Anne Freytag: Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

THREE SIDES TO EVERY STORY

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Rosa nur eine Farbe und David mein bester Freund.

Seitdem ist viel passiert.

27. Mai. Noch zwei Tage.

Es fühlt sich an wie das Dach der Welt. Und wir stehen oben drauf. Ganz oben. Nebeneinander in einer mondlosen Nacht. Und das Gefühl ist so groß und laut, wie die Weite still ist. Ich war schon oft glücklich in meinem Leben, aber das hier ist anders.

Wie ein Glas, das so voll ist, dass es überläuft. Die Sterne fließen langsam über den Horizont. Man kann dabei zusehen, wie sie hinter dem Rand der Welt verschwinden. Und die Milchstraße über unseren Köpfen scheint so nah, als könnten wir mit den Fingerspitzen in sie eintauchen wie in einen Teich. Unser Lagerfeuer brennt orange und rot in die Dunkelheit, es flackert in ein Blau, das fast schwarz ist, erhellt unsere Gesichter, dann sind sie wieder dunkel.

Außer uns ist niemand da. Und es fühlt sich an, als wären wir allein auf der Welt. Drei Punkte, die man vergessen hat. Die Funken steigen in den Himmel, und der Song, den wir hören, hallt aus den Lautsprechern in das weite Nichts um uns herum.

Es ist ein Gefühl, als könnte ich lachen und weinen, und beides wäre richtig. Beides würde passen. Beides wäre ich. Es sind nur noch zwei Tage. Zwei Tage, dann sind wir vorbei.
Dann gehen wir wieder zurück, jeder dahin, wo er hergekommen ist.

Aber noch nicht. Noch sind wir hier, stehen Hand in Hand auf dem Dach unseres Campers. Verwaschene Umrisse mit Mückenstichen und gebräunter Haut irgendwo im Outback. Die Musik unterstreicht die Stimmung und die Farben und die vergangenen Monate. Sie untermalt uns wie ich in mein Buch.

Es läuft dasselbe Lied, das ich ein paar Wochen vor meiner Abreise gehört habe. Damals, als ich noch nicht wusste, was kommt. Und dann kam alles anders.

 

 

Einfach mal zu weit gehen, ist oft ein guter Anfang.

Mitte Dezember, Sydney: Rosa

Der erste Satz, den er zu mir sagt, ist: Willst du das obere oder das untere Bett. Ich mag seine Stimme sofort.

»Ich nehme das untere«, sage ich.

Er lächelt mich an, es ist ein Lächeln zwischen schüchtern und erleichtert. Er wollte das obere Bett.

»Ich heiße Frank«, sagt er.

»Meine Schildkröte hieß Frank«, sage ich.

Mit dieser Antwort hat er nicht gerechnet. Ich wollte es auch eigentlich nur denken.

»Wie bist du auf den Namen gekommen?«, fragt er.

Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet.

»Ich weiß nicht«, sage ich, »ich kannte nie jemanden, der Frank hieß.«

»Mochtest du Frank?«, fragt er.

»Ja«, sage ich, »sehr.«

»Lebt er noch?«

»Es war ein Weibchen«, sage ich.

»Frank war ein Weibchen?« Sein Tonfall ist fragend und amüsiert.

»Was soll ich sagen?«, sage ich. »Ich war ein seltsames Kind.«

Pause. »Und nein, Frank ist tot.«

»Das tut mir leid«, sagt Frank.

»Muss es nicht«, erwidere ich, »Frank war ziemlich alt, als sie gestorben ist.«

»Das freut mich zu hören.« Er lächelt. Diesmal mit Schalk.

»Wir haben sie in unserem Garten neben den Hamstern und Meerschweinchen begraben«, sage ich. »Ich habe ihr ein kleines Kreuz aus Zweigen gebastelt.«

»Klingt so, als hätte Frank es ziemlich gut getroffen«, sagt Frank.

