George R.R. Martin: Feuer und Blut | Leseprobe read’n’go

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Wie alles begann …

Dies ist die Geschichte des großen Hauses Targaryen, niedergeschrieben von Erzmaester Gyldayn, transkribiert von George R.R. Martin.

 

Der Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros

Der Beginn einer Reise ...

Königin Alysanne begann ihre Reise in Weißwasserhafen, wo Zehntausende Nordmänner erschienen, um ihr zuzujubeln, und Silberschwinge mit Ehrfurcht und auch mit etwas Angst begafften. Hier sahen die Menschen zum ersten Mal einen Drachen. Die Größe der Menge überraschte selbst ihren Lord. »Ich wusste gar nicht, dass so viele Menschen in der Stadt leben«, soll Theomor Manderly gesagt haben. »Wo kommen die denn alle her?«

Die Manderlys waren unter den großen Häusern des Nordens einzigartig. Ursprünglich stammten sie aus der Weite und hatten vor Jahrhunderten Zuflucht an der Mündung der Weißklinge gefunden, als Rivalen sie aus ihren reichen Stammlanden am Mander vertrieben hatten. Sie sind den Starks von Winterfell treu ergeben, haben jedoch ihre Götter aus dem Süden mitgebracht, beten immer noch zu den Sieben und bewahren die Traditionen des Rittertums. Alysanne Targaryen, der stets daran gelegen war, die Sieben Königslande stärker zu einen, erkannte eine Gelegenheit in Lord Theomors bekanntermaßen riesiger Familie und machte sich sofort daran, Ehen zu vermitteln. Als sie sich verabschiedete, waren zwei ihrer Hofdamen mit den jüngeren Söhnen Lord Manderlys und eine dritte mit einem Neffen verlobt; seine älteste Tochter und drei seiner Nichten hatten sich derweil der Gesellschaft der Königin angeschlossen, um später mit ihr nach Süden zu reisen und sich dort mit passenden Lords und Rittern am königlichen Hof zu verloben.

Der Kampf am Lakeshore

Willkommen in Winterfell

Der Empfang in Winterfell trug nicht dazu bei, ihre Befürchtungen zu besänftigen, was sie vom Haus Stark zu erwarten hatte. Noch bevor er abgestiegen war, musterte Lord Alaric missbilligend die Kleidung Ihrer Gnaden und sagte: »Ich hoffe, Ihr habt noch etwas Wärmeres als das mitgebracht.« Und dann erklärte er ihr, dass er den Drachen nicht innerhalb seiner Mauern dulden werde. »Ich habe Harrenhal nie gesehen, aber ich weiß, was dort geschehen ist.« Ihre Ritter und Hofdamen werde er empfangen, sobald sie ankämen, »und auch den König, wenn er den Weg hierherfindet«, aber sie sollten seine Gastfreundschaft nicht zu lange beanspruchen. »Wir sind hier im Norden, und der Winter naht. Wir können tausend Mann nicht lange Zeit durchfüttern.« Als die Königin ihm versicherte, dass nur ein Zehntel kommen werde, knurrte Lord Alaric und sagte: »Das ist gut. Weniger wären sogar noch besser.« Wie befürchtet, war er alles andere als glücklich darüber, dass König Jaehaerys sie nicht begleitete, und er gestand, dass er nicht wisse, wie er eine Königin unterhalten solle. »Falls Ihr Bälle und Maskeraden und Tänze erwartet, habt Ihr Euch den falschen Ort ausgesucht.«

Vor drei Jahren hatte Lord Alaric seine Gemahlin verloren. Als die Königin ihr Bedauern ausdrückte, dass sie niemals das Vergnügen gehabt hatte, Lady Stark kennenzulernen, erwiderte der Nordmann: »Sie war eine Mormont von der Bäreninsel und keine Dame, wie Ihr sie kennt, aber mit zwölf Jahren hat sie mit einer Axt ein Rudel Wölfe angegriffen, zwei von ihnen erlegt und sich einen Mantel aus den Fellen genäht. Sie hat mir zwei starke Söhne geschenkt, und eine Tochter dazu, die ebenso süß anzuschauen ist wie all Eure Damen aus dem Süden.«

Als Ihre Gnaden vorschlug, Ehen zwischen seinen Söhnen und den Töchtern großer Lords des Südens zu vermitteln, lehnte Lord Stark brüsk ab. »Hier im Norden verehren wir die Alten Götter«, erklärte er der Königin. »Wenn meine Söhne eine Frau nehmen, dann werden sie vor einem Herzbaum heiraten und nicht in irgendeiner Septe im Süden.«

Doch so leicht gab sich Alysanne Targaryen nicht geschlagen. Die Lords des Südens ehrten die Alten Götter ebenso wie die Neuen, erklärte sie Lord Alaric; fast in jeder Burg, die sie kenne, befände sich neben einer Septe auch ein Götterhain. Außerdem gebe es immer noch Häuser, die die Sieben niemals angenommen hätten, zum Beispiel die Schwarzhains aus den Flusslanden, und vielleicht noch ein Dutzend weitere. Selbst ein so strenger und hartherziger Lord wie Alaric Stark musste vor Königin Alysannes unerbittlichem Charme kapitulieren. Er gestand ihr zu, darüber nachzudenken und mit seinen Söhnen zu sprechen.

