Holly Black: Elfenkrone | Leseprobe read’n’go

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Am Hof des Elfenkönigs ...

»Natürlich möchte ich wie sie sein. Sie sind unsterblich. Cardan ist der Schönste von allen. Und ich hasse ihn mehr als den Rest. Ich hasse ihn so sehr, dass ich manchmal kaum Luft bekomme, wenn ich ihn ansehe…«

Jude ist sieben, als ihre Eltern ermordet werden und sie gemeinsam mit ihren Schwestern an den Hof des Elfenkönigs verschleppt wird. Zehn Jahre später hat Jude nur ein Ziel vor Augen: dazuzugehören, um jeden Preis. Doch die meisten Elfen verachten Sterbliche wie sie.

Ihr erbittertster Widersacher: Prinz Cardan, der jüngste und unberechenbarste Sohn des Elfenkönigs. Doch gerade ihm muss Jude die Stirn bieten, wenn sie am Hof überleben will…

 

?

Der Besucher

An einem verschlafenen Sonntagnachmittag stand ein Mann in einem langen dunklen Mantel vor einem Haus in einer von Bäumen gesäumten Straße. Er hatte kein Auto geparkt und war auch nicht mit dem Taxi gekommen. Kein Nachbar hatte beobachtet, wie er über den Bürgersteig gegangen war. Er war einfach aufgetaucht, als wäre er zwischen zwei Schatten getreten.

Der Mann ging zur Tür, hob die Faust und klopfte.

Drinnen saß Jude auf dem Teppich im Wohnzimmer und aß matschige Fischstäbchen aus der Mikrowelle, die sie durch einen Klecks Ketchup zog. Ihre Zwillingsschwester Taryn, die mit dem Daumen im Mund auf dem Sofa döste, hatte die Decke um sich geschlungen. Ihre Lippen waren rot vom Fruchtpunsch. In der anderen Sofaecke fixierte ihre ältere Schwester Vivienne mit ihren unheimlichen längs geteilten Pupillen den Fernseher, in dem eine Zeichentrickmaus vor einer Zeichentrickkatze davonflitzte. Vivi lachte, weil die Katze die Maus im nächsten Moment fressen würde.

Sie entsprach nicht dem üblichen Bild einer großen Schwester, doch da die siebenjährigen Zwillinge sich mit ihren verwuschelten braunen Haaren und herzförmigen Gesichtern glichen wie ein Ei dem anderen, waren sie ebenso wenig normal. Für Jude waren Vivis Augen und die mit hellem Fell besetzten spitzen Ohren nicht fremder als sie selbst, die sie das Spiegelbild eines anderen Mädchens war.

Taryn reckte sich gähnend und schmiegte die Wange an Vivis Knie.

Als es klopfte, sprang Jude auf und ging zur Tür. Der große Mann stand auf der Fußmatte und blickte von oben böse auf Jude herab. Obwohl es so heiß war, trug er einen braunen Ledermantel. Seine Schuhe waren silbern beschlagen und klirrten laut und hohl, als er über die Schwelle trat. Jude sah in sein Gesicht, das nun im Schatten lag, und erschauerte.

»Mom!«, rief sie. »Mooooooom! Hier ist jemand.«

Ihre Mutter kam aus der Küche und wischte sich die nassen Hände an der Jeans ab. Als sie den Mann sah, wurde sie blass. »Geh in dein Zimmer«, befahl sie Jude in einem Tonfall, der ihr Angst machte. »Sofort!«

»Wessen Kind ist das?«, fragte der Mann und zeigte auf sie. Er hatte einen komischen Akzent. »Deins? Seins?«

»Niemandes.« Mom schaute nicht einmal in Judes Richtung. »Sie ist niemandes Kind.«

Das stimmte nicht. Die Zwillinge sahen ihrem Vater sehr ähnlich, das sagte jeder. Jude ging zur Treppe, doch sie wollte nicht allein in ihrem Zimmer sein. Vivi, dachte sie. Vivi weiß bestimmt, wer der große Mann ist. Vivi weiß, was wir tun sollen.

Aber irgendwie konnte Jude sich nicht dazu durchringen weiterzugehen.

