Alex Pohl: Eisige Tage | Leseprobe read’n’go

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Die Welt des Verbrechens beginnt vor unserer Haustür ...

Winter in Leipzig, die Stadt erstarrt in Eiseskälte. In einem Auto am Elster-Saale-Kanal wird die steifgefrorene Leiche eines Anwalts gefunden. Was für die smarte Kommissarin Hanna Seiler und ihren starrköpfigen Kollegen Milo Novic zunächst nach einem Routine-Mordfall aussieht, entpuppt sich rasch als ein Dickicht krimineller Verstrickungen: Im Besitz des Toten finden sie skandalträchtiges Material, darunter das Foto eines minderjährigen Mädchens, das seit einer Woche vermisst wird. Während die Stadt im Schnee versinkt, müssen die Ermittler eine düstere Welt betreten, in der schon die Jüngsten gefährliche Spiele treiben …

»Seine Hand schnellt vor und packt sie, ohne dass sie eine Chance hat, ihm zu entgehen.«

Das Mädchen. 14. Dezember, Leipzig Hauptbahnhof

Mittlerweile ist sie sicher, dass der Mann zu ihr herüberschaut. Dass er sie schon seit einer ganzen Weile beobachtet, aus dem Schatten neben dem Eingang zum Bahnhof heraus. Ob er glaubt, dass sie ihn dort nicht sehen kann?
Sie weiß, was sein Ziel ist, noch bevor er sich in Bewegung setzt. Er überquert die Straße, dann kommt er direkt auf sie zu. Sie spürt, wie ihr Puls sich beschleunigt. Warum sind ihr Kerle wie der da eigentlich früher nie aufgefallen?
Er setzt sich auf den freien Sitz neben sie, unter dem Vordach der Straßenbahnhaltestelle. Er schaut sie nicht an, als er zu sprechen beginnt.
»Bist du öfter hier?«, fragt er, und das Mädchen muss beinahe kichern. Sie hat schon originellere Anmachen gehört.
»Kann sein«, sagt sie. Nicht einmal abweisend. Neutral. Abwartend. Und hofft, dass er das Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkt.
»Verstehe«, sagt der Mann. Als ob, denkt sie.
Dann holt er eine Zigarette aus der Tasche, steckt sich den Filter in den Mund, zündet sie mit einem Feuerzeug an. Seine Bewegungen wirken irgendwie achtlos, als würde auch er nur einem vorher festgelegten Spielplan folgen. Als seine Zigarette endlich brennt, nimmt er einen tiefen Zug und stößt den Rauch in die kalte Nachtluft.
»Bekomm ich auch eine?«, fragt sie.
Der Mann erwidert nichts, aber er holt die Packung wieder aus der Innentasche seines Mantels hervor, klappt den Deckel auf und streckt sie ihr hin. Sie nimmt eine Zigarette.
Als er ihr sein Feuerzeug reichen will, sagt sie: »Für später«, und steckt sich die Kippe hinters Ohr.
Dazu muss sie die Kapuze abnehmen. Jetzt zuckt sein Blick herüber, wandert für den Bruchteil einer Sekunde über ihr Gesicht, das lange glatte Haar, bevor sie die Kapuze wieder aufsetzt. Sie weiß, dass ihm dieser eine Blick vorerst genügen wird. Sie ist hübsch, und ihr ist klar, wie sie das bei ihm einsetzen muss, es ist beinahe wie ein Instinkt. Sie liebt es, ihren Instinkten nachzugeben. Das redet sie sich zumindest ein.
Er sitzt schweigend da, zieht an seiner Kippe.
Und dann kommt der Moment, an dem es nicht mehr so läuft wie geplant.

»Auf den aufgerissenen Augen des Mannes hatten sich ein paar Schneeflocken niedergelassen.«

