstanden Mietshäuser, dreistöckig, aus schlechtem Material. Um 1860 ließ sich Berlin widerwillig den Wedding einverleiben, der schien zu nichts zu gebrauchen, die dreistöckigen Häuser bröckelten schon wieder, sie wurden bewohnt von armen Leuten, von denen nichts zu erwarten war. Die Heilquellen nebenan im Gesundbrunnen waren schon am Versiegen, die Obrigkeit nannte die Gegend dort Luisenbad, weil vor langer Zeit die junge Königin Luise einmal dort gewesen war. Aber die Berliner sagten weiter Gesundbrunnen oder einfach Plumpe. Als hier eine Baustelle war, redeten die Maurer und Hucker noch von den Blumengärten auf der Pankeinsel und vom Poetensteig, die dann auch verschwinden mussten. Was soll ein Poetensteig, Wohnhäuser für Fabrikarbeiter wurden gebraucht. Der Gesundbrunnen und das Rabendorf wurden zu Arbeiterbezirken, die feinen Bürger wohnten woanders. Heute gehören wir ja zu Berlin-Mitte, aber das ist hier immer noch die Gegend der Hundehaufen und der ungehobelten Leute, die sind laut und werfen ihren Dreck auf die Straße, schön ist das nicht.

Vielleicht bleibt ein kleines Stück von mir in einem Aschekorn verfangen. Vielleicht kann es, wenn der Wind es fortträgt, zu den Lebenden gelangen.

Gertrud

Gertrud kennt das Haus, seitdem sie auf der Welt ist. Und schon ihr Vater wurde hier im Parterre geboren. Manchmal spricht das Haus zu ihr und sie zu ihm, als wären sie zwei alte Lebewesen, die zusammen hinfällig geworden sind, die einander nichts vormachen müssen, weil sie einander kennen bis in den letzten Winkel. Alle anderen sind nicht mehr da, die Großmutter Marie, ihr Vater Albrecht, ihre Mutter Paula. Von den Männern ist keiner geblieben, aber auf das Haus konnte sie sich verlassen.
Wann hat diese Angst eigentlich angefangen, diese Ahnung, dass man den Schutz der eigenen Wände verlieren wird, die Geborgenheit der nächtlichen Stille, in der man jedes Geräusch deuten kann? Vielleicht schon vor fünf Jahren, als dieser feine Herr im Anzug vor ihrer Tür stand, mit einer Rose in der Hand. Es war eine edle, großköpfige Sorte, nicht so eine müde Bahnhofsrose, wie sie Herr Kunze manchmal mitgebracht hat, als Gertrud noch viel jünger war. Nun aber ist sie eine alte Frau, und der Fremde schenkte ihr diese Rose und stellte sich vor als Abgesandter der neuen Hausbesitzer, eine Visitenkarte überreicht er ihr, auf der stand:
European Property Limited, London-Berlin
Cornelius v. Lerchenfeld
Aber das las sie erst später, sie war zu aufgeregt und als sie die hohe Kristallvase heraussuchte und gleichzeitig den Herrn bat, Platz zu nehmen, sagte der, sich umsehend: »Meine Mutter würde ich nicht im hohen Alter so wohnen lassen. Vier Treppen im Hinterhaus, ohne Fahrstuhl.« Kaffee lehnte er ab, aber ein Glas Wasser nahm er. Als Gertrud nach seiner Mutter fragte, wie alt die sei und wo sie denn wohne, wich er aus, sprach von einem Umzug, Gertrud brauchte eine Weile, bis sie begriff, dass er sie meinte, dass er von ihrem Umzug redete, um den er sich persönlich kümmern würde. Wenn sie nicht ins Seniorenheim wolle, würde man ihr eine Ausweichwohnung besorgen, ein Singleappartement. Bevor sie fragen konnte, was das sei, fuhr er fort: »Hier am Leopoldplatz wird sich demnächst sowieso alles ändern. Die Gegend hat durch die Anbindung an Mitte Potenzial, die Bausubstanz ist veraltet, aber vertretbar, nun muss man sanieren, alles dem heutigen Standard anpassen. Solche Bauarbeiten sind nichts für eine alte Dame.« Er redete von Panoramafenstern, Fußbodenheizungen, vom Dachausbau über ihrem Kopf, ein Loft würde da entstehen, vielleicht auch ein Penthouse. Gertrud blickte auf die Rose, ihr schwirrte der Kopf von all den unbekannten Wörtern und dem, was der Mann meinte. Sie sollte ausziehen. Ausziehen aus dem Haus, dessen erste Mieter 1890 ihre Großeltern gewesen waren.
In der Nacht nach diesem Besuch lag Gertrud wach und dachte an alles, was hier geschehen ist, an ihr Leben. Und sie wusste, dass es vorbei sein würde, wenn sie diesen Ort verlassen müsste. Am Morgen kam ihr der Besuch wie ein schlechter Traum vor, aber da war die Visitenkarte und da war die schlaff gewordene Rose. Gertrud hatte in der Aufregung kein Wasser in die Vase getan.