»Ich habe schon viele ungeheuerliche Dinge gesehen«, sagte der Mann. »Ich habe die Eichel vor dem Baum gesehen. Und den Funken vor dem Feuer. Aber eins habe ich noch nie gesehen: eine tote Frau, die lebt. Ein Kind, das aus dem Nichts geboren ist.«

Mom war offenbar sprachlos, vor Anspannung zitterte sie am ganzen Körper. Jude wollte ihre Hand nehmen und drücken, doch sie traute sich nicht.

»Ich habe Balekin nicht geglaubt, als er behauptete, ich würde dich hier finden«, sagte der Mann in sanfterem Ton. »Die Knochen einer irdischen Frau und ihres ungeborenen Kindes in den ausgebrannten Ruinen meines Anwesens hatten mich überzeugt. Weißt du, wie das ist, wenn man aus der Schlacht heimkehrt und seine Frau tot vorfindet, und mit ihr den einzigen Erben? Wenn dein Leben zu Asche geworden ist?«

Mom drehte den Kopf nach links und rechts, aber nicht, um zu antworten, sondern als wollte sie seine Worte abschütteln.

Als er dann einen Schritt auf sie zumachte, wich sie zurück. Irgendetwas stimmte mit dem Bein des großen Mannes nicht. Seine Bewegungen waren steif, als täte es ihm weh. Im helleren Flur konnte Jude plötzlich erkennen, dass seine Haut merkwürdig grün schimmerte und die unteren Zähne zu groß für den Mund erschienen.

Er hatte die gleichen Augen wie Vivi

»Mit dir wäre ich niemals glücklich geworden«, sagte Mom. »Deine Welt ist für Menschen wie mich nicht geschaffen.«

Der große Mann sah sie lange an. »Du hast ein Gelübde geleistet«, sagte er schließlich.

Sie hob das Kinn. »Und wieder gebrochen.«

Als sein Blick erneut auf Jude fiel, verhärtete er sich. »Was ist das Versprechen einer Menschenfrau wert? Die Antwort habe ich wohl gefunden.«

Mom drehte sich um. Sie sah Jude auf eine Weise an, dass die sofort ins Wohnzimmer raste.

Taryn schlief nach wie vor. Der Fernseher lief noch. Vivi hob den Kopf und sah sie mit ihren halb geschlossenen Katzenaugen an. »Wer ist da gekommen?«, fragte sie. »Es hört sich nach Streit an.«

»Ein unheimlicher Mann«, antwortete Jude außer Atem, obwohl sie eigentlich kaum gerannt war. Ihr Herz pochte. »Wir sollen nach oben gehen.«

Während sie zur Treppe schlichen, beobachtete Jude, wie ihr Vater durch den Garten aufs Haus zukam. Er hatte eine Axt in der Hand und er schwang sie gegen den großen Mann.

Die Axt verfehlte den Besucher und bohrte sich in die Holzverkleidung an der Tür. Taryn heulte schrill auf und schlug die Hände vor den Mund.

Der große Mann holte ein Schwert unter seinem Ledermantel hervor. Dad wollte die Axt herausziehen, als der Mann die Klinge in seinen Bauch stieß und hochriss. Es knackte wie brechende Äste, Dad schrie wie ein Tier. Dann fiel er auf den Teppich am Eingang. Wie oft hatte Mom mit ihnen geschimpft, weil sie ihn schmutzig gemacht hatten.

Der Stoff färbte sich rot.

Mom schrie. Jude schrie. Taryn und Vivi schrien. Alle schrien, nur der große Mann nicht.

»Komm her«, sagte er und sah Vivi an.

»D-du Monster!«, brüllte ihre Mutter und bewegte sich zur Küche zurück. »Er ist tot!«

»Lauf nicht vor mir weg«, befahl der Mann. »Nicht nach alldem, was du getan hast. Wenn du wieder wegläufst, ich schwöre, dann …«

Doch genau das tat sie. Sie war schon fast um die Ecke, als das Schwert sie in den Rücken traf. Sie brach auf dem Linoleum zusammen und fegte im Fallen mit den Armen die Magnete vom Kühlschrank.

Wie nasses, heißes Metall hing der Geruch von frisch vergossenem Blut in der Luft. Es roch wie die Putzschwämme, mit denen Mom die Bratpfanne säuberte, wenn etwas angebrannt war.

Jude lief zu dem Mann, trommelte mit den Fäusten an seine Brust und trat gegen seine Beine. Sie fürchtete sich nicht einmal.