Malinowski. 15. Dezember, Elster-Saale-Kanal

Hauptkomissar Milo Novic setzt sich seine übergroße Fellmütze auf und zieht sie tief ins Gesicht. Das Ding lässt ihn aussehen wie ein russischer Gesandter zu Rasputins Zeiten, findet Seiler und muss kichern, was zu einem nicht unbeträchtlichen Teil an der bierernsten Miene liegt, mit der Novic unter dem Fellungetüm hervorlugt.
»Was?«, fragt Novic.
»Nichts, Zar Alexander. Schöner Hut.«
»Das ist eine M-m-m-ütze«, sagt Novic zähneklappernd. »Und sehr warm.«
»Glaub ich glatt«, sagt Seiler, dann wendet sie sich kopfschüttelnd ab.
Für eine Weile stehen beide am Abhang und blicken die Böschung hinunter auf den schwarzen Audi. Der Wagen steht fast rechtwinklig zum Ufer des Kanals. Es sieht aus, als wäre er absichtlich die Böschung hinabgesteuert worden.
»Das war kein Unfall.«
Novic macht sich daran, den Abhang hinunterzusteigen, auf seine gewohnt staksige Art, die Seiler an eine Spinne mit Muskelkater denken lässt. Schnee rutscht in ihre flachen Büroschuhe, was sie mit einem leisen Fluch quittiert. Die gefütterten Stiefel wären besser gewesen, aber es hatte ja keiner ahnen können, dass sie ihren Tag ausgerechnet mit einem Ausflug in die Arktis beginnen würden.
Eine in einen weißen Schutzanzug gekleidete Gestalt kommt ihnen entgegen. Es ist Weiß, der Chef der Kriminaltechnik. »Na dann«, sagt er, ohne sich mit einem »Guten Morgen!« oder sonstigen Nettigkeiten aufzuhalten, dreht sich um und stapft ihnen voran auf das Fahrzeug zu. Die Vorderreifen des Wagens haben sich tief in die feuchte Erde des Flussufers gewühlt. Die Fahrertür steht offen, der untere Teil des Blechs ist verbeult und steckt eine Handbreit tief im Boden.
Weiß deutet ins Innere. Der Fahrersitz und die linke Seite des Armaturenbretts sind von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Unter anderem.
»Wann ist es denn passiert?«, fragt Seiler, und Weiß zuckt mit den Schultern. »Gestern Nacht vermutlich«, sagt er dann, »oder in den frühen Morgenstunden. Ich warte noch auf die Daten vom Wetterdienst.«
Novic zieht eine kleine Taschenlampe aus der Tasche seines Mantels. Er versucht sie anzuknipsen, aber das gelingt ihm nicht gleich wegen der dicken Wollhandschuhe, die er trägt. Geduldig fummelt er weiter an dem kleinen Metallzylinder herum, bis Seiler, die inzwischen einen ihrer Handschuhe ausgezogen hat, ihm zu Hilfe kommt. Weiß schüttelt den Kopf.
Der vom grellen Licht unbarmherzig beleuchtete Mann liegt hingestreckt auf dem Beifahrersitz. Abgesehen von den Blutspritzern auf dem ansonsten blütenweißen Hemdkragen wirkt er gepflegt, ein Geschäftsmann im besten Alter. Glatt rasiert, das grau melierte Haar links gescheitelt und im Frost erstarrt, als hätte er ein besonders kräftiges Haarwachs benutzt. Auf den Pupillen der aufgerissenen Augen haben sich ein paar Schneeflocken niedergelassen. Sie müssen einmal blau gewesen sein, bemerkt Seiler. Über ihnen, auf der Stirn, prangt ein etwa pfenniggroßes Einschussloch, rundherum ist etwas Schmauch zu erkennen.
Aus der rötlich-grauen Masse, die großzügig auf der Rückenlehne des Fahrersitzes und dem Armaturenbrett verteilt ist, lässt sich schließen, dass der größte Teil des Hinterkopfes fehlt.
»Hatte der Mann Papiere dabei?«, fragt Seiler, und Weiß zuckt mit den Schultern.
»Wir haben ihn noch nicht angerührt. Schließlich wollten wir am Tatort alles so lassen, wie wir es …«
Er verstummt, als Novic auf Tauchfahrt geht. Diesmal stützt er sich mit einer Hand auf der Mittelkonsole ab, um besser an die Leiche auf dem Beifahrersitz heranzukommen. Dann macht er sich an dem steif gefrorenen Oberkörper zu schaffen.
Aus der Innentasche des nicht mehr ganz neuen Maßanzugs zieht er ein schwarzes Lederetui hervor. Vorsichtig legt er es auf den Fahrersitz und schlägt es auf. Es ist auch steif von der Kälte. Darin befindet sich ein Personalausweis mit einem Passfoto, das zweifellos den Toten zeigt, wenn auch in jüngeren Jahren und in deutlich besserem Zustand.
»Michail Jegorowitsch Malinowski«, liest Novic vor.
Seiler stößt die Luft geräuschvoll aus ihren Lungen und blickt dann wieder schweigend auf den Kanal hinaus. Trotz der Kälte ist alle Farbe aus ihren Wangen gewichen. Ein toter Russe, ausgerechnet. Shit.

»Moralische Extremsituationen bringen das Menschliche in uns zum Vorschein.«

Der Autor

Alex Pohl hatte jede Menge Jobs, bevor er mit seinen Bestsellern das große Publikum eroberte. Heute erreichen seine unter dem Pseudonym L.C. Frey verfassten Thriller regelmäßig Auflagen in sechsstelliger Höhe. Nun tritt Alex Pohl zum ersten Mal unter seinem Klarnamen als Autor in Erscheinung: »Eisige Tage« ist der Auftakt einer neuen Krimireihe rund um den Tatort Leipzig – seiner Heimatstadt.
Mehr zum Buch und zu Alex Pohl unter www.alex-pohl.de

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