»Hat sie. Mein Vater hat bei der Beerdigung sogar ein paar Worte gesagt. Hier liegt Frank oder so ähnlich.«

Ich denke an den Moment zurück. An Frank in dem Schuhkarton, an das kleine Kreuz, an meinen Vater. Er hat meine Hand gehalten. Das war lange, bevor er und ich aufgehört haben, miteinander zu sprechen.

Frank sagt: »Das volle Programm also.«

Ich sage: »Ja.« Und dann: »Zu dir passt der Name besser als zu meiner Schildkröte.«

»Das höre ich gern«, sagt Frank. »Und wie heißt du?«

»Rosa«, sage ich. »Ich heiße Rosa.«

 

 

Manchmal sucht man sich seine Weggefährten nicht selbst aus – manchmal tut es das Leben.

Fünf Tage Später: Frank

Ich machte mir nie wirklich viel aus Mädchen. Auch nicht aus Jungs. Ich bin nicht schwul. Lange dachte ich, ich wäre gar nichts, würde mich nur zum Denken hingezogen fühlen. Körperlichkeit erschloss sich mir nicht. Der ganze Schweiß und die aufdringliche Nähe, die seltsamen Laute, die Tatsache, was Menschen bereit waren, dafür zu tun.

Irgendwann schlief ich mit einem Mädchen aus meinem Kurs, ich tat es aus Neugierde, empfand es als angenehm, doch es löste sonst nicht viel in mir aus, jedenfalls nichts, was blieb. Danach war es vorbei, und ich dachte nicht mehr daran. Wie ein erledigter Punkt auf einer Liste. Ein gutes Gespräch hinterließ mehr bei mir, eine Art der Erregung, die nichts Körperliches an sich hatte und Stunden anhalten konnte, manchmal sogar Tage.

Rosa steht vor dem Spiegel. Sie wirkt nackt und ist doch bekleidet.

Ein Trägertop mit Spitzenbesatz, eine kurze Jeans, mehr als kurz. Man sieht den Schatten ihres BHs, die Form ihrer Brust, die Länge ihrer Beine. Rosa steht da und schminkt sich, ich stehe da und sehe sie an, tue so, als würde ich auf mein Handy schauen, schaue daran vorbei, zu ihr, zu dieser Nacktheit, die ein fremdes Unbehagen in mir auslöst. Wie eine Überreizung meines Körpers.

Schneller Herzschlag, feuchte Hände, trockene Schleimhäute.

Als ich Rosa zum ersten Mal sah, fiel mir auf, wie sehr sie versuchte, nicht hübsch zu sein. Doch das ist sie. Mit Augen, die mal tief, mal gelangweilt in die Welt
blicken. Dunkel wie Geheimnisse. Sie sagte, sie heiße Rosa, ich fand, das passt nicht zu ihr. Aber irgendwie tut er das doch. Auf eine paradoxe, seltsame Art und Weise. Ihr Name macht sie weiblicher, und sie hält mit ihrer Art dagegen.

Vergangene Nacht träumte ich, wie wir miteinander schliefen.

So etwas träume ich nicht. Nie. Wie ich auf ihr lag und sie sich an mir festhielt. Ihr nackter Körper fühlte sich weich an, wie er sich gegen meinen presste, sie hatte die Hände in meinen Haaren vergraben.

Als ich erwachte, war es mitten in der Nacht und ich schweißgebadet. Erregung und Schuldgefühle in einem Tauziehen, das meinen müden Verstand überforderte. Ich versuchte, wieder einzuschlafen, doch es gelang mir nicht, ich war zu aufgewühlt, also beschloss ich, duschen zu gehen – und holte mir einen runter.

Danach plagte mich ein schlechtes Gewissen. Das tut es noch.

 

 

Vor kurzem dachte ich noch, die besten Geschichten wären erfunden.

Doch manche davon sind wahr. Sie passieren wirklich.

Ready for Down Under?

Jetzt
kaufen
16,00 €

»Mein Leben basiert auf einer wahren Geschichte. Auf einer Geschichte, die ich mir nicht ausgesucht habe, die aber meine ist.«

.