Der Mann schenkte Jude keine Beachtung. Lange Zeit stand er einfach nur da, als könnte er nicht begreifen, was er getan hatte. Dann ging er auf ein Knie und bekam Jude an den Schultern zu fassen. Er drückte ihre Arme an ihren Körper, damit sie ihn nicht mehr schlagen konnte, doch er sah sie nicht einmal an.

Sein Blick ruhte auf Vivienne.

»Man hat dich mir gestohlen«, sagte er zu ihr. »Ich bin gekommen, um dich in deine wahre Heimat zu bringen, nach Elfenheim unter dem Hügel. Dort wirst du unermesslich reich und unter deinesgleichen sein.«

»Nein«, erwiderte Vivi mit ihrer düsteren, leisen Stimme. »Mit dir gehe ich nirgendshin.«

»Ich bin dein Vater«, sagte er mit einer barschen Stimme, die wie ein Peitschenhieb die Luft durchschnitt. »Du bist meine Erbin, von meinem Blut und du wirst mir in dieser Sache genauso gehorchen wie in allem anderen.«

Sie rührte sich nicht, doch ihre Miene sprach Bände.

»Sie sind nicht ihr Vater«, schrie Jude dem Mann ins Gesicht. Obwohl er die gleichen Augen hatte wie Vivi, weigerte sie sich, es zu glauben.

»Ich hasse dich«, schwor Vivi dem großen Mann mit einer bösartigen Inbrunst, die Jude guttat. »Ich hasse dich bis in alle Ewigkeit, versprochen.«

Kein Muskel zuckte in seiner versteinerten Miene. »Du kommst trotzdem mit. Mach diese Menschlein bereit. Pack nicht zu viel ein, wir reiten, bevor es dunkel wird.«

Als sie das Haus verließen, graste ein schwarzes Pferd auf ihrem Rasen. Es hatte große sanfte Augen und Jude hätte am liebsten die Arme um seinen Hals geworfen und ihr nasses Gesicht in seine seidige Mähne geschmiegt. Doch der große Mann hob sie und Taryn schon in den Sattel und behandelte sie eher wie Gepäck denn wie Kinder. Vivi setzte er hinter sich.

»Festhalten«, sagte er.

Jude und ihre Schwestern weinten auf dem ganzen weiten Weg ins Elfenreich.

Einige Jahre sind vergangen ...

Die Elfen leben im Zwielicht, dann, wenn die Schatten länger werden, bevor die Sonne aufgeht

Jahre später, am Elfenhof ...

Die Elfen leben im Zwielicht, daran halte auch ich mich. Wir stehen auf, wenn die Schatten länger werden, und legen uns schlafen, kurz bevor die Sonne aufgeht. Als wir am Palast von Elfenheim ankommen, ist es weit nach Mitternacht. Um hineinzugelangen, müssen wir zwischen zwei Bäumen, einer Eiche und einer Akazie, hindurch direkt auf etwas zureiten, das wie die zerfallene Steinmauer eines verlassenen Prunkbaus aussieht. Obwohl ich es schon hundertmal gemacht habe, schrecke ich jedes Mal zurück, ehe ich mich mit meinem ganzen Körper wappne, die Zügel umklammere und die Augen zukneife.

Als ich sie wieder aufschlage, sind wir im Inneren des Hügels.

Wir reiten durch eine Höhle, zwischen Säulen aus Wurzeln, über festgetretenen Boden.

Hier wimmelt es von Elfen, die sich am Eingang zum Thronsaal drängen, in dem Hof gehalten wird. Ich sehe langnasige Pixies mit zerfledderten Flügeln, elegante Damen mit grüner Haut in langen Gewändern, deren Schleppen von Kobolden getragen werden, sowie schelmische Irrwichte, lachende Füchslinge, einen Jungen mit einer Eulenmaske und goldenem Kopfputz. Raben sitzen dicht an dicht auf den Schultern einer älteren Frau, schnatternde Mädchen tragen Rosen im Haar, und ein Federkranz umschmeichelt den Hals eines Jungen mit Rindenhaut, während Ritter in skarabäusgrünen Rüstungen paradieren. Viele von ihnen habe ich schon einmal gesehen, mit einigen sogar gesprochen. Es sind zu viele, ich kann die Bilder gar nicht verarbeiten, und doch will ich den Blick nicht abwenden.

