Katherine Mansfield: Fliegen, tanzen, wirbeln, beten | Leseprobe read’n’go

Schriftgröße anpassen

Scroll' los!

«Man entgeht der Herrlichkeit des Lebens nicht.» Katherine Mansfield

Vignetten eines Frauenlebens

Gute Tage, schlechte Tage, Augenblicke himmlischer Glückseligkeit oder solche tiefer Bestürzung – aus allem macht die Sprachkünstlerin Katherine Mansfield reinste Poesie. Ihr Tagebuch gewährt Einblick in ein bei aller Kürze überreiches Leben: überreich an Hochgefühlen und Selbstzweifeln, überreich an musischen Begabungen, Liebeswagnissen, Dramen und Schicksalsschlägen. Die Auswahl reicht von ersten Talentproben der zwölfjährigen Neuseeländerin Kathleen Beauchamp bis hin zur brillanten Tagebuchprosa einer gereiften Schriftstellerin. Hier in Neuübersetzung vorgelegt, faszinieren die Texte durch gedankliche Tiefe, Intimität, Empfindungsreichtum und den Zauber der poetischen Weltbetrachtung.

∼ 1904 ∼

Silvester. Es ist halb eins. Alle Glocken der Dorfkirchen läuten. Ein neues Jahr ist angebrochen. Bei seinem Einzug, mein Liebster, nehme ich mir vor, mit meinem Buch zu beginnen. Es wird nichts Großes oder Dramatisches sein, nur von all dem handeln, was mich beschäftigt hat. Du bist so weit weg von mir und weißt so wenig von dem, was mir begegnet, und es wäre egoistisch, dir nicht mehr zu erzählen. Ich bin soeben von einem Mitternachtsgottesdienst zurück. Es war wunderschön und feierlich. Die Luft draußen war kalt und erfrischend und die Nacht zauberhaft. Über die Wälder und Wiesen hatte die Natur einen gnädigen Schleier gegen den Frost geworfen, aber die Bäume hoben sich dunkel und schön gegen den klaren Sternenhimmel ab. Die Kirche machte heute Nacht ihrem Namen Gotteshaus alle Ehre. Sie sah so stark, trutzig und gastfreundlich aus. Erst während des stillen Gebets entschloss ich mich, dies zu schreiben. Ich will in diesem Jahr versuchen, ein anderer Mensch zu werden, und möchte bei Jahresende sehen, wie es um meine Schwüre dieser Nacht steht. So viel ereignet sich in einem Jahr. Man kann sich so viel Gutes vornehmen und so wenig davon tun. Ich schreibe dies bei einem zarten Gasflämmchen und habe nur meinen Morgenrock an – mit tiefem Dekolleté. Ich bin so müde, ich glaube, ich muss jetzt ins Bett. Morgen ist Neujahrstag. Wie ist die Welt doch so herrlich und schön. Ich danke Gott heute Nacht dafür, dass ich bin.

«Glückliche Menschen sind niemals brillant. Dazu gehört Reibung.» Katherine Mansfield

Was, glaubst du, ist mir die wahrste Freude
Was, glaubst du, ist mir die wahrste Freude
Unten am Meer – der wilde, heftige Sturm der
Wellen
Das schäumende Wüten der ineinander strudeln-
den Wasser
Die grausame salzige Gischt, die mir ins Gesicht
bläst und schlägt.
Nassgrauer Sand auf geraden Wegen, die in die
Ferne und Weite führen
Und mit keiner Spur verraten, wo eines Menschen
Fuß auftrat
Bis nur der Himmel droben sich im Spiegel beäugt
Und die fliegenden Wolken stumm schreiend sich
schaudernd betrachten …
Das Lied des Winds, wenn ich meine Arme aus-
breite, ihn zu empfangen
Ja, das ist mir wahre Freude.