Je länger die Königin blieb, desto mehr gewann sie Lord Alaric für sich, und mit der Zeit erkannte Alysanne, dass nicht alles, was über ihn erzählt wurde, der Wahrheit entsprach. Er drehte jede Münze zweimal um, aber er war nicht geizig; auch mangelte es ihm nicht an Humor, wenngleich seine Scherze in der Regel messerscharf waren; seine Söhne und die Tochter und die Menschen von Winterfell schienen ihn durchaus zu mögen. Nachdem der anfängliche Frost getaut war, nahm Lord Alaric die Königin mit auf die Elch- und Wildschweinjagd in den Wolfswald, zeigte ihr die Gebeine eines Riesen und erlaubte ihr, nach Belieben in der bescheidenen Bibliothek seiner Burg zu stöbern. Er wagte sich sogar näher an Silberschwinge heran, wenngleich sehr vorsichtig.

"Dies ist ein Buch über imaginäre Geschichtsschreibung, eine Chronik der Targaryen von Westeros."
(George R.R. Martin)

Der Winter naht

Im Norden wurde Königin Alysanne das Warten lang, weshalb sie entschied, Winterfell für eine Weile zu verlassen und die Nachtwache in der Schwarzen Festung zu besuchen. Die Entfernung war nicht unerheblich, auch nicht im Flug. Ihre Gnaden machte im Letzten Herd und in mehreren kleinen Burgen und Festen auf dem Weg Station, jeweils zur Überraschung und zur Freude der Lords, während ihr ein Teil ihres Gefolges hinterherhastete (der Rest blieb in Winterfell).

Als Alysanne die Mauer zum ersten Mal von Weitem sah, verschlug der Anblick ihr den Atem, wie Ihre Gnaden später dem König erzählen sollte. Es hatte Bedenken gegeben, wie die Königin in der Schwarzen Festung empfangen werden würde, denn viele der Schwarzen Brüder waren Arme Gefährten und Söhne des Kriegers gewesen, doch Lord Stark schickte Raben voraus, um ihre Ankunft anzukündigen, und der Lord Kommandant der Nachtwache, Lothor Knotbaum, versammelte achthundert seiner besten Männer, um sie zu empfangen. An diesem Abend bewirteten die Schwarzen Brüder die Königin mit Mammutfleisch, das mit Met und Starkbier hinuntergespült wurde.

Als der Morgen am nächsten Tag dämmerte, führte Lord Knotbaum Ihre Gnaden auf die Mauer. »Hier endet die Welt«, sagte er und deutete auf die unermesslich große grüne Ausdehnung des Verfluchten Waldes jenseits der Mauer. Knotbaum entschuldigte sich für die Qualität der Mahlzeiten und der Getränke, die er der Königin anbieten musste, und für die schlichte Unterkunft in der Schwarzen Festung. »Wir tun, was wir können, Euer Gnaden«, erklärte der Lord Kommandant, »doch unsere Betten sind hart, unsere Hallen kalt, und unser Essen …«

»… nährt seinen Mann«, beendete die Königin den Satz für ihn. »Und mehr brauche auch ich nicht. Es ist mir ein Vergnügen, so zu speisen wie Ihr.«

Die Männer der Nachtwache standen so sprachlos vor dem Drachen der Königin wie die Menschen von Weißwasserhafen, wobei Alysanne auffiel, dass Silberschwinge »diese Mauer nicht mag«. Obwohl es Sommer war und die Mauer weinte, konnte man die Kälte des Eises spüren, wenn der Wind wehte, und bei jeder Böe zischte und schnappte der Drache. »Dreimal flog ich mit Silberschwinge hoch über der Schwarzen Festung«, schrieb Alysanne an Jaehaerys, »und dreimal versuchte ich sie nach Norden über die Mauer zu lenken. Aber jedes Mal drehte sie wieder nach Süden ab und weigerte sich zurückzufliegen. Nie zuvor hat sie sich mir so widersetzt. Als ich landete, habe ich darüber gelacht, damit die Schwarzen Brüder nicht bemerkten, dass etwas nicht stimmte, aber damals hat es mir Sorgen gemacht und macht es mir auch heute noch.«

Aus dem Buch Feuer und Blut von George R. R. Martin. Copyright der Originalausgabe © 2018 by George R. R. Martin. Published by agreement with the author and the author’s agents, Lotts Agency, Ltd. Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

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