Der älteste Prinz, Balekin, steht mit seinem jüngeren Bruder Dain in unserer Nähe. Die Brüder trinken Wein aus Holzkelchen mit Silberband. Da Dain eine knielange Reithose trägt, sieht man seine Hufe und die Hirschbeine. Balekin hat sich wie so oft für einen dreiviertellangen Mantel mit einem Kragen aus Bärenfell entschieden. Seine Finger ziert an jedem Gelenk ein Dorn, und auch über seine Arme verläuft ein Dornengrat, der sich unter den Manschetten verliert, dann jedoch sichtbar wird, als er gemeinsam mit Dain Madoc herbeiwinkt.

Oriana knickst vor den Prinzen, die jetzt zwar gerade beieinanderstehen, sich aber ansonsten nicht so gut verstehen, auch mit ihrer Schwester Elowyn nicht. Deshalb drängt sich der Eindruck auf, der Hof wäre in drei feindliche Lager mit verschiedenen Einflussbereichen gespalten.

Der erstgeborene Prinz Balekin firmiert mit seinem Gefolge als Kreis der Stärlinge, die gern ihren Spaß haben und sich mit jedem anlegen, der sich ihnen in den Weg stellt. Sie trinken, bis ihnen schlecht wird, und betäuben sich mit köstlichen giftigen Pulvern. Balekins Zirkel ist der wildeste, obwohl er stets vollkommen beherrscht und nüchtern war, wenn er einmal das Wort an mich richtete.

Die zweitgeborene Prinzessin Elowyn bildet mit ihren Gefährten den Kreis der Lerchen, die der Kunst den höchsten Wert zumessen. In ihrem Zirkel genießen gleich mehrere Sterbliche großes Wohlwollen, doch da ich mich weder im Lautenspiel noch im Gedichtvortrag auszeichne, kann ich mich ihnen niemals anschließen.

Der drittgeborene Prinz Dain führt den Kreis der Falken an, der Ritter, Krieger und Strategen um sich versammelt. Selbstverständlich gehört Madoc diesem Zirkel an. Selbst wenn sie von Ehre reden, geht es ihnen im Wesentlichen um Macht. Da ich mit einem Schwert umgehen kann und mich mit Strategien auskenne, fehlt mir nurmehr die Gelegenheit, mich zu beweisen.

Im Königspalast von Elfenheim gibt es zahlreiche verborgene Nischen und Geheimgänge, die sich perfekt für heimliche Stelldichein und hinterhältige Anschläge eignen, oder eben dafür, sich aus der Schusslinie zu bringen und dem Partyspaß aus dem Weg zu gehen. Unmittelbar hinter dem zweiten Treppenabsatz befindet sich ein weitläufiger Bereich, in dem eine glitzernde Felsmasse hervorbricht und ein Sims bildet. Normalerweise machen wir es uns dort bequem, lauschen der Musik und beobachten die Partyfreuden, die uns versagt bleiben.

Doch an diesem Abend will Taryn sich damit nicht zufriedengeben. Sie geht an der Steintreppe vorbei und nimmt Speisen von einem silbernen Tablett – einen grünen Apfel und ein Stück Blauschimmelkäse. Ohne Salz hinzuzufügen, beißt sie von jedem ab und hält mir die Frucht hin. Der Apfel ist kalt und knackig. Wir reichen ihn hin und her und teilen ihn uns bis auf das Kerngehäuse, das ich durchbeiße.

In meiner Nähe schneidet ein winziges Elfenmädchen, das einen weißen Pusteblumenschopf hat, mit einem kleinen Messer den Gürtel eines Menschenfressers durch. Gekonnt ist gekonnt: Im nächsten Moment hat er kein Schwert und keinen Beutel mehr, das Mädchen entkommt in der Menge, und ich glaube beinahe, dass meine Augen mir einen Streich gespielt haben – bis sich die kleine Elfe umschaut. Sie zwinkert mir zu.

 

Verborgene Nischen und Geheimgänge – perfekt für heimliche Stelldichein und hinterhältige Anschläge.

Und dann merkt der Menschenfresser, dass er bestohlen wurde.

»Ich rieche einen Dieb!«, brüllt er und schlägt mit wildem Blick einen Krug mit braunem Dunkelbier um, während er mit seiner warzigen Nase Witterung aufnimmt.