»Eine geborene Schriftstellerin.« Virginia Woolf

∼ 1905 ∼

Aus der Ferne jenseits der dunklen Häuserzeile ruft es wie das Meer nach einem Sturm – leidenschaftlich, feierlich und stark. Ich lehne mich in der warmen, reglosen Nachtluft weit, weit aus dem Fenster. Drunten in den Mews singt ein Lämpchen sein stilles Lied – als einsames Licht glüht es im Dunkel. Eimerweise Wasser, das über die Kutschen klatscht, und die plötzlichen scharfen Zurufe, die heiseren Schreie der Männer, das leise, dünne Wimmern eines Babys und der Viertelstundenschlag der nahe gelegenen Kirche, das sind die einzigen Laute – unpersönlich, unbestimmt, tief bewegend. Zu dieser Stunde, in dieser Einsamkeit streckt London seine begierigen Hände nach mir aus, und seine Augen leuchten wissend. «Oh, in meinen Straßen», flüstert die Stadt, «gehen zahllose Füße vorbei, flammende Lichter leuchten, die Cafés sind voller Männer und Frauen, betörende Nachtmusik berauscht die Köpfe – o großartiger Glanz der Finsternis, eine gespannte Erwartung und über allem ein halb freudiges, halb ängstliches Lachen, das in einem seltsam befriedigten Schauder erstirbt, um von Neuem anzuschwellen. Die Männer und Frauen in den Cafés hören es – sie werfen einander auf einmal schnelle, forschende Blicke zu –, dann scheinen die Lichter greller, und die Musik der Nacht pocht noch lauter. Aus den Theatern strömt eine Menschenmenge auf die Straße. Das durchdringende Räderrollen der Droschken ertönt. Die Biederkeit ist längst schon zu Bett gegangen – bei heruntergelassenen Jalousien und zugezogenen Vorhängen schläft sie und träumt. Hörst du meinen schnellen Herzschlag nicht? Fühlst du nicht, wie mir das Blut heiß in den Adern pocht? Deine Hände können den dünnen Schleier lüften und deine Augen sich an meiner schamlosen Schönheit weiden. In meinen Straßen liegt die Antwort auf all dein Suchen und Sehnen. Beweise dich. Besprühe deine Sinne mit dem berauschenden Duft der Nacht. Lass nichts im Verborgenen bleiben. Wer weiß, ob du nicht im Aufspüren meiner Geheimnisse die Antwort auf deine Fragen findest. Ich lehne mich aus dem Fenster – die dunklen Häuser starren mich an und über ihnen ein weiter Himmel. Wo er auf die Häuser trifft, da ist eine seltsame Leichtigkeit – eine Anmutung – ein Versprechen. Stille. Jetzt verstummt das Kinderwimmern in den Mews, und die Uhr scheint seltener zu schlagen, doch in der Ferne hinter der dunklen Häuserzeile ruft es wie das Meer nach einem Sturm. Maßlos und schrecklich schwillt es an – und kommt näher und näher – ein wildes, unbezähmbares Tosen, das bewusst oder unbewusst in jeder Menschenseele erwacht. Und doch ist es ein und dasselbe wie das leise, dünne Wimmern des Babys – der große Choral des Lebens. Das Seufzen nach dem Mond. Es ist das uralte Heulen zum Mond, das ewiglich zur großen Weite emporsteigt.

»Sie hält sich ebenso rabiat wie zartfühlend an das eigene Ich ... « Siegfried Lenz

O lass mich etwas wirklich Gutes schreiben, lass mich eine Idee skizzieren und sie ausarbeiten. Hier ist Ruhe und Friede und Pracht, Buschland und Vögel. Von einem Haus in weiter Ferne höre ich Baulärm, und der Ginster macht mich halb verrückt. Lass es ein Gedicht sein. Also los. Ich brenne auf Ideen. Viel Glück, beste Kathie. Das braucht es, und es wird mir gelingen. Die Sonne blinzelt inzwischen – freut mich, es wird ein schöner Nachmittag werden. Doch ich bitte dich, lass mich schreiben.

Über die Autorin

Katherine Mansfield (1888–1923), aufgewachsen in der Kolonialwelt Neuseelands zwischen Maori-Bräuchen und Cellospiel, beginnt schon im Mädchenalter zu schreiben, entflieht, kaum volljährig, ihrer Familie nach London, wird schwanger, erleidet in Bad Wörishofen eine Fehlgeburt, wird zum Star der jungen Literaturszene und stirbt mit nur 34 Jahren in Fontainebleau. Ihr schmales Werk zählt zur modernen Weltliteratur.

Übersetzung und Nachwort

Irma Wehrli, geboren 1954, ist seit 1984 freie Übersetzerin und widmet sich mit Vorliebe den Klassikern der englischen und US-amerikanischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. 2011 erhielt sie das Zuger Übersetzerstipendium für ihre Arbeit an Thomas Wolfes “Of Time and the River”.

Dörte Hansen (Nachwort). Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, lernte in der Grundschule, dass es außer Plattdeutsch noch andere Sprachen auf der Welt gibt. Die Begeisterung darüber führte zum Studium etlicher Sprachen wie Gälisch, Finnisch oder Baskisch und hielt noch an bis zur Promotion in Linguistik. Danach wechselte sie zum Journalismus, war einige Jahre Redakteurin beim NDR und arbeitet heute als Autorin für Hörfunk und Print. Sie lebt in der Nähe von Husum. „Altes Land“ ist ihr erster Roman.

«Man entgeht der Herrlichkeit des Lebens nicht.» Katherine Mansfield

Jetzt
kaufen
22,00 €