Alfred W. Westermann, Buchhaus am Markt, Detmold

Es sind Bücher wie »Gott wohnt im Wedding«, die meinen Beruf als Buchhändler zu einem der schönsten machen.

Leo

Der Mann im Trenchcoat mit Hut sieht aus wie einem alten Film entstiegen, nur ist sein Stock kein eleganter Gehstock, sondern eine gewöhnliche Krücke. Er steht vor der Liebenwalder 22 und beugt sich über das Straßenpflaster, als könne er in den buntgeäderten Steinen etwas erkennen. Der Regen war kurz und heftig, nun liegt wieder die Sommerhitze über den Straßen, das Wasser hat Plastiktüten, Papier, Zerbrochenes und Erbrochenes, auch den Hundedreck an die Ränder gespült, wo sich der Unrat staut. Die Granitpflastersteine schimmern jetzt feucht in allen Grautönen, mit rosa und bunten Adern.
Hinter dem Mann tritt ein jüngerer in die Tür, sieht den in seine Betrachtung versunkenen Alten, spricht ihn mit Mister Lehmann an und macht ihn auf Englisch darauf aufmerksam, dass die Stolpersteine aus Messing ein paar Meter weiter, vor der Nummer 16 zu finden seien. Denn die suche er doch sicher, da sei ein Judenhaus gewesen.
»Mit mir könnse Deutsch reden. Und ick suche keene Stolpersteine«, antwortet der andere.
»Ich dachte nur, weil Sie doch aus Israel…«
»Det warn hier außerdem allet Judenhäuser.«
Sein Berlinisch klingt wie aus einer anderen Zeit, er merkt es selbst. Heute redet man offenbar im Berliner Wedding anders Deutsch, durchsetzt mit schwäbischen und bayrischen Klängen, aber auch Türkisch, Englisch, Russisch, sogar Fetzen von Arabisch und Iwrith hat er gehört, als er gestern Abend ankam. Seine Enkelin Nira, die wenig Deutsch versteht, konnte sich mit dem Taxifahrer und den jungen Serviererinnen des Cafés an der Ecke mühelos verständigen. Sie zog auch noch los, nachdem sie vom Abendessen in ihre Hotelzimmer zurückgekommen waren, nach Kreuzberg wollte sie oder in den Prenzlauer Berg, ihre Freunde haben ihr die Namen von Cafés und Klubs aufgeschrieben, die sie unbedingt kennenlernen soll in den Wochen ihres Aufenthalts hier in dieser Stadt, aus der ihr Großvater kommt.
Jetzt, am Vormittag, schläft Nira noch und Leo Lehmann will ein paar Schritte gehen. Er hat nicht gewusst, dass Nira ausgerechnet im Wedding Hotelzimmer bestellte; als er hier wohnte, von seiner Geburt an immerhin knapp zwei Jahrzehnte, gab es in dieser Gegend keine Hotels. Aber Nira weiß gar nichts über den Wedding, das »Steps« hat sie im Internet gefunden, es warb mit seiner Lage in Berlin Mitte und die Zimmer waren billiger als anderswo. Den Wedding zählen die jetzt also zur Mitte Berlins. Und das Hotel »Steps« war früher ein normales Mietshaus, mit falschen Säulen und Simsen an der mit Klinkern verblendeten Fassade. Dass das noch erhalten ist. Leo kam hier jeden Tag auf seinem Schulweg vorbei. Eine hölzerne Gedenktafel hing damals neben der Tür, weil hier, in der Liebenwalder 22, Walter Wagnitz gewohnt hatte. Zu Tode gekommen ist er ja in der Utrechter.
Als sie gestern aus dem Taxi stiegen, erkannte Leo sofort alles, die Straße, das Haus. Das Café »Schraders« an der Ecke war die Eckkneipe von Heinrich Reim gewesen, in der Leos Vater manchmal ein Bier getrunken hatte, als Leo noch ein kleiner Junge war. Später dann nicht mehr. Ein Zufall, dass Nira ausgerechnet hier gebucht hat. Dabei war diese Gegend eine Trümmerlandschaft, als er sie zum letzten Mal sah. Sie haben manches neu gebaut und die alten Häuser wieder zusammengeflickt, die Löcher zugeschmiert, die Fassaden verputzt, das können sie ja gut, die Deutschen.
So denkt Leo Lehmann und bleibt in seinen eigenen Gedanken hängen. Ist er nicht selbst ein Deutscher? Ein deutscher Jude. Wie das klingt. Wie ein Opfer. Er ist Israeli, das hört sich schon besser an. Aber Berliner ist er eben doch.