In unserer Nähe entsteht eine gewisse Unruhe, als eine Kerze unter lautem Knistern in blauen Flammen aufgeht. Die sprühenden Funken lenken sogar den Menschenfresser ab, und als alles wieder seinen üblichen Gang geht, ist die weißhaarige Diebin längst über alle Berge.

Mit einem verhaltenen Lächeln drehe ich mich zu Taryn um, die mit sehnsüchtigem Blick den Tänzern zusieht, beinahe blind für den Rest der Welt.

»Wie wäre es, wenn wir uns abwechseln?«, schlägt sie vor. »Wenn du nicht mehr aufhören kannst, ziehe ich dich raus. Und du tust mir den gleichen Gefallen.«

Bei der Vorstellung schlägt mein Herz schneller. Ich werfe einen Blick auf die Feiernden und versuche, so viel Wagemut aufzubringen wie jemand, der einen Menschenfresser vor seinen Augen bestiehlt.

Prinz Cardan, der sechstgeborene und bei Weitem schlimmste Sohn des Hochkönigs Eldred schreitet über den Tanzboden auf uns zu.

Valerian, Nicasia und Locke – seine drei gemeinsten, raffiniertesten und ergebensten Freunde folgen ihm auf dem Fuß. Während sie vorüberziehen, macht jedermann verstummend Platz und sinkt in eine tiefe Verbeugung. Cardans gewohnt finsterer Blick wird durch die Kajalschminke und einen Reif in seinem blauschwarzen Haar noch betont. Er trägt einen langen schwarzen Mantel, der bis zu dem hochgeschlagenen gezackten Kragen mit Sternbildern bestickt ist. Valerian ist in Dunkelrot gewandet, und an seinen Ärmelaufschlägen funkeln unfacettierte Rubine, jeder einzelne wie ein Tropfen gefrorenen Blutes. Nicasias Haar ist blaugrün wie das Meer und wird von einem Perlendiadem gekrönt, während ein glitzerndes Netz aus Spinnweben ihre Zöpfe einhüllt. Locke, dessen Haar genau die gleiche Farbe hat wie das Fell eines Fuchses, bildet die Nachhut und strahlt Langeweile aus.

»Total albern«, sage ich zu Taryn, die meinem Blick gefolgt ist. Ich kann nicht bestreiten, dass sie auch schön sind, Elfenherren und -damen, wie sie im Buche stehen und in den Liedern besungen werden. Wenn wir nicht an ihrem Unterricht teilnehmen würden, wenn wir nicht aus erster Hand wüssten, welche Plage sie für jene sein können, die sich ihr Missfallen zuziehen, wäre ich wahrscheinlich genauso in sie verliebt wie alle anderen.

Ich blicke zu Boden, sinke auf ein Knie, beuge den Kopf und beiße die Zähne zusammen, sosehr ich es auch hasse. Wie alle anderen um uns herum tut Taryn an meiner Seite ebenfalls ihre Ehrerbietung kund.

Seht uns nicht an, denke ich. Seht uns nicht an.

Im Vorbeigehen packt Valerian mich an einem meiner geflochtenen Hörner. Während die anderen weiter durch die Menge stolzieren, blickt er höhnisch auf mich herab.

»Hast du etwa geglaubt, ich hätte dich nicht gesehen? Du und deine Schwester, ihr fallt überall auf«, sagt er und beugt sich dicht zu mir herunter. Sein Atem ist mit süßlichem Honigwein gewürzt. Ich balle die Fäuste und bin mir nur zu sehr bewusst, dass ich ein Messer dabeihabe. Dennoch sehe ich ihm nicht in die Augen. »Kein Schopf so stumpf, kein Antlitz so farblos.«

»Valerian!«, ruft Prinz Cardan. Als er mich sieht, verfinstert sich seine Miene noch mehr.

Valerian zieht brutal an meinem Zopf. Als ich zusammenzucke, brennt sinnlose Wut in meinem Bauch. Er geht lachend weiter.

Cardan

Ich hasse ihn so sehr, dass ich manchmal kaum Luft bekomme, wenn ich ihn ansehe.

Das Sommerturnier ist vorbei – und ich? Au.

