Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers | Leseprobe read’n’go

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NORWEGEN, 2017.

Die fast 70-jährige Umweltaktivistin Signe begibt sich auf eine riskante Reise: Mit einem Segelboot und einer ganz besonderen Fracht versucht sie die französische Küste zu erreichen. Dort will sie den Mann zur Rede stellen, der einmal die Liebe ihres Lebens gewesen ist.

FRANKREICH, 2041.

Eine große Dürre zwingt die Menschen Südeuropas zur Flucht in den Norden, es ist längst nicht genug Trinkwasser für alle da. David und seine Tochter Lou sind in einem Flüchtlingslager gestrandet. Er hat beinahe alles verloren – auch seine Frau Anna und sein Baby Auguste. Doch als sie in einem vertrockneten Garten ein uraltes Segelboot entdecken, keimt Hoffnung auf. Es ist Signes Segelboot.

SIGNE:
Ich nannte meine Welt Erde,
aber ich dachte ...

eigentlich müsste sie Wasser heißen.

SIGNE

Das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser, wohin ich auch sah, war Wasser, es fiel als Regen vom Himmel oder als Schnee, es füllte die kleinen Bergseen, legte sich als Eis auf den Gletscher, strömte in tausend kleinen Bächen den steilen Berghang hinab und schwoll an zum Fluss Breio; es lag spiegelglatt vor dem Ort am Fjord, dem Fjord, der zum Meer wurde, wenn man ihm nach Westen folgte. Meine ganze Welt war Wasser. Die Hügel, Berge, Steine, Wiesen waren nur winzige Inseln in dem, was die eigentliche Welt darstellte.

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DAVID

Der Wachmann wühlte auf dem Boden in einer Kiste und zog einen abgenutzten, blauen Kugelschreiber mit gesprungenem Plastik hervor. „Den möchte ich aber wiederhaben.“

Ich musste die Formulare im Stehen ausfüllen, ich hatte nichts, worauf ich die Pässe ablegen konnte. Meine Handschrift wurde unleserlich und schief.

Ich versuchte mich zu beeilen. Meine Hand zitterte. Beruf. Letzter Arbeitsplatz. Letzter fester Wohnsitz. Wo wir herkamen. Wo wir hinwollten. Wo wollten wir hin?

„In die Wasserländer, David“, hatte Anna immer zu mir gesagt. „Da müssen wir hin.“

Je trockener unser eigenes Land wurde, desto häufiger redete sie von den Ländern im Norden, wo es nicht nur ein seltenes Mal im Laufe der kalten Monate regnete, sondern auch im Frühjahr und Sommer. Wo es keine langanhaltende Dürre gab, sondern das Gegenteil, weil der Regen mit schweren Stürmen einherging und zur Plage wurde. Wo Flüsse über die Ufer traten und Dämme brachen, jäh und brutal.

„Worüber jammern die bloß?“, fragte Anna. „Sie, die alles Wasser der Welt haben!“

Wir hatten nur das salzige Meer. Und die Dürre. Sie war unsere Flut, sie war unaufhaltbar.

Erst hieß sie Zweijahresdürre,
dann Dreijahresdürre,
dann Vierjahresdürre.

Dies war das fünfte Jahr.
Der Sommer schien endlos.

Schon letzten Herbst hatten die Leute angefangen, Argelès zu verlassen, aber wir waren standhaft geblieben. Ich musste meiner Arbeit nachgehen, konnte nicht einfach weglaufen von der maroden, alten Entsalzungsanlage, die das Meerwasser in Süßwasser verwandelte.

Doch immer wieder fiel der Strom aus, in den Läden fehlten die Nahrungsmittel, und die Stadt wurde immer leerer, stiller. Und wärmer. Denn je trockener die Erde, desto heißer die Luft. Früher hatte die Sonne ihre Kraft darauf gerichtet, das Wasser zu verdampfen. Als es keine Feuchtigkeit mehr in der Erde gab, richtete sie ihre Kraft auf uns.

Jeden Tag redete Anna davon, dass wir weggehen sollten. Erst wollte sie auf direktem Wege nach Norden, als es noch möglich war, bevor alle Länder ihre Grenzen schlossen. Dann sprachen wir über die verschiedenen Lager. Pamiers, Gimont, Castres. Und zum Schluss über dieses hier, in der Nähe von Timbaut.

Und während Anna redete, stiegen die Temperaturen. Flüchtlinge, die weiter aus dem Süden stammten, kamen durch unsere Stadt, machten ein paar Tage Halt und zogen weiter.

Wir aber blieben

SIGNE:
Ich weiß, dass ich dich liebe, sagte ich immer.
Ich liebe dich, antwortete Magnus dann.

„Kann man das Wort lieben eigentlich steigern?“, fragte ich einmal.

SIGNE

Als ich vom Laden zurückkehre, sind die Hubschrauber verstummt, wurden jedoch von einem anderen Geräusch abgelöst, dem Geräusch des Beladens.

Ein Typ im Overall fährt mit einem Gabelstapler von der Fischauktionshalle zu einem kleinen Lastschiff am Hafen und wieder zurück; Kisten voll Eis sind auf Europaletten gestapelt, er senkt sie an Bord, der Gabelstapler bewegt sich mit gleichgültigen, ruckartigen Bewegungen, und wenn die Kisten im Inneren des Schiffs landen und im Laderaum verschwinden, ertönt ein lauter Schlag.

Dann kehrt Stille ein, der Gabelstapler wird am Straßenrand vor der Halle geparkt, alle verlassen das Hafengebiet, und morgen wird der Skipper kommen, den Motor anlassen, das Eis mitnehmen, mein Eis, unser Eis, es mit nach Süden nehmen, an Land, zu Menschen, die noch nie einen Gletscher gesehen haben, noch nie Schnee berührt haben, und dort soll es in Gläsern schmelzen, in Drinks, dort soll es zerstört werden.

Magnus braucht kein Eis, er hat seinen Swimmingpool und seine mollige Frau Tine, ich erinnere mich, dass sie schon rundlich war, als die beiden zusammen Ingenieurwesen studierten, ich überlege, ob er sich schon damals in sie verliebte, vielleicht sogar bevor es mit uns beiden auseinanderging, er hat Enkelkinder, die ihn bestimmt besuchen, und seine Weinproben, er braucht keine Eiswürfel, trinkt wohl nur Roten, Bordeaux, Burgunder, Beaujolais, edle Tropfen mit einem Hauch von Pflaume, und trotzdem hat er das hier zugelassen.

Magnus ist verantwortlich, und niemanden kümmert es …

… nur mich, nur mich …
und nur ich kann es zerstören.

Niemand denkt mehr an mich, niemand kümmert sich, rechnet mit mir, ich bin eine graue, kleine Dame mit einer fusseligen Mütze, ich bin alt, alt wie Stein, wie der Blåfonna.

Ich kann nicht alles zerstören, aber das hier kann ich zerstören.

Ich kann nicht bei allem aufschreien, aber hier kann ich es.

 

Ich kann das Eis ins Meer kippen und verschwinden.

MAJA LUNDE

Maja Lunde wurde 1975 in Oslo geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Ihr Roman “Die Geschichte der Bienen” wurde mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet und sorgte auch international für Furore. Das Buch stand monatelang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wurde in 30 Länder verkauft. Es war der meist verkaufte Roman 2017. “Die Geschichte des Wassers” ist der zweite Teil ihres literarischen Klima-Quartetts, das sich mit den Folgen menschlichen Handelns für die Natur beschäftigt.

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