Jetzt, wo alles zu Ende geht, erinnere ich mich immer an den Anfang.

Laila

Laila sieht das neue Café neben dem Zeitungsladen, der nun ein Automatencasino ist. »Frühstückshaus« steht über dem Eingang, aber es ist eher ein türkischer Imbiss. Hier will sie still einen Tee trinken, bevor sie in ihre Wohnung geht, in das Haus, das so anders geworden ist in den letzten Monaten, wo es stinkt, weil die Toiletten verstopft sind. Frau Kaiser aus dem Vorderhaus, eine der letzten deutschen Mieterinnen, weiß nicht, dass Laila eine Sintiza ist. Sie schimpfte auf die Zigeuner, die nicht mal ein Wasserklosett benutzen könnten, dabei hatte der Klempner festgestellt, dass jemand ein Rohr im Keller blockiert hat, mit Absicht. Das waren gewiss nicht die Rumänen, eher Antes Leute, die auch den Dachboden abgesperrt und im Treppenhaus die schönen alten Lampen abmontiert haben, die da schon immer hingen. Die nackten Glühbirnen geben ein kaltes Licht, trotzdem sitzen fast immer Leute im Treppenhaus auf den Stufen, in den Wohnungen leben zu viele Menschen. Kleine Kinder turnen am Geländer, das ist gefährlich, denn es sind einige der gedrechselten Stäbe herausgesägt worden, niemand weiß von wem. Wenn die Nachbarinnen die heimkehrende Laila sehen, bitten sie sie in ihre Wohnungen, zerren sie hinein und zeigen ihr irgendwelche Behördenschreiben, die sie ihnen übersetzen soll. Und wenn sie dann endlich ihre eigene Tür hinter sich geschlossen hat, dringt doch das Kreischen der Kinder durch die Wände, das Gezänke der Mütter oder auch das Akkordeonspiel von Milan, wenn er da ist. In dem Haus ist es jetzt immer laut und selbst nachts hört man in der Stille seltsame unterdrückte Geräusche und weiß nicht, sind es die Menschen oder ist es das alte Haus, das da stöhnt und seufzt.

Die Autorin

Regina Scheer, 1950 in Berlin geboren, studierte Theater- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Von 1972–1976 arbeitete sie bei der Wochenzeitschrift «Forum». Danach war sie freie Autorin von Reportagen, Essays und Liedtexten und Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift «Temperamente». Nach 1990 wirkte sie an Ausstellungen, Filmen und Anthologien mit und veröffentlichte mehrere Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte. Für ihren ersten Roman «Machandel» erhielt sie 2014 den Mara-Cassens-Preis.

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