Cardan wartet auf mich, als ich mich vom Feld schleppe. Seine Größe verblüfft mich in diesem Augenblick ebenso wie sein arrogantes Grinsen, das er wie eine Krone trägt. Selbst in Lumpen würde er wie ein Prinz aussehen. Cardan packt mein Kinn und spreizt die Finger um meinen Hals. Sein Atem streicht über meine Wange. Mit der anderen Hand greift er in mein Haar und dreht es zu einem Zopf.

»Weißt du eigentlich, was ›sterblich‹ bedeutet? Es bedeutet, geboren werden, um zu sterben. Es bedeutet, man hat den Tod verdient. Das bist du, das macht dich aus – das Sterben. Und dennoch stehst du hier und trotzt mir, obwohl du von innen verfaulst, du verwerfliche, verrottende, sterbliche Kreatur? Wie kommst du dazu? Erzähl. Glaubst du wirklich, du könntest gegen mich gewinnen? Gegen einen Elfenprinzen?«

Ich muss schlucken. »Nein«, sage ich.

Seine schwarzen Augen funkeln vor Zorn. »Also besitzt du doch eine Spur Überlebensinstinkt. Gut. Und jetzt bitte mich um Verzeihung.«

Ich weiche einen Schritt zurück und versuche, mich mit einem Ruck zu befreien. Er hält mich am Zopf fest und sieht mit hungrigem Blick und einem kleinen abscheulichen Lächeln auf mich herab. Dann öffnet er die Hand und lässt mich los. Während ich taumelnd mein Gleichgewicht wiederzuerlangen versuche, wehen Haarsträhnen zu Boden.

Am Rande meines Sichtfeldes sehe ich Taryn neben Locke in der Nähe der anderen Ritter stehen, die ihre Rüstung anlegen. Sie wirft mir einen flehenden Blick zu, als wäre sie es, die gerettet werden müsste.

»Auf die Knie«, sagt Cardan mit einem unerträglich selbstgefälligen Gesichtsausdruck. Seine Wut hat sich in Schadenfreude verwandelt. »Bettele. Mach es hübsch. Mit blumigen Worten. Es soll meiner würdig sein.«

Die anderen Kinder aus dem Elfenadel stehen in ihren wattierten Tuniken und mit ihren Übungsschwertern um uns herum und hoffen, dass meine Niederlage lustig anzuschauen ist. Auf diese Show warten sie, seit ich mich gegen Cardan zur Wehr gesetzt habe. Das ist kein Kriegsspiel mehr, hier geht es wirklich um etwas.

»Betteln?«, wiederhole ich.

Einen Augenblick lang ist er überrascht, doch dann wird er umso boshafter. »Du hast dich mir widersetzt. Und nicht nur einmal. Deine einzige Hoffnung ist, vor aller Augen um Gnade zu flehen. Los, sonst tue ich dir so lange weh, bis nichts mehr übrig ist, was wehtun könnte.«

Ich denke an die dunklen Umrisse der Nixen im Fluss und an den Jungen auf dem Ball, der wegen seines zerrissenen Flügels geschrien hat. Ich denke an Taryns tränenüberströmtes Gesicht. Ich begreife, dass Rhyia mich niemals erwählt hätte und dass ­Madoc nicht einmal abwarten wollte, wie der Kampf ausging.

Es ist keine Schande, eine Niederlage einzugestehen. Wie Taryn schon sagte, es sind nur Worte. Ich muss sie nicht ernst meinen. Ich kann lügen.

Langsam beuge ich die Knie. Es wird schnell vorbei sein. ­Jedes Wort wird bitter wie Galle schmecken und dann ist es vorbei.

Doch als ich den Mund öffne, bringe ich nichts heraus.

Ich kann das nicht.

Stattdessen schüttele ich den Kopf, als mich ein Schauer durchfährt, weil es einfach wahnsinnig ist, was ich vorhabe. Es fühlt sich wie der Kick an, wenn man springt, ohne den Boden zu sehen, kurz bevor man kapiert, dass man eigentlich fällt. »Glaubst du wirklich, du könntest mich beherrschen, nur weil du mich demütigen kannst?«, frage ich und sehe in seine schwarzen Augen. »Tja, ich finde, du bist der letzte Idiot.«

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»Da hat uns die Autorin gar keine andere Wahl gelassen, als nur so über die Seiten zu fliegen.«

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